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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-11 · 50 (11.12.1903) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 806 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Nr. so Und Plötzlich wird ihm Alles so klar! Alles ... das große, vor dem menschlichen Blick bis nun verhüllte Geheimniß ist ihm offenbar worden. Er nähert sich seiner Mutter, bleibt vor ihr stehen und blickt im Dunkel lange in ihre Augen. Er möchte sie küssen. Er möchte beide Arme um ihren Hals schlingen, dann — den Kopf an ihre Brust lehnen und weinen. Vor Freude weinen. Aber er weiß recht gut, daß sich dies für solch' erwachsenen Jungen nicht schickt . . . gewiß, es schickt sich nicht! . . . Gern hätte er chr sein freudiges Geheimniß entdeckt. Aber wie soll er ihr das sagen, wenn es keine Worte dafür gibt. . . . So steht er denn vor der Mutter, blickt sie an und —schweigt. Endlich, seinen ganzen Muth zusammennehmend, flüstert er: „Mutter!" „Was willst du?" fragt sie. „Ist es wahr, daß kein lebender Mensch Gottes Antlitz schauen kann?" „Natürlich, mein Kind. Steht das doch sogar im „Ceeno U-Reeno“*) geschrieben . . ." „Auch nicht ein Knabe, der noch Thora lernt und ganz sündenfrei ist?" „Selbst ein solcher nicht." „Warum das, Mutter? Warum soll man Gott nicht sehen können, da er doch gut ist und barmherzig?" „Warum — das weiß man nicht. Gott will es, und man darf gar nicht Nachdenken darüber." Er schwieg abermals, doch währte sein Schweigen nicht lange. Nach einer Weile rief er, wie aus einem Traume erwachend: „lind doch ich . . . Mutter! . . . hörst du? ... ich . . ." Er getraute sich nicht, seinen Satz zu beenden. „Was ist dir? fragte die Mutter besorgt. „Ich sehe Gott!" flüsterte der Knabe. „Sei füll!" fuhr sie ihn erschrocken an. „Red' nicht solche Sachen, du dummes Kind! ..." Beschämt kehrt er an seinen früheren Platz, zum Fenster, zurück und heftet seinen wehmüthigen Blick auf die Helle Mondscheibe. Und doch, — mit aller Bestimmtheit weiß er es, daß er Gott sieht, — und nichts. . . . * -i- * Er sieht Ihn in den flammenden Strahlen der Frühlingssonne um die Mittagszeit, in dem silberhellen Licht des Mondes, in den Träumen seiner singenden Seele, und sogar in der schlaftrunkenen Stille, lvenn Alles rund umher ruht, schläft, schweigt, — hört er Gottes Stimme. . . . Er sucht die Einsamkeit, meidet die Gefährten, wandelt auf Wegen und Stegen, wo er Niemandem begegnet, spricht mit sich selber, ist immer allein mit seinem großen Geheimniß. Und seine Seele ist voll Liebe. Er liebt die ganze Welt, liebt Alles, hat Mitgefühl mit Allem, und für Alles, was leidet, ist er unendlichen Mitleids voll. Es vergehen Monate, es vergehen Jahre. Und je älter der Knabe wird, desto seltener sieht er jetzt Gott. Immer seltener sieht er, immer verzweiflungsvoller sucht er Ihn. Wahrscheinlich hat sich Gott hinter die Wolken, hinter den blauen Vorhang versteckt — zuletzt war er den Augen des Knaben vollkommen entschwunden. Jenseits des wolkigen Vorhanges, in den Sonnenstrahlen, die gegen Abend hinter dem Fluße verschwinden, verlöschen und in so wunderbarer Schönheit dahinsterben, — sucht er Ihn vergeblich. *) „Ceeno U-B,eeno“. eine, — für Frauen, die kein Hebräisch verstehen, — im Jargon geschriebene Sammlung von Sagen, Legenden und Bibel-Commentaren. Immer größer wird die Sehnsucht, die ihn verzehrt, immer trauriger und thränenreicher; wie ein Schatten geht der Knabe umher, wie seiner eigenen Sehnsucht Schatten — er geht umher und sehnt sich . . . * Im Bette liegt ein kranker Knabe. Sein bleiches Gesicht beginnt langsam zu erstarren. Es verlöschen die Flammen in seinen großen schwarzen Augen, die mit ihrer letzten Anstrengung „Jemanden" suchen . . . Stille und Oede. Nur irgendwo, in weiter Entfernung, singt Jemand. Von den Feldern, den Bergen kommt ein Lied; es tritt in die Kammer, neigt sich den Knaben, umschlingt dessen krankes Herz mit beiden Händen und drückt es beschwichtigend und mit großer Zärtlichkeit an sich. Bald jedoch verstummt es, und nach einer Weile vernimmt der Knabe über seinem Haupte das Rauschen von Fittigen, und von der Höhe strömt eine Melodie herab, ein Lied, so süß, als wenn Engel einander küssen würden! ... Mit irrem Blick schaut das Kind um sich; es sucht seine Mutter, um ihr zuzurufen: „Sieh', Mutter! Er ist wieder da! Denn wieder liebe ich Alle! Ö, es ist gar wunderbar, wie ich liebe! ... Er ist wieder da! . . . " Und immer näher kommt das Flüstern, das Lied, so süß, als wenn Engel einander küssen würden, das wunderbare . . . wunderbare Lied ... Und dicht, dicht zur Seite des kranken Kindes steht Gott, und einer zärtlichen Mutter gleich fordert er dasselbe auf: „Komm', mein Kindlein, komm'! ..." „Komm', mein Kindlein, komm'! . . . In dem höchsten, dem siebenten Himmel, auf Stufen, die aus weißem Feuer gehauen, steht ein Thron, der, flammende,. Thron der All-Majestät. - - hv. Wenn Gott den Erzengeln seinen Willen offenbart, wenn Er über die Menschen-Heerde das Urtheil sprechen will, sitzt Er auf diesem Thron, — Er, des Weltalls König. Aus goldenen Fäden besteht der Thron, Sterne schmücken ihn, und die schönsten, dem blauen Himmel entrissenen Stücke dienen ihm als Lehnen. Unter den Stufen liegt ein Teppich, glühend in Purpur, wie die Sonne, wenn sie untergeht. Dieser Teppich ist so groß, daß er vom Osten bis zum Westen des Weltalls reicht. Und über dem Thron erstreckt sich ein strahlender Baldachin, ein strahlender Baldachin von unsagbarer Helle. Und in dem Baldachin glänzt nur ein einziger Stern, klein wie ein Fünkchen. Und dieser Funke, das ist die Seele des Knaben, der, als er am Leben gewesen, so häufig Gott geschaut. So ist denn diesem kleinen Funken eine wunderbare Helle verliehen, welche allen Zorn und jede Wuth in Mitleid verwandelt. Und wenn der Herr sitzt zu Gericht, entsendet der „Funke" seine flehentlichen Strahlen zu des Allmächtigen Antlitz, und dann verwandelt sich der Zorn des Herrn in väterliches Mitleid . . . Denn dieser Funke — das ist die Seele des Kindes, welches Alles so grenzenlos geliebt ... die Seele des Knaben, der Gott geschaut. Und immer noch sieht er Gott — und lebt . . . Und wird leben ... in alle Ewigkeit! . . . (Ende.)

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