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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-11-27 · 48 (27.11.1903) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 772 Dr. Dlocb s Mocbenscvrttr. Nr. 48 tag den 14. September, Morgens, erschien Frau Melnikow persönlich bei dem jüdischen Pächter und nahm die Früchte in Empfang. Schon Tags vorher hatte eine christliche Taglöhnerin den Juden gewarnt, sie habe aus einem Gespräche in Melnikow's Hause entnommen, daß am Montag die jüdischen Wohnungen demolirt werden sollen. Aber der Jude vertraute aus den Schutz seines Hausherrn, des angesehenen Gerichtsrathes. Er sollte sein Vertrauen büßen; er wurde vollständig ausgeplündert. Der Herr Gerichtsrach und seine Frau schauten vom Balcon eines gegenüberliegenden Hauses der Plünderung ruhig zu. Ihren Pachtschilling hatten sie ja in Sicherheit gebracht. Geradeso wie der Gcrichtsrath Melnikow wußte auch der Polizeimeister von allen Vorbereitungen. Er legte denselben ernste Bedeutung bei, er versicherte den Juden, daß er jede Gewaltthat unterdrücken werde. Und siehe! Er war zugegen beim Beginne, als sich der Aufmarsch der Banden vollzog. Er telegraphirte sofort dem Gouverneur. Er war zugegen am Schlüsse der Ereignisse, um 6 Uhr Abends, im Stadttheile Kavkas, wo er, nachdem daselbst etwa 20 Häuser zerstört worden waren, der Fortsetzung des Zerstörungswerkes Einhalt that, der einzige Fall, in welchem sich die staatliche Autorität gegen die Räuberschaar wendete. Er soll sogar in seinem Hause einigen Judenfamilien Unterstand gegeben haben. Aber dort, wo die Räuber- und Mörderschaaren wüthetcn und die Polizei diesem Treiben abwehrend hätte entgegentreten sollen, war er den ganzen Tag über nicht zu sehen. Pünktlich am Montag um 12 Uhr setzte sich ein Zug von 200 Arbeitern der Liebau-Romny'schen Eisenbahn in Bewegung. In Gruppen verließen sie die Arbeitsstätten, die sonst übliche Personsdurchsuchung unterblieb. Mit Eisenstangen und Keulen bewaffnet, marschirtcn sie aus. Sie hatten eine schmale Brücke zu passiren, welche nur einzeln oder zu zweien begangen werden kann. Den Ucbergang hätten ein Paar Mann Polizei oder Militär mit Leichtigkeit absperren können. Niemand stellte sich ihnen in den Weg. Am Bahnhosplatze theilte sich der Haufe in zwei Abtheilungen, von welchen die eine nach der Samkowagasse, die andere durch ein Nebengäßchcn in die Technikerstraße zog. Wieder hätten ein Paar- Mann hingereicht, das schmale Gäßchen zu sperren, und wieder war Niemand zu sehen, der den Excedenten den Weg verstellt hätte. Alsbald waren denn auch die eisernen Instrumente an den Thüren der jüdischen Wohnungen in Thätigkeit und weithin hörte man das Getöse der Brechstangen und das Klirren der zerbrechenden Fensterscheiben. Erst nachdem unter den Augen eines dort aufgestellten Detachements von Militär und Polizeileuten viele Wohnungen erbrochen, Thüren und Fenster zerstört, was an Einrichtungsgegenständen vorhanden war, weggetragen oder in Stücke geschlagen und einige jüdische Häuser gründlich verwüstet worden waren, kamen aus dem Mittelpunkte der Stadt die Juden in großen Schaaren, theilweise bewaffnet, um den Räubern entgegenzutreten. Es gelang ihnen auch, dieselben in die Flucht zu treiben. Da traten die Soldaten und Polizeileute in Action und wendeten sich, Polizeicommissär Kasanski an der Spitze, gegen die Juden mit der Drohung, auf sie zu schießen, wenn sie nicht zurückgehen würden. Dann nahmen sie mit dem Gesichte gegen die Juden Aufftellung, indem sie derart mit ihrem Rücken die von der Flucht zurückkehrenden Räuberbanden deckten. An der Arbeit der letzteren betheiligten sich auch activ Wachmänner und Gendarmen. Genau so geschah es in der Nowakowgasse, in der Technikergasse und allen Nebengassen, wo die Juden sogar den Militärcordon durchbrachen, sich aber mit cinemmal vom Militär eingeschlossen sahen, welches mit dem Gewehrkolben aus sie losschlug. Ein alter Jude, CH. Sacharin, stellte sich zum Schutze seines Hauses den Eindringenden entgegen; ein Schlag mit dem Eisen auf den Kopf streckte den alten Mann nieder, ein zweiter, ein dritter Schlag folgte. Der Sohn stülpte herbei, dem alten Vater zu Hilfe — das gleiche Schicksal wurde ihm zutheil. Ein armer Lehrer Dawidow, der sein bischen Hab und Gut zu vertheidigen unternahm, wurdegetödtet; ein junger