Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 798 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Nr. 50 zähen Eifer einer Frau gelang es, eine Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft zu gründen. Verlassenen Kindern beistehen, ohne Unterschied der Confession, das war der Zweck des Vereines. Kein Wunder, daß sich bald ein zweiter Verein bildete, der die gleichen Absichten, aber in „christlich-socialer" Garnirung, verwirklichen wollte, der Verein „Kinderschutzstationen". An der Spitze des clcricalen Vereines steht die Erzherzogin Maria Josefa, der Protector des parteilosen Vereines war Erzherzog Leopold Salvator. Nun hat der Erzherzog das Protectorat niedergelegt. Die interconfessionelle Humanitäts-Organisation lauft Gefahr, sich aufzulösen. Nun beehrte uns eine vornehme Danie mit folgender Anfrage: „W e l ch e r Confession gehörten die Kinder an, welche Jesus von Nazareth ausgefordert hat, zu i h m zu kommen?" Es ist in der Thal herrlich bestellt um das Christenthum und um die vielberufene Nächstenliebe, die es predigt. * * * Theorie und Praxis decken sich nicht immer, auch beim Antisemitismus nicht. Die Männer der That, die sich im neuen Antisemitenbund zusammengesunden haben, gehen von anderen Prämissen aus, als der hochwürdigc Prior Gras Mels-Colloredo, der erröthend den Spuren des Fürsten Alois Liechtenstein folgt,, und jetzt um die Weihnachtszeit die Vereine aussucht, um die „christliche Familie" zu haranguiren, aber schließlich liegen sich doch in den Armen Beide und weinen vor Schmerz und vor Freude. Der genannte Graf und geistliche Würdenträger hielt in der Festversamnilung der „Christlichen Familie" eine Rede, deren erster Theil wenigstens der Theorie gewidmet war. Erbegann: „Ich bin der festen Ueberzeugung, daß es Viele geben wird, die mit meinen Ausführungen, wie ich den Antisemitismus auffasse, nicht einverstanden sein werden. Ich glaube, daß es nicht christlich wäre, den Antisemitismus in Gedanken, Worten und Handlungen so zu üben, daß man bemerkt, daß es einem nur darum zu thun ist, die Juden zu erschlagen, zu malträtiren, sie verhungern zu lassen und dergleichen. Ich halte mir vor Augen, daß die christliche Religion eine Religion der Liebe ist. Ich bedauere immer, wenn ich von ausgezeichneten Männern hie und da hören muß, daß es sehr wünschenswertst wäre, die Juden zu erschlagen, zu ruiniren, ihnen alles Mögliche anzuthun, nur nichts Gutes". Sein ahnend Herz betrug ihn nicht, den hochgeborenen Redner. Mit solchen Sachen sind unsere antisemitischen Größen in der That nicht einverstanden. Sie mögen sich aber getrösten. Den Weg zu ihnen hat, schließlich auch dieser Prediger des Evangeliums der Liebe gefunden. Immerhin enthielt die Rede doch, wie man aus dem Mitgetheilten erficht, Sätze, die unangenehm wirken mußten. Die „Deutsche Zeitung" hat es daher denn auch für angemessen erachtet, die Rede zu unterschlagen. In ihrem Berichte geht sie über sie mit folgender eleganter Wendung hinweg: „Prior Graf Mels-Colloredo sprach über die Frage des Antisemitismus und schloß seine mit lebhaftem Beifallc aufgenommenen Ausführungen mit der Aufforderung, nur bei Christen zu kaufen." Der Redner, der mit seiner salbungsvollen Theorie von der Liebe begann, dessen weiches Gemüch so leidet, wenn er sehen muß, wie Andere bemüht sind, die Juden leiden zu lassen, sie zu ruiniren, sie verhungern zu lassen, er kommt schließlich mit seinen gewundenen Redeblumen zu dem praktischen Resultat, daß man bei den Juden nichts kaufen soll. Der folgende Redner, natürlich ein Gemeinderath, ohne „Honoratioren" geht es bei so festlichen Anlässen niemals ab, meinte mit herzerquickendem Humor, daß man ja die Austreibung der Juden sehr human durchführen könne, er schloß mit dem geistsprühcnden Epigramm: „Werft ihnen vor die Thor' die Binkel, oder sperrt sie wieder in die Judenwinkel!" 