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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-11 · 50 (11.12.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 800 Dr. Klocb's Mlocbenscbritt. Nr. 50 Juden, die so wie so stets um ihr Leben bangen müssen, durch ein solches Verbrechen Tod und Verderben über sich und ihre Familienmitglieder zu bringen; wie thöricht Ware es gar von ihnen, wenn sie wirklich die Mörder wären, den Leichnam gerade an eine Stelle hinzulegen, die sofort die Spur der Thäterschaft auf sie lenkt! Warum, so fragt er weiter, hört man in anderen Ländern, wo doch auch Juden -wohnen, in der Türkei, nie von der Ermordung eines Kindes durch ihre Hände? Er spricht den Geständnissen, welche den dieses Verbrechens angeklagten Juden durch Folterqualen, durch gräßliche Martern abgerungen wurden, jede Beweiskraft ab; auf diese Weise könnte eben jedes Geständnis erzwungen werden. Besonders weist er darauf hin, daß keiner der jüdischen Apostaten, welche die religiösen Gebräuche ihrer alten Religionsgenossenschaft doch genau kennen müssen und in ihrem Hasse gegen dieselbe nichts verschwiegen -hätten, jemals die Anklage des „Ritualmordes" gegen die Juden zu erheben gewagt hätte. Und sicherlich hätte der Apostat Pfefferkorn, später der grimmigste Gegner des Judenthums, ein Paulus Ricius, wenn an der Blutbeschuldigung etwas Wahres wäre, das Judenthum mit der Anklage derselben nicht verschont. So geißelt Osiander, indem er Argument auf Argument häuft, die gegen das Judenthum gerichtete Anklage und verweist sie in das Bereich der Lüge und der Märchen. Auf den Pösinger Fall dann eingehend, zeigt.er, auf wie schwachen Füßen die ganze Anklage beruhte, mit welchen Mitteln man da versuchte, den wahren Sachverhalt zu trüben, um eben eine Schuld der Juden zu beweisen. „Gott woll sich's lassen erbarmen", so ruft er aus, ..daß man also mit Menschcnblut umgehet. Wer will da nicht merken und sehen, daß es eine andere Ursach gehabt hat. darum die Juden verbrannt sind worden denn das Kind? er hofft zu Gott, der das Blut von Menschen fordert, es werde nicht verborgen bleiben". Was aber den jetzigen gegen die Juden yon Pfalz-Neuburg schwebenden Proceß betreffe, so halte er diese für unschuldig. Er gibt dem Herzog eine Reihe von Spuren an, die genau zu verfolgen sind, um des wirklichen Thäters habhaft zu werden. Der Herzog möge die Schuldigen ganz wo anders suchen, als unter den Juden, er möge sie suchen unter der Obrigkeit, den Anklägern, den Zeugen, dem Elerus, ja selbst unter den nächsten Bekennten und Verwandten des ermordeten Kindes. Er spricht es offen aus, daß nicht die Inden die Mörder sind, sondern Diejenigen, die ihnen das Verbrechen des „Ritualmordes" vorwerfen, um sie zn verderben. Man bedenke, was in jener Zeit religiösen Haffes und religiöser Unduldsamkeit ein solches Urtheil bedeutete! Dieses unparteiische Gutachten hatte wirklich zur Folge, daß der Herzog von der Haltlosigkeit der Anklage überzeugt wurde, die Juden seines Landes von der Schuld frcisprach und sogar das Schreiben Oflander's ohne den Namen des Verfassers zn nennen, der Oeffentlichkeit bekannt gab. Selbstverständlich war dies den Judenfeinden, den Anklägern, ein Schlag ins Gesicht; um den Verfasser und damit den Werth der anonym veröffentlichten Vertheidignngsschrift zu verdächtigen, bedienten sich schon damals die Judenfeinde ganz derselben Mittel, deren sich heute in ähnlichen Fällen ihre Gesinnungsgenossen bedienen; sie bezeichneten den Verfaffer als Juden. ,,Ee ist ein Jüde gewest, er ist ein Jüde und bleibt ein Jüde." Der Elerus wandte sich sogar an Professor Johannes Eck in Ingolstadt, den bekannten Gegner Luther's und seiner Lehre, uud veranlagte ihn, die erschienene Vertheidignngsschrift zn widerlegen. Eck entledigte sich dieser Aufgabe, indem er nicht durch sachliche, wissenschaftliche Gegengründe, sondern in scharfen Beleidigungen und beschimpfenden Ausfällen gegen den Verfasser der Schrift zu Felde zog. Auch er be-eichnct die Schrift als „Judenbüchlein", nennt den Verfasser einen „Zungenverkäufer", einen „ungelehrten Wäsche', ein unseliges Lästermaul, Judenvater, Mameluck, Spitzbube, aus dein der Teufel rede, verruchten Lchändcr der CH istenheit." Ja, Eck geht sogar weiter und benutzt diese Gelegenheit, um in einer besonderen Abhandlung über die Inden herzufallen und sie weidlich anszuschimpfcn. War bisher „das Judenbüchlein", die Vertheidignngsschrift Osiauder's, nur in schwachen Andeutungen und in entstellter Form aus dieser Abhandlung Eck's bekannt, so liegt sie heute — Dank einem glücklichen Zufall zur rechten Zeit aus dem Schoße der Vergessenheit ans Tageslicht gefördert — vor und stellt sich als das hervorragendste Schriftstück dar, das in trüben Zeiten gegen den Blutaberglouben veröffentlicht wurde, als ein Denkmal der Gerechtigkeit und der Wahrheitsliebe. (Dr. P. Münz in Fr. C.) Korrespondenzen. 