Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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>a*PffiWWtawäid8i»S^ Seite 824 füllen dir Allmächtiger eine gar geringfügige Kleinigkeit ist. Gib wenigstens ein Stückchen trockenen Brotes für meine Frau und meine kleinen Kinder, wenigstens irgend ein Gewand zum Bedecken ihrer Körper. Für mich bitte ich um nichts, nur für sie, für sie!" Und wenn Wolf einige Gülden nach Hause bringt, begrüßen ihn seine Kinder mit lauten Freudenrufen, denn an dem strahlenden Gesicht des Vaters erkennen sie, daß er heute einen „glücklichen" Tag gehabt hat. Und er legt, nicht ohne einen gewissen Stolz, das verdiente Geld auf den Tisch. „Da, Frajde!" sagt er, „nimm, Gott hat es gegeben!" Und die Frau eilt hinaus, kauft Mehl und beginnt Teig zu Nudeln zu kneten. Voll Freude tanzen die Kinder um die Mutter umher und lachen lustig miteinander und Reb Wolf setzt sich an den Tisch, ruft seine älteste Tochter, Rachel, zu sich, und von seinem Familienglück berauscht, spielt er mit des Kindes hellen, seidenweichen Haaren. Doch findet dies nur selten statt. Am häufigsten — leider! — geschieht es, daß Neb Wolf mit gesenktem Haupte durch die niedere Thür sich hereinschleicht und schuldbewußt still in einen Winkel sich setzt. Er wagt nicht, Rachcl's helles Haar zu streicheln, denn er weiß, daß er dessen nicht würdig, daß er Strafe verdient hat, und am liebsten wäre es ihm, wenn ihn Frau und Kinder wirklich strafen würden. Aber obgleich Niemand ihm seines Ungeschicks halber zürnt, er weiß, daß seine Frau hungrig ist, daß die Kinder hungrig sind, er sieht, wie still und traurig sie sich zur Ruhe begeben, und sein Herz will brechen vor Verzweiflung! Höchstens sagt mal seine Frau: „Gräm' dich nicht, Wolf! Gott wird uns nicht verlassen, er wird uns noch ein großes Glück bescheeren!" Und ihre Stimme zittert in Mitgefühl und Güte und diese Güte dringt mit stechenden Dornen in sein Herz .... Ihm wäre es lieber, wenn sie ihm fluchen würde, wie dies so Viele thun, deren Männer zu nichts nütze sind .... Ihm wäre lieber, sie schlüge ihn! Es wäre dies nur eine verdiente Strafe und er würde weniger dabei leiden, als jetzt .... Und in solchen Augenblicken bemächtigt sich seiner der Geist des Bösen und flüstert chm zu: „Ja, Gott ist mächtig, Gott ist barmherzig und ein Stückchen trockenen Brotes kann er den armen, unschuldigen Kindern nicht geben?" Und Wolf fühlt, wie riesengroß die Sünde, die er durch dieses Murren begeht, aber der Geist des Bösen — jecer hora — hat jetzt die Oberhand über den frommen, sanftmüthigen Reb Wolf gewonnnen. * * * Rachel liebte Wolf mehr noch als seine übrigen Kinder, und zwar weil sie seiner seligen Mutter so ungemein ähnlich war. Wenn er in ihr weißes, ernstes Gesichtchen blickt, ist ihm, als sähe er seine Mutter vor sich; ihre Güte, Sanftmuth, ihre sorgcndurchsurchtc Stirn .... So lange sie am Leben war, brauchte Reb Wolf gar nicht an das Erhalten seiner Familie zu denken: die Tage verbrachte er über den Büchern im Bethha-midrasch und wenn er des Abends heimkehrte, erwartete ihn seine Frajde und in der Wiege sein schönes Kind — Rachel! Gott! er denkt ihr kindliches Lächeln, die ersten Klänge ihres unverständlichen Lallens, den Glanz ihrer großen, feuchtschimmernden Augen .... Dann starb die Mutter, der Schwiegervater verlor sein Vermögen und Reb Wolf war darauf angewiesen, mit leeren, ungeschickten Händen das tägliche Brot für-sich und die Seinen zu erwerben. Und nun begann ein Leben, dessen Last fast unerträglich schien. Reb . Wolfs Können war gleich Null, so lief er denn tagelang wie rasend umher, suchte, schnüffelte wie ein Spürhund, versuchte Alles, griff nach Allem und — trug abwechselnd Wunden und Brandblasen davon .... So auf diese Weise wurde Reb Wolf ein „Kaufmann". Nr. .51 Mittlerweile wächst