Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Up. 49 Dr■ Bloch 8 Jahrgang XX Centralorgsn für die gefammlen Interessen des Iudenthums. -H- Wien, 4. Deremder 1903. - 4»» - Erscheint jeden Freitag. - »H» - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. m - ~m K. k. PostsxLrcaffrn-Nmt Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Nedarlion und Administration: w trn IX/1, Verggasse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. «- .— £ L- —:-=$k Bsiugspreia für Srsterrrich: Halbjährig 8 Krone«. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Prtitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Reform der Armenpflege. — Die Inden und die sogenannten Arier. — Vom Jahr ma r k t des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Antisemitische Charakterstudien. Zum hebräischen Unterricht. — Rußland in Palästina. - Korrespondenzen: Eine Synagoge von der executiven Feilbietung bedroht. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Der Sturmgeselle Socrates. Wien, Lemberg, Die Affaire. — Vermischtes: Krauzablösungsspenden zu Gunsten der „Ehewra-Kadischa" in Wien. Wien, Wall.-Meseritsch, Lemberg, Klattäu, Kladno, St.-Pölten, Glogau. — Feuilleton: Josef Schlesinger. — Briefkasten. — Inserate. Reform der Armenpflege. Vortrag des Herrn Waisenhans-Directors Hecht, gehalten am Sonntag den 15. November IVOB vor den versammelten Vorstands-Milgliedern der humanitären Vereine der Bezirke XII. bis XV. Sehr geehrte Damen und Herren! In der Bezirks-Commission habe ich mir erlaubt, auf die Nachtheile der sitzt üblichen Art unserer Armeumiterstützungen, auf ihre häufig auftretende Planlosigkeit und Unzweckmäßigkeit hiuzuweisen; meine diesbezüglichen Reformanträge wurden acceptirt und ich auch zugleich ersucht, vor einem größeren sachverständigen Forum meine Anschauungen und Vorschläge über eine zeitgemäße Reform unserer Armenpflege zu entwickeln. Befürchten Sie aber nicht, daß ich Ihre Aufmerksamkeit allzulange in Anspruch nehmen werde; handelt es sich doch heute nicht um eine wissenschaftliche Darstellung im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern nur um eine anschauliche, gemeinverständliche Besprechung alles dessen, was mir für Erreichung meines Zweckes angemessen erscheint. Ehe ich mich nun meinem eigentlichen Thema zuweude, möchte ich vor Allem Folgendes feststellen: 1. Beabsichtige ich in keinerlei Weise durch meine Ausführungen an der Autorität oder gar au der Selbstständigkeit der in unseren Bezirken bestehenden Vereine zu rütteln; 2. sind meine Vorschläge auch nicht darauf gerichtet, Ihnen neue Opfer auflegen zu wollen. Durch meine langjährige Thätigkeit als Waisenvater auf dem Gebiete der Armen- und Waiseupflege habe ich genugsam Gelegenheit gehabt, die L e i st u n g s w i l l i g k e i t meiner Glaubensgeuossen kennen zu lernen; die traurigen Zeiten, die über uns hereingebrochen sind, sowie die dadurch bewirkte Höhe des Bedarfes an Geldmitteln lassen mich befürchten, daß unsere Leistungsfähigkeit mit der Leistungswilligkeit nicht mehr gleichen Schritt halten kann. So stehen nun auch wir vor der in vielen Gemeinden auftreteuden dringlichen Frage: „W ie muß die Armenpflege ohne Mehrauslagen, zweckentsprechender gehandhabt werden?" Dieser Ruf nach einer Reform der veralteten Pflegeordnung wird umso lauter und dringender, je schreiender das Mißverhältniß zwischen der herrschenden Roth und den vorhandenen Mitteln ist. Wohl wäre ein kurzer llebecblick auf die mannigfaltigen Versuche, welche zur Lösung dieser Frage unternommen wurden, sehr interessant und lehrreich, aber bei der kurzen Spanne Zeit, die mir zugemessen ist, muß ich mich darauf beschränken, Ihnen nur den einzigen Erfolg aller Versuche mitzutheilen. Alle Personen, die auf dem Gebiete der Armenpflege thätig waren und noch sind, gelangten zur unumstößlichen Ueberzeugung, daß die Armenpflege nur daun ihren Zweck erreicht, wenn sie auf die zwei Grundpfeiler: Ind ividualisirung und Deceutralisation aufgebaut ist. Diese Grundpriucipien wurden zuerst in Elberfeld im Jahre 1853 von den Armenvorstehern Daniel von der Heydt, Gustav Schlieper und David P e t e r s zur Basis ihrer Reformbestrebuugen genommen, ins Praktische umgesetzt und mit aller Consequenz festgehalten und durchgeführt. Die Vortheile, welche dieses System einerseits den Uuterstützungsbewerbern brachte, andererseits der colossale finanzielle Erfolg, der sich durch bedeutende Ersparnisse ini Armenbudget documentirte, waren der Grund, weshalb noch heute nach fünfzig Jahredieses System in Wirksamkeit geblieben ist. Ja, dieses System hat solche Bewunderung erregt, dass mau heute unter Elberfelder System nicht nur eine specielle Art der Armenpflege, sondern überhaupt eine Muster-Armenpflege versteht. So wurde Elberfeld das Mekka der Armenpfleger! Wie zahlreich aber die Gemeinden sind, welche eine Reform der Armenpflege anstreben, und welchen Weltruf das Elberfelder System besitzt, beweist folgender kleine, aber doch deutlich sprechende Umstand. Als Waisenvater interessire ich mich natürlich für das ganze Gebiet der Armenpflege. Ich wandte mich deshalb brieflich au die städt. Armeuverwaltung in Elberfeld um freundlische Zusendung der dort erschienenen Verordnungen, Erlässe und Instructionen. Als Antwort erhielt ich einen bereits gedruckten Brief, worin in höflichen Worten meinem Ansuchen entsprochen und alle Schriften schon gedruckt verzeichnet sind, die mir zur Orientirung über das Elberfelder System eingesendet wurden. In dem ganzen Briefe waren nur mit Handschrift: meine Adresse und die Unterschrift des Armen-Vorftandes. Gewiß der beste Beweis, daß die dortige Armen-Berwaltung mit Anfragen dieser Art