Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Blocb s Mocbenscbrtkt. Seite 771 also dafür, daß mit einem Wechsel in den Regierungsspitzen gerechnet werden muß und höchstwahrscheinlich auch gerechnet wird. Auch Anderes hat dazu beigetragen, Plehwe's Stellung zu erschüttern. Daß er mit seiner Liebäugelei bei den Semstwos kein Glück machte, ist bekannt. Es gelang ihm nicht, die Provinzlandschaften einzufangen, wie heiß und stürmisch auch sein Werben war. Er ist es gewesen, der bis zu einem großen Theil an der Erweckung des liberalen Gedankens mitgeholsen hat; er trug dazu viel bei, daß der linke Flügel des Liberalismus in Rußland in Fühlung mit den radicaldemokratischen und socialistischen Strömungen trat und daß die Opposition auch in den der alten Generation geweckt wurde, in der Generation der Väter, wie sie genannt wird. Das war bisher keinem Minister gelungen, dieses Meisterstück vollbrachte v.Ptehwe. Es blieb ihm nach alledem nur noch das Reich des Papiers und des Säbels, auf dem er seine Macht aufbauen mußte. Seine Beamtenschiebungen sind ebenfalls bekannt. Diese haben unstreitig seine Macht gehoben, aber auf der anderen Seite haben sie ihm Viele Feinde geschafft. Die gekränkten, aufgescheuchten Tschinownikgeister wußten Hinterthürchen zu finden, ihr Wehklagen über die Tyrannei und Ungerechtigkeit Plehwe's ihren Protectoren zu Ohren zu bringen. Man darf nicht vergessen, daß an einen radicalen Personenwechsel in den verschiedenen höheren Aemteru in Rußland nicht zu denken ist, so lange der alte Hofkreis mit seinen Tausenden von catilinarischen Existenzen besteht, denn von diesen, nicht von der Regierung oder von einem Minister hängt der russische Beamte ab. Ein jeder höhere Beamte in Rußland hat in der nächsten Nähe des Hofes einen Schutzheiligen, an den er seine Abgaben richtet, von dem er denn auch in allen Gefahren beschirmt wird. Es nützt also wenig, wenn es dem Minister gelingt, hie und da einen neuen Beamten nach seinem Willen einzustellen, der alte findet immer wieder ein neues Amt und gewöhnlich ein höheres und einflußreicheres, und verwendet dann seine neue Stellung zu Jntrignen gegen seinen Feind. Solcher Feinde hat v. Plehwe in der kürzesten Zeit eine Legion erworben. Man denke an Witte, an den einflußreichen Spitzelgeneral Subatow, an' dessen Gehilfen, an den Justizminister Murawiew, den Plehwe aus Petersburg hinausgekrault hat, so daß dieser sich jetzt mit dem Botschafterposten begnügen muß. Nicht gewogen sind Plehwe auch hohe Militärs, weil er sich zu sehr vordrängt. Der bekannte Generalgouverneur und Commandirende des Kiewer Militärbezirkes, Dragomirow, thut Alles, um Plehwe zu ärgern und seine Stellung zu unterwühlen. Aehnlich sind die Beziehungen des Kriegsministers zu Plehwe. Kurzum, die Zahl Derjenigen, die über den Sturz des jetzigen Ministers des Innern froh sein würden, ist nicht gering. Nun kommt noch hinzu, daß Plehwe in der letzten Zeit große Mißerfolge gehabt hat. Seine Prahlereien über die rasche Vernichtung der revolutionären Bewegung sind eben nur Prahlereien gewesen. Dazu die Kischenewer Greuel. Es haben sich alle seine Bemühungen, sich von dem Blute des gehetzten Volkes reinzuwaschen, als vergeblich erwiesen. Umsonst wurde der „Figaro" mit 30.000 Rubeln für einen Artikel bezahlt, den Plehwe eigenhändig zu seiner Rechtfertigung schrieb: immer mehr verdichtete sich der Verdacht zu einer schreienden Anklage des Ministers und jetzt in dem stattfindenden Proceß gegen die Excedenten in Kischenew wird vielleicht die Anklage nur gegen Plehlve und seine Helfer aust-echt zu erhalten sein. Schon die Anklageschrift, so vorsichtig sie gefaßt ist, stellt Plehwe bloß. Bekanntlich erließ der Minister des Innern gleich nach den blutigen Geschehnissen in Kischenew an die Presse eine Note, die telegraphisch auch dem Ausland übermittelt wurde und die die .Geschehnisse so darstellte, als ob die Juden es gewesen wären, die die Hetze begonnen. Es wurde da von einem Caroussel erzählt, dessen Besitzer einen Christenknaben geschlagen habe, und das habe die christliche Bevölkerung in Aufregung gebracht. Davon spricht die Anklageschrift mit keiner Sylbe. Die ganze Darstellung der Ursache und