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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-12-04 · 49 (4.12.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
49 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 780 Dr. Blocb’s MocbenscbrM. Nr. 49 überhäuft ist, daß man aller Orten in dem Elberfelder System das Ei des Columbus in der Armenpflege sieht und uur von dessen Anwendung Besserung erhofft. Thatsächlich hat auch das Elberfelder System einen wahren Siegeslauf durch die ganze Welt genommen und ist auch schon in vielen Städten Deutschlands, Oesterreichs, ja selbst Amerikas eiugeführt worden. Es bildete auch in Wien die Basis für die Reform der Armenpflege. Und nun will, ich versuchen, Ihnen in kurzen Worten eiu anschauliches Bild der Organisation des Elberfelder Systems zu geben. Die Stadt Elberfeld mit derzeit ca. 150.000 Einwohnern wird von der Armenverwaltung in 37 Bezirke eingetheilt. Jeder dieser Bezirke zerfällt in 14 Quartiere, deren jedem ein daselbst, wohnhafter Armenpfleger vorsteht. Das Amt eines solchen ist eiu freiwilliges, unbesoldetes Ehrenamt, welches in Elberfeld geradezu den Prüfstein für jedes höhere Ehrenamt bildet. Im Ganzen sind demnach derzeit 37X14, also 518 Personen als Armenpfleger in Elberfeld thätig; in Percenten ausgedrückt macht das y3% der Bevölkerung. Die Leitung eines Bezirkes ist dem Bezirksvorsteher anvertraut, der aus der Mitte der im Bezirke wohnhaften Armenpfleger gewählt wird und alle 14 Tage die Armenpfleger seines Bezirkes zu einer Versammlung beruft. Die Bezirksvorsteher selbst stehen unter der städtischen Armenverwalrung, die sich aus einem Vorsitzenden (gewöhnlich der Bürgermeister) vier Gemeiuderäthen und vier vom Gemeinderathe auf drei Jahre gewählten Bürgern zusammensetzt. Die Functionsdauer der gewählten und vom Gemeiuderathe bestätigten Bezirksvorsteher und Armenpfleger währt drei Jahre und kann nach Ablauf derselben wieder erneuert werden. Wünscht nun Jemand eine Unterstützung, so hat er. eiu Gesuch bei seinem Bezirksvorsteher eiuzubringen, der es dem am nächstwohnenden Armenpfleger mit dem Aufträge überweist, genaue Erkundigungen über die Lage des Petenten einzuziehen und die persönlich gemachten Erfahrungen, sowie seine Vorschläge zur gründlichen Abhilfe der nächsten Sitzung zn erstatten. Nur in Fällen dringlicher Noth ist er berechtigt, sofort ohne weitere Rücksprache Abhilfe zu schaffen. Jedoch darf eine solche Unterstützung nur ausnahmsweise und in ganz geringen Beträgen gewährt werden. Die Bezirks-Versammlung, in der überhaupt der ganze Schwerpunkt des Elberfelder Systems liegt, bewilligt keine länger als 1i Tage dauernde Unterstützung. Durch die wiederkehreude Besprechung des Falles ist der Armenpfleger genöthigt, mit dem Bedürftigen in ständiger Verbindung zu bleiben, er soll ihm ein wahrer Freund und Berather werden. Die ihm zugetheilten Armen soll er kennen, wie seine eigene Familie, ihre Wohnung wie sein eigen Haus. In der Regel soll jeder Armenpfleger nicht mehr als 4 Familien gleichzeitig seine Fürsorge zu widmen haben; in Wirklichkeit kommen selten mehr als zwei auf jeden Pfleger. Die finanzielle Vvrtrefflichkeit dieses Systems läßt sich durch klare Zahlen unwiderleglich Nachweisen. