Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr Blocb’s Mocbenscdritt, Seite 763 in der „Zeit" bewiesen hat, aber trenn er auch zierliche Verse machen kann, warum ihn gleich zu einem Juden stempeln. Paul Lindau, dessen Verse allerdings Verdacht erregen, hat bereits öffentlich erklärt, daß er aus einer protestantischen Pastorensamilie stamme. Was hat der arme Otto Erich Hartleben und tvas die Uebrigen alle gethan, daß ihnen nun bei den Lesen: des „Deutschen Volksblatt" so empfindlich geschadet wird? Man kann überzeugt sein, daß daraufhin Herr Bielohlawek keinen einzigen Band Lyrik von Richard Dehniel, Busse, Falke oder Arno Holz mehr lesen wird. Und so etwas thut weh! Aber das ist nun einmal die antisemitische Methode und dagegen läßt sich nichts thun. Der hochwürdige Abgeordnete Dr. Scheicher erklärt im Parlament: „Die Wissenschaft tvird nicht früher zur Blüthe gelangen, als die Juden noch darin sind. Auch in Ungarn ginge es nicht so zu, wenn die Juden nicht dabei wären. Unsere Partei hält die Trennung von Ungarn nicht für absolut nothtvendig: wir sind bereit, den Faden, den die Kossuths, Barabas, Lengyel und andere Juden abgerissen haben, wieder aufzunehmen.". Also Kossuth und Barabas — auch?! Wie dem immer sei, Vergani und Scheicher haben 'Anspruch auf den Ehrentitel: Mehrer des Jndenthums. Whig. Kleber Möchrrerirrrrrrlpflege. Am 2. December dieses Jahres begeht eine Wiener jüdische Wohlthätigkeits-Jnstitution den dritten Jahrestag ihres Bestandes, eine Institution, die unter all' den zahlreichen jüdischen Wohlthätigkeits-Anstalten dieser Stadt bisher einzig dasteht in Bezug auf ihre Organisation, ihre Zwecke und Ziele, die Art und Weise ihrer Hilfsthütigkeit. Diese Institution ist der V e rb a n d zu r Unterstützung armer israelitische r Wöchnerinnen. Eine alte Wahrheit, die dadurch ausgezeichnet ist, daß sie den Wahlspruch unseres erhabenen Monarchen bildet, hat dieser Verband als e r st e s Wohlthätigkeits- Jnstitut der hiesigen jüdischen Gemeinde zur That gemacht: die zusammenfaffende Vereinigung d e r K r ä f t e. Dreizehn Wiener israelitische Frauen - Wohlthätigkeitsvereine haben sich zusammengethan, um unbeschadet ihrer Autonomie und Selbstständigkeit in anderen Unterstützungszweigen die früher im argen gelegene Wöchnerinnenpflege zu verbessern, einheitlich und planmäßig durchzuführen. Alle jene Postulate, welche die moderne Theorie der Armenpflege anfstellt, hat der Verband sich zu eigen gemacht und in seiner Praxis verwirklicht. Die C e n t r a l is a t i o n verhindert die unfruchtbare Zersplitterung der Kräfte, verringert die Regiekosten, hält Doppelnnterstützungeu hintan und ermöglicht eine wirksamere Unterstützung. Das Princip der Präventive sichert die Hilfeleistung in einem früheren Zeitpunkte, so daß der Eintritt größeren Elends verhütet wird. Der unmittelbare C o n t a c t zwischen Hilfesuchenden und Hilfeleistenden und die i n d i v i d u a l i s i r e n d e Behandlung jedes einzelnen Falles bilden eine Gewähr für die jeweils rationellste Durchführung der Hilfeleistung. Die Vorstandsdamen der verbandsangehörigen Frauenvereine, ein wackeres, zahlreich mobilisirtes Hilfscorps, theilen sich in die Aufgabe, in allen Bezirken des großen Wiener Gemeindegebietes arme jüdische Frauen, die ihrer Entbindung entgegensetzen, persönlich aufzusuchen, um durch eigene Wahrnehmung deren besondere Verhältnisse und Bedürfnisse zu erforschen. Die Präponderanz der N a t u r a l h i l f e endlich gegenüber der Geldunterstützung ermöglicht die gerade in der Wöchnerinnenpflege so wichtige Befolgung der Vorschriften der Hygiene. Die Wöchnerinnen erhalten nebst einem Geldbeträge Wäsche für sich und das Neugeborene, Wochenbett-Utensilien, Kohle, Milch, weiters den Beistand einer Hebamme, erforderlichen Falles ärztliche Behandlung und auch Pflege durch eine Warteperson. Hiedurch wird erreicht, daß die im Gefolge eines Wochenbettes häufig entstehenden langwierigen Leiden oder gar bleibendes Siechthum verhütet werden, so daß die armen Frauen vor Erwerbsunfähigkeit bewahrt und nicht der öffentlichen Mildthätigkeit dauernd anheimgegeben sind. Der so