Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 776 Dr. Bloch's Wochrnschrrfk. Nr. 48 selbst eifrig, hauptsächlich serbische und croatische Nationalmotive und Melodien aus der Neusatzer Umgebung benützend, wie er auch auf Wunsch serbischer Patrioten als Erster die Noten von vielen serbischen Volksmelodien schrieb und so ein äußerst wichtiges Merck für die culturelle Entwicklung des serbischen Volkes vollbrachte. Schlesinger ward immer berühmter und im Jahre 1830 hatte er die Auswahl zwischen drei angesehenen und einträglichen Posten. Erstens die Stelle als Militärcapellmeister beim Broder Grenzregimente, dann vom Belgrader Festungscommandanten Hussein Pascha den Antrag, in Constantinopel eine staatliche Capelle zu gründen und schließlich forderte ihn der serbische Fürst Milos auf, an seinem Hose eine serbische Nationalcapellc zu schaffen. Schlesinger erklärte sich bereit und stellte als einzige Bedingung, daß er drei erfahrene Musiker mitbringen dürfe, die mit ihm die neuen Musiker unterrichten werden. Fürst Milos, der die Capelle aus lauter Serben bestehen wissen wollte, willigte erst ein, als Schlesinger nach Constantinopel gehen wollte, und ernannte die drei vorgeschlagenen Musiker zu serbischen Feldwebeln. Schlesinger selbst, mit einem in den schmeichelhaftesten Worten verfaßten Zeugnisse des Neusatzer Stadtmagistrates über sein fast zehnjähriges Wirken dortselbst verschen, ward zum provisorischen fürstlichen Capellmeister mit dem Sitze in Kragujevac und einem jährlichen Gehalt von 460 Thaler ernannt. Im Juli 1830 legte er den Eid als serbischer Staatsbürger ab. Die erste Arbeit Schlesinger's im neuen Vaterlande bestand in der Auswahl von serbischen Soldaten für seine Capelle, und zwar suchte er solche, die ein gewöhnliches Horn blasen, sowie lesen und schreiben konnten. Letzterer Bedingung entsprachen nur wenige serbffche Soldaten und nur mit Mühe konnte Schlesinger die nochwendigen vierzig aussuchen, die er für seine Capelle brauchte. Damit seine Schüler das Notensystem bald begreifen, ließ Schlesinger an die Wand des Kasernenzimmers, wo er den Unterricht ercheilte, fünf parallele Bretter anschlagen und mit grauer Farbe anstreichen, so daß er auf und zwischen chnen das Notensystem deutlich darstellen konnte. Fürst Milos hatte es am liebsten, wenn serbische Nationalmelodien gespielt wurden, und blos wenn Schlesinger von ftemden Consulen oder sonstigen auswärtigen Notabilitäten fremde Musikstücke zum Spielen erhielt, durfte die Capelle ausnahmsweise auch nichtserbische Stücke spielen. In diese Periode fällt auch folgende charakteristische Episode: Als im Sommer 1834 die Capelle vor dem Konake spielte, kam der Fürst heran und ftagte : „Josef, warum trotzen denn Deine Leute, da einige eine Zeitlang nicht spielen? Bekommen denn nicht alle gleiche Bezahlung und Nahrung?" Schlesinger erwiderte darauf, daß dies kein Trotz sei und nach den Spielregeln geschehe, doch der Fürst forderte ihn auf, es mögen alle beim nächsten Male gleichzeitig spielen. Schlesinger componirte rasch ein Stück, in dem alle Instrumente fortwährend beschäftigt waren, und als es aufgeführt wurde, meinte Milos lachend zu den nebensitzenden Consulen : „Ist das nicht türkische Musik? Mein Josef könnte auch rnekterbasa (türkischer Capellmeister) sein. Er kann halt Alles!" Bei dem jähzornigen Charakter des Fürsten gab es auch minder heitere Episoden und einmal kostete es Schlesinger fast das Leben. Als nämlich im Jahre 1835 ein Aufftand ausbrach und seine Generäle mit den Aufftändischen zu milde verfuhren, wollte der erboste Fürst den Cavalleriecommandanten Papagozin, den Artilleriechef Markovie und den Chef der Infanterie Rikodem, sowie den Commandanten der fürstlichen Musikbande, Schlesinger, aufs Rad schlagen lassen und erst nach langem Fürbitten seitens seines Sohnes Michael begnadigte der Fürst die Berurtheilten. Bei dieser Gelegenheit ernannte ihn der Fürst zum definitiven Capellmeister, ihn stets seines vertraulichen Umgangs würdigend. Um diese Zeit wählten ihn, wahrscheinlich auch auf Zuthun des Fürsten, die serbischen Juden zu ihren Vorstand und officiellen Vertreter bei der Regierung, als welcher er sich durch seine eifrigen Bemühungen, den serbischen Juden die fteie Ausübung ihres Glaubens zu sichern^ große Verdienste erwarb. Auch beim Fürsten war er ein wariner Fürsprecher seiner Glaubensgenossen und gar Manchen hat er Habe, Freiheit und selbst das Leben gerettet. Von den zahlreichen Compositionen Schlesinger's in dieser Periode erregen zwei unser besonderes Interesse, „Zion-Marsch" und „Pessach-Marsch", die, nach