Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. föloch'3 Mlocbenscvrtrr. Sette 805 Budapest. Die Budapester autonome orth.-isr. Gemeinde beschloß in ihrer jüngsten Vorstandssitzung, dem Lehrer Adolf Feuerlöscher, der soeben das -40. Jahr seiner Lehrerthätigkeit vollendete und bereits 30 Jahre in ihrem Dienste steht, am 20. d. M. ein Jubiläum zu veranstalten. Die einstigen Schüler Feuerlöschers werden von Seite der Schuldirection ersucht, sich an dieser Feier in möglichst großer Zahl zu betheiligen und zu diesem Behufe sich bei der Direction (VI., Fabrikengasse 14) bis längstens 10. d. gefälligst melden zu wollen. Budapest. Die ungar.-israel. literarische Gesellschaft hielt vorige Woche im Prunksaal des Gemeindehauses einen Vorleseabend, den Dr. Ludwig V e n e t i a n e r, der Rabbiner von Neupest, mit einem interessanten Vortrag eröffnete. Er sprach über den vor einigen Monaten unter den Schlagworten „Bibel und Babel" entbrannten Gelehrtenstreit und wies Delitzsch gegenüber nach, daß zwischen der Offenbarung auf dem Berge Sinai, das heißt zwischen den von Moses herrührenden zehn Geboten und den Gesetzen Hammurabi's keinerlei Zusammenhang bestehen konnte, schon weil Moses von Hammurabi's Existenz keine Kenntniß hatte. Der gehaltvolle Vortrag fand allgemeines Interesse und reichen Beifall. Preßbura. Am 2. d. M. fand in Preßburg unter großer Betheiligung von Leidtragenden das Leichenbegängniß der hier durch ihren Wohlthätigkeitssinn, Edelmnth und wahre Frömmigkeit bestbekannten Frau Amalie V a u m f e l d, Tochter des sel. Herrn Hermann Pappenheim, statt. Botoschani, 1. December 1903. Gestern wurde hier unser Glaubensgenosse Herr Josef Abrahamovici, Chef der Eisenwaarenfirma gleichen Namens, der Nestor der hiesigen Kaufmannschaft, unter großer Betheiligung aller hiesigen Bevölkerungsclasien zu Grabe getragen. Juden und Nichtjuden beeilten sich, diesem hier überaus geschätzten Manne die letzte Ehre zu erweisen. Der Dahingeschiedene, der in Kurzem das fünfzigjährige Jubiläum seines weit über die Grenzen dieses Landes bekannten Geschäftes feiern sollte, erfreute sich durch seine besonders hervorragenden Charaktereigenschaften allgemeiner Beliebtheit und vorzüglichster Achtung. Als Mensch schlicht und bescheiden, anspruchslos und leutselig, gütig und wohlthätig, als Geschäftsmann bieder und ehrenhaft, als Jude überzeugungstreu und consequent, vereinigte er in sich all die Bürgertugenden, die Aller Herz gewinnen müssen. Seinem Prineipe der Bescheidenheit treu, äußerte er vor seinem Ableben seiner Familie den Wunsch, sein Leichen - begängniß ohne jeden Pomp in althergebrachter Weise zu begehen, was auch geschehen ist. Der stumme Schmerz aber, den die nach Hunderten zählende Menschenmenge, die dem edlen Verblichenen die letzte Ehre erwiesen haben, an den Tag legte, bekundete genug den großen Verlust, den die hiesige Gemeinde erlitten hat. Ehre seinem Andenken und Friede seiner Asche! Feuilleton. Jas Geheimnis. Von Tz 'Asz. Autorisirte lllbersetzuilg von M a l w i i, a B liimbcr cj. „Und Niemand sah mein Angesicht, daß er bliebe am Leben." Nur ein Knabe, von dem ich hier eben erzählen will, hatte Gott gesehen — und war nicht gestorben! . . . Ja, er hatte Gott gesehen und dies nicht einmal, oder etliche Male, sondern immer,, ewig, unaufhörlich sah er ihn, an jedem Tage, in jeder Nacht, zu jeder Zeit, Ueberall! Er sitzt z. B. bei Rcb Boruch im Cheder, in der