Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 792 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Nr. 49 Am 16. März 1859 erhielt Schlesinger das Decret, in dem er zum Hauptmann t.^Lpetou) der serbischen Armee ernannt wurde als Lohn für seine treuen Dienste um Serbien. Im Jahre 1860 bestieg Fürst Michael nach dem Tode seines Vaters den serbischen Thron und Schlesinger sand bei ihm nicht das gleiche Musikverständuiß und Vertrauen wie bei den früheren Fürsten. Nachdem er noch im Jahre 1861 den ersten serbischen Gesangverein in Belgrad begründen half, trat, er auf wiederholtes eigenes Ansuchen 1864 in den Ruhestand mit vollem Gehalte. Aber der arbeitsame Greis gönnte sich nicht die wohlverdiente Ruhe und siebzig Jahre alt, zog er mit Professor- Fr. 3E. Kuhac, einen großen Theil Serbiens und Bulgarien zu Fuß durch, seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehcnd, überall südslavischc Volksmelodien sammelnd. Ihr Führer brachte sie zu einer 50 Mann starken bulgarischen Bande, wie sie damals in ganz Bulgarien den Guerillakrieg gegen die Türken führten. Vom Anführer derselben, einem gewesenen Mönche, namens Demeter, freundlich ausgenommen, sammelten Schlesinger und sein Begleiter bei den sangesfrohcn Kriegern einen reichen Melodienschatz. Als sie jedoch nach wenigen Tagen weitergehen wollten, untersagte es ihnen der Häuptling: „Denn, obwohl ich Euch glaube, würden Euch meine Leute für tiirkische Spione halten und falls die Türken unser Lager angriffen, mich, da ich Euch entlassen, als Verräthcr tödten." So mußten die beiden Künstler noch einige Tage bei den Insurgenten bleiben, von denen gar mancher, wie Demeter meinte, hinging, wo man nicht mehr sang, bis sie endlich nach Abbruch des Lagers ihrer Wege ziehen konnten. Bald daraus ward die Bande von den Türken geschlagen, die meisten gelobtet und der Rest als Gefangene nach Constantinopel geschleppt. So entging Schlesinger das drittemal in seinem Leben der nahen Todesgefahr. Nach Belgrad zurückgekehrt, mußte Schlesinger weinend zuschauen, wie sein Nachfolger, ein eingebildeter Böhme, Namens Brunetti, mit dem gesammten Archiv auch Schlesinger's Arbeiten, die Frucht seines Lebens, aus der Musikkaserne aus die Sraße werfen ließ. Glücklicherweise rettete Professor Kuhaö die meisten Arbeiten des Künstlers und befinden sie sich auch heute in seinem Besitze. Noch eine Freundesthat befestigte die väterliche Freundschaft Schlesinger's zu Kuhaö. Wie bereits erwähnt, schrieb in: Jahre 1867 Ignatz Reich eine Lebensbeschreibung Schlesinger's. Vom Künstler an Kuhae wegen der nöthigen Daten gewiesen, trat dieser Reich bereitwillig einen Theil seiner Biographie Schlesinger's ab. Trotzdem er mit dem Werke Reich's infolge zahlreicher Entstellungen und Unrichtigkeiten unzuft-ieden. war, überreichte Schlesinger dem Fürsten Michael ein Prachtexemplar des Werkes. „Die berühmten ungarischen Israeliten interessiren mich zwar gar nicht", meinte der Fürst lächelnd, „aber Ihre Biographie werde ich lesen." Drei Tage später ernannte ihn der Fürst zum Major im Pensionsstande, denn er habe erst aus dem Kuhae-Reich'schen Aufsatze von seinen großen Verdiensten um Serbiens Musik erfahre::. Im Winter 1868 bildete sich in Belgrad eine Verschwörung gegen Fürst Michael. Schlesinger, der von der Verschwörung erfahren, wollte seinen Fürsten, der ihm stets Zeichen seiner Gunst ertvies und öfters als Gast zu Tische lud, womöglich retten und ließ ihn durch Damcnhand warnen. Der Fürst beachtete es nicht und erst ein zweiter Brief Schlesinger's, wieder anonym, machte ihn wachsam und argwöhnisch. Die Verschworenen erftchren von den Briefen und beschlossen einige Monate zu ruhen, damit sich der Fürst in Sicherheit wiege, forschten jedoch eifrig nach dem geheimen Brieffchreiber. Am 3. Juni kamen um zehn Uhr Abends in Schlesinger's Wohnung drei Männer mit der Pistole in der Hand, ihn auffordernd, sofort mitzugehen. Schlesinger schnallte wortlos den Säbel um und folgte den Männern in das Haus, wo die Verschwörer beriethen. Dort wurde ihn: eröffnet, man wisse, daß er der geheime Brieffchreiber sei und daß er schwören müsse, nichts mehr zu verrathen. Er mußte noch den ganzen Verschwörungsplan zuhören, daß der Fürst im Topeiderer Schlosse beim Spaziergange ermordet werde und der Mörder im dritten Oleanderkübel vor dem Schlöffe 200 Ducaten finden