Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dr. Dlocb's Mocbenscbrift, Seite 807 Nr. 50 Literatur. Das Problem des Wunders im Zusammenhänge mit dem der Providenz bei den jüdischen Religionsphrlosophen des Mittelalters von Dr. Phil. Jacob Kramer. Straßburg i. E. Verlag: Josef Singer. 1903. Vorliegende Arbeit ist zwar ein Erstlingswerk, mit dem der Verfasser der wissenschaftlichen Welt sich vorstellt, allein es ist so gründlich, sachlich und gut gearbeitet, daß der Leser glaubt, das Werk eines in der Wissenschaft ergrauten Mannes vor sich zu haben. Mit Ausnahme von Baumgarten's Dissertation, durch welche die Lehre vom Schönen eine bedeutende philosophische Disciplin geworden ist. die unter dem Namen Aesthetik bekannt ist, pflegt man sonst den wissenschaftlichen Werth von Erstlingswerken und speciell Oisssrtatiouou iuauguralis in Frage zu stellen. Dies gilt von vorliegender Arbeit nicht. Im Gegentheil. Sie ist eine bedeutende Förderung der geschichtsphilosophischen Wissenschaft im Allgemeinen, wie der jüdischen Religionsphilosophie insbesondere. Phrasen und Wortklaubereien ist der Verfasser, der stets bei der Sache bleibt, ganz abhold und hält er sich auch von apologetischem Wortschwall ganz ferne. Nach dem Titel der Schrift zu urtheilen, würde man allerdings glauben, daß deren Verfasser mühselig alle auf Wunder und Providenz bezughabende Stellen in den Werken der jüdischen Religionsphilosophen des 'Mittelalters ausgesucht. sie gehörig geordnet und zusammengestellt hat, so daß in dieser Form vorliegende Arbeit nach dem Muster von Knoller's „Problem der Willensfreiheit" entstanden sei. Dem ist aber nicht so. Denn der Verfasser vorliegender Arbeit scheint das ganze Gebiet der jüdischen Religionsphilosophie mit der dazu gehörigen einschlägigen Literatur, die eine sehr ausgebreitete ist, mit einer gewissen Virtuosität zu beherrschen. So hängt beispielsweise Die Darstellung, wie Saadia, welcher Name vom Verfasser allerdings sehr inconsequent geschrieben wird, das ememal Saadia, das anderemal Saadja (S. 10, II, 25, 2»), die allegorische Auslegung, gewisser Bibelstellen ad absurdum führt, nicht im Geringsten mit dem Problem des Wunders zusammen. Und doch versteht es Dr. Kramer, dem Thema, das er behandelt, so kunstvoll und logisch einzufügen, daß mau den Eindruck gewinnt, daß diese Partien nicht ausgeschaltet werden können, soll vorliegende Schrift kein Torso bleiben. Was die Wunder betrifft, sucht selbst Saadia, der sich sonst gegen die zu weitgehende rationalistische Auslegung der heiligen Schrift erklärt, sie derart zu erklären, dag sie mit dem gesunden, aber auch grübelnden Menschenverstand in Einklang gebracht werden können.. Denn, so sagt Saadia, die Bibel enthält nichts, was von der Vernunft widerlegt werden könnte. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden., daß Saadia kein unbedingter Gegner der Wunder ist. Bei der kurzen Darlegung der Ansichten des Hai Gaon über Wunder polemisirt der Verfasser in einer Fußnote gegen Ziemlich, der meint, daß bei Hai von einem „rationalistisch zurechtgelegteu Wunder" die Rede sei. Das diesbezügliche Rsspousum liegt uns nicht vor, allein dadurch und damit, daß da „Hai Gaon dem Maimouides zuvorgekommen wäre", ist Ziemlich noch nicht widerlegt. Wie bereits erwähnt, ist der Verfasser vorliegender Arbeit bestrebt, sein Thema derart auszuarbeiten, daß die andern Weltanschauungen und Lehren der von ihm behandelten Religronsphilosophen in einem logischen Zusammenhang mit den Lehren der betreffenden Denker zu bringen, welche auf die Wunder Bezug nehmen. Die Entstehung der Welt aus Nichts, respective die Erschaffung