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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-04 · 49 (4.12.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
49 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 786 Nr. 49 Dr. Mocb's Mocbenscbrltt. jüdische Bevölkerung einen Vorzug der russischen Post, überhaupt weil sie an ihrer Spitze einen Glaubensgenossen hat, welchem man volles Zutrauen schenkt. Das ist die ganze Wahrheit! Jerusalem, 16. November 1903. Le Directeur du Bureau de Poste Busse ä Jerusalem: Abraham Solomiak. Verehrliche Redaction! Die Zuschrift des Herrn B e n t a u w i m über die Benützung der russischen Post ist geradezu verblüffend. Herr Bentauwim schreibt, daß die ausländischen Brüder gewiß Alles gut meinen, ihnen aber alle hiesigen Verhältnisse unbekannt sind. Er schreibt unter Anderem: „Und duldet doch die türkische Regierung selbst alle auswärtigen Posten im Orient, auch aus dem Grunde, mit allen in Eintracht und Frieden zu stehen". Wenn Herr BentaMvim nicht einmal weiß, daß die türkische Regierung sich seit Jahren die größte Mühe gibt, die fremden Postämter los zu werden, die es nicht nur als materielle Schädigung, sondern als eine Insulte und Verletzung seiner Souveränetät empfindet, dann soll er nicht von türkischen: Patriotismus und Sachkenntnis; sprechen, sondern sich erst über die Verhältnisse gebührend unterrichten. Beiläufig ist der Satz, daß die betheiligten.Herren als Jerusalemer Einwohner und Mitsteuerer aller türkischen Abgaben keine geringeren türkischen Patrioten als ihre ausländischen Brüder sind, irreführend, da die aus Rußland gebürtigen Einwohner Palästinas, darunter auch Herr BentaMvim selbst (!), größtentheils russische Unterthanen geblieben sind und daher die türkischen Steuern nicht bezahlen. Ich habe selbstredend nicht die Prätension, ein türkischer Patriot zu sein, meine aber, daß unsere Glaubensgenossen stets das Wohl des Landes zu fördern haben, in welchen: sie leben: nicht zum wenigsten in der Türkei, welche Jahrhunderte lang ihr einziges Asyl gewesen ist. Daß das Postamt von der privaten Dampfer- und Handelsgesellschaft errichtet ist, war mir nicht unbekannt. Diese steht aber in so nahen Beziehungen zur Regierung, wie zum Beispiel die Reichsbank, die ja auch eine Aktiengesellschaft ist, zur deutschen Regierung. Die genannte Handelsgesellschaft hat auch die Postbeförderung aus dem Schwarzen Meere, hat also halbamtlichen Charakter. Die Zuschrift des Herrn Bentauwim erfährt eine eigenthümliche Illustration durch die Berichtigung des Herrn Solomiak. Herr Solomiak gibt zu, daß er auf richtig mit türkischen Marken gestempelte Briefe Strafporto erhoben hat. Das sei geschehen, weil die türkische Post auch die russischen Briefmarken nicht anerkannt habe. Herr Solomiak merkte anscheinend nicht, daß Jerusalem zur Türkei gehört, daß dort die türkische Post legitim ist, die russische aber nicht. Wenn ich das Recht habe, in meinem Hause einen Einbrecher abzuwehren, hat darum der Einbrecher das Recht, in meinem Hause mir Gewalt anzuthun? Und wie stimmt das zu den Flötentönen des Herrn Bentauwim, aus denen man gar entnehmen möchte, den Russen läge gar nichts an dem russischen Postamt und die Türkei freue sich über die russische Post. Hätte Herr Solomiak, der russische Beamte, derartige Schritte gewagt ohne die Zustinnnung seines Consuls? Und wenn die russische Regierung, welche doch sonst nicht gerade in den: Rufe steht, Juden in Beamtenstellungen zu drängen, Herrn Solomiak als Beamten angestellt hat, ist das nicht ein Beweis, daß sie damit Geschäfte zu machen glaubte? Die russische Regierung hat damit sehr klug gehandelt. Herr Solomiak, der dabei ja auch persönlich intcressirt ist, treibt ihr die jüdische Kundschaft zu. Auf einen Punkt des Bentauwim'schen Briefes möchte ich noch eingehen, der in einem an mich gerichteten Brief würdiger Rabbiner zu Gunsten der russischen Post ebenfalls angeführt wurde: daß nämlich ftüher die russischen Briefe nur bis Jaffa gegangen seien, von wo man sie mit großen Kosten und aus eigene Gefahr habe nach Jerusalen: