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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-25 · 52 (25.12.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 830 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 5 Bei derselben Versammlung, in welcher Dr. Lueger diese schöne Rede hielt, wurde dem Magistratsdirector Dr. Weißkirchner ein Ehrengeschenk überreicht für seine erfolgreichen christlich-socialen Bemühungen, und das Ehrengeschenk, eine Christus- Statuette, trug die Inschrift: „Dem christlich-socialen Reformator der Wiener Armenpflege". — Besonders treffend war der Ausdruck „Concurrenzverein", den Dr. Lueger gebraucht hatte, nur hatte er nicht mehr den Reiz der Neuheit für sich. Als vor kurzer Zeit erst zahlreiche Fälle von entsetzlichen Kindermißhandlungen die öffentliche Meinung förmlich aufwühlten, da thaten sich einige Männer von Herz zusammen, um einen Verein zum Schutze armer, unglücklicher Kinder zu gründen. Das Unglück allein wollten sie lindern und sonst nach weiter nichts ftagen. Es gelang ihnen, einen hohen Schutzherrn, einen Erzherzog, zu gewinnen, und sie entfalteten nach besten Kräften ihre opfervolle Thätigkeit. Da begab es sich, daß die Schwester des hohen Schutzherrn einem ähnlichen, auf christlicher Grundlage errichteten Vereine ihr Interesse zuwandte, und der Erzherzog legte sein Protectorat nieder mit der Begründung, daß er seiner Schwester nicht Concurrenz machen wolle. Und so wird aus dem zuerst genannten Vereine für den versatilen Geist Dr. Lueger's der „Concurrenzverein", der noch dazu mit unfairen Mitteln arbeitet. Immerhin sei aus seinen Ausführungen zum ewigen Gedächtniß aufbewahrt, daß bei den Werken der Menschenliebe kein Unterschied zu machen sei zwischen christlichen und jüdischen Kindern. Im Uebrigen sei es im Anschluß daran ausgesprochen, daß es nicht Wohlthaten sind, welche die Juden verlangen. Was sie von der modernen Gesellschaft beanspruchen, ist nichts Anderes, als ein wenig Gerechtigkeit. All die schönen und salbungsvollen Reden haben aber nicht den mindesten Werth — und sie hätten ihn auch nicht, wenn sie aufrichtig gemeint wären, — insolange die christlichsociale Preß Hefe fortfährt, Gährungen in der Bevölkerung zu erzeugen, und insolange gerade diese Gährungen das erwünschte Lebenselement all der Schönredner bilden. Es vergeht kein Dag, ohne daß durch allerlei Märchen und Fabeln, durch erdichtete Schauergeschichten und grotesk entstellte Berichte leidenschaftlich gehetzt und die Bevölkerung zu Haß und Verachtung aufgereizt würde wider Alles, was jüdisch ist. Es ist so weit gekommen, daß solches Thun nicht mehr für auffällig erscheint, sondern daß sich noch Jemand darüber verwundert, erregt, entrüstet., Vergani's große Fabrik für den erwähnten Gährungsstoff kommt manchmal in Verlegenheit bei der Herstellung des gangbaren Artikels. Da' müssen manchmal Anleihen gemacht werden. Ich meine nicht die Reise- und Ausstellungsberichte des Herrn Vergani. Als Schriftsteller gleicht er dem losen Vogel Kuckuck, der „bekanntlich" seine Eier auch nicht selber legt. Ich meine vielmehr, daß, wenn er einmal mit seiner heimischen Judennoch nicht mehr das Auslangen findet, er sich etwas ausborgen muß. Diesesmal hat er sich die russischen Juden ausgeliehen. Nicht etwa die von Kischenew, die die Massacres veranlaßt haben und die nun dafür beiweitem nicht mit der wünschenswerthen Strenge bestraft werden. Die gehören zum täglichen Brot und werden nicht vernachlässigt. Er hat etwas Anderes entdeckt und enthüllt nun die ganze Corruption: in Rußland sind die Juden an der Arbeit — sich des gesammten Theaterwesens zu bemächtigen! Der Schmerzensschrei, der darüber veröffentlicht wird, ist sehr lang. Mit Namen und Thatsachen wird die furchtbare Anklage nicht erhärtet; genug, daß die Corruption überhaupt enthüllt wird. Die Juden in Rußland haben also keine anderen Sorgen. Sie. müssen durchaus zur Unterdrückung des rechtgläubigen Volkes fürs Theater dichten und Theater spielen. Thun sie es wirklich? Wer weiß, ob wahr fft! Wenn von den fünf bis sechs Millionen Juden in Rußland sich wirklich ein paar Leute dem Theater zugewandt hgben