Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021542--13158-3037794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 760 Dr. Dlocb's MlocbenscbrM. Nr. 48 sie Wasser auf die Mühle der Herren Gruß und Cousorten treiben, die ja doch nur die Mauerbrecher für Andere sind? Man darf die Augen nicht au Eiuzelnbildern haften lassen, namentlich nicht an solchen, die mit einer unverkennbaren Absichtlichkeit vorgeschoben werden, wie das Bild von der „Beleidigung durch den Statthalter", sondern man muß die Dinge im Ganzen betrachten, Ursprung und Zweck verfolgen, daun gewinnt man nicht nur den richtigen Ueberblick, sondern auch die richtige Wegführung. Die Aerzte, die ja am Krankenbett gelernt haben, nicht ein einzelnes Symptom als das Wesen der Krankheit zu beurtheilen, sondern immer die Gesammtheit der Erscheinungen ins Auge. zu fassen, werden diese Methode wohl auch in den Kämpfen nicht verlassen, die ihnen aufgedräugt werden, und den Feind nicht dort suchen, wo er thatsächlich nicht ist, sondern mit unbefangenem Auge diagnosticiren, daß im antisemitischen Lager der wahre Feind sitzt, und daß dieser es auch ist, der sie auf falsche Fährte bringen will. Danach werden sie hoffentlich handeln. Die Jude« und dir sogenauute« Arier. Völkerpsychologische Bemerkungen von einem Christen. II. Der Jude ist dem Abendländer durch durchaus edle Eigenschaften in einigen Punkten absolut überlegen, geradeso wie der Abendländer dem Juden durch durchaus edle Eigenschaften in anderen Punkten absolut überlegen ist. In jeder absoluten Ueberlegenheit liegt aber eine große Versuchung zum Mißbrauch, und dieser Versuchung unterliegen die Abendländer mindestens ebenso leicht, wie die Juden. Man beurtheilt ein Volk aber nicht nach denen, die gefallen sind, sondern nach denen, die da aufrecht stehen. Unter den Juden hat es immer viele energische Vorkämpfer der sittlichen Reinigung aus eigener innerer Kraft gegeben, was man nicht auch von allen abendländischen Kreisen sagen könnte. Weder Staaten, noch Kirchen, noch andere Institutionen pflegen sich im Abendlande ohne schwere Erschütterungen durch äußere Kräfte, also gezwungen zu reformiren. Unter den vielen Gegensätzen zwischen Juden und Abendländern hat wohl keiner eine so große Tragweite wie der, daß der Abendländer die Dinge subjectiv, der Jude objectiv auffaßt. Wenn der Abendländer einen neuen Gegenstand sieht, sucht er sofort Regelmäßigkeiten (Gesetzmäßigkeiten), und auf Grund dieser schafft er sofort eine Theorie und ein Ideal. Sobald das geschehen ist, ist er unfähig, den. Gegenstand weiter unbefangen und eingehend zu beobachten. Unter seinen Händen fälscht sich das Bild, denn er will seine Theorien und sein Ideal bestätigt scheu, und was man sehen will, das sieht man schließlich auch. In der Lust aber, sein Ideal und seine Theorien zu entwickeln, vergißt er den Gegenstand selber und versäumt es, ihn eingchender zu durchforschen. Ganz anders macht es der Jude, wenn er einen neuen Gegenstand trifft. Er sucht keine Regelmäßigkeiten und schafft keine Theorie und kein Ideal, aber er sicht sich den Gegenstand an, untersucht nach allen Richtungen seine Merkmale und bereichert so seine Kenntnisse des Tatsächlichen; er ist objectiv, während der Abendländer subjectiv ist; dem gesunden Menschenverstand entspricht der Vorgang des Juden jedenfalls besser. Ans diesen zwei Arten die Well zu betrachten, entspringen für beide Theile große Vortheile und große Nachtheile; worin der Eine stark wird, darin bleibt der Andere schwach, und umgekchrt. So sind die Abendländer und die Juden bestimmt, einander zu ergänzen, nicht zu befeinden. Die abendländische Art des Schauens macht schöpferisch. Wenn der abendländische Zimmermann ein Haus baute, suchte er sofort Regelmäßigkeiten hineinzulegen, er schuf eine Theorie des Hausbaues und ein Ideal des Hauses, er erfand neue technische Kunstgriffe und Hilfsmittel, um sein Ideal zu verwirklichen, und schuf so einen neuen Baustyl; so entstand die