4-4- * Die Juden aber predigen einen „Gott der Rache" und sie rächen sich unbarmherzig an armen Christen! Da arbeiten solche arme Christen in den Baron Rothschild'schen Gärten als Gärtner verschiedenen Ranges, sie werden gut bezahlt, allein ihr christüches Gemüch fühlt sich bedrückt, weil neben den zahlreichen christlichen Gärtnern auch ein einziger ausgelernter jüdischer Gärtner sich sein Brod verdient. Das verträgt sich nicht mit ihrer christlichen Frömmigkeit und Barmherzigkeit. Sie essen das Brod vom reichen Juden, daß aber auch ein armer Jude sich ein Stückchen Brod verdiene, finden sie unerträglich; er muß gehen! Indessen das Comite zur Erhaltung der Knabenbeschäftigungs- und Verpflegsanstalt für Breitenfeld, Wien, VJ1I.2, Uhlplatz 3, welche ausschließlich armen christlichen Kindern zu Gute kommen soll und sich als „christliches Unternehmen" bekennt, mit Sr. Hochwürden Laurenz Lepschy, geistlichen: Rathe und em. Dechant und Pfarrer in Breitenfeld, an der Spitze, wendet sich mit seinen Bettelbriefen auch an Juden, und diese Juden geben, Helsen, unterstützen und fragen nicht nach dem religiösen oder politischen Bckenntniß eines Nothleidenden. Zwei Jahrtausende Christenthum! „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!" — verkündete einst der Apostel. Whig. Konrad Ferdinand Meyer s deutsches Nationalgefühl. . Die „Vossische Zeitung" erhält folgende Zuschrift: In einer Zeitung, die zu eitiren man gerne vermeidet, finde ich die Notiz, Konrad Ferdinand Meyer habe einmal selbst erklärt, er sei kein national gesinnter Deutscher und wolle auch keiner sein. Diese Notiz ist schon vor Jahren durch die Presse gegangen und damals unwidersprochen geblieben. Ich halte es nun für meine Pflicht, und zwar nicht blos als persönlicher Freund des Dichters, der nun nichts mehr selbst richtigstellen kann, sondern auch vornehmlich um der Wahrheit willen, mitzutheilen, unter welchen Umständen diese, zudem nicht in ihrem Wortlaut wiedergcgcbene Aeußerung gefallen ist. Mir sind diese näheren Umstände, obwohl ich nicht selbst dabei war, genau bekannt; id) habe sie aus der denkbar besten und zuverlässigsten Quelle. Der Sachverhalt ist der folgende : Ein Gymnasiallehrer aus ^Mitteldeutschland, der ein glühender Verehrer Meyer's war, war im August 1889 gleichzeitig mit ihm auf dem Rigi, stellte sich dem Dichter vor und sprach ihm seine Verwunderung aus, was dieser natürlich freundlich ausnahm, ohne im klebrigen aus seiner Reserve, die ihm eigenthümlich war, herauszutreten. Um nun dem Dichter näher zu kommen, bewog der Herr den Oberkellner, ihn bei der Table d'hote neben Meyer zu setzen, wogegen dieser auch nichts einzuwenden hatte. Nun ergab es sich aber gleich bei der ersten Mahlzeit, daß jener Oberlehrer eine antisemitische Aeußerung that. Meyer, der in seinem Humanitätsgesühl die antisemitische Bewegung auf's Aeußerste verwarf, bat in seiner vornehmen Art sehr höflich, ihm gegenüber keine derartige Aeußerung zu machen. Er habe, sagte Meyer, vernmthlich im Leben mehr Juden kennen gelernt als jener Oberlehrer und sei nicht seiner Meinung. Der Lehrer erwiderte verblüfft, da komme es ja gar nicht auf die persönlichen Erfahrungen an; das sei eine Frage, über die alle nationalen Deutschen so dächten wie er. Worauf Meyer wörtlich erwiderte: „Dann bin ich kein nationaler Deutscher und will es nicht sein"; auch dafür sorgte Meyer, daß er nun einen anderen Nachbar bekam. Dies ist Alles. Man sieht, es gehört Einiges dazu, in dieser Aeußerung Meyer's eine Verleugnung seiner deutschen Gesinnung zu finden. Ich lege auch hauptsächlich, deshalb Werth darauf, dies festzustellen, weil Schweizer Schriftsteller in letzter Zeit bemüht waren, zu versichern, man thue Unrecht, Meyer als einen Dichter von national deutscher Gesinnung zu betrachten. Ich zweifle nicht, daß die Herren dies nach ihrem besten Wissen und Gewissen sagen, halte aber ihre Meinung nicht für richtig. Wie Meyer selbst darüber dachte, erweist sein „Hutten" von 1870, namentlich das darin enthaltene Gedicht „Der deutsche Schmied" und der Aussatz über die Entstehungsgeschichte seines „Hutten", den er auf meine Anregung geschrieben hat und den ich zuerst in der „Deutschen Dichtung", dann in dem Buche „Die Geschichte des Erstlingswerkes" veröffentlicht habe. Genauer als Meyer selbst kann Niemand wissen, wie er gesinnt war, und namentlich ist aus jener Aeußerung, die ich hier in ihrem richtigen Zusammenhänge gegeben habe, gewiß nicht irgend ein Schluß dagegen zu ziehen. Karl Emil Franzos.