Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. JSlocbs iRliocbenscbrift. £cü<r 797 Mordthnten zugesehen, bte Polizeibeamten, deren Leute den Plünderern und Mördern offen Vorschub geleistet haben. Ihnen gegenüber der Gerichtshof, der die Komödie einer ernsthaft geführten Verhandlung so weit treibt, daß die Mitschuld der Behörden klar zu Tage tritt, und der doch weder gegen die Urheber der Greuelthaten vorgeht noch auch gestattet, daß der Beweis der Mitschuld der Behörden geführt werde. Wird der Gerichtshof den Versuch wagen, die wahren Urheber zu ermitteln? Wird er es wagen, das Uebel beim Namen zu nennen? An der Spitze Rußlands steht ein Czar, dessen empfindliche Seele nach glaubwürdigen Berichten aus seiner Umgebung stets von Weltverbesserungsplänen erfüllt ist, der, als er die Welt mit dem Friedensmainiest überraschte, aus mystisch-religiösen Motiven heraus handelte und welcher mit Freuden jeder humanen, reformatonschen Idee sich hingibt, die Irgendeiner zu seiner Kenntniß zu bringen weiß. Aber dieser Ezar ist schwach, seine Gedanken werden nur dann, wenn sie den leitenden Männern harmlos scheinen, wie es beim Friedensmanifest der Fall war, in die Wirklichkeit übertragen, und es ut ferner Thatsache, daß Nicolaus II. lange nicht Alles erfährt, was m seinem Reiche vorgeht. Für ihn regiert, denkt und handelt eine Änzahi von Leuten, die keine Spur von seiner Geistesart in sich tragen uno die Rußland noch ebenso starr-absolutistisch, rückständig-zelotisch veherrschen, wie vor Jahrzehnten. In einer der letzten Verhandlungen m Kcscheucw that einer der Zeugen die Aeußerung, der heilige Synod habe gestattet, die Juden zu schlagen. Der heilige Synod — das i>l die fnrchtvarste und ani grimmigsten asiatische unter den russischen Regierungsgewalten. Sie ist wohl die Hauptursache des AnlsieuuNsmus ui Rußland. Eine veraltete thcokralische Ansicht vermengt, schreibt Grrera in seinem Buche über die russischen Juden, die Bereiche des Kaisers und Gottes noch in so hohem Grade, daß die Nationalitäl nicht als verschieden von der Religiosität verstanden wird. DaS zeigt sich treffend darin, daß in der Regierungsiprache alle nicht orthodoxeli Gtauvcnsbekenntuisse unter dem Namen fremde Glaubensgemeindeu zusauuuetlgefaßt werden. Die römischen Katholiken Polens, die Lutheraner der drei baltischen Provinzen sind ein ebenso großer Gegenstano des Argwohns, wie die Juden. Die öffentlichen Aeuiler sind ihnen kaum mehr zugänglich; im öffentlichen Unterricht namentlich ist die Ausschließung der Katholiken bis zur äußersten Grenze getrieben, und vor einiger Zeit kündigten zum Beispiel die Zeitungen an, daß die katholischen Kirchen im District Kolodno durch eitlen Ukas in orthodoxe russische Tempel umgewandelt werden sollten. Wenn die Berfolguiigen die Katyolilen und Protestanten weniger hart treffen als die Juden, so kommt das daher, daß öke Furcht vor diplomatischen Verwicklungen zu einiger Rücksicht verpflichtet. Gegenüber seinen jüdischen Unterthanen hat Rußland im Gegentheile nicht nöthig, sich zu geniren; es oeharrdett sie als Fremde, ohne sich diplomatischen Unannehmlichteilen auszusetzen. Wenn, wie Amerika es that, dennoch ein Ginspruch erhoben wirb, wird er einsam nicht angenonimen, und mau ist sicher, daß daraus keine Weilerungeti erfolgen. Im Grunde also handelt es sich bei den Judenverfolgungen um einen vom heiligen Synod geleiteten Kreuzzug gegen öle Ungläubigen. Rußland ist das einzige Land Guropas, in dem das religiöse Motiv im Antisemitismus ilvch die erste Rolle spielt. Außerdem heiligen Synod ist an den Gxcessen m Kischenew auch der Tschlnownlk, der russische Beamte, hervorragend beiheiligl gewesen. Gs ist nämlich ein Regierungsgrundsatz tm Gzareurerche, daß immer in bewegten Zeilen, wenn die Unzufriedenheit der Bauern und Bürger den Herren in Moskau und Petersburg bedrohlich zu werden anfangt, die Juden der Blitzableiter sein müssen; im Blute der Zutun soll sich die Wuth der Revolutionäre kühlen. Auf die Dauer wird das Mulck zwar unzureichend sem, die russische Politik ist im Jrlttern aber auch mit momentanen Mitteln zufrieden. Diesmal hat die Methode, so scheint es. gar nichts geholfen, die aufrührerische Bewegung hat nicht nachgelassen und die systeuiatisch elttgeleiteten Judenversolgungen haben nur die eine Folge gehabt, daß noch mehr Judeil als früher an der Propapanda sich vetheiligen. Was haben sie auch zu verlieren? Ihr Martyrium und ihre Noth sind ebenso grenzenlos, wie die Behörde erfinderisch tu der Ersinnung immer neuer Vexatlonen. „Ich möchte lieber wie ein Betrüger, em Fälscher oder eilt gemeiner Mörder behandelt sein, als wie ein ehrlicher russischer Jude" — in diesem Ausruf eines englischen Publicisteu liegt keine Spur einer Ueberlreivuug. Die Lage der Juden m Rußland ist eine Schmach für