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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-01-01 · 1 (1.1.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Dr. JSlocb’s Mlocbenscdrttt. Nr. 1 Dr. Hafner statuirt, weil die Besetzungen von etwa 60 0"0 Lehrern für das Unterrichtsministerium unmöglich gewesen wäre — dieses stellt also blos die Mittelschullehrer und die höheren Grade au — allein, wer würde es wagen, zu zweifeln, daß Hasurr gar nicht daran denken konnte, daß einstens eine Zeit kommen wird, wo in der Haupt- und Residenzstadt jüdische Lehrer ganz einfach gar n'cht angestellt werden, und daß derlei untergeordnete Organe, wie es ein Ortsschulrath ist, es sich herausuehmen können, den § 48 des Reichsvolksschulgesetzes vom 14. Mai 1869, wonach der Schuldienst allen österreichischen Staatsbürgern ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses gleich zugänglich ist, einfach zu abrogireu. Das ist ja fürchterlich, und da sollte es kein Mittel für den Minister geben hier Wandel zu schaffen? Das können wir absolut nicht glauben — der Minister hat es einfach gar nicht versucht, dem Gesetze Achtung zu verschaffen, und so sind wir 160.000 Juden in Wien mit unseren 18.000 Schulkindern vogelfrei, weil es sich der Ortsschul rata in den Kopf gesetzt hat, keinen Uuterlehrcr jüdischer Coufession definitiv anzustellen, und von einer Anstellung eines jüdischen Lehramtscandldaten ist seit sieben Jahren doch gewiß keine Rede — wir sind einfach depossedirt und in 20 bis 30 Jahren wird es in Wien keinen einzigen jüdischen Lehrer geben. Wir haben seit 7 Jahren eine antisemitische Gemeindevertretung, in Folge dessen wird kein Jude beim Magistrate angestellt, kein Jude erhält eine Lieferung — jüdische Beamte werden, ganz offen cingestanden, präterirt — dies müssen wir dulden. Denn die Gemeinde ist autonom — uns bleibt nur der Trost, daß wir Juden schon andere Situatuiien überlebt haben — also diese schmähliche Behandlung müssen wir uns gefallen lassen — aber ganz was anderes ist cs bei dem sogenaunteu übertragenen Wirkungskreise als z. B. die Austestung der Lehrer — da handelt es sich um unsrre st a a t s b ü r g e r l i ch e n R e ch t e. Hier müssen wir daraus bestehen und mit der größten Dringlichkeit anstreben, daß die staatlichen Organe darüber wachen, daß die Staatsgruudgesetze nicht verletzt werden. Hier ist es der § 43 des Ncichsvolksschulgesetzes, der einfach wegescamotirt wird! Untersuchen wir, ob die jüdischen Lehrer, selbst unter der liberalen Partei, in angemessener Anzahl angestellt wurden, so läßt sich das Gegentheil aus dem Jahrbnche der Stadt Wien pro 1896, also unter der Herrschaft der Liberalen, leicht erweisen — damals betrug die Zahl der jüd/ch n Kinder in den Wiener Volksschulen 19.950, die Anzahl der Lehrpersonen 4050, die Anzahl der jüdischen Lehrer aller Grade insgesammt, männliche und weibliche, nicht mehr als 188 Lehrpersonen, während nach Anzahl der jüdischen Schulkinder und der! operceutigen jüdischen Bevölkerung 400 Lehrkräfte mosaischer Confession hätten angestellt werden sollen. Es muß hier, und bald, eine Aenderuug eintreten aus rechtliche», ethischen und didactischen Gründen. Die rechtliche Seite haben wir beleuchtet — die ethische besteht für uns Juden darin, daß die 18.000 jüdischen Schulkinder doch hie und da einem jüdischen Lehrer in der Schule begegnen sollen, weil die Seele des Kindes zu lesen versieht und diese ihre Religion für minderwerthig onsehen würden, was sie doch thatsächlich nicht ist — es ist ohnehin ein ganz gewaltiges Unrecht, daß in einer interconfessiouellen Schule, wie wir sie angeblich besitzen, blos auf Einer Confession zugeschnittene Gebete recitirt werden, selbst in den Schulen, wo die Majorität aus jüdischen Kindern besteht, und so manches andere, welches wir nicht näher auszusühren brauchen. Die Anstellung einer Anzahl jüdischer Lehrer in Wien muß ferner aus didactischen