Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-25 · 52 (25.12.1903) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021546--13233-3037873
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 52 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Sette 831 Der Judcnfreffer von Wien. In seinem Werke „Wiener Parnaß vom Jahre 1848" veröffentlicht v. Helfert ein Gedicht, das damals im „Humorist" erschien unter dem Titel „Der Judenfresser von Wien" und uns so anmuthet, als ob es gestern von einem genauen Kenner der modernen Luegerei verfaßt worden wäre. Wir können es uns nicht versagen, diese längst vergilbten und doch so actuellen, von einem längst vergessenen Autor Namens I. P. L y s e r verfaßten Strophen zur Kenntniß unserer Leser zu bringen. Sie lauten: Ich bin der große Judenfresser! Nicht Rost- und Beefsteak schmecken besser, Als wenn ein Jüdlein man verschlingt, Drauf einen Slibowitz trinkt. Uno war' das Jüdlein noch so schmutzig. Und war es noch so borstig, strutzig, Nach Knoblauch duftend, zäh und hart. Ich freß es doch mit Haut und Bart. Zugleich ist auch der Judenfresser Ein großer „Alles-Mache-Beffer"! Und traun, so wütend kaiserlich Ist selbst der Kaiser nicht als ich! Ich träume nur vom Alarmiren! Ich schwärme nur fürs Leut' einführen! Und Galgen, Rad an alt und jung Hab ich mein Lebtag nie genung! Und endlich ist der Judenfresser Ein göttlicher Talent-Zumesser! Der, weil ihm keines estimirt, Voll Grimm politische Fabeln schmiert. Auch faselt er in allen Kreisen Von „Fremden", welche „auszuweisen", Und bildet alles sich drauf ein: Wiens größter Fabelheld zu sein. Die „Fausts-Idee im „Yiddisch". Aus New-Iork wird der „V. Z." geschrieben: In dem auf der jüdischen Ostseite New-Uorks gelegenen Thalia-Theater spielte sich dieser Tage ein merkwürdiges Jargondrama ab, das von I. Gordin verfaßt ist, sich „Gott, Mensch und Teufel" nennt und die Bearbeitung der „Faust-"Jdee im jüdischen Gewände darstellt. Schon das Vorspiel, eine Art Parodie auf das „Faust"-Vorspiel im Himmel, fesselt durch seinen epigrammatischen Witz. Der Teufel vermißt sich im Vorspiel, die Seele eines armen, frommen russischen Juden durch den Glanz des Goldes zu gewinnen. Dann beginnt das eigentliche Stück in der Hütte des Gott wohlgefälligen Talmudgelehrten, der, obwohl er ein armer Mann ist, seiner Gelehrsamkeit halber wie ein König unter seinen elenden Genossen haust. Plötzlich erscheint Mephisto in der Gestalt eines reichen Lotreriehändlers, der dem vermeintlich gegen Versuchung gefeiten heiligen Manne trotz seines Widerstrebens sein Schicksal, das „große Los", in die Hand drückt. Die Exposition läßt in der Charakterisirung und in der Klarheit nichts zu wünschen übrig. Noch wuchtiger in seiner dramatischen Wirkung ist der zweite Act. Die durch den Versucher herbeigeführte Metamorphose des frommen Mannes zu einem harten Geldmenschen, der seine Verwandtschaft verleugnet, seinem Vater unehrerbietig begegnet, seine Augen begehrlich auf eine jugendliche Nichte wirft und, den Einflüsterungen des Teufels Gehör schenkend, seine kinderlose brave Lebensgefährtin verstößt, um das lockende jüngere Weib zu beiraten. Die Handlung erwächst aus dem Nährboden des Judenviertels wie ein starker Baum. Leider geht es im dritten Acte rasch bergab mit dem Interesse. Der Gang der Handlung wurde unkünstlerisch und Alles war auf „Effect" berechnet. Der Held des Dramas wird in seiner Geldgier von Mephisto, der sich als sein Partner etablirt hat. zu einer Mordthat gebracht. Aber auch dieser Act ist noch reich an Episoden tragischer und tragikomischer Natur, die ein wirkliches dichterisches Talent bezeugen. Die Uothmendigkeit einer jüdische« Crsichnrrg «nfrrer Jugend.