Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 52 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021546--13230-3037870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 828 Dr. Dtocv's MocbenscbrM. Nr. 52 und dieses einzige Mal ging es gegen die ärmsten Juden, gegen die Hausierer. ( Mit dieser Großthat hat das österreichische -Wgeordnetenhaus seine Aufgabe im Jahre 1903 erledigt. §Die deutschen Parteien des Parlamentes haben allerdings noch eine Leistung zu verzeichnen, das war ihre Einigung unter einem gemeinsamen Vierer-PräsidiM^/ in welchem auch Herr Dr. Lueger, der Führer der Wiener Christlich-Socialen, Sitz und Stimme hat. sDas österreichische Deutschthum hat sich ralliirt unter dem Zeichen des christlich-socialen und deutsch-nationalen Antisemitismus, unter dem Zeichen des Judenhasses, obwohl in Mähren und Böhmen und auch in einzelnen Bezirken Wiens die Deutschliberalen und Deutschvolklichen noch vielfach auf die Stimmen der Juden angewiesen siM_! um den sogenannten deutschen Besitzstand zu behaupten. Man mag sich vorstellen, wie unter solchen Umständen die Verfassungstreue der Liberalen aussieht, wie der Schutz beschaffen ist, den die angeblich freisinnigen Fractionen im gegebenen Falle den staatsbürgerlichen Rechten der Juden zuthell werden lassen. Thalsächlich konnten ja auch im'Parlamente die nichtswürdigsteu Anklagen, die schamlosesten Verleumdungen gegen die Juden in Form von Anträgen und Interpellationen vorgcbracht werden, ohne daß sich auch nur ein einziges Mitglied der deutschen Gemeinbürgschaft zu deren Zurückweisung erhoben und vor Allem, ohne daß der Präsident des Hauses solchen Verleumdungen Einhalt geboten hätte. Das ist in Verbindung mit der innerpolitischen Situation die Lage der Juden in Oesterreich./Ts gibt nur ein einziges Moment, das einigermaßen einen Trost gewährt. Das ist die Gesetzestreue der Regierung, welche trotz all der Neben- und Unterströmuugen, mit denen sie zu kämpfen hat, redlich beflissen war, dem Gesetze nach allen Richtungen Achtung zu verschaffen. Wenn wir von der Regierung in diesem Sinne sprechen, so meinen wir damit das Ministerium und denken dabei nicht an den Herrn Statthalter von Niederösterrejch/ welcher mit "einer ganz auffallenden Nachgiebigkeit, um nicht zu sagen Schwäche, im niederösterreichischen Landtage dem wilden Anstürme der Antisemiten gegen die medicinische Wissenschaft und die gemeinsten Anwürfe gegen die jüdischen Aerzte ruhig duldete, ja sogar noch durch seine Stellungnahme gegen dieAerztekammer bewußt oder unbewußt Oel ins Feuer goß. Menu Herr v. K o e r b e r den Namen eines modernen Staatsmannes verdienen will, dann wird er das zarte Verhältniß, das zwischen dem Grafen Kielmansegg und der christlich-socialen Landtaasmehrheit besteht, für die Dauer nicht patronisiren dürfen.!. Der Rückblick auf das Jahr 1903 ist für uns Juden ein tief betrübender. Ist der Ausblick auf das Jahr 1904 ein trostvollerer? In Frankreich bereitet sich die letzte Revision des Processes Dreyfus vor. Das ist ein Lichtblick und es besteht die Hoffnung, daß diesem Märtyrer endlich sein Recht und seine Ehre wiedergegeben wird. Aber das ist nur Einer von Millionen, denen Recht und Ehre genommen wird, und wir fürchten sehr, daß das kommende Jahr das tausendjährige Martyrium des jüdischen Volkes nur noch verschärfen wird. Das Urtheil von Kischenew. 48 Ermordete und — zwei Mörder. Finita la comedia. Die Posse des Processes in Kischenew ist zu Ende, und wie diese merkwürdige Verhandlung begonnen hat, so hat sie auch geschlossen: als die Caricatur eines Strafgerichtes, als die Parodie vergeltender Gerechtigkeit. Als in den Tagen des April nach und nach die Wahrheit von dem Gemetzel in Kischenew durch die Ritzen der russischen Censurmauer sickerte, ward es alsbald klar, daß unter den Augen der Behörden eines der empörendsten Massenverbrechen geschehen sei, deffen sich die civilisirte Welt entsinnen kann. Die Schuldigen versuchten zuerst die Thatsachen zu verhüllen, und als dies nicht mehr ging, doch wenigstens die Verantwortlichkeiten geschickt zu