Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 762 Dr. Mocb’s MlocbenscbrM. Nr. 48 Quellenkunde der jüdischen Geschichte — Director Dr. M. Stern- Berlin: Geschichte des Synagogencultus —- Docent Dr. Elbogen-Berlin; Geographie Palästinas — Dr. I. Krengel-Böhm.- Leipa: Chronologie und Numismatik — Dr. M. Grunwald- Wien: Epigraphik — (Die Verhandlungen schweben noch). Nur dadurch, daß den einzelnen Autoren völlige Freiheit in der Ausgestaltung ihrer Ausgaben überlassen und jeder Autor nur sür den Inhalt seiner Arbeit verantwortlich ist, konnte eine so große Anzahl von Gelehrten der verschiedensten Richtungen zu diesem bedeutungsvollen Unternehmen vereinigt werden. Zwei Bände sollen schon in Jahressrist erscheinen und auch für die folgenden Jahre ist das Erscheinen mehrerer Bände gesichert. Vom Zabrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgefchrchte. (Die medicinische Facultät — Geistige Eroberungen. — Mehrer des I u d e n t h u m s.) Ein Mann der Wissenschaft erringt sich durch seine Forschungen und seine praktische Thätigkeit einen Weltruf. Aus allen Gegenden der Erde strömen Leute herbei, um die Hilfe des berühmten Professors in Anspruch zu nehmen. Aber er ist gar nicht Professor. Die Leute wissen es nur nicht und nennen ihn doch so. Sie können cs sich gar nicht denken, daß ein Mann, der so viel weiß und so viel kann, nicht Professor sein sollte; daß es möglich sei, lediglich durch das eigene Wort und die eigene That und nicht unterstützt von dem mächtigen Resonanzboden eines Katheders, zu solchem Ruf zu gelangen; daß die hochangesehene Wiener medicinische Facultät -— es handelt sich hier um einen Mann der medicinischen Wissenschaft aus -Wiener Boden, um Robert Gersuny — sich nicht längst um die Ehre belvorben haben sollte, den Namen eines solchen Mannes in die Liste ihrer Autoritäten einreihen zu dürfen. Als die Gelegenheit dazu sich ergab, als die Frage der Besetzung der durch den Tod Gussenbauer's erledigten Lehrkanzel actuell wurde, da entschied sich die öffentliche Meinung —- prinio loco — für einen Namen, sür Robert Gersuny. Die öffentliche Meinung; denn dem Urtheil der Gelehrtenkreise schloß sich willig -das der Laien an, das ja sonst in wissenschaftlichen Dingen nicht viel zu besagen haben mag, das aber in diesem Falle doch einiges Geivicht haben mochte. Denn Hunderte und Tausende von Laien hatten die Wohlthat seiner Kunst, seines Genies am -eigenen Leibe erfahren, und derlei spricht sich herum. Die Menschen sind, wenn sie auf chre Krankheit und aus ihre Leiden zu sprechen kommen, redselig, und die Dankbarkeit ist nicht immer stumm. Der Vorschlag des medicinischen Professoren-Collegimns ist erflossen, und Gersuny ist weder prinio, noch secundo, noch tertio loco, er ist überhaupt nicht vorgeschlagen. Man hat die Blicke nach Königsberg, dann nach Innsbruck, schließlich ehren- und schandenhalber auch aus Wien gelenkt, aber Robert Gersuny ward völlig übergangen, als existirte er überhaupt nicht. Warum? Was ist da vorgegangen? Die Sache ist sehr einfach. Kaum daß die Besetzungssrage acut geworden war, begann von antisemitischer Seite das concentrische Kesseltreiben wider den berühmten Gelehrten. Man hatte herausgefunden, daß er schwer belastet sei, daß auf ihm der Fluch der Erbsünde ruht, für die es keine Absolution gibt: er sei Jude oder wenn auch das nicht ausgemacht sei, so doch höchst wahrscheinlich oder ganz bestimmt — halten wir uns mit feinen Unterscheidungen nicht auf; der Verdacht allein tödtet schon — jüdischer Abstammung sei! Ein Culturbild, ein Stück Culturgeschichte, und Culturgeschichte ist Sittengeschichte. Forsche, arbeite, schaffe, leiste mehr als tausend Andere, aber es tauchen Zweifel auf an deiner rein arischen Abstammung, und du bist gerichtet. Die medicinische Facultät der Wiener Universität — wenn je ein Bielohlawek und ein Lueger Ursache hatten, sich die Mannesbrust vom Hochgefühl des Trimnphes schwellen zu lassen, so ist es nun — die medicinische Facultät der Wiener Universität geht mit der Strömung, mit ihrer Strömung! Ein Culturbild und es spricht Bände. Die Action war gut vorbereitet und gut eingeleitet. Das war auch nothwendig. Denn