die gesamune Gulturwelt Europas. Man thäte aber Unrecht, wenn man glaubte, daß die ganze russische Bevölkerung zufrieden wäre uiil der Methode, wie ein Theil der russischen Unterthanen behandelt wird. Ungemein zahlreich sind die Stimmen, die in Rußland selbst zu Gulisten der Juden sich erheben und viele der Zeugenaussagen vor den Kischenewcr Richtern bekunden, welch' tiefe Entrüstung bei dem ehrlichen Thette des Volkes über die vorgefallenen Excesse herrscht. In weiten Kreisen steht man die Methode, die gegen die Juden angewendet wird, al« ein weiteres Symptom für die Unhaltbarkeit der Zustände im großen russischen Reiche an — und so wird schließlich auch die Blutorgie von Kischenew nur dazu Mitwirken, den großen Umschwung Helbeizuführev. den zu verzögern sie hätte beitragen sollen. Vom Znkrmnrkt des Lebens. Glosse» zur Tagesgcjchichre. (Ein tiefgefühltes B e d ür sn i ß. — tz e s affaires sont 1 e s affaires. — Theorie u n d Praxis. — Prior Gras M e l s- E o l l o r e d o und die „christliche Nächstenliebe". Einem tiefgefühlten Bedürfnisse mußte abgehvlfen werden. Sie wissen nicht, woran wir so bittern Mangel litten? Ein „Bund der Antisemiten für Niederösterreich" har uns noch gefehlt. Da mußte etwas geschehen. Und es ist etwas geschehen. Ein Ausruf ist erschienen. Antisemiten Wienstautet die beweg liche Ueberschrift, die gleich so sympathisch annruthet und sich sofort die Herzen Aller gewinnt, die sich noch den Rest eines Mitgefühls für die Leiden bewahrt haben, welchen die Lueger und Gregorig, Bielohlawer und Fürst Liechtenstein in Folge der schmählichen Unterdrückung und Ausbeutung durch die Juden ausgefetzl sind. Ein „Bund der Antisemiten für Niederösterreich" ist gegründet, und der ganzen von deil Juden geknechteten und geknebelten Partei der Christlich-Soeialen fallt ein Stein vv:u Herzen. Die Antisemiten für Niederösterreich sind von einer hohen Statthalterei bewilligt worden. Die Hauptaufgabe des neuen Vereines besteht darin, „gegen die Juden in der radiealsten Art anJmrecen". Eine Einschränkung wird doch gemacht, und vielleicht ist darin das weise Walten einer hohen k. k. Statthalterei zu erkennen — „in der radicalsten Art auizutrecen — soweit es die Gesetze erlauben!" Wir haben sa nun etwas wie die Staatsgrundgesetze, welche, einem unverbürgten Gerüchte zufolge, etwas wie die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze gewährleisten, und zweifellos steckt da der Küraßfehler unserer modernen Gesellschaftsordnung. Auf diesen Punkt must also die Lanze eingesetzt werden. Der Verfasser des Ausrufes und zugleich Proponent des neuen Humanitätsvereines ist, loie er sich in seiner Proclamation selbst nennt, „der bekannte Parteimauu" Karl Nagorzanski, Gastwirth,!., SorrnenfelSgafse 6. Die eonstituirende Bersannnlung des neuen Vereines hat auch schon stattgesunden, und zwar im Gasthause des bekannten ParteimanneS Karl Nagorzanski, l., SonnenfelSgasse 6. Zum Obmann wurde erwählt der bekannte Parteimann Karl Nagorzanski, Gastwirth, I., SonnenfelSgasse 0, und nach vollzogener Wahl war einer der ersten Beschlüsse, die gefaßt wurden: Sitz des Vereines ist das Gasthaus des bekannten ParteimanneS Karl Nagorzanski,!., SonnenfelSgasse 6. Mau luuß etwas für die Partei thun und Herr Nagorzanski cpser. sich für die gute Sache. Wenn sich heute sein edles Denkerauge fchlöße, ein Ehrengrab wäre ihm sicher. ll.es affairessollt les affaires. Herr Nagorzanski ist Parteinrann und Gastwirth. Alle möglichen tragischen Coufliere, die sich aus dieser Doppelstellung ergeben könnten, löst er auf die einfachste Weise. Er hält sich an die die Horaz'fche Weisheit: omne tulir punctum, qui iniscuit utile dulci — er verbindet das Nützliche mit dem Angenehmen. Er hält es mit dem sicher auch von ihm hochverehrten deutschen Dichter FriedrichRückert: „Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten". Freilich, wenn ein Jude auf diese Weife Humanitäts- Vereine gründen wollte, so toürde man ihm das arg verübeln: man würde finden, daß er die Sache denn doch ein wenig zu plump anfasse, aber für einen Verein, in dessen Ausschuß als Erster der „nncrnlüdliche Abgeordnete" I. Gregorig gewühlt wurde, scheint das doch die richtige und vollkommen ausreichende Methode zu sein. Wenn nun aber das Wirthsgeschüft, I., Sonnen felsgasse t>, doch nicht so gehen sollte, wie sich Herr Nagorzanski in seinen humanitären Bestrebungen das vorstellen mag, dann wird doch wohl nichts anderes übrig bleiben, als ihn zni.r Stadtrath und womöglich zum Landesschulinspeetvr zu machen. Vielleicht löst er dann einmal Herrn Bielohlawek ab, trenn es gilt, eine bedeutsame Rede in Sachen der Schule oder der modernen Cultur überhaupt zu halten. Nach der Hummel-Affaire erinnerte man sich in Wien der verwahrlosten und niißhandelten Kinder. Dem stürmischen und