Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-04 · 49 (4.12.1903) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
49 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021543--13183-3037820
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 784 Dr. Dlocb's TKHocbenscbrift. Nr. 49 „Die Vorkommnisse der letzten Tage bringen cs mit sich, daß wir uns in den folgenden Zeilen leider mit dem „Deutschen Volksblatt" beschäftigen müssen, welches, seit längerer Zeit nach bewährten Mustern dem Motto „Alles fürs Geschäft" huldigend, typischer Sensations- oder, besser gesagt, Vcrfolgungssucht verfallen ist ... . Der Kampfesweise, welche das „Deutsche Volksblatt" in der Angelegenheit des Kaiser-Jubiläums-Stadttheaters anwendet, sind wir — wir gestehen es offen — anfangs ganz sprachlos gegenübergestanden. So viel Niedertracht, so viel Verleumdung und Verdrehung, so viel bewußte Lügen konnten wir von einem Parteiblatt denn doch nicht erwarten!" Als Erster der zu Porträtirenden wird sodann Herr Vergani vorgenommen. Von diesem noblen Zeitungsherausgeber erfährt man Folgendes: „Herr Vergani, der Corruptionstödter, weiß mit jedem Heller zu rechnen. Puncto Geldsachen nimmt er es mit jedem „Polnischen" auf und denkt sich, wenn man etwas geschenkt erhalten kann, bleibt das Geld in der eigenen Tasche. Wie man das macht? Sehr einfach! So oft nämlich Herr Vergani unser Theater mit seiner „zaubcrgewaltigen Erscheinung" schmücken wollte, verlangte er eine Loge. Auch unter der neuen Direction besucht Vergani unentgeltlich das Jubiläums-Theater, benütz! weiter seine Gratisloge und — wahrscheinlich als Anerkennung, beschimpft er auch den neuen Dircctor." Nun kommt Herr Hans Arnold Schwer an die Reihe, „eine der unsympathischesten Erscheinungen in der antisemitischen Bewegung", wie das antisemitische Blatt meint: „Hans Arnold Schwer ist Rcdacteur des „Deutschen Volksblatt", zugleich Theaterkritiker und in seiner freien Zeit auch „Dichter". Als Rcdacteur pflegte er Dinge, deren Verhandlung er als gemeinderäthlichcr -Functionär im Theaterausschusse beiwohnte, mochten auch die Sitzungen mit seiner Zustimmung als streng vertraulich erklärt worden sein, im Interesse der „Allgemeinheit" im „Deutschen Volksblatt." zu veröffentlichen. Als Kritiker reichte er Stücke bei unserem Theater ein; von welcher Beschaffenheit, zeigt sein „Dorflump von Dellach", dessen Aufführnug, da er sie erzwang, man leider über sich ergehen lassen mußte. Wir haben schon manche Dummheit im Jubiläumstheater zu hören bekommen, aber der „Dorflump von Dellach" setzte Allem, den „Daumenlangen Hansl" nicht ausgenommen, die Krone auf. Trotz des erlittenen solennen Durchfalls mußte dieses „Stück" mehrere Male zur Aufführung gebracht werden. Der Erfolg war, selbst als Schwer die gesammten Fraucnvereine in den Dienst seines Stückes zu stellen versuchte, immer der gleich negative. Das Drolligste aber an der traurigen Affaire ist jedoch, daß Herr Schwer, dem die angewiesenen Tantiemen, die selbstredend sehr mager ausfallen mußten, zu gering waren, unter Klageandrohung Einsichtnahme in die Cassenrapporte verlangte. Wie man sieht, der reine Idealist, dieser Herr Schwer! Nach dem „Dorflumpen" hat Herr Schwer noch zwei weitere Stücke beim Jubiläumstheater eingereicht, welche die Direction, trotzdem sie sich dessen bewußt war, daß Schwer nun zum erbittertsten Feinde würde — nach den mit seinen Geistesproducten gemachten traurigen Erfahrungen zurückweisen mußte. Herr Hans Arnold Schwer ist eine der Hauptstützen der Opposition und von ihm stammt, wenn wir nicht irren, die Idee, das Kaiser-Jubiläums-Stadttheater durch ein Regiecollegium zu führen. Merkst Du was, lieber Leser? Hans Arnold Schwer hat sich als warmer Freund und Förderer Rainer Simons' ausgespielt. Er machte sich erbötig, Herrn Rainer Simons zu „retten", „indem er seinen Einfluß ausnützen werde, demselben Subventionen von Seite der Gemeinde und des Landes zu verschaffen; . dem Direktor müsse der Pachtschilling gänzlich nachgelassen werden und diesbezüglich müsse die Generalversammlung nachgeben." Zu diesem > Zwecke erbat er sich die Copie eines vom Direktor an den Präsidenten gerichteten Schreibens, in welchem Ersterer seine pecuniäre Lage. schilderte und um den Nachlaß eines jährlichen Pachtschillings ansuchte. Ob nun Herr Schwer mit diesem Schreiben, welches ihm vertraulich übergeben würde, irgend welche Schritte zu Gunsten des Directors unternommen hat, ist uns nicht bekannt, Thatsache ist jedoch, daß dieses Schreiben im „Deutschen Volksblatt" veröffentlicht wurde." Zum hebräischen Unterricht. Sehr geehrter Herr Redacteurl In Nummer 45 Ihrer werthen Zeitung erschien ein Artikel ..Zum hebräischen Unterricht", dessen Beantwortung von fachmännischer Seite ich erwartete Ich kann es aber schließlich dieser fachmännischen Seite