Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Mocb's TKHocbenscbrift. Seite 775 mit größter Anstrengung und unter harten Entbehrungen sein Ziel zu erreichen im Stande ist. Diesen Nothleidenden zur Bollendung ihrer Studienlaufbahn und zur Erreichung der akademischen Grade zu verhelfen, hat sich der „Unterstntzungsverein für mittellose israelitische Universitätshörer in Prag" zur Aufgabe gemacht, indem er ihnen unverzinsliche Darlehen auf sehr lange Fristen gewährt. Um dieser edlen Aufgabe im reichsten Maße gerecht werden zu können, wendet sich der Ausschuß des Vereines hiemit an alle Förderer desselben und an die gesammte Oeffentlichkeit mit der innigen Bitte, den seit fünfunddreißig Jahren im Interesse der dürftigen jüdischenStudentenschaft lhätigen Verein in seinen humanen Bestrebungen zu unterstützen und seiner insbesondere bei freudigen und traurigen Anlässen durch gütige Spenden zu gedenken Der Ausschuß des Unterstützungsvereines für mittellose israelitische Universitätshörer in Prc.g. Nikolsburg. Der durch ehrenvolle Berufung unseres geschätzten Rabbiners Herrn Dr. F e u ch t w a n g nach Wien vacant getvordene Rabbinerposten wurde in der am 19. d. M. stattgehabten Vollversammlung der Cultusvertretung einstimmig durch Herrn Dr. Moriz L e w i n, Rabbiner in Malaezka, besetzt. Nikolsburg. Einer von den lvenigen noch am Leben befindlichen Achtundvierzigern, die noch unter der sieggekrönten Fahne Radetzky's auf den blutgetränkten Gefilden Italiens gekämpft hatten, feierte jüngst in Nikolsburg seinen 80. Geburtstag. Der Jubilar, Emanuel K o h n, Bäckermeister daselbst, diente volle zwölf Jahre in der Armee. Aber nicht nur er allein, sondern alle seine sechs Söhne gehörten oder gehören zum Theil noch dem Armeeverbande an. New-Uork. Eine hervorragende jüdische Vereinigung hat an mehrere chinesische Bürger, welche namhafte Geldspenden den unglücklichen Juden in Kischenew zukommen ließen, goldene Medaillen überreicht. Feuilleton. Josef Schlesinger. Ein jüdischer Künstler am serbischen Hofe. Original-Feuilleton von ->tml. für. L a v o s l a v Schick Die heurigen blutigen Ereignisse am Belgrader Königshofe haben die Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Welt ans Serbien und seine früheren Herrscher gelenkt. Es wird deshalb tlicht unpassend sein, wenn wir das Andenken an einen Glaubensgenossen auffrischen, der als Begründer der serbischen Nativnal- und Militärcapelle am Hofe des ersten serbischen Fürsten Miloß Obrenovie eine bedeutende Rolle einnahm, es bis zum Major in der serbischen Armee brachte und durch eine Verkettung von Umständen Mitverschworener gegen Fürsten Michael ward und dessen Versuche, dem Fürsten durch rechtzeitige Warnungen das Leben zu retten, vergeblich blieben. Es ist aber auch die Entrichtung einer Dankesschuld, die wir als Inden in diesen Zeilen dem Manne bringen, der trotz allem Zureden von höchster Stelle dem Glauben seiner Väter treu bis ans Lebensende geblieben und als langjähriger Vorsteher der serbischen Landesjudenschast große Verdienste um dieselbe sich erworben. Der Pester Religionslehrer Ignatz Reich hat in seinem Werke „Beth-EI, Ehrentempel verdienter ungarischer Israeliten" (Pest 1867) eine Lebensbeschreibung Joses Schlesingers veröffentlicht, die aber nach des Künstlers eigenen Worten mangelhaft und vielfach unrichtig ist und heute wohl nur noch Wenigen bekannt sein dürfte. Der Agramer Musikprofessor Franz Xaver Kuhach die erste Autorität auf dem Gebiete südslavischer Musikgeschichte und gefeierter Schriftsteller seiner Nation, hat vor wenigen Jahren in croatischer Sprache auf Grund seines langjährigen, äußerst freundschaftlichen Verkehrs nach dessen eigenen Erzählungen eine Biographie Josef Schlesinger's veröffentlicht, nach welcher wir in deutscher Sprache ein getreues Bild unseres Glaubensgenossen darstellen wollen. Als Sohn des jüdischen Gemeindeschächters im südungarischen Zombor wurde Josef Schlesinger im Jahre 1794 geboren und zeigte bereits als Kind so viel Gefallen an Musik, daß ihn sein Vater vom dortigen Cantor Rosenberg Geige lehren ließ. Später ertheilte ihm der Ortslehrer und Organist Max Christoph Unterricht