Rachel, entwickelt sich und wird immer hübscher; ihre Augen, die immer trauriger blicken, werden innner dunkler, und zwei dichte, helle, seidenweiche Flechten strömen auf ihre Schultern, aus ihr ärmliches, geflicktes Kleidchen nieder . . Ani Samstag, dem feierlichen Ruhetage, da Niemand seiner Sorgen gedenkt, sitzt die schöne Rachel in ihrer Eltern niederen Stube, blickt hinaus auf die Straße, auf der es von Spaziergängern wimmelt und erkennt alle ihre Gefährtinnen; jede trägt ein Festtagsgewand, ganze, blitzblank geputzte Stiefelchen, jede schreitet zufrieden lächelnd einher; nur sie muß 51t Hause sitzen, denn sie schämt sich ihres zerrissenen Kleides, ihrer durchlöcherten Schuhe ... Reb Wolf sieht dies, sieht den Schinerz seines Kindes, und sein Herz krampst sich zusammen in Mitleid; er tritt an seine Frau heran, zeigt auf Rachel und sofort beginnt die Frau, ihm etwas vorzustellen. Doch er null nichts davon hören . . . Energisch verneinend schüttelt er das Haupt und sein durchsichtiges Gesicht wird noch blässer. „Nein! Nein! Nein! Nicht um alle Schätze der Welt!" Die Frau jedoch sucht ihn zu überzeugen: „Warum soll Rachel nicht ins Kaffeehaus gehen, wenn man sie darum ersucht? Viel Arbeit gibt's dort nicht; die Gäste bedienen — das ist Alles . . . Sie wird sich eine Mitgift zusammensparen, und dann heiraten können. . . Was sonst kann aus ihr werden?" Und nach Verlauf mehrerer Wochen trat Rachel ihren Dienst als Kellnerin in einem Kaffeehause des jüdischen Stadtviertels an . . . -fl * *■ Allabendlich versammelt sich die arbeitende Jugend im Kaffeehause, um sich die Zeit mit Plaudern, Damenspiel und Zeitungslectüre zu vertreiben. Die Tische sind dicht mit Gästen besetzt; bedienend und Aller Wünsche beftiedigend, geht Rachel zwischen ihnen umher. Sie muß die Späße der Gäste anhören, ein wenig dazu lächeln, und darf nicht böse werden, wenn der Eine oder Andere ihre Hand und sogar . . . ihr Haar berührt. Indessen beginnt Rachel sich an das neue Leben zu gewöhnen. Der Trubel im Kaffeehause fängt sogar an, ihr gewissermaßen zu behagen; gern hört sie die ihr zugeworfenen Schmeichelworte, freut sich beim Lobe ihrer Schönheit, lächelt schelmisch, wirft gefallsüchtige Blicke um sich, und streift ihre Schüchternheit immer mehr ab . . . Jeden Abend kommt Reb Wolf ins Kaffeehaus, setzt sich in eine Ecke an eines der Tischchen, stützt den Kopf in die Hand, und unausgesetzt verfolgt sein Blick jede Bewegung seiner Tochter. Das ist sein theuerstes Kind, sein Blut und seine Seele sein Alles, was er liebt auf dieser Welt, das ist seine Rachel, die man mit solcher Geringschätzung zu behandeln sich erlaubt!! Einer der Gäste, — das Geld das sie ihm herausgibt, in Empfang nehmend — ergreift ihre Hand und drückt sie lange, lange . . . Gott! wie lange er ihre Hand in der seinigen hält! . . . Dann nähert sich ihr ein Jüngling und mit einem halb höhnischen und gleichzeitig zweideutigen Lächeln ftagt er sie herausfordernd: „Rachel, willst du meine „Braut" werden?" Und so gefallsüchtig wendet sie sich von ihm und Alle lachen laut . . . Doch was für ein Lärm entsteht plötzlich im Kaffeehaus? Voll Schreck sind die Gäste aufgesprungen, ohne zu wissen, was Reb Wolf geschehen ist. Denn mit einer Stimme, die gleichsam gar nicht die seine, schrie er auf, warf sein Tischchen um, und wie rasend aus Rachel zustürzend, ergriff er sie am Arm und begann wie besinnungslos zu rufen: „Nach Hause! komm nach Hause, Rachel! Ich kann dies nicht mehr mitansehen! Allein werde ich Alles für uns beschaffen, und ich will nicht, daß du verdienen sollst! Ich will nicht! ich will nicht!" Und wieder sitzt die schöne Rachel zu Hause, und wieder kommt ein Samstag, und alle Mädchen gehen spazieren, und alle sind festtäglich geputzt, nur sie muß einsam zu Hause bleiben. Dr. Mocb's Mocbenscbritt.