derselben, ist nach der jüdischen Lehre ein Wunder. Die Emanationen, Erscheinungsformen, Ursachen (primäre) find metaphysische Probleme. Hier ist der Zusammenhang beider so klar und deutlich, daß es überflüssig wäre, ein Wort darüber' zu verlieren. Die Klarheit des Zusammenhanges der metaphysischem Fragen mit dem Problem des Wunders bei den jüdisch-arabischen Philosophen verdanken wir aber der trefflichen Darstellung Dr. Kramer's. Daher ist es auch erklärlich, daß der Verfasser folgende Stelle Jehuda Halevi's citirt: Beim Regreß von Wirkung und Ursache gelangt man nach den Himmelskörpern und Sphären endlich zur ersten Ursache, zu Gott, dem Schöpfer der Welt und aller in ihr herrschenden Kräfte. Diese Anschauung ist aber nicht nur Jehuda Halevi zu eigen, sondern es lehren sie fast alle jüdischen Religionsphilosophen; man findet sie ebenso im Chovath Halvevoth wie in Maimonides Mone, im Kusari wie im viel, viel späteren Ikarim und Akedath Jizchak. In Bezug auf Jbn Daud, dessen speculative Tiefe der Verfasser nicht sehr hoch anschlägt, sagt er: Im Gegensätze zu den Philosophen hält er (Jbn Daud) es nicht für erwiesen, daß die erste Intelligenz dadurch entstanden sei. daß sich Gott in sein Wesen versenkt hätte und daß dann aus dieser durch die Betrachtung ihrer eigenen Ursache die zweite Intelligenz, und indem sie sich erkennt, die oberste Sphäre mit deren Seele entströmt. Hier wäre Gelegenheit gewesen, auf die Berührungspunkte der jüdisch-arabischen Philosophie mit der theoretischen. Kabbala hinznweisen. Denn ist der Gedanke, Gott habe sich in sein Wesen versenkt, nicht auch der geniale Gedanke des Sod-Hazimzum der Kabbalisten, zumal wie ihn Moses Eondovero in seinem „Pardes Rimmonim“ lichtvoll auseinandersetzt s Gelegentlich der Auseinandersetzung der Nus, der thätigen und leidenden Intelligenz, welche bei den arabischen und jüdisch-arabischen Philosophen eine, hervorragende Rolle spielt, bringt der Verfaffer die Stelle Jbn Dauds, welche sich auf Aristoteles beruft, und zwar wie folgt: Aristoteles sagt nämlich wörtlich: In gewissem Sinne sind wir die thätige Intelligenz. In einer Fußnote bemerkt der Verfaffer: Aristoteles konnte das kaum gesagt haben. In dieser Form sagt dies allerdings Aristoteles nicht, daß aber in anderer Form Aristoteles dies sagt, dürfte dem Verfaffer vorliegender Arbeit kaum entgangen sein. Die höhere „Form" der Nus, der in den beseelten Körper, welcher sich zu jenem wie Stoff zur Form verhält, eintritt, zerfällt nach Aristoteles in einen thätigen und leidenden. Nachdem nun im beseelten Körper jene höhere Form der Nus vorhanden ist, der sich in thätigen und leidenden therlt, so sind wir so ipso in gewissem Sinne die thätige Intelligenz. Man ersieht aus dem Wenigen, das wir hier zur Besprechung brachten, daß vorliegende Schrift des jungen Gelehrten nicht nur tief durchdacht, sondern auch sehr anregend ist. Virovitica. Rabbiner Dr. Kaufmann. Entgegnung. *) Dem Herrn Rabbiner Steinherz hat es beliebt, in der letzten Nummer der „Oesterr. Wochenschrift" auf meine Besprechung der Tänzer'schen Broschüre in zwar sehr höflicher, aber mißbilligender Weise zurückzukommen. Die Geschichte wird mir etwas chadgadjn-niäBtg: „Da kam der Steinherz und schlug den Herzberg-Fränkel, der den Tänzer schlug, welcher den Delitzsch begrub, der den Mose erschlug, der dem Hammurabi die Gesetzestafeln entwendete." Nichtsdestoweniger will ich doch einige^Worte der Entgegnung schreiben, weil mich der Herr Rabbiner von Szökes-Fejsrvär mißverstanden hat. Was i ch über die Bibel denke, ob i ch sie für sacrosanct oder für die herrliche Production menschlichen Geistes halte, ist