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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-25 · 52 (25.12.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Str. 52 Dr. 3Blocb s MocbenscbriN. Seite 829 in Aussicht gestellt und für eine Nichtbetheiligung mit Gewaltthätigkeiten gedroht wurde. Es hat sich erwiesen, daß am Vorabend der Excefse unbekannte Leute durch die Stadt Kischenew wanderten und die den Juden gehörigen Häuser notirten. Die Excesse waren also sehr wohl vorbereitet, was auch aus dem äußeren Bilde der Vorgänge mit Sicherheit hervorging. Die Ausschreitungen begannen an etwa 200 Orten zu gleicher Stunde; die Führer der Banden hatten Vormerkbücher bei sich, in denen die jüdischen Häuser und Wohnungen genau verzeichnet waren; die Banden waren numerirt und wurden, wie aus den Zeugenaussagen hervorging, als die siebente, neunte, zehnte und so weiter bezeichnet. Nach der Aussage Feigin's waren 120 Bursche zur Theilnahme beordert und gleichmäßig bewaffnet, sie hatten gleichgeformte Stöcke mit Eisenkapseln aus Wafferleitungsröhren beschlagen. Aus die Frage, wer die Vorbereitungen zu den Excessen getroffen hat, sind vorher unbekannt gewesene Andeutungen ans Licht gefördert worden. Es hat sich erwiesen, daß in Begleitung der Banditen überall Agenten des Gendarmerieobersten Lewendall gewesen sind, welche die Leute immer aufmunterten, auf die Juden loszuschlagen; es hat sich ferner erwiesen, daß das in Kischenew postirt gewesene Militär zur Wiederherstellung der Ruhe keine Ordres bekam, da es Lewendall für besondere Zwecke reservirt hielt, ferner, daß Lewendall den Gouverneur terrorisirte und ihn veranlaßte, nach seinen (Lewendalls) Weisungen und Anordnungen zu verfahren. In Anbetracht dessen, daß nach den Worten eines der maßgebendsten Zeugen die Wahrheit über die Entstehung der Unruhen nur von Lewendall enthüllt werden könnte, behauptet die Vertheidigung, daß Lewendall selbst die Excesse organisirte, und zwar nicht in seiner Eigenschaft als Privatmann, sondern als Repräsentant der behördlichen Gewalt, indem er einen Wunsch höherer Kreise in Erfüllung brachte und bei dem vollbrachten Werk der Begünstigung von Seite jener Kreise sich erfreute. Es hat sich erwiesen, daß die Excesse von der Administrationsbehörde gestattet waren; das wird durch das Verhalten der Kischenewer Polizei an den betreffenden Tagen vollkommen bestätigt. Am 20 April, früh Morgens, hat die Polizei alle Juden entwaffnet, sie confiscirte die bei ihnen Vorgefundenen, zur Wehre geeigneten Objecte und jagte sie einzeln nach ihren Behausungen, indem sie auf diese Weise jede Möglichkeit auch nur des geringsten Widerstandes gegen die Angreifer beseitigte. Die Wachmänner gingen neben den Plünderern oder sogar an deren Spitze, wie um ihnen die Logis der Juden anzuzeigen; die Revieraufseher und Pristaws eiferten die Leute an, endlich hat sich erwiesen, daß vor den Osterseiertagen Polizeiorgane in den unteren Volksschichten die Parole ausgaben, „die Juden seien drei Tage lang zu massacriren". Alles dies zusammengenommen läßt keine Zweifel obwalten, daß der „Progrom" von der Ortsbehörde veranstaltet war und die Angeklagten nicht aus denjenigen Gründen, die im 8 269 St.-G.-B. vorgesehen wurden, ans Werk gegangen sind. Die Angeklagten werden der Ruhestörung und des Ungehorsams gegen die Behörden beschuldigt, es erweist sich jedoch, daß im Gegentheil deren Befehle zur Ausführung gelangten. Wir verlangen daher im Interesse unserer Clienten, daß zur Aufklärung darüber, daß die Excesse nicht das Werk der Angeklagten, sondern einer speciellen, von der Administrationsbehörde veranlaßten Organisation waren, die Angelegenheit auf Grund des § 549 St.--P.