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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-01-01 · 1 (1.1.1904) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1 Dr. Wlocb's Mocbenscbritt. Seite 5 da hundert Federn unablässig bemühen, mir zu beweisen, daß es aus Gottes Erdboden kein größeres Gesindel gibt als — Sie wissen schon! Ich lese die christlich-socialen Blätter — um stilles Beileid wird gebeten — und da wird mir haarklein dargethan, daß eine insamere Gaunerbande die Menschheit noch nicht geschändet hat, als die der — na, Sie wissen schon! Dieser rühmliche Wettstreit geht aber nur so nebenher; er dreht sich nur um Nebensachen, um Kleinigkeiten, um Charakter, um persönliche und politische Moral. In der Hauptsache, in dem „Ideal", ist man einig: Der Jude wird verbrannt. Was haben die kleinen, harmlosen Katzbalgereien zu bedeuten? Was sich liebt, das neckt sich. Wie sagt doch der berühmte katholische Kirchenvater? In dubiis libertas, in necessariis nnitas, in Omnibus caritas; in Allem, was zweifelhaft ist, Freiheit; im Nothwendigen Einigkeit, in Allem die Liebe! Zweifelhaft sind in diesem Falle aus beiden Seiten Moral und Charakter, daher die unumschränkte Freiheit in der gegenseitigen Beurtheilung. Der dritte Punkt, um den vorweg zu nehmen, ist irrelevant und überflüssig. In Allem die Liebe, die Güte, die Milde — nur keine Sentimentalitäten! Halten wir uns damit nicht auf. Das Nothwendige, die eigentliche Hauptsache, ist, daß der Jude verbrannt wird — man kann ihn zur Abwechslung auch erschlagen oder aushungern — da ist die Einigkeit geboten, und da liegen sie sich holdselig vereinigt in den Armen, die Helden lobebären, die grimmen Alldeutschen und die reckenhaften Christlich-Socialen. Sonst freilich sind die Einen größere Gauner als die Anderen, nach den sehr eindringlichen gegenseitigen Versicherungen. „Wir schonen auch der Judenweiber nicht!" rief der große Schönerer, als ihm bei seinem nächtlichen Einbrüche in eine Redaction eine arme Telegraphistin in den Wurf kam. Nach diesem bewährten Cardinalsatz gehen nun auch die Christlich- Socialen vor. Sie schonen auch ihrerseits die alldeutschen Frauen und Jungfrauen nicht. Da wurden vor einiger Zeit in dem nordböhmischen Bezirke von Friedland einige Verhaftungen wegen des Verbrechens gegen das keimende Leben vorgenonnnen. Man muß nun sehen, was das „Katholische Vereinsblatt" und die seinen SpMn .erröthend folgende clerical-christlich-sociale „Reichspost" aus dieser Thatsache machen, um sie parteimäßig zu verwerthen. Das ist gar nicht uninteressant: Bisher wurden achtzig Frauen und Mädchen verhaftet und eingeliefert. Man beachte das „bisher", das so harmlos gegeben ist und so verheißungsvolle Perspectiven eröffnet. Die frommen Blätter haben bereits sehr genaue Details erfahren. Die achtzig Mörderinnen gehören durchwegs der deutsch-nationalen Partei an, mit Ausnahme von sieben oder acht, die — Genossinnen sind, will sagen, der socialdemokratischen Partei zuzuschieben sind, die ja bekanntermaßen bei den katholischen Vereinsblättern und den christlich-socialen Moniteuren auch nicht in besonderer Gnade stehen. Darum sind sie auch jetzt schon „Mörderinnen" und nicht etwa nur Verhaftete, die noch vor dem Urtheil stehen. Die Informationen sind sehr genau, und es wird gar nicht der Versuch gemacht, die sinnige, unschuldige Freude über die glücklichen Recherchen zu verbergen. Die Sache trifft den ganzen von der „Wolfkrankheit" durchseuchten Bezirk. Unter den Mörderinnen befinden sich etliche „Anführerinnen bei Wolf- und Schöuerer-Hordensesten", und — „was noch viel schöner ist" — etwa vierzig Stück echt deutsche Jungfrauen. „Viele von ihnen sind, wie sie bei Gericht angeben, bei „evangelischen Familienabenden" und anderen begeisterten Versammlungen a la Bischofteinitz ein Opfer der teutonischen Lüste der urgermanischen Kornblumenjünglinge und auch älterer cheruskisch-vandalischer Heilobuben geworden, die ihnen dann die Rathschläge des frommen Luther-Betbruders Lange anempfohlen haben". So die Alldeutschen in christlich-socialer Beleuchtung. Die ganze Schauermär, bei der natürlich Beträchtliches dazugelogen sein dürfte, wird unter dem bezeichnenden Titel „Segnungen der Los von Rom-Bewegung" aufgetischt. Eine feinere Klinge führt Gras Adalbert Dzieduszycki, der — wie kommt Saul unter die Propheten? — in der Generalversammlung des Verbandes katholischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen