Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021549--13258-3037899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 6 Dr. Wlocb's NAocbenscbritt. »ir. 1 diesen scheinbar so allgemein gehaltenen Lätzen, mit welchen doch nur aus den Katholizismus exenrplificirt werden sollte, statt der Katholiken die Juden substituirt worden wären, aus die sie doch noch weit drastischer und schlagkräftiger gepaßt hätten!? Ja, Bruderherz, das wäre etlvas ganz Anderes gewesen! Immerhin ist es die Sprache eines gebildeten Menschen, die wir hier vernommen haben, hören wir nun, wie sich Herr- Pfarrer Scheicher äußert. In der Weihnachts-Nummer des „Deutschen Volksblatt" ist folgender „Artikel" von ihm zu lesen: „Die beste Nachricht wünsche ich bald in den Spalten des „Deutschen Volksblatt" zu lesen: Das deutsche Volk hat den Angehörigen der Bezirksämter Jerusalem und Samaria dauernden Urlaub gegeben und den diplomatischen Verkehr für immer abgebrochen! Dann wird ein neuer Ayrcnhof fingen: Deutsches Volk du Herrlichstes von Allen Sobald die Juden dir nicht mehr gefallen!" Die Zeitungen haben die löbliche Gewohnheit, ihre Weihnachts-Nummer besonders aufzuputzen. Da werden keine Opfer gescheut und die hervorragendsten Geister der Kunst, Literatur, Wissenschaft und Politik aufgeboten, daß sie zum Volke reden und ihm ihr Bestes bieten. Das „Deutsche Volksblatt" hat mit Herrn Scheicher die Parade aufgezogen und dieser hat keine Anstrengung gescheut und den obencitirten Artikel verfaßt. Das „Deutsche Volksblatt" weiß seine Leute zu ehren. Es hat den Artikel fettgedruckt an die Spitze des Blattes gestellt. Darüber ist nun fteilich kein Wort zu verlieren. Es gibt bekanntlich Dinge, gegen welche Götter selbst vergeblich kämpfen! Whig. Die Judemuaffaeres in Rußland. — Eine Aktion der amerikanischen Juden. Berlin. Eine Privatmeldung aus New - Jork vom 28. December besagt: Infolge der Nachricht, daß in Kifchenew am russischen Neujahrstage ein neues Judenmafsacre bevorstehe, wandten sich die hiesigen israelitischen Vereine an den Präsidenten Roosevelt und an den Congreß mit Petitionen um eine Intervention der Regierung. Der ehemalige Generaleonsul Simon Wolf wird dem Staatsdepartement namens der vereinigten jüdischen Gesellschaften ein dringendes Hilsegesuch unterbreiten und sodann vom Präsidenten Roosevelt in Audienz empfangen werden. Ob aber die nordamerikanische Regierung in Petersburg wirklich Vorstellungen erheben wird, ist nicht sicher, vielleicht sogar zweifelhaft. _ Rechtsanwalt Sokolow verhaftet. Kifchenew. Wie hier am 29. December erst bekannt getvorden ist, ist in der Nacht zum 24. December der Rechtsanwalt Sokolow, einer der gewandtesten und energischesten Vertreter der Civilkläger, aus direkten Befehl des Ministers v. Plchwe verhaftet worden. In Kifchenew erwartete man einen solchen Schlag schon einige Tage, da bekannt war, wie sehr Sokolow's Enthüllungen über das Treiben Lewendall's an höheren Stellen verstimmt hatten. Doch wußte man anderseits, daß Plehwe noch zauderte, weil Sokolow's Vater kaiserlichcr.Hofprediger ist, immerhin also Rücksichten geboten schienen. Schließlich hat Plehwe's Erbitterung gesiegt, weil er weiteren Enthüllungen zuvorkommen wollte. Einstlveilen ist ungewiß, ob gegen Sokolow ein Proceß eingeleitct werden wird oder ob ihn der Minister einfach wegen Aufreizung zum Haß gegen die Regierung administrativ maßregeln und ihm etwa einen Zwangsausenthalt in einem entlegenen Gouvernement anweisen wird. Die Inden in Bulgarien. Von Dr. Vernarb H. Lauby, Brüssel. (Fortsetzung aus Nr. 51.) Waren die Juden in allem Anfänge unreif, um directen Nutzen von ihrer Gleichberechtigung zu ziehen, konnten sväter die paar Strebsamen zu ihrer größten Ueberraschung wahrnehmen, daß das, was in der Constitution geschrieben steht, nicht auch in der Wirklichkeit vorhanden fei. Die erste bulgarisch erzogene jüdische Jugend, die den Muth züm Versuche f nd, die Schranken, auf die constiwtionelle Gleichberechtigung gestützt, zu durchbrechen, wurde zurückgewiesen. Jni günstigsten Falle wurde ihr der gewählte Weg zurErreichung ihres Zieles so mit Dornen bestreut, daß sie aus eigener Initiative zurücktreten mußte. Man gab ihnen einen ganz deutlichen Wink, — denn die Balkanvölker sind eben offenherzig — daß man geneigt sei, ans die Thätigkeit und Mitwirkung der Juden za verzichten. Die jüdische Jugeno war aber auch ausnahmsweise sehr vernünftig — und könne iu dieser Hinsicht ihren Glaubensgenossen anderer Länder als Beispiel dienen — und zog sich zurück. Die Arniee zählte etwa über ein dreiviertel Dutzend jüdischer Officiere und nicht von den mindertüchtigsten. Man hielt sie im Avancement zurück, belästigte sie mit fortwährenden Garnisonswechsel, was sonst ein seltener Fall ist, sogar die Dreyfns-Affaire wurde ganz laut ausgebeutet, endlich unterließ man