Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021543--13181-3037818- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 782 Dr. Dlocv's Mlocvenscdrttt. Nr. 49 verharren, gehen kraftlos unter und verschwinden, als wären sie nie dagewesen: das Judenthum kennt im eigenen Kreise keine erschütternden Revolutionen. Die Juden haben nicht die Ideale der Abendländer, aber sie haben andere, die sich zu jenen verhalten, wie die Eichen zu den Feldblumen. Die Juden haben sehr wenig Ideale geschaffen; diese wenigen aber beruhen auf so tiefer Menschenkenntniß, auf so tausendfältiger Welterfahrung, das; sie die.halbe Erde erobert haben. Ein jüdisches Ideal lautet: Ein Gott und Ein Volk Gottes! oder wie es die Christen formuliren: Ein Hirt und Eine Herde! Dieses Ideal hat eine weit größere einigende Kraft bewährt, als alle abendländischen Ideale, und es erhält das Judenthum auch heute noch. Diese Idee hat das Abendland von den Juden als Geschenk erhalten, und es ist bis zum heutigen Tage die einzige Idee, die das ganze Abendland umfaßt: alle Ideale, die das Abendland selbst geschaffen hat, sind auf Orte und auf Zeiten beschränkt geblieben. Eine ideale Weltanschauung hat Jesus, der jüdische Zimmermann, geschaffen, die Weltanschauung der Aermsten. Jesus hat in seinen Parabeln und Sentenzen den Armen eine Ideenwelt geben, halb Gedanke, halb Empfindung, so vollkommen dem Geiste der Elenden entsprechend, daß heute noch sämmtliche Priester des Abendlandes ihre schönste Aufgabe darin erblicken, in der Sprache Jesu die Ideenwelt Jesu innner und immer wieder darzubieten. Nicht einmal die orientalischen Uebertreibungen, wie die übermäßige Verherrlichung der Armuth und die übermäßige Verurtheilung des Reichthums wagen sie wegzulaffen. Das Abendland hat bis heute keine andere Herzensspeise für die Armen, als diese jüdische Herzensspeise. Eine neue Idee hat der jüdische Zeltschneider Saul (Paulus) in Bezug auf Jesus verkündet: Jesus hat die Sünde der Welt auf sich genommen und die Welt erlöset! Das Abendland steht heute noch ganz und gar unter dem Banne dieser großen jüdischen Idee. Kenne ich doch christliche Priester, die sagen, das Christenchum sei speciell gar nicht die Lehre von' Gott, sondern die Lehre von Jesus dem Erlöser. In unseren Tagen haben die Juden Mardochai (Marx) und Lassalle der Gesellschaft eine neue Grundlage gegeben und die Socialdemokratie geschaffen, aus deren jüdische m Gedankenkreis die Staatslenker die segensvollsten Anregungen schöpfen. Es ist klar, die Juden haben vom Abendland weniger empfangen, als sie ihm gegeben haben, und die universellsten und fundamentalsten Ideen des Abendlandes sind jüdische Ideen: es ist klar, daß Judenthum und Abendland einander ergänz en. Wir haben bisher nur von Einem Gegensatz zwischen Juden und Abendländern gesprochen: von Realismus und Idealismus. Es gibt noch viel andere Gegensätze, die theils den Juden, theils den Christen Ueberlegeuheit geben. Wir wollen nicht darauf eingehen und nur die Thatsache anssprechen, daß auf dem Gebiete des Werthaustausches, also in erster Linie des Handels¬ und Geldverkehrs, der Jude dem Abendländer im Allgemeinen weitaus überlegen ist. Die Arier behaupte;;, der Jude beute diese Ueberlegenheit in gemeingefährlicher, unsittlicher Weise aus, im Gegensatz zum Abendländer, der auf keinem Gebiete seine Ueberlegenheit in solcher Weise ausbeute. Diesem Satze will ich entgegentreten. Gustav Freitag hat die Theorie vom Cäsarenwahnsinn ausgesprochen. Wenn der Macht eines Herrschers keine äußeren Schranken entgegenstehen, dann ist die menschliche Natur zu schwach, sich selbst aus innerer Kraft Schranken zu setzen. Der Mißbrauch der Gewalt nimmt immer ungeheuerlichere Formen an, der Sinn für Maaße schwindet, und die Rückwirkung dieser ungeheuerlichen Effecte auf den Geist ist so gewaltig, daß auch der stärkste Geist schließlich zerrissen wird und in Trümmer gebrochen in Nacht versinkt. Gustav Freitag spricht nur von dem Verderben, das absolute Ueberlegenheit dem Träger selber bringt; von