9ßtcu. Sehr geehrter Herr Redactenr! Sie haben in der lebten Nummer Ihres geschätzten Blattes den Ausruf des Tempelvercines Atzgersdorf-Licsing veröffentlicht. Seit ich denken kann, so oft ich die Südbahnstrecke bereiste, wartete ich immer gerne auf den Moment, da auf der Strecke Atzgersdorf-Licsing das kleine Betli Hakonesetli auftauchte, und so schnell cs der vorbeira'ende Zug erlaubte, trachtete ich einen Ausblick auf dasselbe zu trh 'tft-en. und erfreute mich dara.n. Als dann vor einigen Jahren das unscheinbare Häuschen dem jetzigen schmucken Tempelchen mit seinen großen Bogenfenstern Platz machte, war es für mich noch ein größeres ästhetisches Vergnügen, es mit den Augen zu begrüßen. Wenn an schönen Sonn- und Feiertagen die Waggons überfüllt waren von Leuten, welche die anzuhoffendcn Freuden des Gumpoldskirchner und Pfaffstättner schon anticipando in Wien in reichlicher Menge zu sich genommen, wenn deren Unduldsamkeit und Rohheit sich in unfläthigen Spässen ergingen, da wartete ich noch gespannter auf den Augenblick, wo mein kleines Gotteshaus auftauchte, das, versprengt und so fremd in dieser Umgebung, mir es dennoch so deutlich vor Augen führte, daß wir auserivählt wurden, der Welt den monotheistischen Gedanken zu bringen. Dieses kleine Gotteshaus, das sicherlich Vielen gleich mir eine Augenweide ist, soll wegen einer fast lächerlich geringen Summe verkauft — um in einen Pferdestall umgewandelt zu werden. Bei der heutigen Zeitströmung ist an dieser Absicht der Gläubiger nicht im Geringsten zu zweifeln. Werden wir dies zulassen? Es wäre eine Schmach, eine unvertilgbare Schande für die Wiener Judenschaft! Hier soll und muß die jüdische Frau eingreifen, es soll eine Ehrenpflicht für sie sein, diese Schande von uns abzuwenden. Wenn nur jede jüdische Frau, die im Laufe dieses Sommers die Südbahnstrecke bereiste und in einer der an derselben gelegenen fashionablen Sommerfrische die Freuden des Landaufenthaltes genossen, wenn eine jede dieser Frauen nur 1 Krone beisteuern würde — unser kleines Gotteshaus bliebe uns erhalten! Ich .übersende Ihnen, geehrter Herr Redacteur, 1 Krone; möge sie der gute Anfang zum guten Ende sein! Rosa F. Wien. (Ein altruistischer Vorposten Wiens.) Soeben erschien der Bericht des Brigittenauer Franenwohlthätigkeits-Vereines über das mit Ende ^November abgeschlossene achte Vereinsjahr. Dieser Frauenverein, in einem der ärmsten Bezirke Wiens seine segensreiche Thätigkeit entfaltend, nimmt gewissermaßen den vorgeschobensten Posten in der Kette der auf dem Wiener Frauen-Vereine.'--ein. Und auf diesem Posten versieht er, wie aus den Berichtsdaten klar hervorgeht, seine Aufgabe ganz und voll. Aus den diesbezüglichen Darlegungen des sehr eingehenden Berichtes mögen hier nur einige, auch die Allgemeinheit interessirende Daten Erwähnung finden. Danach hat der Verein in der Berichtsperiode für die Armenpflege verausgabt den Betrag von 8280 Kronen, der zusammen an 744 Personen zur Vertheilung gelangte. Aber nicht allein aus die Verabreichung von zeitweiligen oder regelmäßigen, größeren oder kleineren Handgaben beschränkte sich die Thätigkeit dieses Vereines, sondern derselbe unternahm es öfter, auch solche Wohlthätigkeits-Actionen zustande zu bringen, welche größere Geldmittel erforderten. So gelang es in einem Falle, einer aus sieben Köpfen bestehenden Familie, deren Ernährer schon vor längerer Zeit nach Amerika aüsgewandert war, die Fahrkarten zur Reise in die neue Welt zu verschaffen. In einem anderen Falle brachte er für eine mit vier unmündigen Kindern hier in größter Noth lebenden Frau, deren Gatte als Handwerker im Bezirke sich mehrere Jahre recht und schlecht ernährt hatte, der aber im letzten Herbst als Opfer der antisemitischen Bewegung Wien verlassen mußte und in London sich angesiedelt hatte, die nicht unbedeutenden Reisekosten nach England zusammen. Einmal übergab derselbe einem sehr würdigen Familienvater, welcher in einer größeren Provinzstadt Böhmens Stellung gefunden hatte, selbst aber nicht in der Lage war, die Uebersiedlungskosten für sich und feine - Familie zu bestreiten, die Reisekosten, während in anderen Fällen durch Zuwendung von Arbeitsmaschinen dem Pauperismus entgegengearbeitet wurde. Einem biederen Handwerker, der früher selbst Gutes übte, der aber das Unglück hatte, durch Amputation ein Bein zu verlieren, händigte der Verein zur Anschaffung eines Kunstfußes, sowie zur besseren Pflege einen beträchtlichen Betrag ein und wiederholt versetzte er Curbcdürftige durch Ueberweisung größerer Spenden in die Lage, die vorgeschriebenen Curorte zu besuchen. Auch armen, würdigen Bräuten wurde öfters durch größere Gaben geholfen. . Gebiete.-der -Armenpflege thätigen

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