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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-04 · 49 (4.12.1903) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
49 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 788 Dr. Mocb's MocbenscbrM, Nr. 49 eines Täuflingscandidaten gravitirt bereits außerhalb des Judenthums, was kümmert ihn eine Reform, er trachtet und denkt uns der jüdischen Gemeinschaft auszutreten, mögen die Motive seines Seelenzustandcs materieller Natur oder seelischen Empfindens sein, einerlei, für's Judenthum hat er kein Interesse mehr. Das Proselytenthum wird übrigens solange seinen Nährboden. haben, solange der ethische Kern der Religion von Dogmen und Ceremonialgesetzen säst bis zur Unkenntlichkeit umhüllt sein wird. Es soll auch hier nicht außer Acht gelassen werden, daß die reformatorischen Vorwärtsstürmer zu den Edelsten zählen und daß sie die Schaffung eines besseren Zustandes anstrebcn; sie treffen hiedurch vermeintliche Interessen der Gegenwart und werden öfter zu Märtyrern. Eine wichtige Erscheinung in Israel scheint auch die verehrliche Redaction übersehen zu haben, das ist das Prophetenthum. Was war denn der Prophetensürst Jesaias anders als ein gewaltiger Prediger der Reform? Wie donnert er gegen den Opfercult und gegen das heuchlerische Fasten; wie erhebt sich der Deutero-Jesaias zu den Sternen, indem er die Völkerverbrüderung verkündet und einen gemeinsamen Tempel für Alle prophezeit. (Jes. 56, 7.) Sind diese großen Seelen etwa andere als große Reformatoren? Für wen hält denn die verehrliche Redaction Philo, der den Mosaismus und die griechische Philosophie durch die Allegorie in Einklang zu bringen suchte, ist er ein anderer als ein reformatorischer Geist im Judenthume? Nach dem Vorausgeschickten, meine ich die verehrliche Redaction zur nachsichtigeren Beurtheilung der Arbeit des Dr. Tänzer zu bewegen. Ich bin jedoch in einem Punkte mit Dr. Tänzer nicht einig. In seiner Broschüre „Judenthum und Entwicklungslehre" (Seite 44) stellt sich der Autor auf den talmudischen Standpunkt; jeder unbefangene Leser wird dies als Widerspruch mit dem Geiste und der Tendenz dieser Schrift auffassen müssen; bedeutet doch die casnistische Halacha des Talmuds im Vergleiche zum Jdeenschwunge der Propheten einen Rückschritt und einen geistigen Verfall Israels. (?) Es sicht so aus, als wenn Dr. Tänzer, der sonst von höheren Ideen getragen wird, vor dem Talmud-Rubicon Halt macht; diesen überschritt der Autor der Broschüre „Israel am Scheidewege". Ungeachtet dessen will ich Sr. Ehrwürden Dr. Tänzer für sein mannhaftes Auftreten meine Anerkennung nicht vorenthalten. Hirsch Kapelusz. Nachschrift der Redaction: Die „Oesterreichischc Wochenschrift" ist kein wissenschaftlich theologisches Organ und sein beschränkter Raum reicht nicht hin, die angeregten Fragen gründlich mit wissenschaftlichen Belegen zu beantworten. Die Geschichte der Reformbestrebungen innerhalb des Judenthums ist überdies hinlänglich bekannt und ein Besuch . der Reformtempel belehrt auch darüber, welche Resultate derlei Bestrebungen, mögen sie von den besten Intentionen inspirirt gewesen sein, zutage fördern; . sie bilden einen sanften Uebergang ins Christenthum, sozusagen eine Erziehungsstätte für den Verrath. Gewiß waren sie als solche nicht gedacht, allein sie wurden es thatsächlich und die Nachkommen aller Mitglieder zum Beispiel der ersten Berliner Reformgcmeinde existiren innerhalb des Judenthums nicht mehr. Es ist aber nicht richtig, daß die reformatorischen Vorwärtsstürmer vermeintliche Interessen treffen und dadurch öfter zu Märtyrern werden. Nur die christlichen Kirchen verfügen über jene Macht, zu schaden und zu nützen. Unsere Reformer intendiren im Gegentheil, den vermeintlichen Interessen der Gegenwart zu dienen und einer illegalen Lebensführung eine äußerliche Legalität zu verleihen. Herr Dr. Tänzer, dem wir persönlich nahezutreten absolut keine Ursache haben, versucht die offenkundige Kluft zwischen Lehre und Leben dadurch zu überbrücken, daß die Religion den Bedürfnissen der Tagesströmung sich anpasse und das sanctionire, was das Leben mit ihr im Widerspruch erzeugt hat. Aber Jesaias und nach ihm Philo haben gefordert, daß das Leben dem Gesetze, d. h. der Religion, sich unterwerfe, nicht umgekehrt. Philo hat alle Mittel seines Scharfsinnes