dem unermeßlichen, unsäglichen Elend aber, das dieser Träger über die Unterliegenden bringt, spricht er nicht. Die Geschichte des Abendlandes gibt für dieses Elend sehr traurige Beispiele. Die Rö;;;er waren gewiß ein hochsinniges Volk; wo aber die Römer, die absolut Ueberlegenen, ihren Fuß hinsetzten, war reißend schnelle Verarmung und somit Verödung und Entvölkerung die Folge: die edlen Römer erlagen eben der Versuchung; Italien selber war eine Oede, als die Germanen dort einzogen; die Römer aber waren keine Juden. Wo heute Rom zur Herrschaft gelangt, wie in Spanien, ist die Folge Verarmung, Verödung, Lähmung, selbst edle Priester erlagen der Versuchung; in den Klöstern, in den Bischofssitzen aber sitzen keine Juden. Die Magyaren sind gewiß ein edles Volk, ivo sie aber die absolute Herrschaft erlangten, wie unter den Slovaken von Nordungarn, ist Verarmung, Verödung, Lähnnmg, Landesflucht eingetreten, auch dort, wo keine Juden sind; ich kenne das aus eigener Anschauung. Diese Beispiele zeigen, welche furchtbare Versuchung zum Mißbrauch in der absoluten Ueberlegenheit liegt. Wäre es nicht durchaus menschlich begreiflich, wenn die Inden, vermöge ihrer absoluten Ueberlegenheit, im Erlverben ebenso erdrückend wirkten, wie etwa viele Beamte unter den Slovaken? Und wenn man trotz dieser traurigen localen Wirksamkeit die Magyaren dennoch ein edles Volk nennt, dürste man bei gleicher Wirksamkeit die Juden ein niedriges Volk nennen? Der übermäßigen Versuchung erliegen auch die edelsten Völker. Sehen wir nun, wo am lautesten über die verderbliche Wirkung der Juden geschrieen wird: innner dort, wo notorisch das corrupteste Beamtenthum herrscht;;nan wälzt zu oft die Schuld auf die Juden. Ich wiederhole: ich war in manchen entlegenen Thälern, einst blühenden Wohlstandes, jetzt tiefsten Elendes, und habe dort keinen einzigen Juden gefunden; all die Armen aber klagten — über Beamte. Wo die Armen in Galizien, in Rußland über die Juden klagen, gibt es allerdings auch schädlich wirkende Juden; daß solche aber wirken können, ist doch die Schuld von Behörden. Es besteht thatsächlich eine lebendige Strömung, die dem Treiben jener entarteten, der Versuchung.erlegene n Juden entgegenarbeitet. Diese edle Strömung findet man aber nicht im Kreise jener Behörden, die das Los jener Gegenden in der Hand haben, sondern im Kreise — der Juden. Wer steht nun sittlich höher, jene abendländischen Behörden oder die verlästerten Juden? Möge es mir gelungen sein, einige Mißverständnisse klarzulegen, deren Opfer im Abendlande die Juden sind. Vom Znbrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Juden in katholischen Vereinshäusern. — Die fälligen Reden des Für st en Liechtenstein. — Das H e tz t h e a t e r.) Etwas Schauderhaftes hat sich zugetragen. Das „Deutsche Volksblatt" hat es herausgebracht und es auch gleich gebührend angenagelt, auf daß und damit es offenbar werde allen Menschen, so es noch ehrlich meinen mit der wahren Moral, was man heutigen Tages noch der armen geknechteten, antisemitischen Gesellschaft zu bieten wagt. Das „Deutsche Bolksblatt" ist nämlich — das muß für Jene gesagt werden, die es noch nicht wissen sollten — dazu da, die Hochwacht zu bilden für die öffentliche Moral und die wahre Herzensbildung des Volkes. Ein Jude hat sich im Hause des Katholischen Jüngtingsvereines „Mariahilf", VII., Westbahnstraße 40, ein Local gemiethet. Aber das „Deutsche Volksblatt" steht auf der Hochwacht; es ist den dunklen Machenschaften auf den Grund gekommen und hat unter dem Schlagwort „Juden in katholischen Vereinshäusern" die Campagne eröffnet. Die staunende Mitwelt steht achtungsvoll dabei und verfolgt mit einem Gefühl der Rührung und Bewunderung den heroischen Kampf, der da für die höchsten Güter der Menschheit gekämpft wird. So ist die Welt. Die armen katholischen Jünglinge haben von den blutigen Kreuzern, die sie sich haben schenken lassen, ein Zinshaus gebaut, und nun kommt ein tückischer Jude, benützt die Arglosigkeit der Jünglinge — und betrügt sie um ihre