Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sritc 750 Dr. IBiocb’s TlEiocbenscbrlft. Nr. 47 Bratuschka, ein etwas beschränkter ängstlicher Mensch, Alles, was der Gendarm verlangte, nämlich, das; er seine Tochter ermordet und aufgesressen habe. Zwei Aerztc in Pettau erklärten ferner die in dem Weingarten Bratuschka's ausgesundenen Thierknochen für solche eines Kindes. Auf Grund dieses Beweisversahrens wurde Bratuschka vom Schwurgericht in Marburg zum Tod verurtheilt; der Gendarm wurde für eine Auszeichnung empfohlen. — Ist es denn bei dem Fall Hilsner viel anders zugegangen? Das ist erlaubt! Deutschnationale Studenten haben es durchgesetzt, daß der seit langen Jahren an der hiesigen technischen Hochschule bestehende Chemisch-technische Verein seine Statuten einer Aenderung im antisemitischen Sinne unterziehe. Wie wir bereits berichteten, kam es bei der Generalversammlung, welche sich mit dieser Statutenänderung befaßte, zu höchst drolligen principiellen Erörterungen. Bei der Bestimmung, daß nicht nur Juden, sondern auch Arier, welche mit Juden verkehren, aus den; Verein ballotirt werden können, fragte ein Mitglied der Versammlung, ob es dann auch verboten sei, bei Juden Nachhilfe-Unterricht zu ertheilen. Nein, rief man ihm von allen Seiten zu, „Das ist erlaubt!" Der Vorfall ist zu köstlich und zu typisch, als daß man an dieser Erscheinung des zeitgenössischen Antisemitismus achtlos Vorbeigehen sollte. Der deutsche Jüngling darf also mit einem Juden nicht gratis verkehren, sondern sich ihm nur gegen Geld verdingen. — Das ist der Sinn der Ausnahmsbestimmung in den Statuten des Chemisch-technischen Vereins. Nur wo ein Profit herausschaut, darf der stramme Antisemitismus weich werden, und um Geld durchzulassen, dürfen die dicksten Principien ohneweiters durchlöchert werden. Ein praktischer germanischer Racenstandpunkt, der dem geldgierigsten "Talmudjuden" zu schäbig wäre. L-icn. (Synagogenbau - Verein für die Bezirke Wieden und Margarethen.) Am 15, d. M. fand im Restauratioussaal des Hern: Diamant unter Vorsitz des Präsidenten Adolf Lichtblau und in Anwesenheit von circa 50 Mitgliedern die diesjährige ordentliche Jahresversammlung statt. Nachdem das Bureau gewählt wurde, in welchem Herr Franz Frankl einhellig zum Schriftführer ernannt wurde, begrüßte der Vorsitzende den erschienenen Vertreter der israelitischen Cultusgemeinde in Wien Herrn Dr. Alfred Berger, den Förderer des Synagogenbau-Vereines Baurath Theodor Ritter v. Goldschmidt, den Bezirksrabbiner Dr. S. Reich und sämmtliche anwesende Mitglieder mit herzlichen Worten. Hierauf entwickelte der Vorsitzende den Bericht, in welchem er das geringe Interesse des Cultusvorstandes für einen Tempel im IV. und V. Bezirk betonte und diese beiden großen Steuerbezirke Wiens als Aschenbrödel bezeichnete; durch die geringe Munificenz entmuthigt, hat das Synagogenbau-Comito die „Auflösung des Synagogenbau-Vereines für Wieden und Margarethen" beschlossen, was der Redner der heutigen Generalversammlung zur Annahme empfiehlt. (Lauter Beifall.) An der nun folgenden Debatte betheiligten sich Dr. Berger, Dr. Reich, Franz Frankl, Ritter v. Goldschmidt, Adolf Hofmann, Max Spitzer, Commercialrath Moriz Hacker, Sigmund Spitz, Sigmund Friedländer und Carl Schleiffer. Dr. Berger dankte für die ihm gewordene Begrüßung und meint, im Bezirk streiten sich im bestem Sinne zwei Factoren, das ist der Tempelverein und der Synagogenbau-Verein; er führt aus, daß die Vertreter der Cultusgemeinde in der letzten Eingabe des Synagogenbau-Vereines nichts erblickten, welches sie anders handeln ließ, als ein vierpercentiges zinsenreiches Darlehen zu bieten, da ja einerseits die anzukaufende Realität auch Zinsen getragen und die Durchführung des Baues noch einige