und seiner Philosophie angewendet, um das biblische Ceremonialgesetz zu erklären und zu rechtfertigen. Auf ihn dürfen sich nicht die berufen, welche dem Gesetze der Bibel den Krieg erklären. Entäußert sich das Judenthum des pädagogischen Ceremonialgesetzes, dann muß und wird es als Consession aushören. Es ist auch durch und durch unwissenschaftlich, Talmud und Halacha in Gegensatz zu Philo oder zu den Propheten zu stellen. Die universalistische Idee hatte unter den Autoren des Talmuds begeisterte Vertreter und Wortführer, und daß Jesaias z. B. die Abschaffung des Sabbath gefordert oder nur gebilligt hätte, wird wohl Niemand zu behaupten wagen. Und wandte er sich nicht mit scharfen Worten gegen die, „die das Fleisch vom Schwein essen". Der geehrte Einsender findet es mit Unrecht auffallend, daß Herr Dr. Tänzer sich auf den „talmudischen Standpunkt" stellt. Sabbath und .Speisegesetze, welche vor Allem es zu beseitigen gilt,wenn zwischen „Lehre" und „Leben" die geplante Versöhnung herbeigeführt werden soll, sind ja biblischen Ursprungs und biblischen Charakters. Den „Anforderungen derZeit" entsprechend, müßten wir in Europa den Sonntag und in mohammedanischen Ländern den Freitag an Stelle des Sabbaths setzen, und schließlich sagt sich die Heranwachsende Generation, wenn unsere Väter von dem Judenthum bereits so viel preisgegeben haben, dann lohnt es sich des winzigen Restes wegen nicht, das ungeheuere Martyriuni weiter zu tragen. Und nun noch ein Schlußwort: In einer Zeit schwerer äußerer Bedrängniß und Gefahren, in der alle Gewaltmächte der Welt zur Unterdrückung und Vernichtung Israels sich geeinigt haben, sollten Fragen grundstürzender Art im Innern überhaupt nicht aufgeworfen werden. Unser Haus wird von allen vier Seiten angezündet, es gilt die Abwehr nach Außen, es gilt, eine Heimat zu suchen für die Flüchtlinge — ist das der geeignete Moment, Reformen im Judenthum zu discutiren? Es ist nicht wahr, daß heute „Israel am Scheidewege" steht, heute weniger denn je! Israel hat gar keine andere Wahl, als entweder auf seiner alten, uralten Bahn weiter fortzuschreiten oder — sich selber untreu — unterzugehen, und wenn der geehrte Einsender die Propheten citirt, so wird er sich auch des Wortes erinnern: „Ich, der Herr, ändere mich nicht, und Ihr, Söhne Jacobs, hört nicht auf." Wien. (Die Jahresversammlung der Wiener Ortsgruppen des „Hilfsvereines für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien") fand am 26. November d. I. im großen Saale des Hotel Guth statt. Zum Vorsitzenden wurde von den Obmännern der Wiener Ortsgruppen der Obmann der Ortsgruppe „Wien ll" Herr Dr. Wilhelm Kuöpfmacher gewählt, der auch den Vorsitz übernahm. Nachdem er die Versammlung begrüßt und die Aufgaben der Ortsgruppen dargelegt hatte, ertheilte er zur Berichterstattung über die Hilfsthätigkeit des Vereines dem Schriftführer der Ortsgruppe „Wien I" das Wort, da dieser als Secretär des Hilfsvereines mit allen Einzelheiten der Industrie-Einführung in Galizien vollkommen vertraut ist. Die Mittbeilungen des Berichterstatters über den Stand der Haarnetz-Industrie, die Spiel- und Drechslerwareu, Korbflechterei und Kleider-Confcctiou fanden das lebhafteste Interesse der Versammlung, deren große Befriedigung über die außerordentlich günstigen Resultate der Haarnetz-Industrie und die vielversprechenden Anfänge der Export- Kleiderconfection in dem lebhaften allgemeinen Beifall zum Ausdrucke kam, der dem Redner gespendet wurde. In der anschließenden Discussion kamen werthvolle Anregungen und Wünsche zum Ansdruck. Herr Professor Dr^ Königstein sprach den Wunsch aus nach Heranbildung jüdischer Dienstmädchen in Galizien und Errichtung von Kochschulen daselbst. Der Hilfsverein möge mit dieser Frage sich befaßen. Herr Dr. Arnold Ascher wies darauf hin, daß in mehreren größeren Städten Galiziens von der Baron Hirsch-Stiftung subventionirte Kochschulen bestehen, deren Kosten sehr bedeutend, deren Erfolge aber auch recht befriedigend sind. Mädchen, die in diesen Kochschulen herangebildet wurden, eignen sich vortrefflich zu Köchinnen, besonders für Häuser, in denen ouf streng koschere Küche großer Werth gelegt wird. Herr Siegfried Fleischer empfiehlt dem Hilfsverein die Förderung von Productions-Genossenschaften in Galizien überhaupt

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