Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 51 Dr Blocb’s Mocbenscbrift, Seite 817 billig herumreicht. Bei Abenddämmerung wird geschlossen und gruppenweise strömen sie dem entlegenen sumpfigen Judenviertel zu. In seiner zahlreichen Familie oder in einem Nächstliegenden türklschen Kaffeehause bringt er die Zeit bis zum frühzeitigen Schlafengehen zu. Die Jugend pflegt auch auf den Straßen hin und her zu spazieren, verschmäht auch nicht, in die nächstgelegenen Auen ihren Spaziergang zu erweitern, was mit den Gewohnheiten der herrschenden Bevölkerung nicht übereinstimmt. Sie verspürt die Lust nach der Freiheit und nach dem Grün der Felder und Hügel. Die Unterhaltung bei Reich und Arm, zuhause oder im Kaffeehause ist dieselbe. Auf langen Divans sitzen sie auf den gekreuzten Unterschenkeln. Es wird geraucht, gesungen, Kaffee geschlürft und Karten gespielt, nebstbei viel herumgestritten, oder besser gesagt, Alles spricht auf einmal zum Gegensätze der Türken. Sie haben doch unter der heißen Sonne Spaniens gelebt. Mit den christlichen Mitbürgern verkehren sie selten und benützen häufiger die türkische als die bulgarische Sprache, diese fast nur in der Haupstadt. Umso mehr, als die erstere ihrer orientalischen Feinheit wegen auch von den älteren Bulgaren gepflegt wird. Da nach Außen der Associationstrieb begrenzt ist, findet er umso eher in der ausgedehnten Familie statt.' Folgedeffen sind in einem noch so winzigen Geschäfte 2 bis 3 und noch mehrere verwandte Theilhaber, der Vater mit den Söhnen oder Schwiegersöhnen, die häufig früher seine Bediensteten waren, den Vettern oder sonstigen entfernten Verwandten. Der Gesammtnutzen wird den Bedürfnissen nach getheilt, nur sind die Theile am häufigsten so klein, daß Noth und Elend dem Juden Bulgariens nichts Unbekanntes sind. Umso mehr, als die Familien zahlreich mit erschöpften Großeltern, noch ärgeren, weiblichen Verwandten oder nahestehende Waisen vergrößert werden. Die Händler und Handwerker verdienen ein bis mehrere Francs täglich, aber ihre Lasten sind verhältnißmäßig zu schwer. Am Ende ist es ihnen nicht unmöglich, ihr Leben zu fristen. Die Noth hat sie eine Lebensweise gelehrt, die ihr Elend widerspiegelt. Und diese bilden sozusagen die mittlere Schichte der bulgarischen Juden, deren Lage sie in crassester Weise jeden Augenblick zum Proletariat stempelt. Die höhere Schichte der Wohlhabenden, die spärlich vertreten sind, stehen gegenüber einer Ultraproletarierclasse, die zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung bildet. Tie Letzteren leben förmlich von der Luft. Nicht einmal ein ehernes Lohngesetz Lassalle's könnte hier seine traurige Bestätigung finden. Es sind Fuhrleute, Träger, Hausierer, Straßenverkäufer vou Nahrungsmitteln, alten Kleidern, Wirkwaren, deren Läden die freie Straße oder im besten Falle die Nische eines Hausthors bildet. Man muß aber in Bulgarien längere Zeit gelebt haben, um zu begreifen, was unter diesen Beschäftignngeir zu verstehen ist. Sie handeln mit allem Mögliäien, nicht selten mit Kleinigkeit n. die kaum noch einen Werth haben. Ihr Elend prägt ihnen Einen. Ein Verdienst von 25 bis 75 Kreuzer ist eine erwünschte Ernte nach einem mühevollen, langen Tag. Und dazu ist nach bulgarischen Verhältnissen das Hauptstadtleben theuer. Will man deren Lage genauer ergründen, kommt die erstaunensvolle Frage auf die Lippen. Wovon leben diese Enterbten? Und in der Wirklichkeit führen sie ein kummervolles, bedauernswerthes Dasein. Sie schleichen wie die Gespenster bei Hellem Tage. Sie leben alle auf einen Hausen in dem allerwenigst hygienischen