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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-01-01 · 1 (1.1.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Dr. Liocv's Mocvenscvrttl. Str. 1 schaftlichen Antisemitismus, der dem Judenhasse durch die Fälschung unserer Literatur eine confesfiouelle Grundlage schaffen wollte, für alle Zeit in den Grund gebohrt haben. Das Kriegsmaterial, welches für diese Feldzüge gesammelt worden, bildet ein Rüstzeug, aus welcher: seither alle Kämpfer des Judcnthums in der ganzen Welt ihre Waffen gegen die Lüge und Niedertracht der Antisemiten geholt haben und fürderhin holen werden. Mit dieser Wirksamkeit nach Außen aber erscheint die zwanzigjährige Arbeit der „Oesterreichischen Wochenschrift" nur zur einen Hälfte charakterisirl. Bedeutsamer und wichtiger vielleicht noch ist die aufbaueude, die organisatorische Thätigkeit unseres Blattes nach Innen. Ohne Ruhmredigkeit dürfen wir das Verdienst für uns in Anspruch nehmen, daß wir das durch die Emancipationsbewegung eiugeschläferte j üdische Bewußtsein wiedergeweckt haben, und ruhig dürfen wir sagen, daß der Zionismus, dessen Verdienste um die Aufrüttelung der Geister wir rückhaltlos anerkennen, auf unseren Schultern steht. Als die „Oefterr. Wochenschrift" gegründet wurde, da meint/ mancher Assimilationsjude, daß die Schaffung dieses Organes ein Fehler sei, weil cs die Juden „ins Ghetto zurückführe". Von dieser Anschauung bis zur regelmäßigen Wiederkehr der Baseler Congresse und bis zur Proclamirung des zionistischen Programmes liegt eine ganze geistige Revolution. Dem Fernstehenden erscheint das wie ein unvermittelter Sprung, aber die näher Eingeweihten wissen, daß dazwischen eine ungeheuere Organisationsarbeit liegt, zu welcher die „Oesterreichische Wochenschrift" ihr redlich Theil beigetragen hat. Das von uns aufgestellte Princip der Selbsthilfe gelangte durch die Gründung der „Oesterreichifch-Jsraelitischen Union" und die Errichtung ihres Rechtsschutzbureaus, durch die Schaffung des .pilfsvereines für die uothleideude jüdische Bevölkerung in Galizien, durch zahlreiche andere Körperschaften, die auf unsere Initiative zurückzuführeu sind, zum Ausdruck. Der Zionismus in seiner heutigen Gestalt und Ausdehnung wäre undenkbar gewesen, wenn diese Vorarbeiten für die Erweckung des Selbstbewußtseins und Selbstvertrauens unserer Glaubensgenossen nicht vorher geleistet worden wären. Aber frühzeitig hat die „Oesterreichische Wochenschrift" auch den gesunden Kern in der zionistischen Bewegung richtig beurtheilü Die erste zionistische Agitationsschrift, die in Wien zur Vertheilung gelaugte, war der Bericht über die erste Makkabäer-Feier der „Kadimah" im Jahre 1884, und diese Agitationsschrift enthält vor Allem eine Rede des damaligen Reichsrathsabgeordueten Dr. Bloch. Die Idee der Besiedelung Palästinas fand in unserem Blatte von jeher die werkthätigste Förderung. Der erste zionistische Verein in Wien war der Verein „Ahawas Zion" und in der Leitung desselben saßen der verewigte Rabbiner Salvmon Spitzer, Dr. I. S. Bloch und Dr. Schnirer. Die „Freunde Zions", die Freunde der jüdischen Colonisation in Palästina, auch sie haben eine wichtige, vielleicht die wichtigste Vorarbeit geleistet für den nachmaligen politischen Zionismus, der sich heute mit der langsamen Kleinbesiedllnug nicht begnügen, sondern den jüdischen Nationalstaat aufrichten will. Das Verdienst dieses Neuzionismus um die Orgauisatiou der früher trägen und stumpfen Massen des Ostens soll nicht geschmälert werden, aber die Zeichen mehren sich, daß auch der politische Zionismus feine kühnen Erwartungen nicht so bald realisiren, daß auch er seinen jugendlichen Wagemuth wird zügeln müssen. Auch er kann sich von dem festen Boden der realen Thatsachen nicht loslösen. Und so vollzieht sich — so bitter auch die Enttäuschung Tausenden und Abertausenden sein mag — eben jetzt die Rückkehr zu jenem Alt-Zionismus, den wir schon vor zwei Jahrzehnten in seinen Anfängen vertraten. Darin soll kein Vorwurf gegeu den politischen Zionismus, kein Selbstlob für uns liegen. Wir constatiren lediglich eine