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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-11-27 · 48 (27.11.1903) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sem 770 Sc. Biocos WocDenscDrm. Nr. 48 der Redner aus, daß dieser Psalm so recht die Gesühle und Stimmungen dieser ernsten Weihestunde zum Ausdrucke bringt. Hieraus schildert er in ergreisender Weise die Vergänglichkeit alles Irdischen, die unnennbare Tragik des Menschenlebens, die am deutlichsten an der Gräberstätte zum Bewußtsein kommt. Aber wie ein sieghafter Heroldsruf tönt der Gottesrus des Psalmisten in die Herzen, und aus den Gräbern sprießt eine köstliche Blume heiligen, sanften Trostes: der Gedanke an die Unsterblichkeit der Seele. So ist der Friedhof nicht allein ein Ort der Gräber, sondern eine Stätte der Ewigkeit, eine Jacobsleiter, die den Himmel mit der Erde, Zeitlichkeit mit der Ewigkeit verbindet. So wechen wir diesen Friedhof nicht der Vernichtung und dem Untergange, sondern der Ewigkeit und der Unsterblichkeit. An diese Worte schloß sich ein Gebet für das Seelenheil der Entschlafenen auf dem alten Friedhofe, in welcher die weihevollen Worte des Redners ausklangen. Nach einem Schlußgcsang wurde eine Besichtigung der ganzen Anlage durch die anwesenden Honoratioren vorgenommen, die den Baukünstler zu dem gelungenen Werke herzlichst beglückwünschten. Zum Schlüsse sei noch eine kurze Beschreibung des neuen Friedhofgcbäudes beigefügt: Es besteht aus einem Gebäude-Complexe, dessen Mittelpunkt die große Ceremonienhalle bildet. Diese ist in der Grundform eines Rechteckes von 10'5 in Breite und 17'6m Länge errichtet; die lichte Höhe der Halle beträgt 10 in. Der Fußboden ist mit Tonfliesen ausgelegt, die in Weiß und Schwarz ein Dessin geben. Die beiden Längswände sind durch Pfeiler in drei Felder abgethcilt. Ueber den Pfeilern der Quere des Raumes nach sind Gurten gespannt, welche die Gewölbsdecke tragen. Diese ist in Beton und Eisen spitzbogig ausgeführt. Das Licht erhält die Halle durch in den beiden Stirnwänden angebrachte große Maßwerksfenster. Eine weite Thüre führt von der Halle auf das Gräberfeld. An die Halle anschließend und mit dieser durch eine Thüre in Verbindung stehend, ist die Vorhalle, in die man von der Straße gelangt und.die einen Durchgang nach dem Friedhof gestattet. An die Vorhalle schließt sich ein Flügel an, der die Räume für den Lcichenwächter, die Leichenverwahrung und Leichenwaschung enthält. Der ganze Tract ist für sich abgeschlossen und kann daher im Falle des Bedarfes ganz aus dem Verkehre ausgeschaltet werden. Links von der Halle ist ein Flügelbau, genau so ausgestattet wie der vorher beschriebene, der die Wohnung für den Friedhofaufseher, eine solche für einen Hilfsbeamten, eine Kanzlei und einen Wartcraum für den Rabbiner enthält. Die Heizung der Halle erfolgt vom Keller aus. Dermalen fehlen noch die Malerei der Wände und die Glasmalerei der Fenster; es ist beabsichtigt, beide stilgemäß und künstlerisch ausführen zu lassen. Das Gebäude ist ein Ziegelrohbau im gothischen Stile, im Sinne der Backsteinbauten des nördlichen Deutschlands. Die große Halle überragt äußerlich die übrigen Gebäudetheile; ein Giebel, der das Dach deckt und von zwei Fiolen flankirt ist, schließt nach oben diesen Bau ab, der sonst ohne jede Anwendung von Haustein und Bildhaucrarbeit durch sein mächtiges Verhältniß eine monumentale Wirkung macht, die noch durch das gewaltige Maßwcrksfenster erhöht wird. Z. Unsere russischen Glaubensgenossen und wir. Die Boten des verflossenen Frühlings überbrachten uns die bestürzende Kunde: Die Maflacres in Kischenew. Wohl hat die gesammte civllisirte Welt ob dieser Greuel ihre höchliche Entrüstung kuudgegeben. Der Präsident der Vereinigten Staaten Amerikas hat mit seinem Urtheil nicht zurückgehalten und die amerikanische Protestkundgebung, wenn sie auch nicht an den Adresiaten gelangte, machte doch in der Welt viel von sich reden und war der russischen Regierung unangenehm. Doch erfuhren wir zu bald, daß Rußland nicht gleich bl im Magenverderben fei; die darauffolgenden Excesse in Homel, die erst das richtige Gepräge erhielten, daß die schamlose Mache von den Tschinowniks informirt wurde, ließen uns zur Einsicht gelangen, daß es v. Plchwe gleichgiltig sei, wie die Ausländer über sein Thun denken. Seine Ansicht ist: mit den Schnupfen vergehen alle Krankheiten, mit einigen Judenexceffen wird das fordernde Volk sich abspeiscn und sich weiter ohne Murren knechten lassen; er ließ sich also in seinem Treiben nicht beirren Wer mit Aufmerksanikeit die innere Politik Rußlands seit dem Regierungsantritte Alexander III. .verfolgt, wird verstehen, daß v. Plehwe kein Colombus ist. wenn er nach angeführter Methode, seine Maschine functionären