Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 52 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sei^ 834 Nr. 52 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Präsident kaiserl. Rath Klinger bemerkt, daß die Schulcommiffion zu den thätigsten zähle und ihrer Aufgabe vollauf gerecht wurde; Herr Dr. Spitzer, welcher der Schulcommission als Obmann-Stellvertreter angehöre, habe im Laufe des Jahres reichlich Gelegenheit, seine heutigen Anregungen in Form concreter Anträge der Berathung der Schulcommission in geschäftsordnungsmäßiger Weise zu unterbreiten. In Bezug aus die Friedhofscommission verweist Herr Doctor Spitzer auf die öffentlichen Bestrebungen, das Beerdigungswesen den Pfarrgemeinden zuzwveisen. Im Judenthum war die Leichenbestattung ein religiöser Act und sollte mit der Pietät und Feierlichkeit eines solchen heute noch vollzogen werden. Er beantragt eine Resolution, dahingehend, daß bei Beerdigung von Personen, die ehemals Gemeindemitglieder waren, jedesmal ein Cantor und Prediger zu functioniren haben. Mit Rücksicht darauf, daß der Geist der Gemeindeverwaltung ein conservativer ist, im besten Sinne des Wortes, wird er für das Budget stimmen. Der Präsident kais. Rath Klinger erinnert daran, daß nahezu 80"/« aller Leichenbestattungen gratis sind und daß der Vorstand sich jederzeit bemüht, die Pietät auch gegen die ärmsten Glaubensgenossen walten zu lassen. In der Specialberathung wird das Budget der ersten Commission ohne Debatte angenommen. Zur zweiten Commission stellt kais. Rath Pollak folgenden Antrag, der vom Schriftführer verlesen wird: Antrag des kaiserlichen Rathes Wilhelm P o l l a k. Eingebracht in der öffentlichen Plenarsitzung am 20. December 1903: „Sechs Tage sollst Du arbeiten und am siebenten Tage sollst Du ruhen" — so lautet eines der Grundprincipien der jüdischen Glaubenslehre. Wenn nun die Einhaltung dieses Gebotes bei der allgemeinen interconsessionellen Schule für viele Kinder undurchführbar ist, da auch die jüdischen Schüler am Sabbath dem Unterricht beiwohnen müssen, so sollte man doch glauben, daß mit Rücksicht darauf wenigstens dafür gesorgt wird, auch diesen Kindern den zur körperlichen und geistigen Erholung unbedingt nöthigen Ruhetag zu wahren. Dies ist aber nicht der Fall, sondern die Kinder müssen am Sonntag ebenso früh aufstehen wie an jedem Wochentage, weil eine Stunde des Sonntag- Vormittages dem Religionsunterrichte gewidmet ist. Dadurch ist den Kindern die Möglichkeit benommen, am Sonntag eine Partie ins Freie unternehmen oder z. B. durch längeres Ausruhen Erholung finden zu können. Ich stelle daher den Antrag, die verehrliche Cultusgemeinde möge dafür Sorge tragen, daß durch entsprechende Eintheilung des Stundenplanes der jüdische Religionsunterricht in Zukunft nicht mehr an Sonntagen ertheilt und auf diese Weise einem von Lehrern und Kindern längst gehegten Wunsche Rechnung getragen werde; ferner, daß daran geschritten werde, den gesammten Lehrplan, speciell der Mittelschulen, mit Hilfe der neuen Religions-Jnspectoren einer genauen Sichtung und Verbesserung zu unterziehen. In Bezug auf die Resolution Spitzer, betreffend die Lehrerbildungsanstalt, bemerkt Vicepräsident Doctor Gustav K o h n, daß die Gemeinde mit Lehrkräften vorläufig und voraussichtlich noch sieben bis acht Jahre hinreichend versehen ist und daß es schwer angeht, eine Bildungsanstalt für junge Leute zu schaffen, ohne daß eine Aussicht vorhanden ist, sie irgendwie zu vertuenden und unterzubringen. Als wir vor einigen Jahren Lehrerbildungscurse eingerichtet haben, meldeten sich blos drei oder vier Candidaten, denen man überdies die Verlvendung versprochen. Das war das gesammte Resultat. Prof. E h r m a n n verweist darauf, daß diese Frage nicht vom Standpunkte Wiens allein, sondern von dem sämmtlicher österrcichjscher Gemeinden zu behandeln und gemeinsam mit ihnen zu erledigen sei. Cultusvertreter Dr. Steiner: Als man den Bau der Nordbahn von Wien nach Brünn unternahm, spotteten Manche und verwiesen darauf, daß der Omnibus, der allwöchentlich dreimal verkehrt, manchmal nur 3 oder 4 Personen führt. Trotzdem wurde die Nordbahn gebaut und sie hat sich bekanntlich bewährt. Wir