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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-18 · 51 (18.12.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
51 (18.12.1903)
Date
1903-12-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 816 Dr. DIocb's MocbenscbrtN. Nr. 51 schon Etliches geleistet sür Kunst und Wissenschaft, für Freiheit und geistige Aufklärung, aber nun soll uns ein Licht aufgesteckt und der ganze Schwindel enthüllt werden. Bielohlawek wird den Franzosen schon heimleuchten und es ihnen ordentlich hineingeben, wie sie es verdienen. Es gibt noch Männer in Oesterreich,, die sich hinausstellen, wenn es gilt, ernste Probleme von der hohen Warte der Weltweisheit aus einer Erörterung zu unterziehen. Herbert Spencer ist todt, aber der Herbert Spencer von Wien lebt, — wohl uns! Die Juden können nicht abstract denken. Mit diesem scheinbar so sachlichen und scheinbar so harmlosen Axiom leitete der Philosoph E. Dühring jene antisemitische Propaganda ein, die nachmals so herrliche Früchte tragen sollte. Nun wird der Arier Bielohlawek belveisen, was abstract denken heißt. Dabei kann es aber nicht sein Bewenden haben, und daher sorgt der praktische Politiker Pfarrer Schnabl bei Zeiten für etwas Reelleres. Wie vor ihm der Prior Graf Mels-Colloredo, trägt nun auch dieser kirchliche Würdenträger sein Christenthum in das Volk, und zwar — er ist ein Praktiker — in das Volk der Leopoldstadt und noch dazu — man beachte die Umsicht — jetzt, zur Weihnachtszeit! Der gräfliche Prior fühlte sich noch in seinem Gemüthe bedrückt, als er in einer antisemitischen Versammlung das Wort ergriff. Es zerreiße ihm als katholischen Priester, als Diener der Religion der Liebe das Herz, wenn er wahrnehme, wie selbst hochgestellte Christen eine Freude daran hätten, den Juden zu mißhandeln, ihn leiden, womöglich verhungern zu lassen. Man weiß, daß.das nur die schöne Einleitung war zu der auch von ihm erhobenen praktischen Forderung: „Kaust nicht bei Juden!" Pfarrer Schnabl kennt den Rummel besser. Er hielt sich nicht erst lange aus mit beschönigenden Einleitungen, er fühlte sich im Gemüthe keineswegs beschwert, er legte in getvohnter Art gleich ordentlich los, wie es sich gehört in einer antisemitischen Wählerversammlung und wie es jeder einsichtige Redner thun wird, der nicht von Vorneherein verzichtet, sich den stürmischen Beifall des illustren Auditoriums zu erringen. Er weiß die Fassungskraft seines Publicums zu würdigen und paßt sich ihr an, er wird deutlich: „In Erinnerung an eine Inschrift auf einem Capellenkreuze bei Melk: „Jüdische Unduldsamkeit hat den Befteier der Menschheit an's Kreuz geschlagen. Christen merkt Euch das!" müsse auch er sagen: „Ja, merkt Euch das!" Der Beifall war natürlich ein kolossaler. Das Argument ist ein wenig weit hergeholt; örtlich aus der Gegend von Krems, zeitlich noch weiter, aber es wirkt und das ist die Hauptsache. Man muß sich vor Augen halten, daß es ein Priester ist, der so zum Volke spricht. Man brauchte kein Judenfteund zu sein, um es zu begreifen, daß auch ein katholischer Priester von Empörung erfüllt würde angesichts einer solchen Inschrift an einer Stätte, an welcher schlichte Menschen sich im Gebete zu ihrem Gotte erheben sollen. Aber das ist ja der antisemitischen Weisheit letzter Schluß: Merkt es Euch wohl, daß ihr die Juden zu verfolgen habt! Und das wird am helllichten Tage und am Abend bei Lampenbeleuchtung in den Wirthshäusern, bei den Wählerversammlungen in aller Oeffentlichkeit als Christenthum laut hinausgerufen, von priesterlichenWürdenträgern, von Dienern derReligion, laut und ohne Scheu, ohne Scham und ohne zu erröthen. Die katholische Religion ist die Religion der Liebe und der Judengott ist der Gott der Rache. Das ist die Lehre, die zu verkünden die katholischen Priester nicht müde werden. Und diese selben katholischen Priester rufen das Volk auf zur Rache, zu Haß und Verfolgung wider ein anderes Volk, um eines angeblichen Verbrechens willen, das es nun vor fast zweitausend Jahren begangen haben soll. Ja, um eines angeblichen Verbrechens willen. Denn ein Volk begeht niemals ein Verbrechen. Das begehen immer nur Jene, die es aufstacheln, es hetzen zur Rache, zu Haß und Verfolgung. Und wenn fchon die sittliche Forderung erhoben wird, daß das Volk nicht vergessen und nicht vergeben solle, — warum nur in dem einen einzigen Punkte? Warum wird nicht daran gemahnt, daß die ganze heilige Familie, daß Christus und die Apostel und die ganze Schaar der ersten Bekenner des Christenthums aus dem Judenthum hervorgegangen seien, und daß es darum gerade den Würdenträgern der christlichen Religionen wohl anstünde, ein Gefühl der Pietät zu predigen und ein Gedenken des Ursprungs all dessen, was ihnen