Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 820 Dr. Mocv's MlocvenscbrLkt. Nr. 51 Die Generalversammlung des „Hilfsvereines für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" fand unter dem Vorsitze des Herrn Vicepräfi'denten Sigmund Mayer am 8. December d. I. im großen Saale des Humanitätsvcreines „Wien" Bnai B'rith bei zahlreicher Betheiligung der Delegirten der Ortsgruppen statt. Als Vertreter der israelitischen Cultusgemeinde Wien erschien Herr Baurath Th. R. von G o l d s ch m i d t, als Mitglied der Vereinsleitung und Vertreter der Cultusgemeinde und Ortsgruppe Lemberg der Reichsrathsabgeordnete Dr. Emil Byk. Von den befreundeten Körperschaften waren vertreten: der Verband der israelitischen Humanitätsvereine Bnai B'rith durch den Präsidenten, Herrn Dr. M. H a m m e r s ch l a g, die „Israelitische Allianz" durch die Herren Wilhelm Pappenheim und Dr. Kaminka, die „Jca" durch Herrn D. Rotte r, das Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung, dessen Präsident durch Unwohlsein verhindert war, durch Herrn Dr. Asche r. Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung um halb 5 Uhr. Nachdem er die statutengemäße Einberufung der Generalversammlung constatirt, begrüßt er die erschienenen Vertreter der Ortsgruppen, der befreundeten Körperschaften und die Ehrengäste. Er theilt sodann mit, daß zum großen Bedauern des Ausschusses Herr Maxiin. Paul-Schiff von seiner Stellung als Obmann des Hilfsvereines zurückgetreten sei und beantragt namens der Vcreinsleitung, Herrn Maxim. Paul-Schiff für sein erfolgreiches Wirken den Dank zu votiren, diesen Dank protokollarisch zu verzeichnen und Herrn Paul-Schiff zur Kenntnis; zu bringen. (Der Antrag wird mit allgemeiner Acclamation und Erheben von den Sitzen angenommen.) Der Vorsitzende theilt weiters mit, daß der bisherige Secretär des Hilfsvereines, Herr Dr. Alois P o l l a k, auf seine Stellung resignirte, daß ihm in der Vcreinsleitungssitzung für seine eifrige und erfolgreiche Thätigkeit der Dank votirt und er einstimmig zur Wahl in die Vereinsleitung vorgeschlagen wurde. Es ist nun gelungen, Herrn Dr. H e rs ch in den Ausschuß zu cooptiren und hat derselbe die Leitung des Bureaus übernommen. (Zustimmung.) Zur Tagesordnung bemerkt der Vorsitzende: Das von unserem Vereine unternommene Werk, die Jndustrialisirung eines Landes oder eines Theiles der Bevölkerung, ist bisher nur von Regierungen versucht worden. Einer Regierung stehen zu solchem Zwecke große finanzielle Mittel zur Verfügung. Sie verfügt aber auch, um eine Industrie zu erzwingen, über das große Machtmittel des Zollschutzes. Unsere Vereinigung besitzt keine solchen Machtmittel, verfügt nur über geringe finanzielle Ressourcen. Die Arbeit, die sie durchführen soll, gleicht der langsamen Aufforstung eines Karstgebietes. Wir verkennen nicht die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich uns gegenüberstellen. Vor Allem die Größe der Ausgabe. Doch zeigt sie sich, ziffermäßig erfaßt, nicht als unlösbar. Rechnen wir von den 800.000 jüdischen Seelen in Galizien vorerst die weibliche Hälfte, die nur mit einem verhältnißmäßigen Percentsatze mitzuzählen ist, ab, und ebenso von dem verbleibenden männlichen Theile der Kinder unter vierzehn Jahren, die Greise — berücksichtigen wir ferner, daß doch ein ziemlich ansehnlicher Theil der jüdischen männlichen Bevölkerung im Stande ist, seinen Erlverb im legitimen Handel zu finden, so reducirt sich das Problem darauf, ungefähr 100- bis 150.000 Menschen, die heute erlverbslos sind, durch Arbeit Erwerb zu verschaffen. Das ist möglich, denn wir haben in den letzten zwei Jahren schon einige Tausende Menschen dem Erwerbe zugeführt. Auch das zweite Hindernis;, die sehr peinliche Indolenz und Theilnahmslosigkeit gerade der jüdischen Geschäftskreise, jüdischen Unternehmer u. s. w., an die wir uns gewendet haben, hoffen wir zu überlvinden. Wenn einmal durch die Einführung von Hausindustrie ein bestimmtes Arbeitsmaterial geschaffen sein wird, so werden sich schließlich Unternehmer bereit finden, in ihrem