-O. an die Voruntersuchung zurückgeleitet werde." Im Verhalten aller Regierungsvertreter ist in den letzten Tagen ein scharfer Umschwung zu constatiren. Fürst Urussow, der Gouverneur Bessarabiens, dessen bisherige Stellung zu den Juden absolut unparteiisch gewesen, ließ Dr. Mutschnik, den Vorsteher der jüdischen Gemeinde, zu sich bitten und bat ihn, gemeinsam mit Hervorragenden Mitgliedern der jüdischen Gemeinde am officiellen Weihnachtsempfang mit ihren Frauen theilzunehmen. Als in einer zweiten Unterredung Mutschnik erklärte, daß bei der gedrückten Stimmung in der jüdischen Bevölkerung Urussow's Einladung nicht angenommen werden könne, wurde das Verhalten Urussow's schroff und unversöhnlich. Er erklärte, die Haltung der Civilvertreter bei Gericht habe das Militär erbittert, so daß das Verhalten der Truppen bei neuen Excessen unsicher sei. Der Proceß habe Unfrieden gestiftet, das Schlimmste sei zu befürchten. Er, der Gouverneur, könne die Garantie für-Aufrechthaltung der Ruhe nicht übernehmen. Der Chef der politischen Polizei Kischenews habe sich in gleichem Sinne ausgesprochen. Ein weiteres Telegramm vom 20. December meldet: Die Aenderung in der Stellungnahme des Gouverneurs kann unmöglich spontan sein, sie muß auf Veranlassung einer höheren Stelle erfolgt sein. Zum bevorstehenden russischen Weihnachtsseste werden neue Excesse befürchtet. Es herrscht allgemeine Panik. Dr. Mutschnik hatte abermals eine Unterredung mit Ussurow, der Mutschnik fragte, wie sich die Juden im Falle neuer Excesse verhalten würden. Auf die Antwort, sie würden sich wehren, erwiderte Urussow, dann würde das Militär wohl zu Gunsten der Excedenten eingreifen. (?) Die durch die Plünderungen geschädigten Juden wollen trotzdem eine Revisionsklage vorbereiten und gegen die ganze Kischenewer Polizei eine Strafanzeige einreichen. Dreizehn Polizeiofficiere und vier Schutzleute sollen der activen Theilnahme an den Plünderungen und der Begünstigung derselben durch viele Zeugen beschuldigt werden. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Weihnachts- und N e u j a h r s st i m m u n g e n. — Lasset die Kindlein zu ihnen kommen. — Das gefährdete russische Theater. — Weg mit der Verfassung! Und Friede auf Erden! Das Jahr klingt harmonisch aus; Liebe und Versöhnung wird allenthalben verkündet — die Christlich-Socialen sind elegisch geworden. Sie wollen die Juden lieben wie sich selbst und wollen vergeben und vergessen, was sie ihnen angethan haben. Die schöne Weise klingt uns bekannt ins Ohr, haben wir sie doch gehört schon so manches Jahr. Credat Judaeus Apella! sagt Horaz. Der Wiener übersetzt das treffend. „Erzählen Sie das der Frau Blaschke!" Und Goethe drückt sich vornehmer aus: „Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Der Strom der Reden ist mächtig angeschwollen. Dr. Lueger und Fürst Liechtenstein haben keinen Abend vorübergehen lassen, ohne in irgend einem vorstädtischen Wirthshause die Lehren ihres „Christenthums" zu verkünden. Ohne Salbung ist es um diese Zeit herum absolut nicht durchzukommen und so trieften denn die Reden nur so von Liebe und Tugend, von Versöhnung und Duldung. Weihnachtsfest und Jahreswechsel lösen fromme Gedanken aus, also: liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Aber es besteht auch die Sitte der Weihnachts- und Neujahrsgeschenke, also: „Kauft nichts bei Juden!" Das Judenthum in Oesterreich hört den Strom rauschen. Es steht am User und wartet, wie das Bäuerlein am Ufer stand und wartete, daß der Strom ablaufe — at ille labitur et labetur, und das Wasser rann und rann und wollte in alle Ewigkeit nicht abrinnen. Vor allen Dingen hatte Dr. Lueger im Gemeinderathe für einen versöhnenden Abschluß gesorgt. Er schloß mit der Versicherung, daß die christlich-sociale Partei immer nur die Gerechtigkeit im Auge gehabt habe, immer nur aus das Wohl der Gesammtbevötkerung bedacht gewesen sei und immer nur nach diesem Grundsätze gehandelt habe. Das ist doch sehr hübsch gesagt. Bei dem Kinderschutzverein, wo er ebenfalls redete — Graf Sylva-Taroucca und der Jesuitenpater Abel redeten auch — wurde er noch deutlicher. Es sei nur ein unfaires Manöver des Concurrenzvereines, wenn die Behauptung in die Welt geschleudert wurde, daß er und seine Leute consessionelle Zwecke verfolgten. Es ist nothwendig, daß die Oeffentlichkeit es wisse, daß zwischen katholischen und „ftemdgläubigen" Kindern gar kein Unterschied gemacht werde. „Der christliche Sinn gebietet das geradezu, und wir würden auch unsere Pflicht vernachlässigen, wenn wir es nicht so hielten". Graf Sylva-Taroucca und Pater Abel hörten andächtig zu.

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