Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 799 Oppert gegen Delitzsch. Von Doc. Dr. Herzog, Rabbiner in Prag-Smichow. Bekanntlich hat Delitzsch in seinen bereits in mehr als hunderttausend Exemplaren verbreiteten zwei Vorträgen über Babel und Bibel unter den zahlreichen Hypothesen, gleichsam als piöeo äe resistanes auch die aufgestellt, daß Jahveh, der Gott Israels, bereits ein uraltes Erbtheil der Babylonier gewesen und daß der Monotheismus, der Glaube an einen einzigen Gott, bereits lange vor Israels Auftreten in der Geschichte in Babylon bekannt gewesen sei. Diese Behauptung, wenn sie auf Wahrheit beruhte, hätte ohne Zweifel eine vollständige Umwälzung aller unserer landläufigen Vorstellungen von jener gewaltigen Culturerscheinung und Culturbeeinflussung zur Folge gehabt. Doch der forschende Geist der modernen Culturmenschheit ist heute viel zu viel kritisch veranlagt, als daß er eine namentlich mit solchem Pathos vorgetragene Behauptung, die zudem eine durch Jahrtausende von Vater auf Sohn vererbte Ueberlieferung Lügen gestraft hat, so leichthin, ohne Prüfung hinnähme. Und so begann denn jene Flut von Untersuchungen, von Berufenen und noch mehr von Unberufenen, die noch heute, allerdings schon in geminderter Zahl, den Büchermarkt überschwemmt. Da mußte es nun zunächst auffallen, daß kein, aber auch kein einziges Culturvolk auch nur ein Sterbenswörtchen über diese Großthat der Babylonier, die doch entschieden eine ehrende Aufzeichnung verdient hätte, in ihren Literaturdenkmälern uns überliefert hat. Weder Beroffos, noch der ihm nachschreibende Herodot, auch nicht die Propheten in ihren zu verschiedenen Zeiten entstandenen Schriften erwähnen auch nur mit einem Wörtchen etwas davon, die Letzteren warnen vielmehr allzeit und überall Israel in flammenden Worten vor dem von Göttern aller Art durchsetzten Babel. Aber auch in der geradezu ins Ungeheuere angewachsenen Literatur der Babylonier selbst suchte man vergebens nach Belegen in Cult und sonstiger Einrichtung für diese Behauptung, denn inrnrer und immer wieder stieß man auf eine Flut von Göttern, wie sie nicht einmal das von Baalim und Astarten aller Art durchsetzte Phönicien, von Hellas und Rom zu schweigen, aufzuweisen hatte. Aber Delitzsch hatte d Thontäfelchen für sich und hier wars, wenn auch nicht Schwarz auf Weiß, aber mit festen Keilen in gebranntem Thon eingeritzt: „Jahveh ist Gott." '<#1*%** Gegenüber solchen Thatsachen mußten natürlich alle vorgebrachten Einwendungen in ein Nichts zerfließen und man fing darum zu feilschen an. Man meinte, wenn auch diese uralten noch vor Chamurabi, also im dritten Jahrtausend v. d. g. Z. lebenden Babylonier den Monotheismus besaßen, er doch nicht jene klare Ausprägung und den tiefen Einfluß auf die großen Massen gewonnrn, wie durch die glutbegeisterten und zündenden Reden der Propheten. Aber auch die Fachgenossen müßten sich zum großen Theile diesen von Delitzsch so bestimmt ausgesprochenen Anschauungen anbequemen, weil ihnen ja zumeist die Originale zur Nachprüfung nicht so leicht zugänglich sind. Da war es denn ein gar nicht hoch genug anzuschlagendes Verdienst des Altmeisters der Assyriologie, des greisen Jules Oppert in Paris, dessen wissenschaftlicher Capacität gerne Jeder sich beugt, daß dieser größte und beste Kenner der Assyriologie zur Feder griff, um in einem anziehenden und mit höchster wissenschaftlicher Gediegenheit ausgestatteten Aufsatze (neues Heft der von Bezold herausgegebenen „Zeitschrift für Assyriologie, Band 17, S. 291 f.) die Delitzsch'sche Hypothese von Monotheismus der Babylonier auf ihren wahren Werth zu prüfen. Nur selten mußte ein Gelehrter eine so harte, aber durchaus berechtigte Zurechtweisung über sich ergehen lassen, wie Delitzsch in dieser ungemein scharfsinnigen Analyse