eigenen Geschäftsinteresse diese Arbeitskraft, wie sie so billig in ganz Oesterrelch nicht mehr existirt, zu benützen. Wir haben darum unsere ganze Kraft zunächst der Einführung der Hausindustrie gewidmet. Unser Programm ist allerdings ein ungleich größeres und erstreckt sich auf die geistige Hebung der jüdischen Bevölkerung in Galizien, aber vor Allem muß Erwerb geschaffen lverden, dann wird auch das geistige Niveau sich heben. Als vor einem halben Jahrtausend Casimir der Große die Juden ins Land rief, that er es, weil die Juden damals materiell und culturell höher standen als die polnische Bevölkerung; erst die aus den verschiedensten Gründen speciell über die dortigen Juden ganz besonders hereinbrechende wirthschastliche Noth hat sie auch geistig verelenden lassen. Meine Herren! Zum Gelingen unseres Werkes gehört dreierlei: Muth, Geschicklichkeit und eine unerschütterliche, „leidenschaftslose Beharrlichkeit". Muth hat unser Verein bewiesen, indem er es überhaupt gewagt hat, dieses große Werk in Angriff zu nehmen. Eine gewisse Geschicklichkeit glauben wir in dem bewiesen zu haben durch das, was wir bis jetzt geleistet haben, und die unerschütterliche Geduld werden diejenigen jüngeren Kräfte zu erweisen haben, die nach uns fortsetzen werden, was wir Alten, Ausgedienten begonnen haben. (Lebhafter Beifall.) Der Secretär Herr Dr. Alois Pollak erstattete den Bericht, dem wir folgendes Wesentliche entnehmen: Die Haarnetz-Industrie wurde in diesem Jahre in weiteren 21 Ortschaften neu eingeführt, so daß im Vorjahre um diese Zeit in 72 Orten mit einer Arbeitsentlohnung von circa 5000 Kronen wöchentlich, jetzt in 93 Orten mit einem Arbeitslohn von circa 10.000 Kronen wöchentlich diese Heimarbeit betrieben wird. Weiters ist hervorzuheben, daß die Arbeiter nicht nur von Wiener und ausländischen Exportfirmen beschäftigt werden, es haben sich auch in Galizien selbst Unternehmer gefunden, welche diese Industrie betreiben und die Haarnetze an die großen Exporteure liefern. Von der zweiten und dritten Industrie, die wir uns im lausenden Jahre einzuführen bestrebten, können wir vorläufig noch keine günstigen Resultate berichten. Es ist das die Spiel- und Drechslerwaaren-Jndustrie, welche durch die ungünstige Conjunctur, die in diesem Artikel eintrat, gegen die Concurrenz nicht aufkommen konnte; jedoch haben wir die Absicht, sobald die Verhältnisse günstiger geworden sind und wir den richtigen Unternehmer finden, wieder aufs Neue fortzusetzen. Weiters haben wir in einem sehr armen Orte Unterricht in der Korbwaaren-Erzeugung ertheilen lassen. Der Absatz dieser letzteren Erzeugnisse wurde gesichert und hoffen wir nach 2—3 Jahren circa 80 Arbeiter ausgebildet zu haben, die in dieser Branche dauernden Erwerb finden werden. Als fünfte Industrie wurde von uns die Herrenkleider- Lohnconfection eingeführt. Wir gingen dabei von zwei Gesichtspunkten aus: 1. Daß dies eine Industrie ist, welche verhältnißmäßig viele Personen beschäftigen kann und daß sich dieselbe von selbst immer weiter und weiter ausdehnt. 2. Daß die Qualität der Arbeit und dadurch auch der Lohn in Galizien gehoben werden soll. Wir können uns der Hoffnung hingeben, daß diese Industrie zu einem guten Resultate führen wird. In Vorbereitung haben wir die Erzeugung von Schuhen für den Export und von solchen Spitzen, welche hauptsächlich große Exportartikel sind. Wir unterstützen endlich in Skole den Unterricht in englischer Sprache an Handwerker, die auszuwandern beabsichtigen. Im Jahre 1902 hatte unser Verein 35 Ortsgruppen mit 3470 Mitgliedern und 221 Mitgliedern, die in verschiedenen Orten wohnen, wo vorläufig noch keine Ortsgruppe besteht. Zusammen hatten wir also 3691 Mitglieder, welche Kronen 33.600*23 als Mitgliedsbeiträge leisteten. Ansehnliche Spenden sind uns zugekommen vom Hilfscomito für osteuropäische Juden in Frankfurt a. M., vom Hilfsvereine der deutschen Juden in Berlin und vom Curatorium der Baronin Clara Hirsch- Stiftung. Zu unserem Bedauern können wir aus eine gleiche Opserwilligkeit der Wiener Kreise nicht Hinweisen.