Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 764 Dr. Mocb's 'MocbenscbrM. Nr. 48 ihrer schweren Stunde! Helfet den Armen in dem Momente, da sie hilflos in bedrängter Lage fremden Beistandes bedürfen! Geldspenden und für die Wöchnerinnenpflege geeignete Naturalien — außer Verwendung gefetzte Bett-, Leib- und Kindswäsche in hygienisch unbedenklichem, gebrauchsfähigem Zustande — werden erbeten an den Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen I., S e it e n st e t t e n g a s s e Nr. 4. Diese Gaben wollen mit Namensnennung oder anonym gewidmet werden. Naturalien werden über Wunsch auch abgeholt. Der Arbeitsvernlittlnrrgs-Nerein. Samstag Abends fand im Festsaale des Wiener kaufmännischen Vereins die Jahresversammlung des Vereins für unentgeltliche Arbeitsvermittlung statt. Unsere Leser kennen diesen Verein. Wir haben wiederholt auf seine Bedeutung hingewiesen. Wir kommen aber doch gern immer wieder auf ihn zurück und begnügen uns nicht damit, seinen erfreulichen Rechenschaftsbericht mitzutheilen, der von seinem stetig fortschreitenden Wachsthum Zeugniß gibt. So lange nicht alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer dieser Organisation angehören, entbehrt sie der Vollkommenheit und jener Kraft, durch die sie ihre Thätigkeit in noch weiterem Ausmaße entfalten kann. Mit Recht hat der Präsident des Vereins Dr. Klemperer eine Apostrophe in diesem Sinne an die Generalversammlung gerichtet und in derselben einerseits auf die Bedrohung der arbeitenden Juden hingewiesen, andererseits aber betont, daß die Arbeit unter den Juden hochgeehrt ist, daß sich die Juden den schwersten Arbeiten unterziehen, daß sie die verläßlichsten Arbeiter sind, daß sie auf den Gebieten wissenschaftlicher Thätigkeit, des Kunstgewerbes und der einfachen Handarbeit Vortreffliches leisten und daß die jüdischen Industriellen und Kaufleute alles Lob verdienen. Wir dürfen uns wohl der Ueberzeugung hingeben, daß sein Appell auf guten Boden gefallen ist. Namens der Cultusgemeinde gab der Vicepräsident Dr. Gustav K o h n dem Danke für die Thätigkeit des Vereines Ausdruck, das Gleiche that Herr S. B r o d namens des Vereins zur Hebung der Gewerbe. Wir schließen hieran den vom Präsidenten des Executivcomit<?s Dr. Bela T a u s s i g vorgetragenen Rechenschaftsbericht, der über die Thätigkeit des Vereins umfassenden Aufschluß gibt. Zunächst kam er auf den Rücktritt des Herrn Commercialrathes Eduard Wiener von der Stelle eines Obmannes des Executivcomitßs zu sprechen und gedachte der unter den schwierigsten Verhältnissen geleisteten, nicht hoch genug zu schätzenden Thätigkeit desselben mit innigem Danke. Die Versammlung gab ihre Zustimmung zu diesem Dankesvotum zu erkennen. Das abgelaufene Berichtsjahr (16. November 1902 bis 15. November 1903) weist eine weitere Steigerung des Vermittlungserfolges auf, wobei wir die Wahrnehmung machen konnten, daß wir bei einem Theile der jüdischen Arbeitgeber bereits festen Fuß gefaßt haben und von diesen bei Bedarf immer wieder in Anspruch genommen werden. Wir glauben somit durch unsere bisherige Thätigkeit bereits eine stabile Clientel gewonnen zu haben. Die Gesammtziffer der seit unserem Bestände bis nun bewerkstelligten Vermittlungen beträgt 7707. Wir erwähnen hierbei ausdrücklich, daß es uns gelang, einer beträchtlichen Anzahl von Arbeitsuchenden Heimarbeit zuzuweisen und diesen hiedurch einen theilweise ständigen Erwerb zu verschaffen. Der Arbeitsnachweis als Wohlfahrtseinrichtung occupirt ein von der Wohlthätigkeit und Armenpflege gesondertes Terrain. Wir halten es für angezeigt, dies ganz besonders zu betonen, weil wir bei der praktischen Verfolgung des uns vorgezeichneten Weges gar oft einer irrthümlicheu Auffassung unseres Berufes begegnet haben. Unsere Aufgabe besteht in der Vermittlung von Arb eit für solche Individuen, welche sich in bestimmte Erwerbs- und Arbeitskategorien einreiheu laffen. Wie oft berührt es uns wahrhaft schmerzlich, daß wir Arbeitsuchenden, die für keine der mannigfachen Arbeitsgebiete Vorkenntnisse, Erfahrung und Qualification mitbringen, unsere Vermittlung im Wege unserer Organisation nicht zu bieten vermögen, wie sehr auch die Bedürftigkeit der Betreffenden das volle Mitgefühl wachrufen muß Um in solchen Fällen eine theilweise Abhilfe anzubahnen, haben wir den Versuch gemacht, ein Verzeichniß derartig Bedürftiger anzulegen und dieses von Zeit zu Zeit unseren Vorstandsmitgliedern mit der Bitte zu übermitteln, im Kreise ihrer Freunde den Erwerbsuchenden irgend eine ihrer Befähigung entsprechende Arbeit zu verschaffen. Wir hatten die Genugthuung, hiedurch