Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-18 · 51 (18.12.1903) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
51 (18.12.1903)
Date
1903-12-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021545--13220-3037859
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 51 Dr. Dlocb's Mlocbenscbritt. Sette 81S hindern, seiner Pflicht bis zum Ende nachzukommen; er muß alle Mittel erschöpfen, die ihm das Gesetz an die Hand gibt. Ich will genau angeben, in welchen Thatsachen und Umständen ich die Anzeichen einer Organisation und Vorbereitung zu den Excessen finde. Es sind eben diejenigen Thatsachen, welche seitens der Voruntersuchung nicht nur nicht genügend beleuchtet, sondern geradezu sorgsältigst verschwiegen wurden. Vor Allem bitte ich Sie, Ihre Aufmerksamkeit aus das äußere Bild der Vorgänge des 20. April zu lenken; in der Stadt war eine mehr als außerordentlich starke Militärmacht, die zur Unterdrückung ausreichend gewesen wäre; die Regimenter standen in Bereitschaft, in Erwartung der Befehle und inzwischen gänzlich unthätig. Die Juden hatte man entwaffnet, man gestattete ihnen nicht, sich zu sammeln und sich zu vertheidigen. Dann geschieht, wie auf ein gegebenes Sigual, etwas Entsetzliches: Es zerstreuen sich kleine Banden in den Straßen, zu gleicher Zeit entstehen an unzähligen Orten, an alten Ecken und Enden der Stadt gleichmäßig verlaufende Ausschreitungen. Ist das die Explosion einer Volksleidenschaft? Nein! Im Communique der Regierung wurde angeführt, irgend ein Zusammenstoß zwischen dem jüdischen Karusselbesitzer und einer christlichen Frau habe Anlaß zum Entstehen der allgemeinen Bewegung gegeben, die Untersuchung jedoch hat diese Behauptung umgestoßen. Es zeigt sich, daß ein Grund gesucht wurde und daß man nachträglich einen solchen erdichtet hat, da es in Wirklichkeit keinen gab. Wäre aber ein Grund vorhanden gewesen, so hätte sich sicherlich das Bild der stattgehabten Unruhen anders gestaltet und einen normalen, in gewissen Grenzen sich entwickelnden Verkauf genommen; ans einem Funken wäre vielleicht an einem bestimmten Orte ein verheerendes Flammenmeer entstanden. Hier aber wurde ganz etwas anderes beobachtet! An hundert weit auseinander liegenden Punkten wurde gleichzeitig Brandstiftung geübt, cs war ein notorisch künstliches Feuerlegen und kein natürliches Auflodern einer Volksleidenschaft! Und wie hörte plötzlich Alles auf, wie legte sich dieser Sturm, den man als elementaren Ausbruch der Volksgefühle deuten möchte? In einem Augenblicke fast war gänzliche Ruhe. Als bekannt wurde, daß „von Oben" ein Befehl ausgegeben worden sei, den Unruhen ein Ende zu machen, brauchte kein einziger Schuß abgefeuert zu werden, und sie waren zu Ende! Beruhigt sich so leicht eine aufgewühlte Volksmenge, die nach unwiderstehlichen inneren Impulsen handelt? Anfang und Ende der Ausschreitungen geschahen förmlich wie auf die Bewegung eines Zauberstabes! Die Vorgänge glichen einem bisher noch nie dagewesenen eigenartigen Festspiele, von dem der Beginn und der Schluß programmgeinäß angekündigt wurden. Sie müssen zugest'hen, meine Herren des Gerichtshofes, daß ich von der Wahrheit nicht um ein Jota abweiche und daß selbst nach den amtlichen Protokollen im Verlaufe weniger Stunden so viel Unheil angestiftet wurde, daß der Untersuchungsrichter mehrere Tage benöthigte, um sich eine Uebersicht zu verschaffen. Auf Grund verbürgter Thatsachen umß man sagen, daß ganz Kischencw während der Excesse gleichsam in einen gigantischen römischen Circus des Alterthnms verwandelt war, wo vor den klugen des vergnügt dreinschauendeu Militärs, der festlich applaudirenden Menge in der Tiefe der Arena sich das entsetzliche blutige Schauspiel entwickelt, daß von der einen Seite wehrlose Opfer hereingejagt, von der anderen wüthend gemachte Bestien gegen sie losgelassen werden; auf ein gegebenes Zeichen heißt es: Schluß!", und das grauenhafte Spiel endet plötzlich. Ich behaupte, daß die äußeren Merkmale der Vorgänge die besten Beweise für ihren inneren Zusammenhang und ihre Organisation sind." Karabtschewski analysirte hierauf die agitatorische Thätigkeit Krufchewan's im „Bessarabetz" und dessen Verbindung mit den „patriotischen" Hetzern wie Pronin und mit Analphabeten von der Art des Stepanow. Er kommt dann zuni Schluffe auf die mysteriöse Mission Lewendalls zu sprechen, der, wie zweifellos festgcstellt ist, mit der Agitation und den Plänen Krufchewan's