griechische, die römische, die romanische, die gothische, die italienische Bauweise,' so entstanden ganze neue Kunstwelten, und wie in der Baukunst, so ging es auch in anderen Künsten, in anderen Gebieten des Geisteslebens. Bei den Juden finden wir diese schöpferische Kraft des Jdealisnius im Gebiete der' Sinnenwelt nicht; hier ist der Abendländer dem Juden absolut überlegen. Der abendländische Drang nach Idealen hat eine außerordentliche einigende Kraft. Dieselben Ideale können aus den allerverschiedensten Erfahrungen entspringen, und im Kampf für das gemeinsame Ideal vereinigen sich Männer der allerverschiedensten Art. Der Kampf um's Ideal macht tausend erbitternde Zwischenfälle des Lebens vergessen, und es wirken einträchtig zusammen Männer, denen tägliche Vorkommnisse und Wegkreuzungen reichlich Grund gäben, einander zu befehden. Diese einigende Kraft der Ideale befähigte die Abendländer, blühende Städte, mächtige Staaten zu gründen und in der Gesellschaft Stände zu schaffen, deren jeder als geschlossene Masse einem besonderen hohen Ziele zustrebte. " Auch diese einigende Kraft der Ideale fehlt bei den Juden, sie zersplittern sich in der ganzen Welt und erscheinen dem Abendländer leicht unverträglich; hier ist der Abendländer ebenfalls absolut überlegen. Der abendländische Idealismus hat aber seine Kehrseite: er züchtet in der Gesellschaft die innere Charakterschwäche, die Verlogenheit und Verderbtheit. Wie wir schon gesehen haben, erschwert der Idealismus das Erkennen der thatsächlichen Verhältnisse; er macht, um einen Ausdruck der Nervenpathologie zu gebrauchen, seelenblind. Der Idealist sieht sehr Vieles nicht, weil er zu viel an seine Ideale denkt, und was er sieht,- sieht er falsch, gleichsam mit gefärbten Brillen. Viel Gutes bemerkt er nicht; er fördert es darum auch nicht, und es muß untergehen — zum Schaden der Menschheit; viel Schlechtes bemerkt er nicht; er unterdrückt es darum auch nicht und es wuchert weiter — zum Schaden der Menschheit. Vor Allem die Blindheit gegen das Verlogene ist ein Erbübel des Abendlandes. Wir betrachten ein Beispiel. Der Priester ist in den Augen des idealistischen Abendländers immer ein weiser, guter Seelenhirte; den einzelnen Priester aber unbefangen zu durchschauen, vermag der Abendländer nicht. Das hat sein Gutes, denn der Nimbus, die Autorität des Standes bleibt unberührt, trotz der Unwürdigkeit einzelner Priester; das hat aber auch sein Böses, denn die unwürdigen Priester werden nicht ausgemerzt; die Folgen davon sind aber höchst traurig. Die Idealisten können sich nicht damit entschuldigen, daß diese Folgen ihnen unbekannt blieben. Die weltgeschichtlichen Thatsachen werden von Wahrheitsfreunden immer wieder veröffentlicht; aus dem Kreise der Priesterschast aber kommen Klagen über vielfach mrpriesterlichen Geist in ihren eigenen Kreisen; die Idealisten aber haben Augen und sehen nicht, und haben Ohren und hören nicht; das Abendland erhebt die Forderung nach Reformation des Priesterthums nicht; aus eigener, innerer Kraft verjüngt sich das Priesterthum aber auch nicht. So wuchert denn Unduldsamkeit, Herrschlust und manches Andere immer weiter. Was hier über das Priesterthum schonend angedeutet worden ist, gilt auch vom Herrscherthum, von der Sittlichkeit, von der Freiheit und allen anderen Idealen des Abendlandes. Warum soll ich aber versuchen auszusprechen, was Max Nordau in seinen „Conventionellen Lügen" viel besser und vor Allem viel ungebundener gesagt hat? Die jüdische Gesellschaft mag Fehler genug haben; aber von dieser inneren Unwahrhaftigkeit in Folge idealistischer Seelenblindheit ist sie wohl frei. Die Arier nennen die Juden ein zersetzendes Element, das nur niederreißt und nicht aufbaut. Wenn man das so versteht, daß es den Juden um das Zersetzen, nicht um die Wahrheit zu thun sei, dann irrt man sehr. Der Jude durchschaut die concreten Verhältnisse unbefangener, tiefer und klarer, als der Abendländer;, er hält sich durchaus an die einzelnen. concreten