Grün d u «rsilgeu und schon aus diesen muß die Uuterrichtsvenvaluing eiugrcifen, denn wenn schon heute in 9 Schulen die Direktoren nach dem Gesetze der mosaischen Confession augehören müssen, wo wird man denn diese nach 20 Jahren hernehmen, wenn j-der Nachwuchs fehlt? Der Leiter einer Wiener Schule soll doch Decenuien in Wien gewirkt haben, wenn er seinrm Amte bei Wiener Kindern gut vorsteheu soll? Wahrscheinlich wird man diese Schulleiter aus Podiebrad oder Czaslau beziehen! Es ist genug des grausen Spieles; wir sind, was die sogenannte Gleichberechtigung betrifft, wahrlich nicht sehr verwöhnt. Wenn es zum Beispiel einem Oberlandesgerichtspräsidenten nicht paßt, so stellt er keinen jüdischen Juristen als Rechtspraktikanten au — wir könnten mit Namen dienen — die Juden ersparen so die Kränkung, als Richter nicht augestellt zu werden. Der Staat verleiht denjenigen Medicinern Stipendien, die sich der militärärztlichen Carritzre widmen wollen — der frühere Kriegsminister hat aber keinem jüdischen Mediciner ein Stipendium verliehen — von dem jetzigen weiß man es noch nicht. Aber wir behaupten, daß bei den Lehrerbesetzungen der ärgste Skandal obwaltet und daß mit energischen Mitteln vorgegangen werden muß — der geehrte Vorstand der Wiener Cultusgemeinde muß die Sache in die Hand nehmen, statistisch dem Unterrichtsministerium Nachweisen, wie die bereits angcstellten jüdischen Lehrkräfte hintangesetzt werden, alle Jahre es dem Minister vor die Nase reiben, daß bei einem Stande von 18.000 jüdischen Schülern kein einziger Jude angestellt wird, — diese Daten müssen veröffentlicht werden — es muß in einer geharnischten Interpellation im Reichsrathe der Unterrichtsminister interpellirt werden und — wir wagen es auszusprechen — beharrt die antisemitische Gemeindevertretung bei ihren: Unrechte, muß eine Aenderuug des Gesetzes bei Besetzungen von Lehrstellen an den Wiener Volksschulen mit Energie angestrebt werden — denn bis nun ist in dieser so hochwichtigen Sache nicht viel geschehen. Warten wir aber noch 10 oder 20 Jahre, dann sind wir verloren, weil es dann überhaupt in Niederösterreich keinen jüdischen Lehrer mehr geben wird — denn wenn er nicht die Aussicht hat, in Wien angestellt zu werden — auf dem flachen Lande gewiß nicht. Wir Juden in Wien sollten in großer Zahl Protestversammlungen gerade in dieser Lehrerfrage abhalten und, einem Schofar gleich, unsere Stimme erheben, wie es bei dem Propheten heißt. Alle Hochachtung vor unserem Ministerpräsidenten Dr. Koerber, er hat es gesagt: „Das Recht soll von Niemanden gebeugt werden". In dieser Frage ist unser Recht, das Recht von einer Million loyaler Staatsbürger nicht nur gebeugt, sondern es ist schon gebrochen und zerbrochen. So schön diese Redensarten von hoher Stelle sind, so müssen wir, so lange diese unseligen Zustände dauern, an den Spruch denken: „L'istula, dulce canit, volucrem dum decipit auceps.“ „Lieblich tönt die Schalmei, wenn der Vogelsteller die Vögel fangen will." S Löwin, ein Handelskamnierrath. Vom Zabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichle. (A n t i s c in i t e n unter s i ch. — Alldeutsche Frauen und Jungfrauen in christlich-socialer Beleuchtung. — Der Verband katholischer Schriftsteller und der FestrednerHrafDzieduszycki. — Pfarrer Scheicher's W e i h n a ch t s l i t e r a t u r.) Wenn nur der Schwemminger käm'! Ich kenn mich nicht mehr aus. Auf welcher Seite hat man nun eigentlich die wahre, die echte, die eimvandsieie und patentirte Moral in Generalpacht genommen, auf der alldeutschen oder auf der christlichsocialen? Soll ich sie in der Krugerstraße, in der Domäne des Herrn Schönerer, suchen, oder am Spittelberg, wohin Herr Purscht gravitirt? Man kann da in der That leicht etwas confus werden. Ich lese die alldeutschen Blätter — Beileidskundgebungen werden dankend abgelehnt — und finde, daß sich

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