Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Str. 51 Dr. Dlocb s Mocbenscbrtkt, Seite 813 Neigungen rumänischer Kaufleute nie zu ernsten Reibungen aus geschäftlichen Gründen zwischen diesen und ihren jüdischen Berufsgenossen gekommen ist. Als Kaufleute sind auch die Juden von großer Bedeutung fiir den Staatssäckel. Obige Daten dürften ausreichen, um zu beweisen, welch tvichtiger Factor die Juden im rumänischen Handel sind. Sie bilden nicht nur den kleinen Kaufmannsstand, der im Schweiße seines Angesichts und im Kampfe gegen vielerlei widrige Umstände das Brot für sich und die Seinen erwirbt — sie spielen auch unter den Großhändlern eine ehrenvolle Rolle. Mir liegt der letzte Bericht der Jassyer Handelskammer vor. Der Wirkungskreis derselben umfaßt die Bezirke Jassy, Neamtz, Roman und Bastui, die stark von jüdischer Bevölkerung durchsetzt sind. Wir erfahren aus dem Berichte, daß der für Rumänien so wichtige Getreidehandel in diesen Bezirken, die ganz hervorragend an der Gctreideproduction betheiligt sind, soweit die Producenten nicht mit den Brailaer Exporteuren (zum Theil auch Juden) abschließen, von 25 ausschließlich jüdischen Firmen betrieben wird. Die Zahl der Kaufleute im Allgemeinen betrug in den Hauptstädten dieser Bezirke 2509, wovon 2244 fremde (zum allergrößten Theil Juden) und 265 Rumänen. Aber ebenso wie sie immer mehr aus den Handwerken verdrängt werden, ist auch ihre Zahl im Handel weit davon entfernt, in gleichem Maße wie die der Rumänen zu wachsen. So ist die Zahl der rumänischen Patent- (Gewerbesteuer-) Zahler im ganzen Lande von 58.291 im Jahre 1887 auf 68.802 im Jahre 1901 gestiegen, während die Zahl der jüdischen Patentzahler von 18.186 im Jahre 1887 auf nur 20.515 im Jahre 1901 gestiegen ist, wobei sich in den letzten vier Jahren ein augenscheinlicher Rückgang bemerkbar macht. In der Industrie, soweit Rumänien eine solche besitzt, ist es bei der Bedeutung, welche die Juden im Handel haben, ganz natürlich, daß sie gleichfalls eine ansehnliche Rolle spielen. Nach der letzten Statistik bestehen in Rumänien 217 Fabriken, welche sich der Vortheile des Gesetzes zum Schutze der nationalen Industrie erfreuen, also u. A. ein Capital von mindestens 30.000 Francs besitzen. Davon gehören 36 direct Juden, an 15 sind sie als Gründer oder Theilhaber betheiligt, und manchen, die als Actiengesellschaften bestehen, haben sie bedeutende Capitalien zugewendet. Von den 75 Fabriken, die sich im Bereiche der Handelskammer Jassy befinden, gehören dreißig Juden an. Auch im Bankfach nehmen die Juden eine bedeutende Stellung ein. Die ältesten Bankhäuser in Bukarest und Jassy, die noch bestehen oder bis vor ganz Kurzem bestanden haben, sind jüdische. Dazu gehört die Jassyer Firma Michel Daniel Fils, die auf einen fast hundertjährigen B stand zurückblickte, als ini vorigen Jahre nach Ableben des neunzigjährigen Chefs Israel Chajim Daniel die Erben die Auflösung des Geschäftes beschlossen. In Bukarest ist das älteste Bankhaus jenes der Familie Halfon, die spanische Juden sind. Wie Daniel der Banquier der großen moldauischen Bojarenfamilien war, — zu seinen Kunden gehörte der jetzige Ministerpräsident Dem. A. Sturdza und der ehemalige Ministerpräsident Peter Carp — so besteht der Kundenkreis des Hauses Halfon aus den angesehensten Bojarenfamilien der Wallachei. Es gehören dazu: -Alexander Marghiloman, der verschiedene Male Justizminister war und zu den Reichsten des Landes zählt, Peter Carp, für die Geschäfte, welche er in der Wallachei hat u. s. w. Nicht zu vergessen ist, daß die größte rumänische Privatbank, Marmorosch, Blank u. Co., von Juden gegründet, und von Herrn Maurice Blank, der allerdings bereits rumänischer Bürger ist, auf das Glänzendste geleitet wird. Daß in der Moldau die größeren und kleineren Bankhäuser fast ausschließlich in den Händen der Juden sind, ist Thatsache. Daß der Discont und Zinsensatz höher ist als im Westen üblich, ist bei der großen Schwierigkeit, Geld zu beschaffen, und dem großen Risico selbstverständlich. Beträgt doch der Discontsatz der Nationalbank 5—6 Procent und jener der großen Banken der Hauptstadt durchschnittlich 12. Jedenfalls bleibt aber der Zinssatz der jüdischen Banken sehr weit hinter den Zinsen zurück, welche „rechtgläubige" Christen, Rumänen und Griechen, in