elenden, dunklen Kammer. In der Mitte derselben, um den großen, von schmalen Bänken umgebenen Tisch sitzen so dicht aneinandergedrängt, daß sie kaum athmen können, die aus lärmende Weise lernenden Knaben. Vor ihnen steht Reb Boruch; einen breiten Riemen in der Hand, beobachtet er, jeden Augenblick erbarmungslos zu strafen bereit, seine Schüler mit strengem, wachsamen Blick ... Unser Knabe sieht Niemanden. Er blickt nicht mal in das vor ihm aiffgeschlagene Buch, er hört nicht das Schreien des Melamed, etwas Anderes hält seinen Geist gefangen. Draitßen geht die Sonne unter. Nur mit Mühe gelingt es den im Westen flammend lodernden Strahlen durch die trüben Fenster in das Innere der Kammer zu dringen. Einem goldenen Gewebe gleich schweben sie in der Luft, berühren die Häupter der Knaben, vergolden deren Haare, bis sie endlich, in einer Ecke der Kammer im Zickzack sich brechend, zur Erde fallen. Man könnte glauben, die biblische „Feuersüule" komme in den Cheder geschritten. Das abgehärmte Gesicht des Knaben leuchtet in unendlichem Entzücken. Seine großen, schwarzen "Augen funkeln in ungeahntem Glanze, von seiner Stirn strahlt unsagbare Extase. „Das ist sicherlich der Geist Gottes, der in der Kammer einhergeht", denkt er. Doch Niemandem theilt er diesen Gedanken mit; denn dieser Gedanke ist sein Geheimniß und keinem lebenden Wesen, nicht mal seiner Mutter vertraut er ihn : es ist sein Geheimniß, an tvelches, wenn Menschen ihn anblicken, er nicht einmal zu denken wagt. Nur in vollkommener Einsamkeit, fern von Gefährten und Freunden, gibt er sich rückhaltlos seinen Gedanken hin. „Der Geist Gottes schreitet in der Kammer einher." In einiger Entfernung vom Tische bleibt er stehen und hört dem Lernen zu. Ter Knabe sieht Ihn ganz deutlich, mehr als das, er fühlt Ihn in seinem Herzen! Er sitzt in wohliges Nachdenken versunken, seine Seele ist voll von thränenreicher Sehnsucht, von unbestimmbaren Gedanken und unendlicher Sanstmnth. Und der lautere Geist Gottes schreitet einher in der Kammer, nähert sich ihm, bleibt unmittelbar neben ihm stehen und mit seinen strahlenden Fittigen berührt er fast des Kindes Haupt. ' Und die Kammer ist voll von seiner Helle! „Und der Knabe sieht Gott — und lebt." * * „Und Niemand sah mein Angesicht, daß er bliebe am Leben." "Aber der Knabe sah den Ewigen um die Dämmerstunde eines Samstags. Der Vater war zum "Abendgottesdienst in die Synagoge gegangen, indeß der Kleine mit der Mutter allein zu Hause blieb. Sie saß im Winkel, in ihrem Lehnstuhl, hatte den Kops in beide Hände gedrückt und flüsterte das von den Frauen gesprochene Gebet: „Gott Abrahams Isaaks und Jacob's . . " Schwarze, gestaltlose Flecke kriechen, undeutliche Schatten gehen an den Wänden entlang; ein Fleck verschlingt den anderen, jeder Schatten seinen Nachbar. Und der Knabe steht am Fenster. Er sieht sich inp Zimmer um, er blickt aus die Straße hinaus, erhebt die Augen zum Himmel. ... Ein dunkelblauer, reich mit Sternen geschmückter Baldachin ruht über den Häusern. Der Mond, — das „Antlitz Ahron's", schaut durch die leichten, weißen Wölkchen und lächelt glückselig; ist er doch voll von Liebe für Alles, was hienieden im Erdenthale lebt. . . . Der Knabe weiß, daß Jeder, der in den Mond blickt, erblinden muß; und doch sieht er hinauf. Er öffnet den Mund und blickt hinaus. . . . Und in seine Seele strömen sonderbare Gedanken; einer immer schöner, einer immer Heller als der andere.