die Gefahr war keine geringe, daß einmal wirklich lediglich das Verdienst berücksichtigt worden wäre. Im Parlament lvard die Hetze begonnen und das Uebrige besorgte das „Deutsche Volksblatt" des Herrn Vergani, des großen Patrons und obligatorischen Beschützers von Kunst und Wissenschaft, von Ehre und Moral, von Redlichkeit und anderen schönen Sachen. Man ist jetzt überhaupt daran, für den Antisemitismus die geistige Oberhoheit zu erobern und im Vordertreffen in dem Kampfe um die höchsten und heiligsten Güter der Menschheit steht das „Deutsche Volksblatt" des Herrn Vergani und seines getreuen Paladins Hans Arnold Schwer. Zwei gewaltige Männer, welchen sich übrigens noch eine ganze Schaar von Ebenbürtigen angliedert. Wir leben eine gesegnete Zeit. Wenn sonst ein Jahrhundert sich erschöpft, um einen wahrhaft großen Mann hervorzubringcn, schüttelt unsere Zeit die Heroen dutzendweise aus dem Aermel. Also die geistige Herrschaft soll dem Antisemitismus erobert, Kunst und Wissenschaft und Literatur müssen antisemitisch werden; mit einem Wort, es muß etwas geschehen, und es geschieht. Man rettet zunächst die Kunst. Die Kunst ist eine heilige Sache, und da ist es nur selbstverständlich, daß Herr Hans Arnold Schwer im dichtesten Gewühl für sie „kämpft". Ihm ist es nämlich nur um die Kunst zu thun. Er kämpft sür das antisemitische Theater. Was dabei herausgekommen ist, ist bekannt und die erbaulichen Generalversammlungsberichte, die der geehrten Mitwelt aufgetischt werden, bekunden es mit hinreichender Deutlichkeit. H. A. Sch.rer hat ein Stück geschrieben und er hätte nichts dagegen, Director eines antisemitischen Theaters zu werden. Aber die Welt ist schlecht. Von seinem Stücke haben die Leute nichts wissen wollen, und zum Director wollen sie ihn partout nicht machen. Das ist schade, sehr schade! Wir stehen mit unseren Wünschen ganz auf Seite Herrn Schwer's. Wir wünschen mit voller Aufrichtigkeit Herrn Schwer das antisemitische Theater und dem antisemitischen Theater Herrn Schwer. Das wäre zur richtigen Zeit der richtige Mann an richtiger Stelle. Man sollte doch ein Einsehen haben! ' . . Nicht leichter als mit der Eroberung der Kunst macht es sich mit der Eroberung der Literatur. Da wird sich doch noch Herr Bielohlawek in's Mittel legen müssen. Es sollen arische, will sagen antisemitische Dichter gezüchtet werden, und der Landtag hat auch schon Zuchtpreise ausgeschrieben. Hauptsache ist arische Dichtung. Die Leute haben Pech. Schönherr taucht auf, ein unzweifelhaftes Talent und rein arischer Abkunft. Er zerstört aber die aus ihn gesetzten Hoffnungen; er schlägt sich in die judenliberalen Büsche. Werkmann — wieder ein Talent und wieder unzweifelhafte arische Abstammung, und der Mann vergißt sich so weit, ein — anticlericales Stück zu schreiben! Jetzt sitzt man mit dem Landtagspreise wieder da, aber nur getrost, es werden sich Abnehmer schon finden, und wenn es sein muß, werden sich schon die Herren Bielohlawek oder Schwer selber strapaziren. Das „Deutsche Volksblatt" arbeitet schon wacker daran, die Wege frei zu machen für das wahre Talent. Es räumt in einem gediegenen Artikel über das „Moderne Literatenthum" gewaltig auf, um Platz zu schaffen sür die wahren Dichter. Die Judenjüngel, die geistigen Nullen, werden schockweise hingeschlachtet; sie müssen ausgerottet werden die bekannten Autoren, um den — unbekannten die nöthige Ellbogensreiheit zu erwirken. Das Judenthum in der Literatur wird, nach dem Gewährsmann des „Deutschen Volksblatt", repräsentirt u. A. auch durch: Bierbaum, Hartleben, Paul Lindau, Johannes Schlaf, Arno Holz, Busse, Dehmel, Falke u. s. w. Das „Deutsche Volksblatt" geht da in seiner Liebenswürdigkeit etwas zu weit. Sonst reclamirt es nur in seiner Rubrik „Gerichtssaal" Alles für das Judenthum, was sich irgendwie gegen das Strafgesetz vergangen hat, jetzt kommt es aber mit seinen vielsagenden Ausrufungszeichen auch schon auf das literarische Gebiet. Es muß doch nicht Jeder, der in geistiger Hinsicht etwas Hervorragendes geleistet hat, gleich ein Jude sein. Julius Bierbaum mag ja gelegentlich recht hübsche Verse machen, Prosa schreiben kann er nicht, wie er das hinlänglich