der drei Thontafelchen, denn mit der nur ihm zu Gebote stehenden imponirenden Gelehrsamkeit hält Oppert strenges Gericht über Delitzsch und nur selten ist eine Hypothese so zersetzt und auseinandergeriffen und ihre Haltlosigkeit dargethan worden, wie dieser von Delitzsch behauptete babylonische Monotheismus. Schlag auf Schlag saust es auf Delitzsch nieder und von Schritt auf Schritt wird ihm in meisterhafter Weise nachgewiesen, daß er den Inhalt der von ihm citirten Täfelchen gar nicht verstanden und darum zum Theil falsch, zum Theil gar nicht übersetzt hat. Denn man höre und staune! Jene drei auf den citirten Thontafeln erhaltenen Namen, die' nach Delitzsch den Namen des Gottes. Israels, Jahveh, enthalten sollen, sind gar nicht wie Delitzsch anuimmt assyrisch, sondern gehören der von Oppert entdeckten semitischen Sprache der Elamiten an, die von 2507—22o3 in Chaldäa herrschten, und jene drei Wörter sind gar keine Eigennamen, sondern Aoriftformen verschiedener Zeitwörter, die übersetzt etwa so lauten dürsten: Schön ist Gott, oder Gott verzeiht, Gott ist gnädig. Der dritte Name kann heißen: Es lebt Gott, es ist ein Gott, es befiehlt Gott. „Solche Namen aber finden sich zu Hunderten im assyrischen Onomastikon und sprechen so wenig für den imaginären Monotheismus der Chaldäer, wie die Namen Theognis, Theokritos, Thukydides und Hunderte andere für den Monotheismus der Hellenen". Aber Oppert begnügt sich hiemkt allein noch nicht, er weist in seinem Scharfsinne auch nach, daß jener vierte von Delitzsch zur Stütze seiner Hypothese herangezogene neubabylonische Text, aus welchem hervorgehen soll, daß Marduk der Stadtgott Babels, der einzige Gott Babylons gewesen sei. das gerade Gegentheil von dem besagt, was Delitzsch behauptet. Und in der That, man muß staunen, wie man so lange, selbst in Fachkreisen, von Delitzsch sich hat irreführen lassen können! Oppert schließt seinen hochbedeutsamen Aufsatz mit folgenden Worten: Alles, was man Vorbringen kann, entkräftet nicht, daß der Ruhm von Israel nicht genommen ist, das einzige Volk des Alterthums gewesen und geblieben zu sein, welches den Glauben an ein höheres Wesen als Volk aufrecht erhalten und deshalb das einzige Volk des Alterthums, welches heute noch besteht. Aber ein wichtiges Moment hat der gelehrte Anbeter Marduks (Delitzsch) in seiner Hast vergessen. Es gab in Babylon Götter, aber es gab auch Göttinnen. Welche weibliche Gestalt tritt nun auf als Zarpanit, Allat, Bau, Anunit, Damkina, Beltis s tutto guaut«! Man wird entgegnen, daß alle Göttinnen sich auf Jstar nennen (wie alle Götter nach Delitzsch auf Marduk) und daß Saigon die Jstarati den Göttern gegenübersetzt, gerade wie die Bibel von Astaroth im Plural spricht. Es gibt also eine Menge Jstars und nicht nur eine einzige. Für den Monotheismus gilt das falsche Gesetz: Gott ist generia masculini, wir glauben an einen Gott und nicht an eine Göttin. Wir fragen also „unfern guten" Mardukaner: Wie steht es mit den Damen? So sieht es mit dem von Delitzsch entdeckten Monotheismus der Babylonier aus! Nach den Darlegungen Oppert's wird ihm wohl nichts anderes übrig bleiben, als einen großen Theil seiner Hypothesen als nicht stichhältig zurückzunehmen, wozu er in seinem demnächst in der Prager Urania zu haltenden Vortrage Gelegenheit haben wird. Wenn nicht, dann werden wir seine tendenziös präparirten Hypothesen vorsichtiger als bislang aufnehmen. („Prager Tagblatt") Ein neuentdecktes Gutachten Andreas Ofiander's gegen den Ritnalmord. Ein bedeutsames, historisches Dokument, das einen ebenso scharfen, wie überzeugenden Protest gegen das Märchen des „Ritualmordes" darstellt und im Strome der Zeit verloren gegangen war, ist vor wenigen Tagen durch einen glücklichen Zufall wieder ans Tageslicht gefördert worden. Dieses