Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Liocb's Wochenschrift Sette 783 blutigen Kreuzer? Das noch nicht, wird aber sicher noch kommen! — und miethet ein Local. Das „Deutsche Volksblatt" hat die namenlose Corrnption aufgedeckt und so der heiligen Sache des Katholischen Jünglingsvereines einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Den Jünglingen wird dabei ganz weh ums Herz, aber der Tugendanfall des Herrn Vergani paßt ihnen doch nicht recht. Wie singt doch der unsterbliche Dichter — „der Jüngling sieht den Grund nicht ein!" Der Vereinsausschuß sieht sich zu einer „Aufklärung" veranlaßt: Allerdings — in der That — freilich — zugegeben, aber — beim Lichte betrachtet und Alles genau erwogen und in Berücksichtigung der besonderen Umstände u. s. w. Es war also wirklich ein Jude. Abzuleugnen ist also die Sache nicht, aber — „Alles verstehen heißt, Alles verzeihen". Leider stammt das schöne Wort von der so gar nicht clericalen Georges Sand her. Die junge Garde kämpft, aber sie ergibt sich. ' Die Sache ist nämlich so: In dem Vereinshause der katholischen Jünglinge stehen seit anderthalb Jahren fünf Geschäftslocale leer. Auf dem Hause lasten Hypothekarschulden, die bedenklich drücken und für welche die Zinsen bezahlt werden müssen. Christliche Geschäftsleute haben sich „bedauerlicherweise" für die leerstehenden Locale nicht gefunden, und so ward denn das grauenhafte Ereigniß — ein Jude zog ein in das geweihte Haus. Die Jünglinge haben am eigenen Leibe die schmerzliche Erfahrung machen müssen, daß auch der allerchristlichste Dalles seine sehr bedenklichen Schattenseiten habe und daß das Geld vom Juden noch immer besser sei, als gar kein Geld. Das hat denn schließlich auch das „Deutsche Volksblatt" eingesehen und es „bekämpft" die Jünglinge nun nicht weiter. Nun werden aber wir entrüstet. Wir fragen: Was ist das für ein Antisemitismus, der die, allerchristlichsten Locale gleich jahrelang leerstehen läßt und der die Hoffnung der Zukunft, die frommen Jünglinge, auf die abschüssige Bahn treibt? Wenn nun die Gegner der guten Sache, für die das „Deutsche BolkSblatt" kämpft, — es kämpft doch nur für Ideale! — das zum Anlaß nähmen, zu behaupten, das Um und Auf des ganzen Antisemitismus sei nur ein großes Maulheldenthum, — wären sie da nicht am Ende gar im vollen Recht?! Natürlich ist auch der Jude, der das Local gemiethet hat, der Schuldige. Er verjudet sogar das Vereinshaus der katholischen Jünglinge. Das ist doch niederträchtig und verdient exemplarische Strafe! Man mag den ganzen Vorfall für geringfügig halten und ihn belächeln; er verdient es doch, ausgezeichnet zu werden. Ich schreibe hier keine Culturgeschichte, aber ich trage Bausteine zu einer solchen zusammen. Es könnte sehr wohl und in unabsehbarer Zeit geschehen, daß, wenn die trüben Schmutzwellen, die heute noch so hoch gehen, sich einmal verlaufen haben, es kein vernünftiger Mensch mehr für möglich hielte, daß derartige sociale Episoden sich abg spielt und die öffentliche Meinung beschäftigt haben, und darum ist es gut, die Beweisstücke festzulegen. Der Jude, der all das auf dem Gewissen hat, muß also bestraft werden. Ganz leicht ist die Sache nicht. Ihn einfach erschießen und sich obendrein noch das Schußgeld verdienen. — Recept Schneider, — das geht nicht, denn dann kann er auch seinen Zins nicht bezahlen. Bei anderen, sonst vielleicht ganz wirksamen Methoden könnte das Haus selbst Schaden nehmen. Wie wäre es denn, wenn Se. Durchlaucht Fürst Alois Liechtenstein den Jünglingen eine Rede hielte? Der Weihnachtsmonat ist angebrochen, die Zeit da, da seine Reden an die christlichen Frauen fällig werden. Er nimmt gewohnheitsmäßig das Fest der Liebe zum Anlaß, um auf die weiblichen Gemüther, die ja vorwiegend empfänglich sind für zarte Regungen der Menschlichkeit, mit voller Eindringlichkeit durch seine Lehre zu wirken: Kauft nicht bei Juden, laßt sie lieber verhungern, treibt sie aus aus allen Erwerbsmöglichkeiten; denn — das ist die wahre Liebe. Auch die Jünglinge haben empfängliche Heiden, also noch eine kleine Anstrengung, um ihnen Trost zu bieten für das Unglück, das ihnen widerfahren! Wer weiß, ob dann die Reclame nicht stark genug wäre, auch noch