nichts, um ihnen ihre Unwillkommenheit kundzngeben. Wehe denen, die nichts merken wollten und mit Hartnäckigkeit die Epauletten zu tragen verharrten. „Wir brauchen keine jüdischen Officiere, wer ruft sie", äußerte ein Oberst der Hauptstadt zu einem seiner College», gelegentlich einer Neserveofficiersprüfung. Der Einjährige fiel auch durch und mußte noch ein Jahr dienen (was sehr bedeutend ist, denn Maturanten sind dort keine Einjährigen). Sind dies einzelne Fälle, so illustriren sie nicht minder den wahren Sachverhalt und deuten bulgarische militärische Zukunftsmusik an. Den paar höheren Beamten und ausländischen jüdischen Docenten erging es nicht besser, obwohl sie alle zusammen auf den Fingern einer Hand abzuzählen waren. Im Sosianer Rathhause sitzen gewöhnlich, welche Negierung auch am Ruder sei, zwei gouvernementale Juden, die man aus gewissen Interessen tolerirt. Sie sind der Kaufpreis des gesammten jüdischen politischen Gewissens. Jede Regierung bekommt imJnveutarium seiner politischen Erbschaft die Stimmen der jüdischen Wählerherde. In Bulgarien herrscht das allgemeine Stimmrecht, pnro et simpls, sogar für die Analphabeten, wie es die Bauern und Zigeuner alle sind. Tie Mehrzahl der Türken und der Juden kennen nur ihre Muttersprache. Die Stimmen der Zigeuner werden erkauft, die der Bauern erpreßt, die Masse der Juden gibt sie freiwillig her. Dafür sorgen schon die Gabaim und die reichen Gemeindevorsteher, mit denen die Regierung manches Mal persönlichem Interesse halber oder auch ohne Gegendienste verhandelt. Auch Drohungen werden nicht unterlassen. Da die besseren Leute der Hauptstadt diese allzu demokratische clectorale Einrichtung verachten, erscheinen sie nicht zur Wahlurne, und so bilden immer die Juden- und Zigeunerstim treu eine Majorität gegen den bulgarischen oppositionellen Pöbel. So ist auch sprichwörtlich geworden, daß die hauptstädtischen Deputirten Vertreter der Juden und Zigeuner, wie viele in der Provinz Erkorene Türken und Zigeuner seien. Ja, sie sollten die Vertreter hex.Jpden stili.^And,,sft es aber wirklich? Es ist leicht begreiflich, daß hier keine Rede von moralisch-politischen Verpflichtungen ist. Und so trifft es sich häufig, daß gerade die Gewählten der Juden antijüdische Gesetzentwürfe vorlegen! Viele « einer bulgarischen College» wollten hier den Grund des in der Sobranje vertretenen Antijudaismus wissen. Das ist aber eine bloße, gestatten Sie mir den Ausdruck, Niaiserie. Sie finden immer, die unschuldigen arischen Söhne, einen opportunistischen Grund, ihren immanenten Haß zu maskiren, sollte auch welch' immer die Stellung der Juden sein. Wird denn nicht der Jude anderer Länder, unter oer Motivirung, die Bevölkerung zu verhetzen, ein fortdauerndes Instrument der Opposition, immer rcgicrungsfeindlich zu sein, gehaßt? Mau fordert immer von ihm das Gegentheil seines zum Ausdruck ko «meiiben Handelns, um nur eine Berechtigung des animalisch-egoistisch individuellen innewohnenden Hasses zu finden. Unserer Würde halber muß aber diesem Uebel vorgebeugt werden. Die Initiative kam von dort, wo man am allerwenigsten gewöhnt ist. so'che Schritte zu unternehmen. Der bulgarische Zionismus ist dem Herzlanismus antidatht. Dr. Herzl fand schon vor den Baseler Congressen eine jüdisch-nationale Bewegung von Joseph Mark» Baruch in dem Balkanfürstenthume vor. die sich dann um seiner Fahne schaarte, ohne einen Augenblick die Gegenwart, der Zukunft halber, zu vernachlässigen. Und unabhängig von der Gesammtbewegung haben sie gar Manches geleistet. Der Zionismus schien aber den ersten Augenblick denselben Einfluß wie überall ausznüben. Man wollte auf die winzige Gegenwartspolitik, die man noch treiben konnte, verzichten. Das Landescomits verstand aber besser seine Aufgabe. Vor den vor drei Jahren stattgefundenen Wahlen lancirte man einen in bulgarischer und spaniolischer Sprache abgefaßten Ausruf, durch welchen man den jüdischen Wählern abrieth, ein blindes Werkzeug der paar reichen eigensüchtigen Juden zu sein, sondern selbstständig und bewußt zur Urne zu schreiten; nur für diejenigen zu stimmen, die ihnen das moralische Versprechen geben, ihre Interessen und Rechte zu wahren, gleichgiltig ob sie Kandidaten der Regierung oder der Opposition seien, nur wenn ihre Person eine Garantie ist, widrigenfalls von ihren Stimmen keinen Gebrauch zu machen. Dieser Aufruf machte viel böses Blut bei dem damaligen radoslavorischen angeblich judenfreundlich gesinnten Ministerium, und wurde sympathisch von der Opposition ausgenommen. Wenn es vorderhand noch resultatlos blieb, muß man doch den ersten emancipirenden Schritt begrüßen. Es war ein direkter Scandal, wie Deputirte, die ihr Mandat den Juden zu verdanken hatten l'crupellos eine feindliche Stellung gegen ihre Wähler nahmen, und in der Sobranje antijüdische Gesetzprojecte beantragen halfen.