Jude, der ihm beispringen wollte, wurde niedergeschlagen und lebensgefährlich verwundet. Auf Schritt und Tritt folgte das Militär den Juden. Absperrung der Vertheidiger, Deckung der plündernden Mörder war die gemeinsame, offenbar im vorhinein festgesetzte Tactik. So geschah es in der Troickagasse und auf dem Pferdemarkt, wo es den Juden bereits gelungen war, die Räuberschaar zurückzudrängen, so geschah es auch an der Ecke der Wjetrenagasse, wo ebenfalls die Juden die plündernde Schaar bereits zurückgedrängt hatten. Dort versuchten es die Juden, durch den Militärcordon zu dringen, was ihnen aber mißlang. Es folgte eine Salve. Drei Juden — Kachanski, Elporin, Obermann — blieben tobt auf dem Platze, viele wurden schwerverwundet. Zwei jungen Leuten mußten im Spitale sofort die Füße amputirt werden, einen dritten, einen vierzehnjährigen Schusterjungen, Chaim Kokin, dürste das gleiche Schicksal getroffen haben. Während so die Juden nmssacrirt wurden, hörte man von dem nahen Amerikaviertel herüber das Getöse, welches dort die Zerstörung der Häuser verursachte. In der Rumienzewgasse waren dreißig Steinarbeiter beim Barre des Hauses der Orlow'schen Bank beschäftigt; als sie saherr, daß die Juden der Plünderung schutzlos preisgegeben seien, Militär und Polizei gegen die sich vertheidigenden Juden Front machten, ließen sie die Arbeit stehen, nahmen große Steine oder rvas ihnen arr Werkzeugen zur Hand war und schlugen jeden Juden nieder, dessen sie ansichtig wurden. Ein Jude, Kewesch, wurde vor den Augen des Polizeidetachements, an dessen Spitze Cornmissär Czernoluski stand, ermordet, worauf sich die Mörder mit den Polizeilcuten, als ob gar nichts vorgesallcn wäre, gemüthlich unterhielten. Der Schaden beläuft sich auf mehrere hunderttausend Rubel und ist nur deshalb ein verhältnißmäßig so geringer, weil auf Commando die reicheren Stadttheile geschützt und nur die ärmeren dem plündernden Pöbel preisgegeben worden waren. 10 Juden wurden erschlagen, an 300 schwer verwundet. Am Dienstag den 15. September gab es nur noch ein schwaches Nachspiel. Am Bahnhof, vor den Augen des dortselbst ausgestellten Militärs, wurden Juden geschlagen, mit Steinen beworfen, die auf ihren Wagen befindlichen Waaren auseinandergerissen u. dgl. An diesen: und den folgenden Tagen wurden auch einige Leute verhaftet, welche der Ermordung der Juden Kewesch und Pietecki verdächtig sind. An dem Haupttage des „Pogrom", am Montag, wurden nur Juden verhaftet und der Gesängnißdirector ries der dieselben einliesernden Escorte zu: „Warum bringt ihr sie lebend?!" An dem verhängnißvollen Montag hielt der Gouverneur- Graf Klingenberg in: Adelshanse zu Mohilew große Tafel. Ein Telegramm des Polizeimeisters von Homel hatte ihn von den Vorfällen benachrichtigt, aber erst zwei Tage danach — am Mittwoch — begab sich der Graf nach Homel. Der Judendeputation, welche sich um Schutz an ihn wandte, hielt er folgende Ansprache: „Euretwegen bin ich hieher gekommen, ich beklage die unglücklichen Opfer, die Armen, die Unschuldigen haben gelitten. Woher diese Erregung der Bevölkerung gegen Andersgläubige? In Rußland herrscht absolute religiöse Toleranz. Dies wissen die Juden Rußlands am besten. Die Juden sind heute die Führer der antigouvernementalen Bewegung, der „Bund" und die ganze Socialdemokratie sind Juden; die dabei betheiligten Angehörigen anderer Consessionen werden von den Juden aufgestachelt. Die Juden sind keck, ungehorsam, ohne Respect vor der Polizei; allenthalben bethätigen sie ihren Mangel an Achtung, ihre Intoleranz gegenüber den Christen. Hier einige Beispiele: Letzthin stößt ein Bicyclist an meine Frau — wer war's? ein Jude. Ein Gymnasiast begegnet mir, die Cigarette im. Munde, und grüßt mich nicht — wer war's? wieder ein Jude. Eine Gymnasialschülerin, indem sie ihren Mantel aufhcbt, streift den Mantel meiner Frau, und auf deren Frage, warum sie sich nicht entschuldigt, erwidert sie, sie habe es nicht bemerkt — wer war's? eine Jüdin. Da habt ihr die Ursache der letzten Ereignisse. Die Regierung ist unparteiisch, ich auch. Ihr seid schuld an Allem. In diesem Sinne werde ich dem Kaiser berichten. Ihr erzieht eure Kinder nicht gut, und wenn ihr nicht die Macht über sie habt, so sollt ihr sie der Behörde anzeigen und ausliefern! Was,

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