die übrigen vier leerstehenden Locale, von welchen die Gesinnungsgenossen nichts wissen wollen, bei Juden anzubringen. So kann Jeder in seinem Wirkungskreise Gutes stiften. Von noch einem antisemitischen Vereinshause haben wir heute zu berichten, — vom Jnbiläumstheater. Der strengclericalen „Reichspost" ist folgender Stoßseufzer entfahren: „Charakteristisch ist, daß gleich nach der Generalversammlung der wiedergewählte Präsident, der antisemitische Bezirksvorsteher und Landtagsabgeordnete Anton Baumann, dem Vertreter einer Judenzeitung ganz in der liberalen Ausdrucksweise sagte: „Wir wollen kein Hetztheater." Was das zu bedeuten hat, weiß man, und es ist daher die nächste Aufführung eines Judenstückes in Bälde zu erwarten." Es ist also ungefähr dasselbe, wie mit dem katholischen Jünglingshaus, oder nicht ganz dasselbe, sondern eigentlich umgekehrt und doch wieder dasselbe. Man wird etwas confus und kennt sich nicht mehr recht aus. Der Schluß aller antisemitischen Weisheit ist immer: „Juden 'raus!" Aber dann entstehen die tragischen Verwicklungen durch die Gewissensconflicte. Man möchte, schon wegen der Leute, stramm eine Neberzeugung bekennen und nebenbei aber auch ein bischen Geld verdienen. Im Jünglingshaus wie im Jubiläumstheater sind Gesinnung und Neberzeugung vorzüglich, aber die Juden möchte man doch drin haben, d. h. ganz eigentlich möchte man sie hinausschmeißen, d. h. hinausschmeißen kann man nur Jemanden, der drin ist, und in dieser angenehmen Lage ist das Jubiläumstheater doch nicht. Ganz so ist die Geschichte also wirklich nicht, und dennoch — es sind dieselben Heldenlobebären und im Grunde auch dieselben Mären. In seinem Laelius, dem berühmten Tractat über die Freundschaft sagt Marcus (!) Tullius Cicero: Eadem veile et eadem nolle haec est vera amlcitia, dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen, das ist die wahre Freundschaft. Im Jünglingshaus und im Jnbiläumstheater will man dasselbe und will man dasselbe nicht; die Grundlage für eine dicke Freundschaft ist gegeben, aber — leider! —• dafür gibt der Jude nichts. Die gute „Reichspost", die so riesig darüber erschrocken ist, daß der Präsident eines Theatervereines das kühne Wort gesprochen hat: „Wir wollen kein Hetztheater!" sollte sich nur wieder beruhigen. Jetzt ist's so schon alleseins. Ob Hetztheater oder nicht — der Grundgedanke, auf den das Haus ausgebaut tvorden ist, genügt vollkommen zur endgiltigen Besiegelung seines Schicksals. Und wenn der Theaterverein mit weißen Mäusen hausiren ginge, so würden ihm mehr Freunde beschieden sein, als er von seinem auf antisemitischer Grundlage ausgesührten Theater noch zu gewärtigen hat. Das Jnbiläumstheater — Gott, wie jubilirend ist die Stimmung drin! — hat mit dem Jünglingshaus das gemein, daß es noch einige Locale zu vermiethen hätte. Es ist nur die Frage, ob sich auch da Juden finden werden mit der Geneigtheit, sich hineinzusetzen. Die „Reichspost" sieht in ihrem Schrecken bereits Gespenster und erwartet in Bälde die Ausführung eines Judenstückes. Wenn die journalistische Voraussicht der „Reichspost" auch sonst keine bessere ist, dann haben ihre Leser nichts zu lachen. Gewiß, es gibt auch dumme Juden, wie es im Allgemeinen kluge und dumme Menschen gibt, aber gemeiniglich sind es nicht die dummen Juden, die Theaterstücke schreiben. Die es aber thun, sind jedenfalls nicht so dumm, daß fie ihre Stücke zum Jnbiläumstheater trügen. Und was das Publicum betrifft, die Leute,' die ihr gutes Geld niederlegen, um sich einen Kunstgenuß zu bezahlen, die verehrliche „Reichspost" sollte sich wirklich beruhigen. Wir finden die Befürchtung ein wenig übertrieben, daß nun das zahlende jüdische Publicum in Hellen Haufen dem Jnbiläumstheater zuströmen werde, um die beschaulich stillen Einsamkeiten im Zuschauerraume zu stören. Wir empfehlen der „Reichspost" einen Schluck Wasser; vielleicht wird ihr dann leichter werden. Whig. Antisemitische Charakterftudien. Vor uns liegt eine Nummer der orthodox-antisemitischen „Währinger Bezirks-Nachrichten", welche Nummer allein der Besprechung der Jubiläumstheaterstage gewidmet ist. Die Reihe eröffnet ein Essay: „Das Deutsche Volksblatt und seine Leute." Wir citiren daraus: