Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 812 Dr. Mocb's VlllocbenscbrM. Rr. 51 Jahren im mittleren und westlichen Europa große jüdische Gemeinschaften gebildet, welche es sich zur Ausgabe stellen, durch Btförderung der Auswanderung, durch Colonisation, durch Schaffung neuer. Arbeits- und Erwerbsgelegenheiten, durch Errichtung von Bildungsstätten der grauenvollen Noth im Osten zu steuern, die geknechteten und verleumdeten Massen zu einem neuen menschenwürdigen Dasein zu erheben, indem man sie neue Formen der Arbeit lehrt. Niemals ist das Judeuthum mehr auf der Höhe seiner praktischen Aufgabe gestanden als eben jetzt durch die Bethätigung praktischer Hilfeleistung höherer Form. Es bedarf ja nur des Hinweises auf das gewaltige, unsäglich mühevclle Werk, das der „galizische Hilfsverein" mit Unterstützung unserer Glaubensgenossen im westlichen Europa unternommen hat. Was hier geleistet wird, ist praktisches Judenthum im eminentesten Sinne des Wortes, und es wäre nur dringend zu wünschen, daß das Verständniß hiefür auch in jenen Kreisen unserer österreichischen Judeuschast, welche ihre Pflichten gegenüber der Allgemeinheit noch immer durch die Darbietung von Bettelpfennigen — und mögen diese Pfennige auch Hunderte und Tausende von Gulden ausmachen — abthun zu können glauben, immer weiter um sich greife. Die Förderung dieser auf die wirthschaftliche Erhebung Hunderter, tausender, arbeitswilliger Menschen, die durch eine sonderbare Staatsraison dem Hungertode geweiht sind, die Verwendung der von den Reichen gewährten Summen zur Belebung der industriellen, gewerblichen und commerciellen Thätigkeit der galizischen Juden, statt zur Fristung einzelner armseliger Existenzen, die durch Almosen zum Gewohnheitsbettel förmlich erzogen werden, wäre die richtige Erfüllung jener socialen Pflichten, welche vor Allem den Besitzenden obliegen. So fassen wir das Gebot des Wohlthuns auf, das geübt werden soll nicht zu dem Zwecke, um sich des Bedürftigen rasch und bequem zu entledigen, sondern dort, wo noch Kräfte zu erhalten und wiederzuerwecken sind, für das Gedeihen der Gesammtheit diese Kräfte zu unterstützen und zu entwickeln. Die wirthschaftliche Bedeutung der Irrdeufrage in Rumänien. lieber die hervorragende wirthschaftliche Bedeutung der Judenftage in Rumänien, schreibt man der „Frankfurter Zeitung" auf Grund officieller Zahlen: Es leben in Rumänien nach den letzten statistischen Angaben 269.000 Juden, bei einer Gesammteinwohnerzahl von 6 Millionen; nach der Berechnung des jetzigen Cultusministers Haret soll die Bevölkerung Rumäniens über zehn Millionen betragen. Das Verhältniß der jüdischen Bevölkerung zur rumänischen erscheint noch kleiner, wenn man bedenkt, daß seit 1901 eine beständige Auswanderung stattfindet, so daß allein mit Hilfe der Jewish Colonisation Association 13.840 Juden das Land verlaßen haben, außer jenen, die mit eigenen Mitteln und zum Theil sogar mit ausreichendem Capital ausgewandert sind. Die Zähl der letzteren ist allerdings äußerst gering. Zieht man noch in Betracht, daß nach den Angaben des Chefs der allgemeinen Statistik, L. Colescu, der in seinem Bericht an den Minister constatirt, daß „das Verhältniß der mosaischen Geburten eine absteigende Linie darstellt, da deren Anzahl sowohl absolut als auch relativ seit einigen Jahren sich in beständiger Abnahme befindet", —, so darf man getrost annehmen, daß die Zahl der jüdischen Einwohner 250.000 nicht übersteigt. Zieht man die ausgedehnte Fläche Rumäniens in Betracht, die verhältnißmäßig geringe Bevölkerungsdichtigkeit, sowie seinen Mangel an Arbeitskräften, so erscheint das Verhältniß ganz anders, als man es darstellen möchte, zumal trotz aller antisemitischen Ableugnungen und gewisser Anstrengungen von jüdischer Seite die Assimilation durch Mischehen besonders in den Städten große Fortschritte gemacht hat. Von diesen 250.000 Juden wohnen nun in den kleineren Marktflecken und auf Grund besonderer Erlaubnisse, die bis auf Widerruf gelten, ungefähr 50.000 Juden. Der