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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-11-27 · 48 (27.11.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Seite 761 Fälle, und er sieht mehr concrete Fälle, als der Abendländer, er sieht es sofort, wo die Theorien und Ideen der Abendländer mit den concreten Verhältnissen in Widerspruch gerathen und erhebt seine warnende Stimme. Die verschiedenen Kreise der Abendländer würden sich nicht so oft verrennen, so oft in falsche Richtungen hineinreiten, wenn sie die scharfen Augen der Juden mehr berücksichtigten. Ein sprechendes Beispiel ist Heinrich Heine. Die Arier werfen den mahnenden Juden Pietätlosigkeit gegen die Ideale vor. Es ist sonderbar: daß die ersten Missionäre in Deutschland die heiligen Bilder der Germanen umstürzten, die heiligen Eichen umhackten, die heiligen Heine verbrannten, nennt man nicht Pietätlosigkeit, sondern heiligen Eifer, und wenn die Missionäre schließlich erschlagen wurden, nannte man sie heilige Märtyrer. Wenn aber ein Jude an einen thönernen Götzen klopft und ruft, er sei hohl, dann nennt man ihn pietätlos und frech. Es ist gesagt worden, der Idealismus züchte Charakterschwäche. Es ist leicht, ehrlich zu sein, wenn man alle Leute für ehrlich hält; es ist leicht, fromm zu sein, wenn man alle Leute für fromm hält; jede Tugend ist leicht zu entfalten, wenn man sie überall vorhanden glaubt; Suggestion und Nachahmungstrieb bringen auch die zarteste, schwächlichste Anlage zu reicher Entfaltung, zu einem farbenreichen Scheinleben. Die sittliche Natur des Menschen ist im Abendlande etwa in derselben Lage, wie die physische Natur des Menschen, die Gesundheit, in einem Lande mit vielen guten Aerzten: die Gesunden werden durch die Aerzte kaum gefördert; aber Tausende von Schwächlingen werden durch die Aerzte am Leben erhalten und erzeugen oder gebären wieder Schwächlinge, die weiter erhalten werden, und das Ergebniß ist — Entartung. Wenn in einem solchen Lande eine Epidemie oder Noth ausbricht, dann sinken Generationen ins Grab; wenn aber analog im Abendlande auf irgend einem Gebiete — es muß nicht gerade das. politische sein — eine Revolution ausbricht, dann bricht gleich eine ganze Welt zusammen — durch die großgezüchtete Charakterschwäche ihrer Vertreter. Scheiutugenden wie die Abendländer haben die Juden nicht. Wenn man nicht nach einzelnen Fällen, sondern nach den häufigsten Fällen urtheilt, dann erkennt man, daß die Sittlichkeit bei den Juden auf fe st er er Grundlage steht, als bei den Abendländern. Die Sittlichkeit des Juden wird durch keine Illusionen gestützt; ihm wird das Gutsein nicht erleichtert durch die Illusion, daß ja alle Menschen gut seien, denn er hat eine außerordentliche Menschenkenntnis Wir nehmen ein Beispiel. Weil der Richter der Idee nach der körperliche Vertreter der Gerechtigkeit ist, ist der Abendländer geneigt, in jedem Richter einen Cato zu sehen, und denkt nicht daran, den einzelnen Mann zu erforschen. Der Jude aber sieht klar die unzulängliche Intelligenz dieses Richters, die Unsicherheit jenes Richters, die Zugänglichkeit des dritten Richters — und so in allen Kreisen; der Jude sieht ungleich klarer die dunkeln Seiten der menschlichen Natur, als der Abendländer, über dessen Haupt die Flamme des Ideals schwebt, die ihm hell und lieblich erscheinen läßt, auch was an sich dunkel und grauenhaft ist. Wenn dann einmal dem Abendländer die Erkenntniß kommt und die Flamme des Idealismus erlischt, darin rneint er, eine Welt stürze zusammen und er verfällt in öden Pessimismus oder geht sittlich unter. Der Jude kennt diese Enttäuschung nicht, denn er sieht das viele Schlechte und Schwache in der Welt von Anfang an klar. Wenn er wirklich innerlich sittlich ist, dann bleibt er sittlich auch in der verkommensten Welt; wenn er sittlich schwach ist, dann geht er sofort unter. Gleichwie in rauhen Gegenden die körperlich Schwachen absterben und nur die Starken bleiben, so stehen bei den Juden nur die sittlich wirklich Starken aufrecht da, und keine Katastrophe kann sie beugen. Es ist nun klar, wie der Schein entstehen konnte, als gäbe es unter den Abendländern mehr gute Menschen, als unter den Juden: es gibt mehr S ch e i n g u t e unter ihnen. (Schluß folgt.) Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Indenchnm». Das Bureau dieser Gesellschaft ersucht uns um Aufnahme nachstehender Mittheilung: Die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judenthums" tritt nunmehr mit ihrem Programm hervor. Bekanntlich wurde in der Generalversammlung am 31. April d. I. aus Anregung des Herrn Dr. Gustav Karpeles der Beschluß gefaßt, einen Grundriß der Wissenschaft des Judenthums herauszugeben, der in Einzeldarstellungen das Gesammtgebiet dieser Wissenschaft umfassen soll. Es wurde ein Comittz eingesetzt zur Redaction des Entwurfes, bestehend aus den Herren Professoren Bacher, Cohen, den Herren Rabbinern Dr. Güdemann, Bloch, Kroner, Lueas und dem Antragsteller. Nach eingehender Berathung kam man überein, die Anzahl der Monographien zunächst auf 36 festzusetzen, doch sind Ergänzungsbände dabei ausdrücklich vorgesehen. Die zur Mitarbeit eingeladenen Gelehrten, die meist mit freudigem Eifer zugesagt, einigten sich in der Hauptsache darin, daß es nicht sowohl aus die Masse des gebotenen Stoffes ankomme, als vielmehr aus dessen geistige Durchdringung, zusammenhängende und verständnißvoll geordnete Darstellung, die trotz der streng wissenschaftlichen Grundlage doch zugleich das Interesse der Gebildeten erwerben und diese belehren könne. Das Resultat der langen und schwierigen Verhandlungen ist das folgende Programm in drei Abtheilungen, das nunmehr der Oeffentlichkeit zum erstenmale vorgelegt wird. I. Systematische Theologie — Rector Dr. Kohler-Cincinnati; Ethik und Religionsphilosophie — Professor Dr. Herm. Cohen- Marburg; Geschichte der Religionsphilosophie — Rabbiner Dr. I. Guttmann-Breslau; Einleitung in die Bibel — Professor Dr. Blau-Budapest; Geschichte der Bibelexegese — Rabbiner Dr. Eppenstein-Briesen; Einleitung in den Talmud — Docent Dr. Baneth-Berlin; Geschichte der Halacha — Rector Dr. A. Schwarz-Wien; Geschichte der Hagada — Rabbiner Dr. Bloch-Posen: Religionsgeschichte — Rabbiner Dr. Bäck-Oppeln: Judenthum und Christenthum — Dr. B. Kellermann-Berlin; Judenthum und Islam — Professor Dr. Goldziher-Budapest; Rabbinische Literatur des Mittelalters — Dr. Ginzberg-New- Aork; Praktische Theologie — Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin; Apologetik — Oberrabbiner Dr. Güdemann-Wien: Das Ceremonialgesetz des Judenthums in seiner histor.-kritischen Entwicklung — Kirchenrath Dr. Kroner-Stuttgart: Homiletik — Prediger Dr. M. Levin-Berlin: Pädagogik — Rabbiner Dr. Hochfeld-Düsseldors. II. Hebräische Sprachlehre — Professor Dr. Barth-Berlin; Aramäische Sprachlehre — Professor Dr. Landauer-Straßburg: Geschichte der hebräischen Sprachwissenschaft — Professor Dr. Bacher-Budapest; Geschichte der jüdischen Literatur — Dr. Gustav Karpeles in Verbindung mit S. Buber, Professor Büchler, A. Epstein, Professor Geigkr, Dr. Groß, Dr. Harkavy, Dr. Kayserling, Dr. I. Löw, Dr. N. Porges, Dr. S. Posuanski u. a. Fachmännern; Jüdisch-hellenistische Literatur, Apokryphen und Pseudoepigraphen — Professor Dr. Leop. Cohn-Breslau. III. Biblische Archäologie — Dr. Paul Rieger-Hamburg; Talmudische Archäologie — Dr. S. Kraus-Budapest; Mosaisches und talmudisches Recht — (Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen); Geschichte der Juden bis zum babylonischen Exil — Rabbiner Dr. Jacob-Göttingen; Geschichte der Juden bis zum Abschluß des Talmuds — Rabbiner Dr. Vogelstein-Königsberg; Geschichte der Juden bis zur Ausklärungszeit — Docent Dr. Braun-Breslau; Geschichte der Juden in der Neuzeit — Prof. Dr. M. Philippson-Berlin; Wirthschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter und Neuzeit — Privatdocent Dr. Caro-Zürich; Geschichte der jüdischen Secten — Dr. S. Posnanski-Warschan;

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