Stadttheile, viele in niedrigen Lehmhütten Dies ist das Elend in der Beamtenhauptstadt Sofia. In Philippopel, das. mehr eine Handelsstadt ist, wo die Lebensmittel und der Hauszins wohlfeiler sind, scheint die Lage dieser Unglücklichen erträglicher zu sein. Dies gilt aber nur für den mittleren Stand. Ich kenne Beispiele, wo Philippopeier, verheiratete Handclsangestellte mit 3 bis 4 Kinder, die einen Monatsgehalt von 50 bis 60 Frans bezogen, also zur zweiten Schichte gehörten, nicht zu den Bcdanernswerthen zählen. Die Handwerker und selbstständigen Ladenhändler sollen es noch kümmerlicher haben. Das Fleisch ist z. B. spottbillig (20 bis 25 kr. per Kilo) und doch gehört es zu den Luxusnahrungsmitteln, das nur für Samstag oder sonstige Ausnahmstage reservirt bleibt. Sie nähren sich sehr schlecht. Bei den Frauen kommt es noch eher znm Vorschein, da sie nie in reinere Luft hinauskommen, während die Männer gezwungen sind, ihren Erwerb in der Stadt nachzurennen. Es ist auch merkwürdigerweise zu bemerken, daß die Jüdinnen Bulgariens, die von den schönen Jüdinnen Spaniens abstammen sollen, keine Spur von Schönheit aufweisen. Was die Reichen anbetrifft, so darf man sich keine falsche Meinung über sie machen. Ein Mann der 10.00 bis 100.000 Francs besitzt, zählt zu dieser Gruppe. Und hat er die Endzahl, die wir angeben, erreicht, so wird er von seinen Glaubensgenossen als ein Millionär betrachtet und verehrt, zur größten Verwunderung des nicht Eingeweihten, denn deren Auftreten und Lebensweise ist weit entfernt, eine Wohlhabenheit anzuzeigen. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung wird auf 30.000 geschätzt, von denen die große Mehrzahl eben die oben beschriebenen Sephardim sind, während die der Aschkenazim sich etwa auf 2000 beläuft, die fast alle in den letzten zwei Decennien eingewandert sind. Die Hauptstadt Sofia zählt circa 8000, Philippopel 3000 Inden. In anderen wichtigeren Städten wie in Rustschuk, Varna, Jambol, Sliven, Tatar-Pozordjik, Pleven, Kistendil rc. gibt es kleinere Gemeinden. Viele Städte, und von den bedeutendsten wie die altbnlgarische Hauptstadt Tirnovo u. A., sind judenrein oder beherbergen eine oder zwei Familien von den sogenannten deutschen Juden, resp. Aschkenazim, die von den Bulgaren als Ausländer oder als Deutsche betrachtet werden Den Spaniolen wird in solchen Städten das Leben sauer gemacht, ein Kaufmann förmlich boycoltirt. In wenigen Dörfern zeigen sich Spuren von Juden. In der Unsicherheit seitens der bulgarischen Bauern ist der Grund hierfür zu suchen. Letzterer Zeit aber scheinen die Deputaten verschiedener Parteien auch in dieser Hinsicht das Beispiel von den wallachischen Gesetzgebern nachzuahmen, indem sie sich bestreben, durch ein ausgesprochenes Votum der Sobranje, das, was die Rauhheit der Dorfbewohner längst sanctionirt hat. zu befestigen, nämlich das Etabliren der Juden in den Dörfern zu verbieten. Dem bulgarischen ganz liberalen Verfassungsgesetze zufolge soll der Jude sich aller privaten und öffentlichen Rechte erfreuen. Er soll als Mitglied des Staates wie sein christlicher Mitbürger betrachtet werden. Er soll .... aber Asparuch's Nachkommen scheinen heute, >vie viele europäische hochgerühmte Völker, zu bereuen, was sie so freigebig im ersten Rausche des Enthusiasmus ihrer nationalen Wiedergeburt Hingaben. Was in Frankreich, Deutschland, Oesterreich erlaubt ist, kann für Bulgarien als kräftiger Ansfluß ihrer innewohnenden Barbarei nur wünschenswerth und nachahmenswürdig sein. Kam noch vor 25 Jahren die im Ausland akademisch gebildete Jugend mit dem altruistischen Gefühle