eine schöne Rede gehalten hat. Er wollte Anregungen zur Belebung des stofflichen Inhaltes der modernen katholischen Literatur bieten. Es wird nun keinem vernünftigen Menschen einfallen, daran Anstoß zu nehmen, wenn sich katholische Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu einem Verbände zusammenthun. Man könnte höchstens einwenden, daß keine innere Nöthigung vorhanden ist, Kunst und Poesie in confessionelle Schranken einzuzwängen, aber schließlich hat derlei Dinge jeder mit sich selbst auszumachen. Wenn uns nur die verschiedenen Literaturvereinigungen, die ihren christlichen Charakter so ostentativ zur Schau zu tragen bemüht sind, nicht doch schon ein wenig stutzig gemacht hätten! Die Erfahrung hat zur Genüge gelehrt, daß für sie nicht sowohl Kunst und Poesie die Hauptsache bilden, als vielmehr die „Bekämpfung" jüdischen Einflusses, und die Judenhetze überhaupt. Wir haben vor Kurzem erst an dieser Stelle an der Hand von Daten, die das „Deutsche Volksblatt" in verschwenderischer Fülle zur Verfügung gestellt hat, nachgewiesen, daß in christlich-socialen Kreisen die Tendenz besteht, womöglich jeden als Juden zu stigmatifiren, der auf dem Gebiete der Kunst und Literatur irgend etwas Erhebliches geleistet hat, sofern ihnen die Leistung sonst nicht in den Kram paßt. So stellt sich dann fteilich der „Kampf" wider „jüdische" Kunst, Literatur und Presse in seiner unverhüllten Gestalt dar als die krampfhafte Zuckung grimmigen Neides, als die erbitterte Anstrengung der Talentlosigkeit, und es wird noch mancher Redner vom Schlage des Grafen Dzieduszycki auftreten müssen, um uns diesen Glauben zu nehmen. In der erwähnten literarischen Versammlung sprach der Graf u. A. wie folgt: „Es ist Allen bekannt, daß man den Kampf zwischen Arbeit und Capital, zwischen Production und Credit nicht in einem einzelnen Staat lösen kann. Das muß kosmopolitisch geschehen. Das greift aber in das Gebiet der Lösung der socialen Frage ein. Aber es darf auch der Staat Menschen ihrer Religion und Nation wegen nicht Schwierigkeiten im Erwerbe bereiten. Man sollte von Minimal rechten des Menschen in nationaler und religiöser Hinsicht sprechen und einen Kreis gegen die Omnipvtenz des Staates, indem man diese Mininlalrechte in Schutz nimmt, ziehen. Diese Minimalrechte bestehen darin, daß man nicht gehindert werden darf, in seiner Religion und in seinem B o l k s t h u m seine Kinder z u erziehen. Und da hat man zwei Grundlagen zu behandeln, welche von anderen Leuten falsch behandelt werden. Die eine Frage ist der große Wahnsinn der nationalen R a c e n t h e o r i e, das Hineintragen von Zoologie in die Weltgeschichte, das Hineintragen von ganz primitiven, noch aus dem Heidenthum stammenden Begriffen in die christliche Welt. Kein Christ kann meinen, daß Menschen, wie es noch Aristoteles gehalten hat, minderwerthig oder mehrwerthig seien. Sie können mehr- oder mindergebildet, nicht aber mehr- oder minderwerthig sein. Es soll ferner die Forderung aufgestellt werden, daß nur mit geistigen Waffen gekämpft werden soll und diesen geistigen Waffen soll auch die Freiheit gegeben werden." Das liest sich ja sehr hübsch. Minimalrechte — man soll Menschen ihrer Religion und Nation halber nicht Schwierigkeiten im Erwerb machen (vergl. dazu Fürst Liechtenstein: „Kauft nicht bei Juden!) — Wahnsinn der Racentheorie u. s. w. Die ganze schöne Rede hätte so auch in einer Versammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus gehalten werden können. Und der Redner wurde nicht ausgepfiffen, nicht hinausgefeuert, die Versammlung nicht gesprengt!? Wie erklärt sich das nur? Allerdings, Herr Bielohlawek, der Führer in so vielen Geistesschlachten, scheint nicht dabei gewesen zu sein. Auch sonst ist es nicht allzuschwer, des Räthsels Lösung zu finden. Der gräfliche Redner hat mit einer Prämisse ein geschicktes Fechterstück vollführt. Er ging davon aus, daß überall in der Welt die Katholiken die Unterdrückten seien, und da paßte nun allerdings Alles vortrefflich. Da fanden fteilich die Theorien von den Minimalrechten, von der gebotenen Duldung und Menschlichkeit, von dem Unrecht der Einschränkung aller Erwerbsmöglichkeiten aus nationalen und religiösen Gründen, von dem Wahnsinn der Racenhetze, von der Gleichberechtigung aller Menschen u. s. w. die ungetheilte und begeisterte Zustimmung. Wie aber, wenn bei

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