befördern müssen. Im letzten Jahre vor Eröffnung der russischen Post soll dies indessen, so weit meine Informationen reichen, nicht der Fall gewesen sein, die russische Post vielmehr die Briefschaften in Jaffa der österreichischen übergeben haben, welche sie ohne weiteres Entgelt nach Jerusalem beförderte. In jedem Fall lag auch in dem ftüheren Verhalten ein ungesetzmäßiges Verfahren der russischen Post vor, welche verpflichtet war, in Jaffa die Briefe der türkischen oder österreichischen Post zu übergeben, wie zum Beispiel die deutsche Post die Sendungen für Haifa, wo ein deutsches Amt nicht besteht, der türkischen Post in Jaffa übergibt. Dies Argument besagt also, man solle mit dem nicht zu Recht errichteten russischen Postamt von Jerusalem sich deshalb abfinden, weil die früheren russischen Gesetzwidrigkeiten nunmehr diese weniger unbequeme Form angenommen haben! Und nun eine allgemeine Bemerkung! Der Mißbrauch mit den russischen Marken ist nur ein Symptom eines schlimmeren Zustandes. Die aschkeuasische Bevölkerung Jerusalems besteht wohl zu mehr als vier Fünftel aus Russen. Diese sind nicht naturalisirt, und ihre große Zahl hat zum Verbot der jüdischen Einwanderung geführt. — In der Weinlaune berühmte sich vor etwa 13 Jahren der russische Generalkonsul gegenüber dem türkischen Gouverneur, daß Rußland in Jerusalem mehr Unter» thanen habe, als die Türkei selbst, und der Gouverneur überzeugte sich, daß der Russe Recht hatte! Wenn die russischen Juden in der Türkei aus Geschäft, Patriotismus oder Angst den russischen Einfluß fördern helfen, so ist das ihre Sache. — Wir westlichen Juden haben aber nicht blos das Recht, sondern die Pflicht, dafür zu sorgen, daß mit dem Gelde, welches für Erez Jisrael gesammelt wird, nicht die Geschäfte von Amalek besorgt werden. Also, wo russische Briefmarken auf Bittgesuchen und Aufrufen aus Palästina — hinein in den Papierkorb! Hochachtungsvoll Dr. C. Nachschrift der Redaction: Indem wir vorstehende Briefe nach dem Wunsche der Herren Einsender in ihrem vollen Wortlaut zur Kenntnis; unserer Leser bringen, fühlen wir uns gedrängt, auch unsererseits die Wahrnehmung zu bestätigen, daß die russischen Marken auf den Briefen aus Jerusalem jeden Empfänger aus das Peinlichste berühren. Man empfindet das geradezu als eine Provocation, als eine blutige Insulte, die jeden jüdisch fühlenden Sohn Israels auf das Tiefste schmerzt. Allein auch jene, welche über diese Erscheinung bis jetzt achtlos hinweggegangen, werden durch den Brief des Herrn Solomiak die unerfreulichste Aufklärung erhalten. Herr A. Bentauwim erklärt, das; die russische Post in Jerusalem mit der russischen Regierung nichts gemein hat, und Herr Abraham Solomiak rühmt sich der Auszeichnung, daß die russische Regierung ihn für würdig gehalten, „ihm einen solchen nächtigen Posten, wie Director der russischen Post in Jerusalem, anzuvertrauen." Das Auftreten dieses Herrn, gestützt auf die Macht des russischen Consuls, ist derart, als ob Palästina jetzt bereits einen Bestandtheil des russischen Reiches bilden würde. Sein Gehaben kann nicht scharf genug verurtheilt werden. Vor Jahren schon hat der damalige nordamerikanische Gesandte in Constantinopel, der leider so früh verstorbene Herr Salomon H i r s ch, dem Herausgeber dieses Blattes mündlich mitgetheilt, daß die Regierung des' Sultans für die Juden von den besten Intentionen beseelt ist, daß sie es aber übel vermerkt und als ihren Interessen schädlich findet, wenn die Einwanderer nicht das türkische Bürgerrecht erwerben, sondern dem Consulate ihrer ehemaligen Heimat zum Schutze sich anvertrauen. Wer nun weiß, in welcher Art die christlichen Consuln im Orient gegenüber einer nichtchristlichen Negierung aufzutreten die Gewohnheit haben, der wird begreifen, daß die Regierung des Sultans die Zunahme solcher Elemente, welche die Macht der feindlichen Consuln nur stärken, nicht gerne sieht. Daher die Einwanderungsverbote. Wir unsererseits aber haben absolut keine Ursache, die russische Macht in Palästina und Kleinasien

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