der nächsten Anlässe der Hetze ist in den Acten der Gerichtsbehörde eine ganz andere als die des Ministers. Die Anklageschrift erwähnt natürlich mit keinem Worte, welche Rolle die höheren Beamten gespielt haben. Die Untersuchung hat auch eine ganze Kategorie von Privatpersonen, deren Mitbetheiligung an der Organisirung der Excesse außer Zweifel steht und gegen die in den Zeugenaussagen unbestrittene Thatfachen aufgeführt werden, aus der Untersuchungsfphüre herausgehoben. Diese Personen gehören zu den höheren Schichten der städtischen Gesellschaft. Da diese das Bindeglied in der Vorbereitung der Hetze zwischen der Regierung und den Anführern der Demolanten darstellen, so ist es klar, daß sie vor dem Gericht dem Minister des Innern unbequem werden konnten. Wenn trotz allen diesen Vorsichtsmaßregeln die Gerichtssitzungen mit Ausfchluß der Oeffentlichkeit wieder vorgenommen werden, so muß die Erklärung für diese Thatfache nur in dein schlechten Gewissen des Polizeioberhauptes gesucht werden. Vor 22 Jahren wurden dem Urheber der damaligen Hetzen schließlich die von ihm heraufbeschworenen Ereignisse zum Verderben: der Minister Jgnatiew mußte über Bord geworfen werden, und wenn Plehwe geht, so ist er zum guten Theile an der Kischenewer Klippe gescheitert. Die Judenexeeffe in Homel. O d e s s a. Wenn über die blutigen Maitage von Kischenew lange Zeit hindurch ein Dunkel schwebte und man sich die Frage vorlegte, ob die öffentliche Verwaltung von diesen Ereignissen überrascht wurde oder selbst organisatorisch mitwirkte — bezüglich der Tage von Homel gab es schon von vornherein eine solche Frage nicht. Der „Pogrom" begann am Freitag, 11. September, Nachmittags, mit einem Streite, der sich auf dem Markte, anläßlich eines Heringkaufes entspann: aber dieser Streit und dessen Folgeereignisse waren keineswegs Zufälligkeiten. Schon zwei Wochen vorher hörte nian von Arbeitern im Wirthshaufe, daß man in vierzehn Tagen die Juden schlagen werde. Am selben Freitag bemerkte man schon vom frühen Morgen an einen ungewöhnlichen Andrang und eine feindselige Haltung gegen jüdische Verkäufer auf dem Markte und in jüdischen Geschäftslocalen. Auf dem Markte selbst gab es eine ungewöhnliche Ansammlung von Leuten, insbesondere von Bauern, die nach der Stadt gekommen waren. Der halb im Scherz, halb im Ernst geführte Streit um das Heringfüßchen nahm sofort einen feindseligen Charakter gegen die Juden an. Steine flogen in jüdische Geschäfte, Waaren wurden zerstört, der Ruf „Schlagt die Juden!" wurde laut. Auch zeigte sich einer der berüchtigtsten Antisemitenhäuptlinge Hömels, der Kaufmann Petrotfchenko ans dem Markte, und man behauptet, daß sich feine Bediensteten unter die Bauern mengten und diese zu Feindseligkeiten aneiferten. Bei jener allgemeinen Prügelei wurde ein Bauer getödtet, mehrere Leute, Christen und Juden, wurden verwundet. Es erschienen sodann einige angesehene Männer, welche beruhigend nach beiden Seiten hin zu wirken sich bemühten. Den Juden aber war es von vornherein klar, daß es sich hier nicht etwa um eine gewöhnliche Marktprügelei, sondern um den Beginn eines „Progroms ü In Kischenew handle. Sie wendeten sich, um Schutz bittend, an den Polizeimeister, der auch zusagte, Maßregeln zur Verhinderung jeder Gewaltthätigkeit zu ergreifen. Am Samstag den 12. September fand in Homel eine Arbeiterversaunulung statt, in welcher der „Pogrom" für Montag, 12 llhr Mittags, beschlossen und eine fördernde Organisation desselben festgestellt wurde. Den Sonntag hielt man hiezu nicht geeignet, weil an diesem Tage die Bauern nicht zur Stadt kommen, sondern denselben daheim in der Kirche und im Wirthshaufe verbringen. Auch rechnete man auf die Mithilfe des Militärs, welches erst am Sonntag aus dem Lager kam. Das alles war auch in Kreisen der Intelligenz, sowie in amtlichen Kreisen genau bekannt. Ein Beispiel: Da wohnt in dem Haufe eines Gerichtsrathes, Namens Melnikow, ein Jude zur Miethe, der auch Pächter des Gartens ist und als Pacht ein Quantum Gartenfrüchte zu entrichten hat. Wiederholt ersuchte der Jude, man möge ihm die bereitliegende Pachtlieferung an Früchten abnehmen: aber Herr Melnikow meinte, es habe damit noch Zeit. Plötzlich am Mon-