Rest vertheilt sich auf die Städte und zwar ganz besonders auf jene der Moldau. Außer diesen befindet sich eine größere Anzahl Juden (40.000) in der Landeshauptstadt. Was betreibt nun diese jüdische Bevölkerung, die, im Einzelnen genommen, genau wie in Rußland, sich ökonomisch in einer unsäglich traurigen Lage befindet, als Ganzes aber einen bedeutenden Antheil an dem wirthschaftlichen Leben Rumäniens Hut? Einige Zahlen, die zum Theil sogar officiösen Werken mit antisemitischer Tendenz entnommen sind, sollen hierüber Auskunft geben. Die Zahl der Handwerker betrug in der Moldau nach den Angaben, die der anonyme „Verax", dem alle officiellen Quellen zur Verfügung standen, in seinem Buche „La Roumanie et les Juifs“ macht, 27.273. Davon waren in den Marktflecken und Dörfern 9167; in den Städten 18.106. Von den 9167 in den Dörfern lebenden und arbeitenden Handwerkern waren 1980 Juden, 309 andere Fremde und die restlichen 6878 Rumänen. Von den 18.106 städtischen Handwerkern waren 10.446 Juden, 1510 andere Fremde und die restlichen 6150 Rumänen. Vielleicht dürfte es noch interessiren, daß sich die Juden den Handwerken nicht mehr in gleichem Maße wie ehedem zuwenden. Während die Rumänen bei 2311 Meistern 2174 Gesellen und 1605 Lehrlinge beschäftigen, haben die 4902 jüdischen Meister bei 3099 Gesellen nur 2445 Lehrlinge. Daher ist zu bemerken, daß es wohl oft vorkommt, daß jüdische Meister rumänische Lehrlinge aufnehmen, das Gegentheil aber nur in den allerseltensten Fällen Vorkommen dürfte. Ueberdies ist noch zu bemerken, daß die rumänische Regierung und viele Gemeinden Handwerkerschulen unterhalten, von denen alljährlich ausgelernte Meister auf den Markt gesetzt werden und die auf keinen Fall jüdische Schüler aufnehmen dürfen. Trotz alledem deuten aber die angeführten Zahlen an, welche Rolle die Juden im Handwerke spielen. ... .. .Der Handel ist so wie das Handwerk bekanntlich seit ftühester Zeit in Rumänien in den Händen der Juden und anderer Fremden gewesen. Juden waren es, die zum erstenmale eine Handelsbeziehung zwischen Rumänien und dem westlichen Europa schufen. Sie waren es, welche die ersten Reisen zur Leipziger Messe unternahmen und noch heute heißen die Manufaktur- und Merceriewaarenhändler „Lipscani“ d. h. Leipziger. Auch hierin dürften einige Zahlen von Interesse sein: nach der letzten vorhandenen Statistik waren in der Moldau, also wo sich das Gros der jüdischen Bevölkerung befindet, vorhanden: 18.062 eingetragene Finnen. Davon gehörten 10.942 also 60'8 pCt. Juden an, 910 anderen Fremden und 6210 also 34'50 pCt. Rumänen. Dieses Verhältniß verändert sich natürlich, wenn die Zahlen für ganz Rumänien in Betracht gezogen werden. Dann stellt es sich wie folgt: rumänische Kaufleute 56 28 pCt.; jüdische 34°66 pCt.; fremde 9 06 pCt. Davon, daß die Juden sich in unredlicher Weise des rumänischen Handels bemächtigt hätten, kann keine Rede sein, da sie ja selbst erst den modernen rumänischen Handel im Verein mit anderen Fremden gegründet haben. Die Rumänen, die sich zum größeren Theil mit der Landwirthschaft beschäftigten, haben von dem Augenblicke ihres nationalen und staatlichen Erwachens bis noch vor Kurzem zu viel mit der Politik zu thun gehabt, um sich - dem Handel und Handwerk zu widmen. Sie strebten und kämpften für öffentliche Aemter und ihre verfügbaren Kräfte werden auch nach dieser Richtung hin benöthigt, umsomehr als man gleich vom Anbeginn die einheimischen Juden zu öffentlichen Aemtern nur soweit zuließ, als kein Rumäne aufgetrieben werden konnte, der ein solches hätte bekleiden können. Erst einer späteren Periode war es Vorbehalten, daß die Rumänen sich dem Handel und Handwerk zuwendeten, und da haben sie gewiß von' Seite der Juden nicht mehr Schwierigkeiten ausgestanden, als es eine lautere Concurrenz im Handel gestattet, wogegen ihnen viele gegen die Juden gerichtete Gesetze — wie das der Handelskammern — zu Hilfe kamen. Als Beweis dafür dürfte die Thatsache gelten, daß. es trotz der ausgesprochenen antisemitischen