*) Es ist kein großes Unglück zu nennen, wenn ein kleiner Theil unserer Glaubens- und Stammesgenossen feiner Fahne untreu wird und sich von seiner Religion und Nationalität lossagt, nur ist diese Erscheinung insofern beklagenswerth, als *) Vorstehender Artikel erschien in der Berliner „Jüd. Rundschau" und hat vornehmlich ruffische Verhältnisse im Auge; er dürfte indeß im Hinblick auf mancherlei Vorfälle in Oesterreich auch unsere Leser interessiren. sie einerseits den Verfall des nationalen Gefühles unter den Juden beweist und andererseits die ohnehin bereits große Zahl der Feinde unseres bedrückten Volkes in der Zukunft zu vermehren droht. Und noch ein Umstand ist es, welcher dieser Erscheinung eine besondere Bedeutung verleiht und Jeden, dem das Schicksal unserer Nation am Herzen liegt, zu ernstem Nachdenken auffordert — ich meine den Umstand, daß die Abtrünnigen und Verräther meistentheils und fast ausschließlich den intelligenten Classen angehören, welche ihre Bildung, die höhere auf Universitäten, die geringere in Elementar- und Mittelschulen, erlangt haben. Die Thatsache, daß die höher Gebildeten leichter ihre „Religion wechseln" und ihrem Volke untreu werden, als die, welche eine geringere Bildung genossen haben, ist geeignet, Mißtrauen einzuflößen gegen die Bildung im Allgemeinen und gegen die höhere insbesondere. Um diesem Schaden entgegenzuarbeiten, muß das moralische Niveau der lernenden jüdischen Jugend gehoben, die Liebe zu ihrem Volke und dessen herrlicher Geschichte geweckt, das Eindringen in die Größe ihrer Cultur und in die Erhabenheit ihrer Poesie gefördert werden — mit einem Worte, die allgemeine Bildung muß Hand in Hand gehen mit dem Studium rein jüdischer Fächer auf fester, im wahren Sinne aufklärender Grundlage; in der jetzigen, für die Juden so schweren Zeit der Ausweisungen, Verfolgungen und Beleidigungen aller Art, wo auf unser Haupt von allen Seiten Verwünschungen und Gehässigkeiten geschleudert werden, in einer für uns so traurigen Zeit muß der jüdische Jüngling sein Haupt stolz erheben können, gestützt auf die Leidensgeschichte seines Volkes und auf die erhabene Moral seiner großen Lehrer. Mit dieser Stütze wird es ihm zugleich nicht schwer fallen, dem Andringen der auflösenden Elemente, an welchen unsere Zeit reich ist, zu widerstehen — jener Elemente, welche den Wanderer auf dem Wege des Lebens verlocken und in ihre zerstörenden Fluten hineinzuziehen bemüht find, jener Elemente, welche den Menschen von der Höhe seiner Ideale auf das Niveau des mit den niedrigsten Jnstincten ausgestatteten Thieres herabwürdigen. Und Ideale muß der Jude haben, mehr als irgend ein Anderer. Sie sind ihm die labende Oase auf dem mühseligen Wege seiner Pilgerschaft: in Sturm, Unwetter und Gefahr dienen sie ihm zum Schutz und er birgt sich unter ihr rettendes Dach: was können ihm alsdann Spott und Beleidigungen der rohen Massen anhaben? Verachtung ist seine Antwort darauf! Auf seiner Fahne steht ja das Wort geschrieben: „Gerechtigkeit" und er wappnet sich mit Muth und Kraft: auf diesem Worte beruht seine Energie, in diesem Worte liegt seine Lebensfähigkeit. Wenn aber die thierischen Jnstincte bei ihm die Oberhand gewinnen und seine Ideale verdrängen, wenn bei dem Jagen nach irdischem Glück das Gefühl für Gerechtigkeit in ihm erstickt wird (er bleibt also sans foi, ni loi), dann entsinkt die Fahne seinen Händen: er verräth sein Volk und verleugnet seinen Stamm. Die Zeit, in der wir leben, ist die Zeit des Verfalles aller Ideale, die Jnstincte erwachen, die Menschheit verwildert, und die Juden zahlen dieser Zeit reichen Tribut: fie gehen mit der Menge, verwildern und werfen ihre Fahnen weg. Zn unserer Schande müssen wir es gestehen, daß, wie schon oben gesagt wurde, die sogenannte höhere Intelligenz (Leute mit Universitütsbildung) hierbei den Ton angibt und die weniger Gebildeten dieses Werk künftigen Generationen überlassen. Und das soll unsere Auftlärung sein? Es graut uns vor der Zukunft? Solche Erscheinungen tauchten übrigens schon früher von Zeit zu Zeit in der Geschichte des Judenthums auf, und jedesmal fanden sich dann unter den Juden begeisterte, ihrem Volke treu ergebene Männer, welche mit Selbstverleugnung weder Kräfte noch Mittel scheuten, um die gesunkene Moral zu heben und das moralische und jüdische Gefühl unter den Juden zu pflegen. So kommt denn auch jetzt, ihr ehrlichen Leute, kommt zu Hilfe Eurem Volk, welches, je mehr die Civilisation fortschreitet, moralisch desto tiefer sinkt und mehr und mehr seine stammesthümlichen und moralischen Güter verliert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.