nicht verübeln, wenn sie derartige Anregungen ignorirt. Ich gestehe es offen ein, ich bin ein Laie, just, wie Herr ^aevb den Lenjamin zeef, der Verfasser des erwähnten Artikels. Wenn ich mir aber, wie Herr Jacob ben Benjamin nachsagen müßte, „ich verstehe heute nur mehr knapp, wenn man zu mir sehr langsam und deutlich hebräisch spricht und kann selbst nur stotternd und stoßweise hebräisch sprechen", so würde ich mich hüten, blos auf Grund unausgereifter Erfahrungen an einem 7jährigen Jungen in eine Sphäre einzugreifen, mit der sich bekanntlich seit geraumer Zeit Männer von gutem Wissen, ehrlichem Willen und umfassenden Erfahrungen beschäftigen, ohne bis heute den Muth gefunden zu haben, diesen gordischen Knoten so entschlossen und erfolgreich zu zerhauen — wie Herr Jacob ben Benjamin. Denn die letzte Konsequenz der Ausführungen dieses Herrn müßte lauten: „Aller Reliaionsunterricht in der Schule ist verfehlt und geradezu verwerflich! Keine Bibel, keine Grammatik — häusliche Conversation!" Herr Jacob ben Benjamin gesteht zwar selbst, daß diese ihm schon jetzt seinem Jungen gegenüber oft in Verlegenheit setzt. Ich kann mir's auch lebhaft denken! Wie will er z. B. den Knaben fragen: ..Willst Du Kaffee, Thee oder Chocolade? Hast Du genug Zucker? Hast Du Dein Gedicht auswendig gelernt? Hast Du Stahlfedern, Bleistift und Gummi iu Deiner Federschachtel?" Ich könnte Herrn Jacob ben Benjamin mit seinen eigenen Waffen bekämpfen: „Wie, mein Herr? Sie haben 10 Sprachen gelernt (und das hoffentlich mindestens mit derselben Gründlichkeit, mit der Sie das angeregte Thema behandeln) und beherrschen heute nur mehr vier davon in Wort und Schrift? Sie werden antworten : Ja, für die übrigen fehlt mir die Uebung, die Conversation!" Armer Sohn des Herrn Jacob ben Benjamin! Wozu plagt Dich Dein gewiß wohlmeinender Vater in den wenigen Pausen, die Dir der Schulunterricht läßt mit hebräischer Conversation? In dem Momente, wo Du Dein Vaterhaus verläßt, verlierst Du die Conversation, Du wirst nicht mehr hebräisch sagen können: „Gib mir das Brod", Ich habe keine Milch" oder „Mein kleiner Bruder ist ein großer Esel" — denn bis dahin dürfte vielleicht das Hebräische doch noch nicht moderne Umgangssprache geworden sein und Du würdest mit diesen so erziehlich wirkenden Ansprachen auch keine Gegenliebe finden. „Oho", dürfte jetzt Herr Jacob ben Benjamin einwenden, ..vergessen habe ich darum die anderen 6 Sprachen noch lange nicht, dafür haben sich mir die Grundlagen derselben zu fest eingeprägt!" Und was sind das für Grundlagen? Die Grammatik. Und jetzt ist der Moment gekommen, wo Herr Jacob ben Benjamin mich fragen kann: „Herr! Wenn Sie selbst Laie sind, was reden Sie denn drein?" Und er hätte Recht! Aber erstens beabsichtige ich beiweitem nicht, mich in die Frage des hebräischen Unterrichtes einznmischen, sondern nur einen Jrrthum zu berichtigen, und zweitens rede ich nur drein, weil ich zufällig ein Sohn jenes Bondi bin, dessen alte hebräische Grammatik den Unwillen des Herrn Jacob ben Benjamin erregt und dessen Meth.de er mit Bezeichnungen wie „Unverstand", „Unsinn" rc. abschlachtet. Nun denn, geehrter Herr Jacob ben Benjamin, Sie wissen es nicht, drum muß man es Ihnen sagen, selbst auf die Gefahr hin, unwürdiger Lobhudelei geziehen zu werden: Diese im Jahre 1845 erschienene Grammatik bildet den Lebensinhalt eines erfahrenen Pädagogen; dieses Werk, die erste in deutscher Sprache erschienene hebräische Grammatik, hat seinerzeit so viel Anklang gefunden, daß Männer wie Daniel Frank, Wolf Maier und Wolfgang Wessely - die denn auch etwas vom hebräischen Unterricht verstanden haben sollen — demselben vollste Anerkennung zollten; es erlebte — so viel mir bekannt — 4 Auflagen, .wurde bis zum Jahre 1870 in den israelitischen Schulen Böhmens, Mährens, Schlesiens und Ungarns, sowie im Auslande fast allgemein verwendet und hat in der Hand von Pädagogen nicht blos genügt, um einzelne Sätze aus dem Deutschen ins Hebräische übersetzen zu lehren, sondern Tausende von Schülern — und viele von diesen leben und wirken heute in angesehenen Stellungen und hängen treu am Judenthum, trotz dieser Gramatik — lernte» da die hebräischen Haupt- und Zeitwörter in allen Classen und Formen mit Sicherheit und Leichtigkeit gebrauchen und sind durch diese bleibende Grundlage heute noch in der Lage — und das gilt mehr, als hebräische Conversation — die Gebetstücke und große Theile der Bibel im Urtexte zu lesen. Herr Jacob ben Benjamin aber nennt dieses Buch einen „Unstnn", er legt an dieses Lehrbuch den Maßstab eines Elementarbuches und glaubt, die im praktischen Theile enthaltenen Wörter (nicht „Worte", Herr K.mner von 10 Sprachen!) seien zum Lernen und zum Uebersetzen da während ein Fachmann sofort erkennen müßte, daß sie als Uebungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.