läßt; da doch Jedermann weiß, wer in Pobjedonoszew's Fußtapfen in Rußland tritt, kann »licht fehlen. Als wir von den Excessen in Kischenew erfuhren, ging eine allgemeine Frage in der Welt herum: haben sich denn die unglücklichen Juden gar nicht gewehrt? Sind sie denn tvirklich so feige? Der Schreiber dieses kennt gut die russischen Juden, da er selber Russe ist, er kennt a»lch die Kischenewer Juden und muß bezeugen, daß die Waghalsigkeit der bessarabischen Juden in Rußland sprichwörtlich ist, daß es zumeist riesenstarke Leute sind, viele Handwerker darunter »nit gutenttvickelten Armen — aber die Horde war gut organisirt, was die Juden nicht waren. Einem Orcane gleich erhob sich das Gejohle des tobenden Mobs, jeder Jude lief zumeist erst seine Familie zu schützen, dachte aber nicht, daß er allein gegenüber diesem Volke ohnrnäcttig ist. Nun gelangen wir zu einer Frage, die unsere österreichischen und deutschen Israeliten ungern hören. Wie steht es mit uns? — „O, o!" höre ich rufen, „wir sind gottlob noch nicht in Rußland!" Ich gebe es gerne zu! Aber sind auch wir nicht von Feinden urngeben, die nach unserem Leben trachten? Dringen nicht täglich unserer wehklagenden Brüder Stimmen zu uns, die uns von Verfolgungen, Verhetzungen und Boycotten erzählen? Und was thun wir dagegen? Anstatt uns zu organisiren, uns enger aneinander zu schließen, uns zu verbrüdern, mit vereinten Kräften für unsere nationalen und wirthschaftlichen Interessen einzustehen, Weichen wir einander aus, geben wir unsere geistige und materielle Kraft unseren arischen Nachbarn und sind noch hocherfreut, daß sie unsere Dienste gnädig acceptiren. Die Christen erkennen uns zu, daß wir ein „pfiffiges" Volk seien, aber wo liegt da die Pfiffigkeit? Die Weihnachtszeit rückt bald heran. Wie vielmal hat die jüdische Presse geschrieben und klargelegt, daß es von Juden unsinnig ist. in ihren Häusern Christbäume aufzustelleu, daß uns die Christen selber darob verlachen und verhöhnen, die ar»ttsemitischen Blätter darüber die blödesten Witze reißen, und dennoch finden sich Juden, die diesen Cult »nit Pomp weiter betreiben. Ist es denn nicht endlich Zeit, daß der Jude zu zielbewußteu Thaten schreite, die fremden Götter aus feinem Hause verbannt? Spreche endlich zu den Völkern der Erde: wir waren und sind tvieder die Träger der Gotteslehre, die Beschenkten mit den Zehngeboten. Armin Wilkowitsch, Cantor. Plehwe wackelt. Man. schreibt uns aus Rußland: Immer bestimmter treten die Gerüchte auf, daß in den führenden. Kreisen der russischen Staatsmaschinerie neue Wandlungen vorbereitet werden. Man spricht allgemein von dem Abgang verschiedener höherer Beamten, und mit diesen Gerüchten über einen Personenwechsel verbindet sich wie stets ein Gemunkel über neue Richtungen und Strömungen in der Politik der Regierung. Es heißt wieder einmal, daß man in den Hofkreisen von der Unzulänglichkeit einer so blutigen Scharfmacherei, wie sie v. Plehwe betreibt, überzeugt sei, und daß deshalb an Stelle des jetzigen Ministers des Innern bald ein anderer kornmen werde. Auch der Nachfolger wird schon genannt; es ist kein anderer als der Feind Plehwe's, der von ihm gestürzte ftühere Minister der Finanzen, Witte. Daß in dieser Richtung während des Aufenthaltes des russischen Hofes in Deutschland etwas vor sich gegangen sein muß, darüber bestehen nur geringe Zweifel, denn man weiß ganz bestimmt, daß Witte zu Nicolaus gerufen worden ist, und daß einige Tage darauf auch Plehwe in Deutschland eintraf. Worum es sich gehandelt hat, weiß inan natürlich nicht, doch man spricht allgemein davon, daß Witte das Ministerium des Innern angeboten worden sei und daß Plehwe in den Reichsrath kommen werde. Wenn an diesen Gerüchten vielleicht auch wenig Wahres ist, so geben sie doch unstreitig ein gewisses symptomatisches Bild von den Strömungen in den höheren Kreisen und kennzeichnen die Situation im Lande besser, als es auf den ersten Augenblick scheinen will. Daß von einem Abgang v. Plehwe's gesprochen wird, das ist nicht von gestern. Kamn hatte der ftühere Direktor des Polizeidepartements das Amt des Sipjagin übernommen und die ersten Galgen errichtet, als man schon überall wußte, daß auch dieser strenge Herr nicht lange regieren wird. Eigentlich beginnt man sich in Rußland schon zu wundern, daß er so lange ausgehalten hat. Wenn aber Plehwe von der allgeineinen Empörung weggefegt wird, so ist es klar, daß ih»n nicht gleich ein anderer Plehwe folgen kann. So klug ist inan in den Hofkreisen doch, daß man dann ein bischen Beschwichtigungspolitik wird treiben wollen, und wer sollte das besser verstehen als der frühere Finanzacrobat, Herr v. Witte. Die Logik der Thatsachen spricht ~nrW'TrTTnTTrnrri-1

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