Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N-. 51 Dr. Bloch’s Jahrgang XX Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. *= m K. ft. Pofisparcagrn-Arnt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Ardartion und Administrstion: Wien IX/1, Berggafse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Wien, 18. Derernker 1903. ■')>» <■ Erscheint jeden Freitag. -'>»» ■> S1 •■{■ - Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggasfe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. =m Brjujjaprefs str Sesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Mr'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Praktisches Jildenthmn. — Die wirthschaftliche Bedeutung der Judenfrage in Nainanien. — Wichtige Entscheidungen des Verwaltungsgerichtshofes in Sachen jüdischer Stiftungen. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die Juden in Bulgarien. — Der Proceß in Kischenew. — Correspondenzen: Zum hundertjährigen Geburtstag Salomon Sulzer's. Die Generalversammlung des „Hilfsvereines für die nothleideude jüdische Bevölkerung in Galizien." Eine Synagoge von der executiven Feilbietung bedroht. — Vermischtes: Kranzablösungsspeuden zu Gunsten der „Chewra- Kadischa" in Wien. Wien, Jungbunzlau, Oderberg, Teschen, Esseg, Prag. Triest, Olmütz, Budapests Altona. Pius X. und dre Juden. — Feuilleton: Weibliche Chanukagäste und ihre Lehren. Stumme Tragödien. — Briefkasten. — Inserate. Praktisches Iudrnthnm. Fürst Bismarck hat das Wort vom „praktischen Christenthum" erfunden. Er hat damit sagen wollen, daß Werth und Bedeutung der Religion für das Staats- und Volksleben, für den socialen und culturellen Fortschritt davon abhänge, in welchem Maße und in welcher Weise ihr theoretischer Inhalt den praktischen Bedürfuissen des ewig fluchenden und ewig wechselnden Daseins angepaßt werden kann. Der religiöse Glaube ist so alt wie die Menschheit, aber während in vorhistorischer Zeit bei den Naturvölkern das Verhältniß zum Übersinnlichen und Unbegreiflichen ein rein individuelles Gepräge trägt, entstehen Religionen als Cultmbegriff erst in dem Augenblicke, wo sich ein Volk seiner socialen Einheit bewußt wird und ihre Kräfte sich auf einen gemeinsamen Zweck vereinigen. Die Glaubenslehre mag starr und unbeweglich bleiben, aber die Anwendung dieser Lehre innerhalb der Glaubensgemeinschaft und durch dieselbe ist immer neuen Wandlungen unterworfen. Das ist der Sinn des Wortes vom praktischen Christenthum, und in demselben Sinne dürfen wir vom praktischen Judenihum sprechen. Erstarrt eine Religion zu ödem Formalismus, dann wird sie aus einem Culturbehelf ein Culturhinderniß; entwickelt sie ihren ethischen Kern, weiß sie aus ihren Lehren und Formeln das rein Menschliche herauszuschälen, zu erhalten und sortzubilden, dann wird sie der festeste Rückhalt der Menschen im socialen Kampfe. Die Wahrheit dieser Behauptung hat die jüdische Glaubensgemeinschaft in tausendjährigen Leiden, Bedrückungen und Verfolgungen erfahren. Im Elend der Diaspora, in der Nacht des Ghettos, waren es nicht die äußeren Formen der Religion, sondern ihr lebendiger Inhalt, die Uebereinstimmung der Gotteslehre mit den Forderungen edelster Menschlichkeit, die Harmonie der Glaubeusvorschriften mit den Grundbedingungen des socialen Daseins, die uns erhalten und über ein Meer von Thränen und Jammer hinweggeführt haben? So hat sich der herrliche Familiensinn der Juden entwickelt, so hat sich eine der festesten Grundsäulen unserer Glaubensbrüderschaft, die Pflege der Wohlthätigkeit, die sociale Hilfeleistung, die Opferwilligkeit der Reichen für die Armen, die Sorge für die Kranken, Witwen und Waisen, herausgebildet. Es mag fraglich sein, welchen Sinn der größte Staatsmann des vorigen Jahrhunderts mit dem Worte vom praktischen Christenthum in seinem eminenten Zweckmäßigkeitssinne unterlegen wollte. Aber über jeden Zweifel erhaben ist es, was wir Bekenner des mosaischen Glaubens unter dem Worte praktisches Judenthum verstehen, denn wir haben dieses praktische Judenthum aus dem jüdischen Nationalstaate in Palästina übernommen und wir haben es fortgepflegt bis aus den heutigen Tag. Ja, schon im palästinensischen Staate: denn die Forderungen, die wir heute an einen modernen Rechtsstaat stellen, waren dort schon in die That umgefetzt. Es gab keine Kasten, keine Geburtsstände, keine „Edelsten der Nation." Vor dem Gesetze waren Alle gleich und selbst die Sclaven waren nach sechs Jahren frei und durch scharfe Bestimmungen geschützt. Die sociale Gesetzgebung war reich ausgebildet. Die Armuth war geschützt durch Zinsenverbot und die Einrichtung, daß die Schulden alle sieben Jahre erlassen werden müßten. Diese Grundsätze sind im Bewußtsein des jüdischen Volkes lebendig geblieben, wenn auch die Mißhandlungen, denen sie unter den fremden Völkern ausgesetzt waren und noch immer sind, sie vielfach gewaltsam zur Verletzung und Übertretung derselben gedrängt haben. Und da erklärt es sich auch, daß die Juden an der Spitze jeder freiheitlichen Bewegung, jedes culturellen Fortschrittes und aller geistigen Entwicklung stehen. In einem Punkte allerdings haben sich unsere Anschauungen seit dem Augenblicke geändert, in welchem die Thore des Ghetto sich öffneten. Der Begriff der Wohlthätigkeit, der gegenseitigen werkthätigen Hilfeleistung ist gründlich modificirt worden. Wir haben es an dieser Stelle schon einmal ausgeführt, daß die ungeheueren socialen Gegensätze, welche sich innerhalb des Judenthums selbst herausgearbeitel haben, nothwendigerweise zu einer derartigen Wandlung der Anschauungen führen mußten. Es genügt heute nicht mehr, den Hungernden ein Almosen zu verabreichen, es genügt nicht mehr, durch mildherzige Gaben die l^istenz einzelner Armer sicherzustellen. Die „Zdokoh" müßte andere Formen annehmen, die dem Massenelend, der Erwerbs- und Hilfslosigkeit von Hunderttausenden und Millionen unserer Glaubensgenossen entsprechen. Neben den Vereinen für die Unterstützung der Armen, für die Pflege der Kranken, für die Sorge um Witwen und Waisen, haben sich in den letzten