in Geige und Gesang nach Noten, wofür er monatlich fünf Gulden erhielt. Drei Jahre währte dieser Unterricht und groß muß die Liebe des Vaters gewesen sein, daß er sich diese, für damals so große Summe von seinem kärglichen Einkommen abdarbte. Als Josef im Jahre 180-7 die Volksschule beendigte, nahm ihn der Vater zu sich in die Lehre, damit auch er einst das ehrsame Schächtergewerbe betreibe. Der Sohn jedoch, mit diesem Berufe nicht zufrieden, fand Gelegenheit, in seinen Freistunden beim Zamborer Capellmeister umsonst Clarinette und Flügelhorn zu lernen, mit der Verpflichtung, eine Zeit lang umsonst in der Capelle dienend das Lehrgeld dadurch zu ersetzen. Bereits nach einem halben Jahre spielte er bei allen öffentlichen und Hausunterhaltungen zum großen Leidwesenseines Vaters, dem das unstäte Leben Josefs gar nicht behagte, trotzdem er mit seiner Kunst bedeutende Summen verdiente. Nach dem Tode des CapellmeisterS im Jahre 1810 sollte auf Wunsch seiner Collegen Schlesinger dessen Stelle einnehmen, jedoch trotz der Fürbitte seiner Mutter kam es mit dem Vater, der, gleich den anderen Zamborer Juden, dieses „Vagabundenleben" für verwerflich hielt, zum völligen Bruch und Josef mußte Zombor verlassen. Von Zombor kam Schlesinger nach Bonyhrid in die Capelle des berühmten „Zigeunerkönigs" Marco Rozfavölgyi, der, ursprünglich Modchele Rosental heißend, den Glaubensgenossen freundlich aufnahm und bei dein er, zwei Jahre bleibend, gewaltige Fortschritte im Geigenspiele machte. Weitere zwei Jahre war er in einer ähnlichen Mnsikbande in Neusatz. Während dieser Zeit starb ihm die Mutter, und mit dem Vater vollständig ausgesöhnt, übersiedelte Josef nach Nagy-Szent-Miklös, wohin der Vater als Gemeindeschächter bereits früher von Zombor gezogen war. Ans Empfehlung des gräflich Nakoischen CapellmeisterS Tassler wurde Schlesinger vom Grafen, dem der 21jährige elegante Jüngling sehr gefiel, für seine Capelle als zweiter Flügelhornist engagirt. Vom Capellmeister in der Harmonie- und Jnstrumentationslehre unterwiesen, hatte er in der reichhaltigen gräflichen Bibliothek genügend Gelegenheit, seine theoretischen Kenntnisse durch Selbststudium zu vermehren und schon nach einem Jahre war er erster Flügelhornift und Stellvertreter des Capellmeisters. Auf Befehl des Grafen besuchte die Capelle die meisten Aristokratenschlösser Ungarns, nicht etwa Lohnes wegen, sondern um durch ihre Kunst den Ruhm ihres gräflichen Herrn zu vergrößern. Trotzdem Schlesinger ein großes Einkommen hatte, verließ er schon 1818 die gräfliche Capelle, denn dort durfte nur elastische Musik gespielt werden, während ihn das Herz zur Volksmusik zog, und so trat er in die neugegründete Capelle des ehemaligen Directors des Pester deutschen Theaterorchesters, Alosius Zibulka, der, im Gegensätze zu den bisher in Ungarn üblichen Naturmusikbanden, eine Gesellschaft von lauter gelehrten Musikern gründete. Als zweiter Capellmeister zog Schlesinger mit der Gesellschaft durch Südungarn, Slavvnien und Rumänien, überall reichliche Anerkennung findend. In Neusatz verliebte er sich in die reizende Sara, Tochter des gewesenen Semliner Rabbiners Jacob Friedenberg, welche er auch im Jahre 1820, als der kränkliche Zibulka seine Capelle auflöste und Schlesinger durch Fürsprache des Rabbiners beim Stadthauptmann von Neusatz, Oswald Hueler, die Stelle eines städtischen Capellmeisters erhielt, als Gattin heimführte. In Neusatz war Schlesinger gleichzeitig Organist an der katholischen Kirche und führte mit seiner Capelle alle feierlichen Figuralmessen aus, zur großen Zufriedenheit des dortigen Abtpfarrers Novak, der trotz aller Anfeindungen dem jüdischen Musiker die einträgliche Stelle an der katholischen Kirche nicht entzog. Vom Neusatzer Magistrat erhielt Schlesinger ein jährliches Reisepauschal, damit er in Wien und in andern ausländischen Städten die neuesten Musikstücke für seine Capelle erwerbe, was ihni auch durch die Freundlichkeit seines Glaubensgenossen Josef Fifchos sowie Johann Strauß gelang, so daß die Neusatzer Capelle durch die Reichhaltigkeit ihrer Neuigkeiten weit über die Grenzen Südungarns bekannt wurde. Schlesinger componirte