vorzugsweise hoch und heilig erscheint. Gewiß, es ist thöricht, daran auch nur zu denken. Was würde denn aus der ganzen Tagesherrlichkeit der christlich-socialen Partei werden, wenn ihre Häupter gesalbt werden sollten auch nur mit einem Tropfen vom Oele der Liebe und Duldsamkeit? Es ist viel einfacher und dankbarer, das Fest der Liebe zum Anlaß zu nehmen, die Lehre der Rache und die Propaganda des Hasses zu verbreiten. Die alten Kainiten, diese Abart der Gnostiker im frühen Christenthume, hatten es auch scharf auf den Judengott, aber sie waren doch wenigstens konsequenter. Sie machten sich zwar das Vergnügen, die Paradiesesschlange, als die Bringerin des Bösen, zur Weltseele zu erheben, aber sie ernannten nebenbei auch den legendären Judas Jschariot zu einem ihrer obersten Heiligen, weil er Christum verrathen und so das Erlösungswerk vollenden half. Viel Logik ist auch darin nicht, aber schlechter ist sie wahrhaftig nicht als jene, die nach zweitausend Jahren ein ganzes Volk ans Kreuz schlagen will, weil es u. A. auch das ganze geistige Rüstzeug zur Erfüllung dieses Werkes vorbereitet und beigestellt hat. Whig. Die Juden in Bulgarien. . Von Dx. Bernard H. Lauby, Brüssel. Besucht man ein Städtchen Bulgariens und will man die Inden kennen lernen, so wird man gelegentlich auch den Weg zur Synagoge einschlagen. In einem großen, öden Hofe wird ein geräumiges, unästhetisches, im türkischen Styl gebautes, fast hölzernes, traurig sich emporhebendes Gebäude als solches angedeutet. Tritt man während der Gebetstunden eines Wochentages ein, bekommt man einige Greise zu sehen mit rothen Fez oder kleine schwarze Pelzmützen auf den Köpfen und mit dem Taleth auf den Achseln. Sie singen in einer wenig harmonischen, befremdenden Weise vor sich hin, und im ersten Augenblicke bemächtigt sich des aus fremden Lande kommenden Besuchers ein Zweifel, denn sonderlich, ja unverständlich erscheint 'in diesem jüdischen Raume jene langgezogene, trillernde, dem Türkischen ähnliche Melodie. Von Zeit zu Zeit werden ihre Stimmen durch einen sich tief hinausdehnenden Triller vernehmbar, um sogleich in die vorige Monotonie zurückzufallen. Erstaunt betrachtest du diese Alten mit ihren grauen Spitzbärten. Vergeblich suchst du bei ihren Ohren Locken zu entdecken, die bei allen Juden osteuropäischer Länder zu finden sind Blos der Taleth und der Mögen David bestätigen dir, daß du nicht auf falscher Fährte bist. Ja, es sind Juden! Es sind die Juden des Südens. Auf ihren vollen, bräunlichen Gesichtern scheinen noch die Leiden ihrer grausamen Erlebnisse eingeprägt zu sein. Der Besucher wird der Reihe ihrer Gebete nicht folgen können und auch nicht zu verstehen vermögen, wie sie lesen, da sie Sephard i m sind oder, wie sie sich selber nennen, Spaniolen im Gegensätze zu den deutsch-polnischen Juden — die Aschkenazim. Sie mauscheln auch nicht einen deutsch-polnischen Jargon, sie benützen ein neolateinisches, mit verschiedenen fremdklingenden, an die semitischen Sprachen erinnernden Elementen vermengtes Idiom. Und in der Wirklichkeit, die hebräischen, türkischen, sogar slavischen Sprachen haben diesen aus Spanien mitgebrachten sogenannten spaniolischen Jargon bereichert. Denn obwohl schon vier Jahrhunderte verstrichen sind, seit ihre Eltern aus dem zeitweiligen Adoptivvaterlande — Spanien — verjagt wurden, haben sie keinen Augenblick anfgehört, die Sprache ihrer Inquisitoren mit einem einer edleren Sache würdigen Eifer sortzupflegen. Und als eine lebendige Zeugin des Opfers, das sie ihrem Volke nnd Glauben gebracht haben, vertheidigten sie dieselbe, ja überschätzen sie sogar und nennen sie zur größten Ironie der erlittenen Qualen „Judesmo", jüdische Sprache. Unternimmt der fremde, neugierige Besucher einen Spaziergang in die Stadt oder Marktflecken, so wird er hölzerne Baracken (Buden) oder alte, gebrechliche Laden bemerken, die kaum dem Winde und Regen noch widerstehe i. Wirft er einen Blick hinein, so bekommt er niedrige, festgebaute, junge Männer mit kleinen, schwarzen Bärten, die früh alternde Gesichter umrahmen, zu sehen. Auch an schmächtigen fehlt es nicht. Sie hämmern, nähen, singen — es sind die jüdischen Handwerker und Händler. In den wurmig hölzernen Bretterbaracken gedrängt, arbeitet der Schneider neben dem Schuster, der Klempner neben dem Kürschner. Hier verkauft Einer Gemüse und Fleisch, ein Anderer Tuch oder Wirkwaaren. OefterS Entgegengesetztes in demselben Laden, denn jeder nimmt ja möglichst wenig Raum ein. Ihre europäische oder türkische Kleidung glänzt vor Armnth. In diesen dunklen kleinen Baracken verbringen sie tagein, tagaus ihr ganzes Leben. Ihre einzige Schwelgerei ist der Kaffee, den ihnen der türkische Kaffeesieder spott-

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