Thatsache. Wir stellen blos fest, daß die „Oesterreichische Wochenschrift" sich heute genau auf derselben Linie bewegt, auf welcher sie schon vor zwei Jahrzehnten stand, und daß sie in aller Gluth und Hitze des Kampfes die nüchterne und ruhige Beurtheilung von Menschen und Dingen nie verloren hat. .So wollen wir es auch zu Nutz und Frommen des Judenthums weiterhin halten. Wir werden uns der stürmischen Begeisterung der Jugend für neue Ideen, für goldene Hoffnungen freuen, wir werden den Werth dieser Jugendkraft in den heißen Kämpfen, die uns noch bevorstehen, wohl zu würdigen und richtig einzuschätzen wissen, wir werden aber auch stets verlangen, daß die Führung in diesem Kampfe der Einsicht und Besonnenheit gereifter Männer überlassen bleibe. Die Treue unserer Freunde mag uns auch auf unserem ferneren Wege erhalten bleiben und uns stärken. Das Scheitern des Ostafrikaprojeetes urrv die Kriks im Zionismus. Das zionistische Ostafrikaproject hat ein rasches Ende gefunden, ein rasches aber kein eigentlich überraschendes. Schon bei dem ersten Auftauchen der Nachricht vom englischen Angebot, in Ostafrika eine autonome jüdische Colonisation zu gestatten, hörte man erfahrene Leute starke Zweifel äußern, ob die englische Regierung bei der Stange bleiben und ihre Zusagen auch cinhalten werde, sobald der Plan zur geschichtlichen Realisation ausreift. Man erinnerte an die Erfahrungen Theodor Herzka's und der „Freiland"-Gesellschaft bei ihren Unterhandlungen mit der englischen Regierung. Auch die Freilandleute erhielten anfänglich, großmüthige Anerbieten und großherzige Zusicherung geeigneter Territorien, und als es zur Ausführung kam, waren inzwischen die Verhältnisse andere geworden. Wenigstens die Freilandleute beklagten sich sehr über die Nichteinhaltung der Versprechung seitens der englischen Regierung. Aehnlich erhielt nun auch der Vertreter der zionistischen Parteileitung in England Herr Greenbergdie Verständigung, daß die englische Regierung ihr Offert, in Uganda in Englisch- Ostafrika ein Territorium zur Gründung eines autonomen Gemeinwesens für jüdische Auswanderer zur Verfügung zu stellen, sowohl in: Interesse der zionistischen Partei, als auch in ihrem eigenen Interesse zurückzuziehen sich veranlaßt sehe. Unter den jetzigen Verhältnissen hält die englische Regierung die Voraussetzungen nicht mehr für gegeben, das Project seiner Verwirklichung zuzuführen, zumal das Anerbieten der englischen Regierung an Stelle des erwarteten Enthusiasmus bei den Zionisten eine getheilte Aufnahme fand. D HAuch diejenigen, welche außerhalb der zionistischen Partei stehen, werden diese Wendung der Dinge, vor Allem das Scheitern des Ostasiikaprojectes, ernstlich bedauern. Zum ersten Mal ging die zionistische Partei daran, unseren heimatslosen Brüdern ein freies Land zu öffnen; mit dem Moment, als sie praktischer realer Arbeit sich zuwandte, schien es, als ob ihr auch die Sympathien derer zufliegen wollten, die ihr früher mißtrauisch oder spöttisch gegenüberstanden. Leider muß heute der Zionismus seine Jugendsünden büßen. In der letzten Nummer der „Welt" wird an leitender Stelle in Bezug auf den geisteswirren Chaskel Luban gesagt: „Der Mann ist nur in beschränktem Maße für das Attentat verantwortlich zu machen. Anders allerdings liegt die Sache in Bezug auf diejenigen, die durch eine maßlose, in ihren Mitteln scrupellose Agitation das Hirn dieses äußeren Einflüssen nur allzurasch erliegenden Menschen mit Schreckbildern erfüllt, seinen Glauben an das Ideal bis zumbliudenFanatism u s erhitzt und ihn dadurch zu Allem fähig gemacht haben. Diese Leute haben eine furchtbare Verantwortung auf sich geladen und dem Zionismus den schlimmsten Schaden angethan." Diese Sätze enthalten zweifellos viel Wahrheit. Man hat Jahre hindurch Jeden, der einen leisen Zweifel in Bezug auf die Realisirbarkeit des neuzionistischen Programmes zu äußern wagte, als einen Ketzer verdammt, als einen Verräther am Judenthum der Verfolgung ausgeliefert, man hat in flammenden Reden die nationalen Hoffnungen nicht blos angeregt, sondern

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