werde. Hierauf nmßten alle Anwesenden ein schwarzes Crucifix küssen und die Stirne damit berühren. Ties erschüttert verließ Schlesinger Belgrad und flüchtete nach Essegg, wo er sich im Kuhae'schen Hause verborgen hielt. Trotzdem er seinen Fürsten innig liebte und doch als Jude sein Eid vor dem Crucifixe nichtig war, wagte er es nicht, irgend etwas zur Rettung seines Herrschers zu unternehmen. Am 10. Juni ward Fürst Michael im Topeiderer Schloßparke ernwrdet, zur großen Empörung des serbischen Volkes, das noch lange den Befreier Serbiens im Liede und in der Musik betrauern wird. Auch Schlesinger verfaßte eine größere Composition zum Andenken seines verblichenen Fürsten, die als letztes Werk des Künstlers im December 1868 mit dem Texte von Nikolie in Belgrad erschien. Bald erkrankte Schlesinger an der Wassersucht und verschied in Belgrad im Jahre 1870, in: Alter von 76 Jahren. Schlesinger's Ehe mit der Tochter des Rabbiners Friedenberg entsprossen mehrere Kinder, die aber alle frühzeitig verstürbe::. Blos eine Tochter, die an einem Glasermeister in Semlin verheiratet war, überlebte den Vater. Schlesinger war ein grundehrlicher Mensch, trotz seiner hohen Stellung freundlich und zuvorkommend gegen Jedermann, seinen Untergebenen ein väterlicher Freund und für jedes edle Unternehmen gerne bereit, und wenn es sich um serbische Nationalmusik handelte, kannte seine Opferwilligkeit keine Grenzen; bezeichnenderweise hat er trotz seines großen Einkommens kein Vermögen hinterlassen. Serbien und der serbocroatischen Sprache war er vollkommen zugethan und er duldete nicht, daß in seinem Hause eine andere Sprache gesprochen wurde, und am Liebsten hatte er, wenn seine Enkel in serbischer Nationaltracht gekleidet waren. Er war ein treuer Diener der serbischen Fürsten, die er in vielen Werken verewigte, und auch der serbischen Kirche hat er manches herrliche Kunstwerk gespendet. Aber an: größten von allem war die Liebe Josef Schlesinger's zum Judenthume. Mit jeder Faser seines Herzens hing er an dem Glauben seiner Väter,; und dessen Anhängern die freie Ausübung der Religion in Serbien zu erwirken, bezeichnete er als sein Lebenswerk. Vor seiner Ankunft bestand für die serbischen Juden die Gefahr, den Glauben zu vergessen und sich ganz mit der Bevölkerung zu assimiliren. Schlesinger sammelte mit vieler Mühe die Belgrader Juden, richtete auf eigene Kosten ein kleines Haus als Synagoge ein, indem er anfangs selbst vorbetete und später selbst einen Vorbeter ftir seine Kosten miethete. Schlesinger's Wirken als Vorsteher der serbischen Juden harrt noch der Darstellung, und hoffentlich findet sich bald die Hand, die einst ein genaueres Bild von den: jüdischen Künstler und Menschen Josef Schlesinger geben wird, als es diese Zeilen vermögen. Unter uns Juden im slavischcn Süden möge aber das Andenken an Josef Schlesinger fortleben als leuchtendes Vorbild der Liebe zur heimischen Sprache, zum jüdischen Glauben und Volke! Kriefkajierr. K. Die Antisemiten hetzen gegen Italien. „König Viktor Emanuel und die italienische Regierung können sich bei der jüdischen Elique des italienischen Parlaments dafür bedanken, daß der Besuch des russischen Kaisers für absehbare Zeit aufgeschoben ist." So schrieb ein antisemitisches Blatt, ohne aber zu erwähnen, daß der Führer der Hetze gegen den Czaren in Italien, der Abgeordnete Ferri, ein ausgesprochener Judenfeind ist. F. Die Ernennung Luzzatti's zum Minister ist den Antisemiten sehr unangenhm. Anders urtheilen italienische Blätter: „Luigi Luzzatti, einer der ältesten Parlamentarier Italiens, übernimmt zum fünftenmale den Posten eines Schatzministers, denier stets zu allgemeiner Zufriedenheit zu verwalten gewußt hat. In seiner dreißigjährigen Thätigkeit als Unterhändler bei den: schwierigen Abschluß von Handelsverträgen mit allen leitenden Culturstaaten errang er sich auf nationalökonomischem Gebiet einen Weltruhm und das unbedingte Vertrauen der maßgebenden europäischen Staatsmänner. Ein Umstand, der bei den bevorstehenden Verhandlungen für die Erneuerung der Handelsverträge, die sich diesmal ganz besonders mühsam abwickeln dürften, nicht hoch genug zu schätzen ist." „Anonymus." Anonyme Zuschriften wandern auch dann in den Papierkorb, wenn sie selbst Drohungen enthalten K. I. in O. Dr. Löwenbach war Jude und der Döblinger Friedhof hat eine jüdische Abtheilung.