einige Erfolge zu erzielen. Der Gebahrungsausweis schließt mit dem 30. Juni als dem Ende des statutarischen Geschäftsjahres mit einem Baarbestande von K 7852. Da fast jeder Arbeitsnehmer wiederholt um Arbeit nachfrägt. hatten die Beamten in diesem Jahre nicht weniger als 46.850 Parteien zu expediren. Die Wartesäle für die verschiedenen Classen der Arbeitswerber (gewerbliche, commerzielle und weibliche Abtheilnng) waren zumeist überfüllt und betrug die höchste Besuchsziffer eines Tages während der Amtsstunden 275. Wir danken allen Gönnern unseres Vereines für die edlen Spenden, durch die sie ihr Interesse an unserer Sache bethätigten. Es freut uns insbesondere, Ihnen von der neuerlich seitens Sr. Excellenz des Herrn Händelsministers verliehenen Subvention berichten zu können, in welcher wir eine wohlwollende Anerkennung unserer Bemühungen erblicken dürfen. Wir sprechen hiefür Sr. Excellenz unseren ergebensten Dank aus. Aus demselben Grunde verzeichnen wir mit Freude und innigem Danke die munificente Subvention der löblichen israelitischen Cultusgemeinde Wien. Nach wie vor leistete uns das Bankhaus Rosenfeld & Co. im Sinne seines verewigten Gründers selbstlose Hilfe und ergreifen wir gerne wieder die Gelegenheit, hiefür wärmsten Dank zu sagen. Wir haben in den vier Jahren unseres Bestandes auf Grund der Erfahrung die Ueberzeugung gewonnen, daß sich unsere jüdischen Arbeiter, die gualificirten ebenso wie die schwere Arbeit suchenden Lohnarbeiter, auf allen Gebieten des Arbeitslebens bewährt haben und anderenArbeitern in keiner Beziehung nach st ehe n. Wir bitten Sie, diese Wahrnehmung Ihren Freunden und Bekannten zu vermitteln. Genug der Schwierigkeiten thürmen sich unserem Wirken entgegen; helfen Sie uns die Hindernisse, die Vorurtheil und Indolenz bereiten,, wegzuräumen. Wirken Sie für unseren Verein durch Anwerbung von Mitgliedern, insbesondere aber trachten Sie, wo Sie nur können, das Interesse der jüdischen Arbeitgeber für unsere Nachweiseinrichtungen zu wecken. Wir versprechen Ihnen, daß wir in unserem Eifer und Streben nicht erlahmen werden. Aus dem Berichte des Schriftführers Dr. Gustav Längstem geht hervor, daß 6836 Arbeitnehmer, 3829 Arbeitgeber sich neu angemeldet haben, daß 8728 Zuweisungen und 2391 effektive Vermittlungen erfolgten. Interessant ist die Tabelle der Arbeitsnehmer, weil sie zeigt, auf wie vielen schweren Arbeitsgebieten jüdische Arbeiter thätig sind. Es wurde Arbeit beschafft für 39 Anstreicher, Lackirer, Vergolder, Schilder- und Zimmermaler, 6 Bäcker, 16 Buchbinder und Cartonnagearbeiter, 2 Bürstenbinder, 126 Diener und Hausknechte, 7 Drechsler, 5 Fleischhauer, 5 Friseure, 1 Gärtner, 6 Glaser, 8 Goldarbeiter und Juweliere, 1 Hausbesorger, 176 Hilfsarbeiter, 3 Hutmacher, 3 Kellner, 10 Kellermeister und Kellerarbeiter, i Krankenpfleger, 6 Kürschner, 1 Kupferschmied, 11 Kutscher, 92 Laufburschen, 40 Lehrlinge, 7 Magazineure und Platzmeister, v Maschinenwärter und Heizer, 83 Schlosser und Metallarbeiter, 203 Schneider, 6 Schriftsetzer, Buchdrucker und Lithographen, 64 Schuhmacher, Obertheilherrichter und Lederzuschneider, 11« Spengler, Installateure, Monteure und Gürtler, 18 Tapezierer, 5 Taschner, 119 Tischler, 17 Uhrmacher und Mechaniker, 1 Zimmermann. — 25 Buchhalter und Correspondenten, 145 Commis und Verkäufer, 128 Comptoiristen und Strazzisten, 4 Jncaffanten, 19 Manipulanten und Expedienten, 24 Platzagenten und Reisende, 160 Praktikanten, 48 Schreiber und Kanzlisten. — 24 Hauslehrer und Erzieher, 5 Zeichner und Constructeure; zusammen 1792 männliche Arbeitskräfte; ferner für 1 Agentin, 4 Buchhalterinnen, 9 Cassierinnen, 182 Comptoiristinnen, Strazzistinnen, Kanzlistinnen und Stenographinnen, 2 Cravattennäherinnen, 7 Dienstmädchen und Kindermädchen, 70 Erzieherinnen, Bonnen und Kindergärtnerinnen, 5 Gesellschafterinnen, 2 Hauslehrerinnen, 25 Hilfsarbeiterinnen, 1 Hutstaffirerin, 7 Köchinnen, 8 Laufmädchen, 14 Lehrmädchen, 26 Manipulantinnen und Lageristinnen, 7 Modistinnen, 35 Näherinnen, 65 Praktikantinnen, 58 Schneiderinnen, 1 Stickerin, 59 Verkäuferinnen und Verschleißerinnen, 11 Wirthschafterinnen, zusammen 699 weibliche Arbeitskräfte. Unsere Glaubensgenossen außerhalb Wiens bitten wir zu beachten, daß für 52 Arbeiter aus Niederösterreich, 464 aus Böhmen, Mähren und Schlesien, 529 aus Ungarn, 621 aus Galizien, 40 aus Rußland, 20 aus Rumänien Arbeit beschafft wurde. — Der vom Cassier Carl Hirsch mitgetheilte Cassenbericht weist eine Einnahme von 34.952 K uud eine Ausgabe von 27.100 K auf. Die Generalversammlung ertheilte dem Vorstande das wohlverdiente Absolutorium.