den Städten wie auch ganz besonders auf dem Lande zu nehmen pflegen. Dieselben betragen, wie ein unparteiischer Zeuge, Herr Nenitzesku, ehemaliger Direktor der Nationalbank, erklärt, zwischen 120 und 500 Procent per Jahr. Schließlich spielen die Juden auch in der Landwirthschaft keine geringe Rolle. Man hat gegen manche in letzter Zeit daraus sogar einen Vorwurf gemacht. Natürlich spielen die Juden diese Rolle nicht als landwirthschaftliche Arbeiter. Hier wie auch anderwärts hat man den Juden die Möglichkeit genommen, sich dieser Arbeit zu widmen. Nicht Faulheit oder Unfähigkeit oder Schwäche sind die Ursache davon, daß die Juden nicht Bauern geworden sind. Ihren Fleiß heben sogar die Gegner hervor: die Kraft dazu hätten sie gehabt, denn die landwirthschaftliche Arbeit ist nicht schwerer als die der Maurer, Schmiede, Schlosser und Steinarbeiter, die besonders in der Moldau zum größeren Theil von Juden ausgeübt wird. Aber das Verbot, aus dem Lande zu wohnen, war und ist die Hauptursache, welche es der arbeitenden jüdischen Bevölkerung unmöglich gemacht hat, sich der Landwirthschaft zuzuwenden. Dagegen ist die Stellung der Juden als Gutspächter, besonders in der Moldau bemerkenswerth. Sie bilden dort 36°86 pCt. der Gesammtzahl der Pächter und haben 45 57 pCt. des verpachteten Bodens in Pacht. Es handelt sich dabei selbstverständlich um Großcapitalisten, die ein Geschäft nur mit Zustimmung der Gutsbesitzer, die ja bekanntlich nur Rumänen sein dürfen und die jene Classe bilden, welche die Politische Macht in Rumänien besitzt, abschließen können. Einige solcher Pächter werden beschuldigt, in ihren Händen eine Menge großer Güter vereinigt zu haben, bis zu 80. Dies liegt aber in der Natur der Verhältnisse, in der bestehenden wirthschastlichen Organisation Rumäniens. So lange nicht der Großgrundbesitz zerschlagen und in bäuerliche Besitzungen aufgelöst ist, wird das Pachtsystem sortbestehen mit seinen Auswüchsen und vielleicht auch Vorzügen. Daraus kann jedenfalls den Juden kein Vorwurf gemacht werden. Im klebrigen wird anerkannt, daß die jüdischen Gutspächter in der Moldau viel humaner die Bauern behandeln, als es die ausschließlich griechischen und rumänischen, d. h. aus Siebenbürgen stammenden Pächter in der Wallachei thun. Darüber könnte vielleicht die Thatsache Aufklärung geben, daß in der Wallachei hie und da die verzweifelten Bauern sich gegen ihre Ausbeuter erheben, während dies in der Moldau und besonders aus von Juden gepachteten Gütern meines Wissens noch nicht vorgekommen ist. Alle die Thatsachen, die ich angeführt habe, zeigen, welche hervorragende wirthschaftliche Bedeutung die Judenftage für Rumänien hat. Von antisemitischer Seite werden diese Zahlen angeführt, um zu beweisen, daß Rumänien sich der Juden ertvehren müsse. Ich glaube gezeigt zu haben, daß die natürliche Entwicklung in allen Berufen auch Rumänien in großer Zahl hineinbringt und daß sich langsam der Ausgleich der Verhältnisse vollzieht. Leider verfallen auch die Juden in den Fehler aller derjenigen, die sich in einer Verteidigungsstellung befinden, indem sie meinen, alle Vorwürfe, die ihre Gegner erheben, direct zurückweisen zu müssen. Wenn die Antisemiten mit Zahlen aufwarten, die beweisen, welch' wichtige Rolle die Juden im wirthschaftlichen Leben Rumäniens spielen, so wird das abgeleugnet und zurückgewiesen. Nein, die Juden sind ein bedeutender ökonomischer Factor in Rumänien, und dann ist es nicht nur eine Forderung der Menschlichkeit, sondern geradezu eine Lebensforderung für den rumänischen Staat, die gar nicht so schwierige Frage der Judenemancipation zu lösen. Es gehört dazu nicht einmal Muth, sondern nur guter Wille. Der Antisemitismus, der heute in dem officiösen Blütterwalde tobt, ist nicht einheimisches Product, er ist von den siebenbürgischen Rumänen eingeschleppt und wird von ihnen geschürt nicht nur zum Schaden der Juden, sondern in erster Linie zum Schaden der inländischen Rumänen. Mit der Judenemancipation würde Rumänien jenen Gesetzescyclus abschließen, der von seinen großen Männern im Jahre 1848 gefordert wurde. Von einer Last befreit, welche auf dem Lande wie ein schwerer Alp drückt, würde es sicheren Schrittes der Zukunft entgegengehen können, die ihm alle aufrichtigen Patrioten, Christen wie Juden, wünschen.