Document, das einzige noch vorhandene Exemplar, stammt aus der Feder des als lutherischer Reformator bekannten Andreas Osiander, der in den Jahren 1522 bis 1548 als erster evangelischer Prediger an der Lorenzkirche zu Nürnberg wirkte und sich durch eine gründliche Kenntniß des biblischen und talmudischen Schriftthums auszeichnete. Gerade in der heutigen Zeit, wo das Märchen des Blutmordes wiederum aus der Rüstkammer des Mittelalters als Waffe gegen das Judenthum hervorgeholt wurde und die Geister verwirrt, ist das Zeugniß Osiander's, der durch seine Gelehrsamkeit als der competenteste Beurtheiler der Frage zu gelten hat. von großer actueller Bedeutung. Es ist bekannt, daß das Märchen des „Rltualmordes", dessen die ersten Christen von den Römern bezichtigt wurden und der noch heute in China den christlichen Missionären zur Last gelegt wird, wie ein Gespenst durch das ganze Mittelalter zog und unsägliche Leiden auf das Haupt des Judenthums häufte. Zn wiederholten Malen erstanden in vorurtheilsfreien und wahrheitsliebenden Männern, zu denen selbst Fürsten und Päpste zählten, dem Judenthum Vertheidiger seiner Unschuld. Die Verteidigungsschrift Ofiander's kann aber durch die ganze Art der scharfsinnigen und wissenschaftlichen Darstellung, durch die offenherzige und freimütige Sprache, als das glänzendste Document gelten, das zu dieser Frage Stellung nimmt. Die Veranlassung, welche dem Pfarrer Osiander zur Abfassung dieser Schrift die Feder in die Hand drückte, war eine im Jahre 1540 gegen die Juden des Herzogthums Pfalz-Neuburg, gegen die Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Tittingen und Eichstätt gerichtete Anklage wegen Blutmordes. Ein Kind mit Namen Michael war auf offener Straße ermordet aufgefunden worden; da jede Spur des Mörders fehlte, wurde, wie so häufig in solchen Fällen, von einer den Juden gehässigen Seite der Verdacht der Thäterschaft auf diese gelenkt. Vor Allem war der Clerus eifrig bemüht, den ermordeten Knaben als Opfer eines religiösen Brauches und damit als Märtyrer hinzustellen. Den angeklagten Juden, die entschieden jede Kenntniß des Mordes in Abrede stellten, drohie dasselbe Verhängniß, wie kurz zuvor den Juden zu Pösing in Ungarn, wo auf Grund einer ähnlichen falschen Anklage 30 Juden, Männer. Frauen und Kinder, unter gräßlichen Folterqualen hingemordet wurden. In jener von den Volksleidenschaften so sehr aufgewühlten Zeit wandte sich der Herzog von Pfalz-Neuburg, ein gerechter Mann, an Osiander, der ihm dmch seine Kenntniß des jüdischen Schriftthums als der berufenste Beurtheiler dieser Frage erschien, und bat ihn um ein Gutachten über den „Ritualmord". Wiewohl Osiander für das Judenthum nicht besondere Sympathien besaß, so fühlte er doch in sich die Pflicht, zu reden, wo es sich um das Leben unschuldig Angeklagter handelte, wo es galt, für die Ehre des von ihm so hoch gehaltenen Christenthums einzutreten, das sich durch den Glauben an das wahnwitzige Märchen, durch die Hinmordung unschuldiger Juden schände und entweihe. In zwanzig treffenden Argumenten widerlegt nun Osiander an der Hand der Geschickte und der Wissenschaft, an der Hand der einfachen vernünftigen Ueberlegung die Möglichkeit eines „Ritualmordes" unter den Juden. Er bezeichnet den Blutglauben als ein Märchen, ersonnen und ausgebeutet von Feinden des Judenthums oder von solchen, welche die Vernichtung der Juden für ihre Zwecke ausnützen wollen; nur Haß und Fanatismus, Aberglaube und völlige Unkenntniß des jüdischen Schriftthums seien die Quelle jener gegen die Juden gerichteten Anklage. Er weist darauf hin, daß das mosaische Gesetz den Juden jeden Blutgenuß, selbst des Thieres, als ein Greuel verbietet; „daher ihnen das Blut ein gar erschröcklich Ding, darob sie sich entsetzen." Welcher Wahnwitz wäre es von den