geartete Versuch des Verbandes, die Wöchnerinnenpflege den Anschauungen der Gegenwart entsprechend zu reformiren, darf als vollkommen geglückt und von den fegensreichsten Folgen begleitet bezeichnet werden. Es wurde in der ersten dreizehnmonatlichen ThätigkeitSperiode (December 1900 bis einschließlich December 1901» 700, in der zweiten zwölfmonatlichen Thätigkeitsperiode < Jänner bis December 1902) 690 armen jüdischen Wöchnerinnen in erfolgreicher, den normalen Verlauf des Wochenbettes sichernder Weife Beistand geleistet. Daß die Zahl der in: laufenden Kalenderjahre unterstützten Wöchnerinnen jener deS Vorjahres nicht nachstehen, ja vielmehr dieselbe überschreiten wird, kann schon nach dem derzeitigen Ausweise als bestimmt angenommen werden. Die angeführten Ziffern besagen in der Sprache der Statistik und laut amtlicher Nachweisung, daß 22 Percent aller jüdischen Wöchnerinnen in Wien die Hilfsthütigkeit des Verbandes in Anspruch zu nehmen genöthigt find, wobei jene armen jüdischen Frauen, welche das Gebärhaus oder das Wöchnerinnenheim „Luchina" aufsuchen, außer Anschlag bleiben. Dieser erschreckende Percentsatz eröffnet uns einen traurigen Einblick in das Anwachsen des jüdischen Pauperismus und bildet zugleich einen beredten Beweis für die Nothwendigkeit der Existenz des Verbandes selbst. Mit vollem Rechte darf der Verband als eine Musterschöpfung erklärt werden, die auch in ihrer Beziehung zur gesummten Armenpflege die ersprießlichsten Folgen gezeitigt hat, indem sie zur Entlastung anderer Unterstützungszweige beiträgt. Ungetheilte, rückhaltsloseste und dankerfüllte Anerkennung gebührt daher jenen Personen, welche diese Schöpfung ins Leben gerufen und ihrer umsichtigen Leitung unterstellt haben, insbesondere Herrn kais. Rath Med. Dr. S. K o h n, dem geistigen Urheber und ärztlichem Beirathe, sonne dem rührigen Executivcomitch befteherld aus detl Damen Präsidentin Baronin Eharlotte von K ö n i g s tv a r t e r, Vice-Präsidentin Bertha K o h n, Vice- Präsideutin Rosa Zifferer, Schriftführerin Johanna Fröhl i ch, Beirüthin Adele Edle v. Mis es, Beiräthin Julia Stiaßny und Beirath Herr Theodor Ritter von Goldschmidt. Welche finanziellen Mittel stehen dem Verbände zu Gebote, wie deckt er die Kosten seiner Hilfsaction? Der Verband selbst hat keinen Stammfond, kein eigenes Verrnögen, er lebt — vulgär gesprochen von der Hatld im Munde und bestreitet seine Auslagen aus den Beiträgen der Verbandsvereine, aus einer Subvention der CultuSgemeinde mrd aus spontan ein laufenden, besonders anläßlich freudiger Familienereignisse votirten Spenden. Aber diese Mittel sind angesichts der notorischen Nothlage der armen jüdischen Bevölkerung, welcher wir in allen Gemeindebezirken begegnen, ganz unzureichend und können selbst die dringendsten Bedürfnisse nicht befriedigen. Soll der Verband in der Lage sein, die glücklich inaugurirte Actiotl weiter nuszugestalten, soll er seinen Zwecken voll und ganz entsprechen und das Ideal erreichen, nicht eine einzige Bedürftige abweisen zu müssen, so bedarf es der nachhaltigen materiellen Förderung weiter Kreise. Mit Geld und Naturalien hat der Verband seine Schutzbefohlenen zu bedenken: Geld und Naturalien sollen ihm von den Wohlthütern zugehen. Die Naturalien hat der Verband bisher stets neu angeschafft: doch der Vorrath reicht bei weitem nicht für den Bedarf. In dieser Hinsicht könnten dem Verbände mühelos aus Privalkreisen Mittel an die Hand gegeben werden. In vielen Häusern liegt gute, außer Verwendung gesetzte Wäsche im Kasten, welche für die Firmen noch großen Gebrauchswerth besitzt. Hier find jüdische Frauen und Mütter berufen, Segen zu stiften, indem sie das nackte Elend bedecken und in dem Bewußtsein eines Werkes reiner Nächstenliebe reichlichen Lohn finden. Mögen diese Zeilen in unserer großen jüdischen Gemeinde dauerndes Interesse für die Wöchnerinnenpflege Hervorrufen, Anklang und Beherzigung ertvecken! Anschließend geben wir über Ersuchen des Verbandes zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen folgender Bitte Raum: Jüdische Frauen und Mütter! Gedenket eurer armen G l a u b e ns sch w e st e r n zur Zeit