Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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MMSUMUMMMS Nr. 1 Dr. Slocb s künstlich bis zur Gluthhitze angefacht, so daß man sich kann: wundern darf, wenn man die Führer beim Wort nimmt und von ihnen, wollen sie anders nicht den dringenden Verdacht des Berrathes auf sich laden, die Einlösung ihrer feierlichen Zusagen oder Verheißungen fordert. Ist es wahr, was so oft wiederholt worden, daß nichts leichter ist, als Palästina unter Garantie der Mächte vom Sultan zu bekommen, warum soll man nach Ostafrika wandern? Warum soll man die Kräfte zersplittern und eine neue Diaspora schaffen? Aus dieser Stimniung heraus erwuchs die Opposition gegen das Ostafrikaproject und sie wuchs von Tag zu Tag dermaßen an, daß selbst seine wärmsten Anhänger und Wortführer es für opportun hielten, sich von ihm loszusagen oder es vollständig zu verleugnen. Vor Allem im Interesse der Partei selber. Vor einiger Zeit hat nämlich in Charkow eine Conferenz stattgefunden, an der fast alle russischen Mitglieder des großen zionistischen Actionscomites theilgenommen haben. Die Beschlüsse der Charkow er Conferenz waren vor Allem gegen den Ugandaplan in schroffer Weise gerichtet. Dr. Herzt, so verlangte die Charkower Conferenz in einem nach Wien gerichteten Ultimatum, solle eine schriftliche Garantie leisten, das Ostafrikaproject gänzlich zu liquidiren. Ebenso solle Dr. Herzl schriftlich sich verpflichten, späterhin keine n e u e n T e r r i t o r i u m s p r o j e c t e als Führer des Zionismus ins Leben zu rufen. In Charkow verwies man auf die Thatsache, daß die Zionisten in den westlichen Ländern lediglich aus Literaten und Jntellectuellen sich zusammenfetzen — Ossieiere ohne Armee — während die eigentlichen Massen der zionistischen Partei die russischen Juden bilden, deren Vertreter aber auf den Congressen nicht den gebührenden entscheidungsbringeudeu Einfluß ausüben und durch die westlichen Delegirten, „Männer von gestern", majorisirt werden. Um die Wiener Leitung gefügiger zu machen, wurde die Zurückhaltung der Schekelgelder in Erwägung gezogen. - - Der Gang der Verhandlungen zeigte auch eine merkliche Rückkehr zu den alten Principien der Choveve Zion. Die Charkower Conferenz hat nicht nur einen Theil des alten Programms derselben acceptirt, sondern diese Forderungen als comlitio sine qua non ihrer ferneren Antheilnahme aufgestellt. Zur Ausführung der Pläne von Charkow sollen die Schekeleingänge nicht mehr nach dem üblichen Modus. vollständig an die Wiener Leitung abgeliefert werden, sondern es soll ein größerer Betrag, man spricht von einigen tausend Rubeln, für Ingenieur Ussischkin, als das für Reifen und Verhandlungen bestimmte Mitglied, und ein weiterer Betrag für Dr. Weitzmann behufs Propaganda bestimmt worden sein. Beharren die Mitglieder der Charkower Conferenz, deren Theilnehmer die angesehensten und einflußreichsten Führer waren, bei ihren Beschlüssen, dann ist der Conflict wohl schwer zu vermeiden; denn das wäre eine vollständige Abkehr vom sogenannten „politischen" Zionismus und eine Wiederaufnahme jenes Colonifationsgedankens, welchen in Rußland die Choveve Zion repräsentiren und der in Oesterreich vor zwei Jahrzehilten von dem Verein „Ahawas Zion" propagirt wurde. Am 14. December sah sich Dr. Th. H erzl veranlaßt, in einem Schreibell an Sir Francis G o ldsmid in London seinen Standpunkt zum Uganda-Problein klarzulegen, und er gibt dabei nicht undeutlich zu verstehen, daß an die Ausführung nie e r n st l i ch gedacht war. M« Capitel über die Gleichberechtigung brr Jude« i« Oesterreich. Am 18. October 190 t empfing Se. Excellenz Minister Koerber eine Deputation jüdischer Bürger und sagte ihnen: „Es soll einerlei Recht sein für Jedermann und das Recht soll vor Niemandem gebeugt werden." Das sind sehr schöne erhebende Worte — wie es aber in der Praxis aussieht, wollen wir an einem nassen Fall, nämlich an der Besetzung von jüdischen Lehrkräften an den Volks- und Bürgerschulen in