in ihre Berge zurück, so bringet die heutige nebst einem Toctorentitel auch die großen wissenschaftlichen Errungenschaften eines Drumont, Rohling rc. mit und sucht dieselbe in ihrer Heimat zum Heil ihres Volkes zu verwerthen. Die gesetzgeberische Schlauheit und Spitzfindigkeit ihrer wallachischen Nachbarn scheinen den bulgarischen jungen Depntirten — die sich wichtig machen wollen — als geeignetes Mittel, sich und ihrem Volke zu dienen, obwohl die Umstände in diesen zwei Donauländern ganz verschieden sind. Und so konnte sich die letzteren Jahre die Sobranje rühmen, von derlei Empfindungsäußerungen heimgesucht zu werden. Die wallachische Ursprünglichkeit der Gesetzprojecte war nach der Paragraphenredigirung für den Eingeweihten leicht erkennbar, nur daß er noch eine verschlimmerte locale Farbe angenommen hatte und auch mit den macedonischen Wallachen tabula rasa zu machen gedachte. Nicht der edelgesinnten Majorität ist es zu verdanken, daß all' die verlangten drakonischen Maßregeln nicht ins Leben traten. Der Bulgare ist eben mit sich zu viel in Anspruch genommen. Die ihn zugrunderichtende Geldkrise einerseits, die diplomatischen Verwickelungen mit seinen Nachbarn anderseits geb.m ihm viel zu schaffen. Er hat noch keine Muße gefunden, sich mit den Juden näher zu beschäftigen. Aber verschoben ist nicht aufgehoben! Umso mehr, da in der Bälde das Fürstenthnm doch zum Königreich emporsteigen wird, was eine Aendernng der Landesverfassung zur Folge haben wird, und dieselbe wird gewiß nicht so freiheitlich gesinnt, wie die vor zwei Jahrzehnten sein. Nur die Blinden und Blödsinnigen werden in Bulgarien über unangenehme Ueberraschungen sich noch zu wundern haben. Die Klarsehenden erwarten derartiges als die natürliche Entwicklung des heute antijüdischen gährenden Processes. Wir befinden uns viel zu nahe der künftigen Katastrophe, um noch in optimistische Träume zu versinken. Von seiner Gleichberechtigung, rsets bürgerlichen Rechten, hat der Jude Bulgariens noch keinen »ennenswerthen Gebrauch machen können. In der ersten Zeit war er politisch viel zu unreif Er beherrschte weder die Sprache seiner Mitbürger und als treuer Anhänger, der bis dahin wirkenden türkischen Regierung und in deren Jndifferentismus versunken, stand er fern von allem politischen und revolutionären, Bulgarien durchziehenden Leben. Ja. er war ebenso unvorbereitet wie größtentheils der inländische Bulgare, denn eigentlich die aus Rußland, Rumänien oder sonst in Europa etablirten hergeströmten Bulgaren förderten und leiteten den 1876/77« Aufstand und übernahmen auch später die Leitung des neu wiedergegründeten Staates. Sogar die Bauern wurden von den verschiedenen Parteien, des herrschenden allgemeinen Stimmrechtes wegen, politisch erzogen. Die Juden würden vernachlässigt, nicht weil sie ein „gnantite nsoij^pig^ waren, sondern weil jede Regierung discretionäre Macht über sie besaß. (Fortsetzung folgt.) Der Proretz in Kischrnem Rechtsanwalt Karabtschewski hielt bei der Niederlegung der Vertretung der Beschädigten am 7. d. M. folgende Rede: „Meine Collegen haben mich bevollmächtigt, dem hohen Gerichtshöfe die Erklärung abzugeben, daß wir uns vollkommen der Ansicht der Vertheidigung anschließen, indem wir in Anbetracht der im Laufe der Verhandlung zu Tage getretenen neuen Umstände es für unmöglich erachten, daß der Proceß jetzt weiter geführt werde, und indem wir auf Grund des § 549 der Strafproceßordnung das Verlangen stellen, daß die Angelegenheit im Interesse der allseitigen Erschließung der reinen Wahrheit an die Voruntersuchung zurückgeleilet werde. Ich kann