hebräischen Melodien zusammengcstellt, vielfach als serbische Militärmärsche angesehen wurden, was bei Schlesinger große Heiterkeit erregte und welche beim serbischen Heere sehr beliebt waren. Es wäre dankbare Aufgabe eines jüdischen Musikers, nach diesen zwei Menschenalter altem Zeichen jüdischen Empfindens des in die Fremde verschlagenen jüdischen Künstlers zu forschen! __ (Schluß folgt.) Literatur. Judcnthnm und Entwicklungslehre. Eine so betitelte Schrift vor Dr. Tänzer, Landesrabbiner von Tirol und Vorarlberg, gegen Professor Delitzsch wurde von Herrn Leo Herzberg-Fränkel in Nummer 45 dieser Blätter besprochen, wobei er Ansichten über die verschiedenen Richtungen des gegenwärtigen Judenthums geäußert, welche so manchen ernst denkenden Juden stutzig gemacht haben dürften Nicht als ob diese Ansichten Anspruch auf Neuheit erheben dürften, sondern weil ein Mann wie Leo Herzberg-Fränkel ist, sich zu ihnen bekennt. Herr Herzberg-Fränkel findet es zwar natürlich, wenn ein moderner Rabbiner wie Dr. Tänzer sich in theologischen Fragen vor den Ergebnissen der Wissenschaft beugt, aber er hält es für höchst bedenklich, wenn er diesen Standpunkt auch offen und frei zu bekennen wagt. Denn, so fragt er, was würden die Juden in den Niederungen des Dniesters, der Weichsel und des Dniepers dazu sagen, wenn ihnen vom Rabbiner in der Synagoge erzählt würde, die moderne Wissenschaft hat die Darstellungen der Bibel gründlich erschüttert, daß die 10 Gebote einen menschlichen Autor gehabt hätten, daß der Schulchan- Äruch, die Speise- und Sabbathgesetze reformbedürftig seien n. s. w. Man ersieht sofort, daß der illustre Verfasser des Artikels von den Fortschritten der Wissenschaft die Konsequenz gezogen wissen will in der Gestalt einer gründlichen Reformation der jüdischen Religion, und er bedauert es tief, daß unsere Brüder im Osten noch so ferne von diesem angeblich herrlichen Ziele seien. Dem gegenüber bedauern wir, cs erklären zu müffen, daß Herr Herzberg-Fränkel sich hierbei vollständig im Jrrthum befindet. Denn man kann wohl streng wissenschaftlich über die Bibel denken und dabei dennoch in den Wegen unserer alten Weisen wandeln und ihre Anordnungen mit unbedeutenden Ausnahmen gewiffenhaft befolgen. Der selige Lazarus hat es in neuerer Zeit wie kein Anderer gezeigt, welche Fülle von ethischem Gehalt auch die talmudischen Gesetze durchweht, und er war doch wahrlich ein moderner Denker, und sein epochales Werk ist wohl flir Moderne allerdings im besten Sinne dieses Wortes — verfaßt. Was wir aber von Reformen für unsere Religion zu erwarten hätten, das zeigen uns klar genug die in diesen Blättern lautgewordenen Klagen über die Verlassenheit und Oede unserer pompösen Gotteshäuser, um anderer Schäden nicht zu gedenken. Gerne geben wir es Herrn Doctor zu, daß die Sonne der Aufklärung nicht den Weg der Sonne des Lichtes hat, aber auch — und darauf legen wir ein besonderes Gewicht — die der wahren jüdischen Religiosität geht vorläufig noch im Osten auf und verbreitet sich nur langsam nach dem Westen. Der Conservatismus gehört znm innersten Wesen des Judenthums, und schon Philo hat es in einer der unseren ähnlichen Zeit ausgesprochen, man dürfe nicht unbedacht an den althergebrachten Bräuchen rütteln, da sonst ein Umsturz der ganzen Religion zu befürchten sei. Wir erinnern noch schließlich an den classisch gelehrten Michael Sachs, dessen rühmliche rabbinische Wirksamkeit in der gegenwärtigen Metropole des Deutschen Reiches nicht den Reformen, sondern der Conservirung des Judenthums gewidmet war. Aber nicht nur nach Innen hat eine Reformation unserer Religion keine Berechtigung, sondern auch nach Außen haben wir von einer solchen gar wenig zu erwarten, da es unsere westlichen Brüder doch bekanntlich — wenigstens für ihren Privatgebrauch — gar weit im religiösen Fortschritt gebracht haben, der Antisemitismus aber gedeiht und wächst gleichwohl! S. Steinherz, Rabbiner zu Szskes-FejßrvLr. Neue Bücher. X. Jahresbericht der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt in Wien für das Schuljahr 1902/1903. Voran geht: Die Gesetze Hammurabis und die mosaische Gesetzgebung von Hoftath Prof. Dr. D. H. M ü l l e r. Verlag der Israelitisch- Theologischen Lehranstalt Wien 1903. The Jewish Encyciopedia. A descripte record of the History, Religion, Literature and Customs of tlie Jewish People from the earliest Times to the Present Day. Volume V. Dreyfus — Brisac — Gloat. Punk and Wagnalls Company. New-York and London 1903. Sociales zur Judenfrage, von M. Simon, Verlag von I. K a u f f m a n n, F r a n k f u r t a. M.