Wohl vertraut war und bei den Excessen eine sehr traurige Rolle gespielt hat. Es sei genügend, darauf hinzuweisen, daß der frühere Gouverneur v. Raaben schon bereit war, auszufahren und Befehle zur Wiederherstellung der Ordnung der Ordnung zu ertheilen, als ein magisches Wort Lewendalls ihn daran hinderte. „Was war das für ein Wort? Man müßte Lewendall einvernehmen, aber das ist nicht erfolgt; nicht einvernommen wurde auch Herr v. Raaben selbst, der vielleicht weniger schuldig ist, als bisher angenommen worden ist. Er war vielleicht selbst ein Opfer eines Betruges und lügenhafter amtlicher Rapporte. Solange alle diese Dinge vom Gerichtshof ignorirt und künstlich aus dem Processe ausgeschieden werden, erachten meine Collegen und ich es für ganz unmöglich, die Vertretung der Privatkläger fortzuführen." (Korrespondenzen. Eine Synagoge von der epecutiven Feilbietung bedroht Die Ueberfchrift wird demnächst geändert werden. Sie wird lauten: Eine Synagoge executiv feil ge boten. Eine Synagoge vor den Thoren Wiens, an der Südbahnstrecke Atzgersdorf—Liesing! Feilgeboten, in einen Pferdestall umgewandelt! Der Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen in Wien, der sich sonst immer in beispielgebender Weise bewährt, scheint in diesem Falle wie gelähmt. Die gefammte Judenschaft Wiens vermochte nicht die Riesensumme von 4600 Gulden, richtig nunmehr den Fehlbetrag von 2834 Gulden 50 Kreuzer aufzubringen! Seit ich vor nahezu drei Wochen in Ihrem weitverbreiteten Blatte, in der Nummer vom 4. December den Aufruf an meine Glaubensbrüder veröffentlichte, sind eingeflossen: Eine Spende zu 100 Gulden und in kleinen Spenden bis zu einem Gulden herab, 65 Gulden 50 Kreuzer, zusammen 165 Gulden 50 Kreuzer. Wird dieses Geld zu den früher gesammelten 1600 Gulden hinzugezühlt, so verbleibt noch der oberwähnte Fehlbetrag von 2834 Gulden 50 Kreuzer, welchen wir allesammt zu beschaffen nicht vermögen!! Da entsinne ich mich einer sehr schönen Ansprache unseres hochverehrten Oberrabbiners Dr. Güdemann über die Pflichten des Besitzes. Er meinte: Gar oft habe im wahren Sinne nicht der reiche Mann das Geld, sondern das Geld habe ihn! Oder ist unser Herz nur dann empfänglich und unsere Hand nur dann hilfsbereit, wenn es die Linderung menschlichen Elends gilt und fehlt uns die Empfindung für die hier uns Allen drohende brennende Schmach! Eine Leserin Ihres Blattes, Frau Rosa F. hat letzthin diesem Empfinden in wahrhaft rührenden Worten den ergreifendsten Ausdruck gegeben. Nur ihr Finanzplan, es möge jede jüdische Frau, die Sommers über vor dem kleinen, schmucken Beth-Hakneseth vorbeifuhr, eine Krone spenden, ist allzu phantastisch. Mit solch' kleinen Spenden ist das derzeit noch vorhandene Deficit von 2834 Gulden 50 Kreuzer nicht zu decken. Hier gilt wie überall und heute, wo die Verarmung in den mittleren Schichten mehr als je um sich greift, das Gebot unserer Bibel: Isch kematnath jodau, ein Gebot, dem auch ich mich unterziehe! Wien, 18. December 1903. Dr. Alfred Stern. (Spenden.) Zur Erhaltung des Tempels in Atzgersdorf-Liesing sind uns X 11 — unter der Chiffre: S ammlun g von Ern st Schüller infolge ber guten Idee von Frau Rosa F., von Herrn Josef Sachs in Wien X 10.-, sowie von „Hauserl aus seiner Sparcaffa" X 5.—, von Herrn Dr. Sigmund Hahn in Wien X 4.—, Herrn Alois Lederer in Wien X 2.—, unter „Einen, dem das Tempelchen an der Südbahnstrecke stets innige Freude gemacht" K 5.- , von Herrn Kallina X 1.—, von den Herren Dr. Herm. und Immanuel Bruch, Hof- und Gerichts-Advocaten in Wien X 20.-. von Herrn Herm. König in Wien X 6.—, von Frau Rosa Bauer in Wien K 1—. aus einer von Frau Rosa F. eingeleitete Sammlung X 10.—, zu welcher beigesteuert haben: Frau Babette L. X 3.—, Fräulein Therese Singer X 1.—, Frau Ernestine Brecher X I.—, Frau Adele Friedmann X 1.—, Frau Sidonie Kahn XI.-, Frau Anna K. X 1.—, Frau Sofie Kremenezky X 1.—, Frau Philippine Gelbhaus X I.— zugekommen. Löbliche Redaction! Zwei Frauen, die des Oesteren vom Conpsfenster aus mit gleichen Empfindungen wie Frau 9t F. an dem Anblicke des bescheidenen Tempelchens hart an dem Geleise der Südbahn sich erfreut haben, übersenden anbei X 20.— als ihr Scherflein zu dem Zwecke, dieses Gotteshaus seiner Bestimmung zu erhalten. Möge dieses Beispiel der Frau R. F. recht viele Nachahmer finden, auf daß der thatsächliche Zweck bald erreicht werden soll.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.