haben einmal einen ganz unbrauchbaren Lehrercurs eingerichtet und das Plenum hat den Fehler begangen — ich weiß nicht warum und aus welcher Ursache — den Hörern eine spätere Verwendung zu versprechen. Wir brauchen eine ordentliche Präparandie, wie sie in Budapest besteht. Die Commission möge den Antrag Spitzer prüfen und Praktische Vorschläge vorlegen. Kais. Rath Wilhelm Pollak schließt sich dem Anträge Dr. Spitzer's an, der geeignet wäre, den jüdischen Religionsunterricht auf ein höheres Niveau zu bringen. Den Standpunkt des Vicepräsidenten Dr. Kohn, der gegenwärtig die Gründung einer Lehrerpräparandie noch nicht für zeitgemäß halte, könne er nicht theilen. Zu warten, bis ein Theil der jetzigen Religionslehrer, welcher nicht auf der Höhe seiner Aufgabe steht, wie er meint, absterbe, finde Redner nicht richtig; er wünsche allen diesen Lehrern ein recht langes Leben, doch seien jene älteren, für ihr Fach nicht geeigneten Personen, welche seinerzeit vielleicht protectionshalber angestellt wurden, durch' neue, tüchtige Kräfte zu ersetzen. Daß eine derartige Anstalt Kosten verursachen wird, ist zweifellos, doch glaube er sich im Einverständniß mit allen Herren, wenn er die Ansicht ausspreche, daß der Anfang einer Reorganisation stets bei der Jugend, resp. bei der Schule gemacht werden müsse. Der Herr Cassenreferent wird von solchen neuen Ausgaben für Lehrerpräparandien selbstverständlich nicht erbaut sein, doch erlaube ich mir, auf eine Einnahmsquelle zu verweisen, welche aus dem Titel der Trennungen und Scheidungen erfließen könnte. Wie aus dem Budget, Seite 2, zu ersehen, erwachsen der Cultusgemeinde aus dieser Post keine Einnahmen, sondern nur eine Belastung von K 600.—. Ich neide diese Art Einkünfte dem Rabbinate gewiß nicht, aber wenn die Cultusgemeinde zur Deckung ihres Haushaltes die Taxen für Leichenbegängnisse und Hochzeiten heranziehen muß, so soll wohl auch Derjenige mit einer Taxe belegt werden, der sich den Luxus einer Scheidung gönnt. Er halte auch die Aenderung des Mittelschul-Lehrplanes für nothwendig, damit von dem Auswendiglernen und Büffeln endlich abgegangen und dafür ein wirklicher Religionsunterricht eingeleitet werde; die Schüler sollen, wenn sie einmal in den Tempel kommen, wissen, wo sie das Gebetbuch aufzuschlagen haben, sie sollen, wenn sie in die traurige Lage kommen, Kaddisch sagen zu müssen, nicht dastehen und von den Gebräuchen und Ceremonien des Judenthums keine Ahnung haben — wie man dies leider öfters zu bemerken Gelegenheit hat. Uebergehend auf den von ihm eingebrachten schriftlichen Antrag, betreffend die Freihaltung des Sonntages und die Aenderung des Lehrplanes, hofft Redner, daß die Neuangestellten Religionsschul-Jnspectoren baldigst Vorschläge zur Aenderung des Lehrplanes, besonders an den Mittelschulen, machen werden, damit die Jugend, anstatt mit unnöthigen Gedächtnißballast vollgepfropft zu werden, der schon kurze Zeit nach Verlassen der Schule verflüchtigt ist, von wahrhaft religiösem Gefühl erfüllt und für das Judenthum begeistert sei. Der Präsident kaiserl. Rath Klinger constatirt gegenüber der Bemerkung des Herrn Cultusvorstehers Pollak hinsichtlich der Ehetrennungstaxen, daß das Ergebniß derselben keinesfalls so hoch sei, als allem Anscheine nach angenommen werde. Es haben im Jahre 1902 85, im Jahre 1901 60 Ehetrennungen stattgefunden, unter diesen viele, welche gratis durchgeführt wurden. Dr. Berger: Für eine Lehrerbildungsanstalt muß erst das Material vorbereitet werden. Die Talmud- Thoraschule hat blos 5 Elasten; wenn dieses Unterrichtsinstitut eine entsprechende Ausgestaltung erfährt, könnten brauchbare und gehörig vorbereitete Hörer für ein Lehrer-Seminar gewonnen werden. Das vom kaiserl. Rath Pollak erwähnte Lehrbuch ist das von Kayserling, es ist nur an einer einzigen Anstalt in Verwendung, während jenes von Brann geradezu vorzüglich ist. Resolution Spitzer wird angenommen. Antrag Pollak der Commission zugewiesen. Man gelangt zum Voranschlag der Friedhofs-Commission. Kaiserl. Rath Weil hebt hervor, welch peinlichen Eindruck es macht, die crasscn Unterschiede bei Beerdigung von armen Personen und bei solchen aus wohlhabenden Familien wahrzunehmen.