einerlei und bin i ch, selbst einem Rabbiner gegenüber, nicht zur Beichte verpflichtet. Anders ist es bei einem Seelsorger, auf den die Augen seiner Gemeinde gerichtet sind und dessen Worte m derselben vibriren. Nun gibt es in jeder Gemeinde nicht lauter Leute von fester Moral und ehernen Grundsätzen, vielmehr Solche, welche nur die Furcht vor Gottesgericht und Strafe von manchen Missethaten abhält. Bei solchen inferioren Leuten darf der Glaube an den göttlichen Ursprung der Bibel nicht zerstört werden, weil sie sonst nichts mehr glauben, nichts mehr fürchten, nichts mehr unterlassen. Der sorgsame Seelenhirt soll zuerst an Jene denken, die nicht denken. Deshalb habe ich Dr. Tänzer, den ich persönlich schätze und dessen Begabung auch der selige Professor Lazarus wiederholt anerkannte, ein klein wenig auf die Finger geklopft. Er darf als Forscher mit der Fackel in der Hand in dre seit Jahrtausenden vcrichlossenen Katakomben hinuntersteigen, um die Wahrheit zu suchen — aber allein — ohne das Gefolge der Oeffentlichkeit, so lange er den Rabbinerstuhl einnimmt. Den breiten Schichten der ungebildeten Juden müssen die Ueberlieferungen wie ein unveräußerlicher Falmlienschatz erhalten bleiben, bis einst die Sonne auch d e Niederungen erhellt. Daß ich das Judenthum für reformbedürftig halte, räume ich ohneweiters ein, da ich es nicht nöthig habe, meine Ansichten zu verbergen, aber empfohlen habe ich es nicht, wie es mir Herr Rabbiner Steinherz insinuirt. Im Gegentheile, sagte ich zum Schlüsse, daß noch manche Generation zu Grabe gehen werde, bis die Zeit hierfür reif sein würde, unb daß die Schulen erst wirken müssen. Einen weiteren Jrrtbum begeht der ehrenwerthe Herr mit der Behauptung, daß Galizien und Rußland das Sanctuarium der Religiosität seien. Ich halte die Juden im Deutschen Reiche, im Elsaß und m Italien für religiöser. Freilich, wenn die Religiosität dadurch documentirt wird, daß man beim Gebet nach Art der Derwische ,'ich dreht, singt und springt und das Schemak-lsrael so hinausbrüllt, daß es wirklich die gesummte Diaspora höre, so sind die Juden in Polen, besonders die fanatischen Chassidim, sehr religiös — ich aber halte Jene für religiös, die ihren Gott in stiller Andacht verehren. We.ke der Wohlthätigkeit und der Nächstenliebe üben, sich Eins halten mit den unglücklichen Brüdern im Osten und ihr Elend zu lindern suchen. Waren die 540.000 Mark der deutschen Juden für Kischenew nicht ein gottgefälligeres, nicht nach Bibel und Talmud religiöseres Werk, als das Fasten und Beten, mit denen fromme Landsleute den dortigen Witwen und Waisen zu Hilfe kamen? Diese Entgegnung richte ich gleichzeitig an jenen mir unbekannten Herrn in Wien, der mir in seinem Briefe den Vorwurf machte, „daß rch die Trockenlegung des Sumpfes verhindere, in welchem das bethörte und vertrottelte jüdische Volk seit Jahrtausenden steckt"!! Teplitz. Leo Herzberg-Fränkel. Ulrich Frank. „Beim Patriarchen". „Die Tobten". Breslau l90i. Schlesische Verlagsanstalt von S. Schottländer. Als ich vor wenigen Monaten an dieser Stelle den trefflich-n 'Erzählungen Ulrich Frank's „Simon Eichelkatz" und ..Die Geschichte zweier Sabbath-Nachmittage" warme Worte der Anerkennung zollte, winkten die hohen Festtage. Heute, wo zwei weitere Meisterwerke der Erzählungskunst der geschätzten Romanschriftstellerin vor mir liegen, trennen uns nur noch wenige Wochen von dem Chanukafeste. Und wieder rufe ich den deutschen Familien jüdischen Glaubens zu, diese vorzüglichen Schöpfungen nicht nur zu lesen, sondern als Festgeschenk *) Durch Zufall in letzter Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" ausgeblieben.