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen einige Daten hierüber aus der mir eingesendeten „Jubiläumsfestschrift der städt. Armenverwaltung in Elberfeld" zur Verlesung bringe : Jahr Ausgabe Mark Bevölkerung Betrag per Kopf der Bevölkerung Mark 337 Benierkung 1847 155.487 46.604 1852 141.449 50.364 2-81 1853 70.651 60.418 1*40 Erstes Jahr nach neuem System 1864 62.768 61.995 1-0' 1874 76.282 80.000 —*95 1884 153.780 103.200 1-49 1894 246.170 139.000 1-77 1900 237.453 167.000 1-51 Wenn es also gelungen war, größere Erfolge bei verminderten Ausgaben zu erzielen, daun mußte das System innere Vorzüge enthalten, welche ihm mit Recht einen europäischen Ruf erwarben. Der rein mercantile Standpunkt darf gerade auf dem Gebiete der Außen-Armenpflege nicht der allein ausschlaggebende sein. Was dem Elberfelder System seinen Weltruf verschaffte, war eben nicht seine äußere Organisation, sondern der Umstand, daß es in Elberfeld gelungen war, alle Kreise gleichmäßig für die Armenpflege zu intereffiren, dieses Interesse rege zu erhalten und so durch treues Festhalten und unentwegte Ausdauer auch zum Siege zu führen. Durch die Heranziehung so vieler freiwilliger Arbeitskräfte wurde die sich gebieterisch geltend machende Deceutralisation und eine bis in die kleinsten Details gehende Jndividualisirung möglich. Ein weiterer unbestreitbarer Erfolg dieses Systems war auch ferner der, daß durch die große Zahl der Armenpfleger in den besitzenden Classen der Bevölkerung der Sinn für wahre Armenpflege geweckt und vertieft, die Professionsbettelei nahezu gänzlich ausgerottet wurde. Und in der Thatist nichts verderblicher, als eine planlose momentane Geldgabe. Wohl schafft man sich mit derselben den unerfreulichen Anblick des Elendes aus dem Auge, ja man hat das angenehme Gefühl, als Wohlthäter zu erscheinen, aber mau bedenkt nicht, welch' schädlichen Einfluß das Almosengeben auf die Armenpflege hat. Es ist erstaunlich, mit welchem Scharfsinn oft Leute ausgehen, um auf mühelose Weise auf Kosten Anderer zu leben, aber noch erstaunlicher die Leichtgläubigkeit der Geber. Man sollte doch bedenken, daß ein Mensch, der Jemanden um eine Unterstützung angeht, entweder Grund hat, seine wahren Verhältmsse zu verbergen oder sich in so elenden Umständen befindet, daß ihm eine, einmalige Gabe sehr wenig nützt. In beiden Fällen ist das Almosen ganz zwecklos. In der Armenpflege darf eben das Herz nicht allein sprechen, es muß sich hier, wie auf allen Gebieten, vom Verstände leiten lassen. Treffend hat daher Emminghaus den eigentlichen Geist und die charakteristischen Vorzüge des Elberfelder Systems in folgenden Sätzen zusammengefaßt: „Bei dieser Jndividualisirung der Pflege wird durch die Mehranwendung von Verstand und Theilnahme nicht nur eine Menge Geld erspart, sondern, was unendlich wichtiger ist, die Hilfe des Augenblickes (d. h. die nur auf Behebung der augenblicklichen Noth berechnete Hilfe) verdunkelt, nicht wie bei plumper, nackter Almosenwirthschaft die Aussichten auf die Zukunft. Hunger wird gestillt, Blößen bedeckt, ohne daß die unschätzbare Fähigkeit des S i ch s e l b st a u f r i ch t e n s in dem Gesunkenen geknickt würde. Die Noth arbeitsfähiger Leute wird nicht als ein unheilbares Uebel behandelt . . ., sondern wird als ein Ausnahmszustand angesehen, dessen Cur sorgfältig und gewissenhaft aus die Wiederkehr der Regel des S ich s e l b sterhaltens berechnet werden muß." Wo immer in unseren Tagen das Elberfelder System sinngemäß, den örtlichen Verhältnissen Rechnung tragend, eingeführt wurde, da hat es 2 Resultate zur Folge gehabt: 1. Ist die Zahl der Unterstützten wesentlich zurückgegangen, weil früher wegen Unterlassung einer genauen Recherche viele ständige Kostgänger der Armenverwaltung zur Last fielen, die nicht hineingehyrten, und 2. die wirklichen Armen, besonders die sogenannten verschämten Armen der besseren Stände aus ihrer Zurückgezogenheit sich hervorwagten und durch ausgiebige, zielbewußte Hilfe von dem auf sie lastenden Elende befreit wurden. Auch unter unseren Glaubensgenossen der Bezirke XII.—XV. ist die Noth groß, großer Mittel bedarf es, um helfend eintreten zu können, gereifter Einsicht und größer Hingebung, um sie wirksam zu bekämpfen, aber nur eiu eiu-

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