Wien, beleuchten. Welches sanglante Unrecht hier von den untergeordneten Organen, MocbenscbrM. Seite 3 die das Besetznngsrecht nach der Schulorganisation haben, verübt wird, soll der Gegenstand nachstehender Ansführuugeu sein. Wie in Nr. 50 dieser Wochenschrift vom N. December 1903 des Näheren verzeichnet wird, haben die Schulen in der Leopoldstadt 7 jüdische Schulleiter aufzuweisen und sind gegenwärtig wieder 2 Stellen ausgeschrieben, weil nach der Schulnovelle vom 2. Mai 1883 „nur solche Lehrpersonen als Schulleiter bestellt werden können, welche auch die Befähigung zur Ertheiluug des Religionsunterrichtes jenes Glaubensbekenntnisses Nachweisen, welchem die Mehrzahl der Schüler der betreffenden Schule nach dem Durchschnitte der vorausgegangenen fünf Jahre angehört". An die Möglichkeit, daß durch diese gesetzliche Bestimmung schon heute 9 Inden als Schulleiter angestellt werden müssen, daran haben die Codificatoren der Schulnovelle vom 2. Mai 1883 nicht gedacht. Aber anstatt daß die christlich-sociale Partei sich dem Gesetze, welches nach ihrer Auffassung eine lex dura, sed lata sein sollte, beugen würde, versuchte sie es durch Chikanen zu umgehen. Es sei hier des Processes vor dem Verwaltungsgerichtshofe vor einigen Jahren gedacht — als die christlich-sociale Partei die Besetzung einer solchen Leiterstelle durch einen Juden verhindern wollte, indem sie sich nach jahrelanger Verschleppung auf den Standpunkt stellte, „es sei die absolute und nicht relative Mehrheit gemeint" — es ist auch erinnerlich, wie ausgezeichnet der verdienstolle Vicepräses, Landesschulrath Dr. Gustav Kohn die Rechte der Cultusgemeinde vertrat. Die Angelegenheit hatte für den denkenden Juden eine sehr traurige Seite, denn daß die herrschende Partei die Rechte der Juden, wo es nur geht, schmälern will, nimmt nicht wunder, daß aber auch das Unterrichtsministerium in dasselbe Horn blies, das war sehr betrübend. Dieses ließ sich vor dem Verwaltungsgerichtshofe durch einen Ministerialrath vertreten, man muß wirklich ein großer Jurist sein, um hier unklar zu sehen; das Gesetz selbst spricht zu deutlich. Wilhelm von Humboldt sagt in seinen Werken: „Wenn man einen liberalen Mann zu einen Minister macht, hat man lange noch keinen liberalen Minister." Dies trifft auf dcu Uuterrichtsmiuister Ritter von Härtel vollkommen zu, er läßt es geschehen, daß gegen die armen jüdischen Lehrer in Wien Unrecht auf Unrecht geübt wird. Also, gesicgt haben wir beim Verwaltungsgerichtshose — allein es ist ein Pyrrhussieg — denn wir sagen nichts Neues, wenn wir erwähnen, daß feit der christlich-socialen Aera vom Jahre 1896 kein einziger Jude als Lehrer in Wien angestellt, kein Uuterlehrer definitiv wird trotz unzähliger Dienftjahre, und daß in dem Cultusbudget der Wiener Jnoengemeiude eine sehr traurige Post, die den ganzen Jammer kennzeichnet, vorkommt, nämlich eine Unterstützung von einigen tausend Kronen, damit diese Lehrer nicht verhungern, und dies geschieht in der Haupt- und Residenzstadt, in welcher es 18.000, sage achtzehntausend Mische Schulkinder gibt. An der Lehrerbildungsanstalt Undirt kein einziger Jude — der Leiter heißt Gugler — drrs sagt Alles — und zu welchem Zwecke sollten sich j wische Lehrer heranbilden, da sie doch nur die Aussicht haben, zu verhungern, indem keiner angestellt wird. Sehen wir nun, wie * sich die staatlichen Behörden, vor Allem das Unterrichtsministerium, in dieser Frage benehmen. Nicht das Mindeste darf in einer Volksschule geschehen, kein Lehrbuch eingeführt werden, kurz gesagt, keine Fliege kann summen, wovon der Unterrichtsminister nichts weiß, und bei der Hauptsache, bei der Besitzung der Lehrerstellen soll das Ministerium keinen Einfluß haben? Denn der Minister hat einmal etwas derartiges. gesagt, daß er blos seine Sympathie mit den jüdischen Lehrern, die nicht angestellt werden, haben kann. Wohl hat bei Besetzungen der Ortsschulrath, der Bezirksschulrath und der Landesschulrath das Votum — dies hat der Schöpfer des Volksschulgesetzes, der unvergeßliche