verschieben. Im Nu waren aus den Angegriffenen Angreifer und aus den Beraubten und Ausgebeuteten Ausbeuter geworden. Aber die Wahrheit war stärker als die officielle Heuchelei, die Entrüstung drohte fast den Rahmen internationaler' Etiquette zu sprengen: denn einen Augenblick lang schien es-, als wollten die Vereinigten Staaten mit einem Reiche nichts weiter zu thun haben, in dem ungestraft gebrandschatzt und gemordet werden konnte. Unter dem Drucke der öffentlichen Meinung entschloß man sich in Rußland, einige Leute zur Verantwortung zu ziehen: aber man war so vorsichtig, daneben zu greifen und die Werkzeuge statt der Anstifter zu erwischen. Und so ergab sich das nie dagewesene Gerichtsschauspiel, daß in einer Anklage, die von achtundvierzig Ermordeten zu sprechen gezwungen war, schließlich — zwei Mörder erschienen. Natürlich: Denn hätte man zum Beispiel all die Soldaten angeklagt, deren Waffen sich mit dem Blute von Frauen und Kindern beschmutzten, so wäre ja allzuleicht zu eruiren gewesen, wer diese Waffen commandirt hat. Ueber die letzten Vorgänge im Gerichtssaal wird, .gemeldet: Einen niederschmetternden Eindruck auf das Gericht machte die Aussage des Polizeiofficiers Blagoj. Er erklärte, daß er sich während der Exceffe im Vorort Skuljanska befand. Ein starkes Militäraufgebot von etwa 200 Mann beobachtete zuerst ruhig die Exceffe, dann begannen die Soldaten den Excedenten beizustehen; sie raubten viele Waaren und nahmen sie mit sich. Der Regimentschef fühlte sich nachher veranlaßt, eine Untersuchung anzustellen. Im Laufe von drei Wochen wurde ein Theil der von den Soldaten geraubten Waaren auf das Polizeiamt partienweise gebracht. Weiter erklärte Blagoj: Die Juden haben sich während der Exceffe ganz passiv verhalten und unternahmen nichts, was man als Angriff hätte deuten können. Da ich keine Verhaltungsordre hatte, so versuchte ich die Excedenten zu besänftigen, diese . aber spotteten, meiner und erklärten mir: „Du hast kein Recht, uns zu verbieten, wo uns der heilige Synod erlaubt hat, über die Juden herzufallen." Auch zwei Deutsche wurden vernommen. Weidemeier erklärte, daß während der Exceffe ein Arbeiter ein Telegramm mit lauter Stimme verlesen und dabei gerufen habe: „Ein Befehl von oben ist eingetroffen, worin angeordnet wird, über die Juden herzufallen, sie zu schlagen und zu berauben." Herzzerreißende Scenen spielten sich ab, als die Verwandten der Ermordeten vernommen wurden. Durch minutenlanges Schluchzen wurden die Zeugen verhindert, die Einzelheiten der bestialischen Vorgänge zu beschreiben. Selbst in den Augen der Richter perlten Thränen, als diese Zeugen mit den Mördern conftontirt wurden. Die Aussagen der übrigen Zeugen bestätigten nur das, was schon von den früheren durch unwiderlegbare Thatsachen erwiesen worden war. Wichtig und von geschichtlicher Bedeutung war eine Rede eines der Vertheidiger, welche die Vertretung niedergelegt haben. Im Namen mehrerer Vertheidiger der Angeklagten hielt Rechtsanwalt S. P. Schamonin aus Moskau zur Begründung der Mederlegung der Vertretung folgende, die juristische Situation beleuchtende Rede: „Eine Reihe neuer Umstände, welche während der Verhandlungen hervorgetreten sind und ein neues Bild der stattgehabten Exceffe geben, zwingen unsere Vertheidigergruppe, das Ersuchen zu stellen, daß die ganze Angelegenheit auf Grund des 8 549 der Strafproceßordnung an die Voruntersuchung zurückgeleitet werde, da die zu Tage getretenen Momente einerseits dem Verfahren eine ganz andere Richtung geben müßten, andererseits für die Qualification der den Angeklagten zur Last gelegten Handlungen eine neue Grundlage bieten. Es wurde vor Gericht klargelegt, daß der Gouverneur schon vor dem 19. April von den bevorstehenden Exceffen verständigt war. Es hat sich gezeigt, daß zu Gunsten der Ausschreitungen durch Proclamationen agitirt war, welche in Restaurants und - sonstigen Localen zur Verteilung gelangten und von - der dunklen Volksmasse gelesen wurden; in diesen Flugblättern wurde zu den Ausschreitungen förmlich aufgefordert, indem für die Betheiligung Straflosigkeit