sollten, dann wäre ja das in That entsetzlich, aber was sie auch immer sonst unternähmen, Herr Vergani würde mit dem Schmerzensschrei doch nicht zurückhatten. Die Juden sollten auch in Rußland nicht Handel treiben, kein Gewerbe ausüben, keinen Boden besitzen, keine Aemtec bekleiden, keinen Unterricht ertheilen, um Gotteswillen nicht Theater spielen — ja, Herr Vergani, was sollen sie denn eigentlich!? Die Welt muß anders werden. Das sagt auch der sehr ehrenwerthe Reichsrathsabgeordnete Axmann, der vor einer christlich-socialen Wählerversammlung in Fünfhaus das begeisternde Schlagwort ausgegeben hat: Weg mit der Verfassung! „Weg mit dieser Verfassung! Wenn Seine Majestät unser Kaiser ani Abend seines Lebens die Verfassungsänderung vornehmen würde, dann wäre das eine der herrlichsten Thaten in der Geschichte seiner Regierung. Er würde Oesterreich vor dem Untergange retten." Es wäre der Mühe Werth, darüber nachzudenken, ob man Herrn Axmann die sinnige Freude, dies wahrhaft unschuldige Vergnügen nicht doch bereiten sollte. Ein kleiner Staatsstreich sollte einem doch gegönnt werden. Vielleicht wäre Herrn Axmann auch schon mit der Abschaffung eines Paragraphen gedient, jenes Paragraphen, der von der Gleichberechtigung aller Staatsbürger spricht. Vielleicht würde man es nicht einmal recht bemerken, daß er abgeschafft ist. Whig. Nordau und Zangwill. Bei der Makkabäerfeier der Pariser Zionisten ereignete sich ein trauriger Zwischenfall. Ein russischer junger Mann, Namens Chaskel Luban, etwa 25 Jahre alt, feuerte etwa gegen 12 Uhr Nachts auf Nordau zwei Schüsse ab. Nordau blieb unverletzt. Luban wurde verhaftet. Bei seiner Einvernahme gab er an, daß er ein Gegner des ostafrikanischen Projektes sei, welches Nordau gefördert habe. Wiener Journale vom 22. December publiciren ein seltsames Telegramm aus Paris: Die „Libre Parole" publicirt ein ausführliches Interview mit Max Nordau, worin dieser erklärt, mit Drumont in der Hauptsache übereinzustimmen, daß „Frankreich den Franzosen" gehören müsse. Die Ostafrika-Frage sei von den zionistischen Autoritäten noch keineswegs genügend studirt. Das Geknalle im Charrassaale sei ein gleichgiltiger Zwischenfall.— * '' * ” .. . * Aus London wird gemeldet: Die Trauung des englischen Novellisten und zionistischen Parteiführers Zangwill fand im November l. I. hier vor dem Standesamte Harzow-Road (Paddington) statt. Eine religiöse Feier konnte nicht folgen, weil die Braut, Miß Rykton, Christin war (Vater und Mutter derselben sind Christen) und dieselbe nicht zum Judenthume übertrat. Trauzeugen nach englischem Gesetze waren die in zionistischen Kreisen bekannten Herren I. L. Graenberg und I. Cowen. _ B. Z. Antisemitismus und Weltsriede. Unter dieser Spitzmarke schreibt der philosophische Schriftsteller und ehemalige österreichische Reichstagsabgeordnete B. v. Carneri in dem von den Führern der Friedensbewegung herausgegebenen „Buch des Friedens": „Es wird zu keinem rechten Frieden auf Erden kommen, so lange der Antisemitismus das Haupt hoch tragen darf wie jetzt. Warum er es so hoch trägt? Durchaus nicht wegen seiner eigenen Macht. Immer wird es eine gewisse Anzahl Halbmenschen geben, die, von Neid und Habsucht verzehrt, in jeder Bethätigung des Fleißes eine ihrer Trägheit schädliche Concurrenz erblicken, die sie am liebsten plündern, und, geht dies nicht an, mit allen Spielarten des Racenhasses und der religiösen Intoleranz bekämpfen möchten. Diese Halbmenschen werden aber erst zu einer Macht durch die Unzahl Gleichgiltiger, die zwar mit ihnen nichts gemein haben wollen, aber zu ihren passiven Bundesgenossen werden, indem ihre gesinnungslose Unthätigkeit den tüchtigen wie ein Schlamm bis an den Hals geht, der ihre Thatkraft lähmt. Da ist ein wahrhaft ftiedlicher Staat nicht denkbar, und nur ftiedliche Staaten können den Weltfrieden sichern. Die Zeit der dynastischen und Kabinetskriege ist vorüber und damit wohl auch die Zeit der alten Eroberungskriege. Die etwa noch drohenden Kriege sind Racen- und Jntereffenkriege, und deren Elemente birgt der Antisemitismus in seinem unheilvollen Schooß." _

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