Jahre hinausgeschoben wurde; die Cultusgemeinde hat auch die Klausel beschlossen, die vierpercentige Schuld, welche primo loco vorgemerkt gewesen wäre, mit dem Beginn des Baues als Schenkung zu machen. — Rabbiner Reich hebt die Thätigkeit hervor, welche der Synagogenbau-Verein seit sechs Jahren entfaltete, bittet aber, n'.cht die Flinte ins Korn zu werfen und den Verein nicht auszulösen. — Franz Frankl steht auf dem Standpunkt der Auflösung, da er durch das geringe Entgegenkommen der israelitischen Cultusgemeinde keinen Zweck in der Fortführung des Synagogcnbau-Vereines erblickt. — Ritter v. Goldschmidt bittet, von dem Selbstmord abzusehen, welchen der Verein beginge, wenn er sich mit all den Mitteln, die er durch Fleiß zusammengetragen, auflösen würde, es werden bessere Tage konnnen und endlich doch ein neuer Tempel im IV. und V. Bezirk erstehen. — Max Spitzer, M. Hacker, S. Spitz und Friedländer stehen auf dem Standpunkte des Antrages, welcher auf der Tagesordnung steht, und führen scharfe Worte ins Treffen, in dem der Tenor dahin ging, daß ja alle diese Mühe der Privatunternehmung für den israelitischen Cultus Wiens geschah und es daher unbegreiflich erscheint, daß so geringes Interesse in dem Vorstand der Cultusgemeinde vorwaltet. A. Hoffmann steht auf den Standpunkt, man möge noch eine Zeit zuwarten, bevor man auflöst, der Cultusvorstand in Wien wird ja eines Tages energisch vor der Frage stehen, im I V. und V. Bezirke einen würdigen Tempel zu errichten, denn der heutige Zustand ist bei allem Fleiß und aller Thätigkeit des Tempelvercincs unhaltbar. Die Herren Vorstände im l. Bezirke sollen einmal eine Besichtigung vornehmen — dann werden sie den Unmuth, der im IV. und V. Bezirke herrscht, begreifen. Karl Schleiffer bittet, die Auflösung heute nicht zu beschließen, und stellt ein solennes Vertrauensvotum für den Vorstand des Synagogenbau-Vereines unter rauschendem langanhaltenden Beifall. Der Vorsitzende resumirt die Debatte, erwidert in kurzen Sätzen, dankt für die Vertrauenskundgebung und die wannen Worte der Anerkennung, welche Dr. Berger, Ritter v. Goldschmidt und Dr. Reich zum Ausdruck brachten, und bringt sodann nachstehenden Antrag zur Abstimmung: Die heutige Generalversammlung vertagt die Auflösung des Synagogenbau-Vereines für die Bezirke Wieden und Margarethen, bis von der israelitischen Cultusgemeinde in Wien eine Antwort auf eine neuerliche motivirte Eingabe des Synagogenbau-Vereines herablangen wird, woraus zu ersehen sein wird, unter welchen Voraussetzungen der Cultusvorstand gewillt ist,- einen Tempelbau generös zu unterstützen und zu fördern. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen und hierauf die Sitzung nach zweistündiger Dauer als geschlossen erklärt. Berlin. (Grober Unfug in der Wohlthätigkeitspflege.) Es hat sich neuerlich der Unfug breit gemacht, bei Aufrufen für wohlthätige Zwecke nicht durch die Verständigkeit des Zwecks und ähnliche sachliche Argumente, sondern durch die Menge der Unterschriften auf das „wohlthätige" Publicum zu wirken. Dieser Unfug trägt in sich die Richtung, sich zu steigern: Während vor einem Jahr ein jüdischer Verein als eines Zeichens seiner Beliebtheit der nahezu 200 Unterschriften seines Aufrufes sich berühmte, versendete kurz darauf ein Herr L. einen (interconfessionellen) Aufruf mit nahezu 300 Unterschriften. Augenblicklich dürste den Record ein interkonfessioneller Aufruf, veranstaltet durch Frau C. G., halten. Seine mehr als 750 betragenden Unterschriften nehmen sieben volle Druckseiten ein — und dieser Aufruf wird versendet — mit dem Ersuchen, ihm die Unterschrift beizufügen! Es wäre wünschenswerth, daß wenigstens in der jüdischen Wohlthätigkeitspflege mit dieser eigentlich durchaus unjüdischen Sitte gebrochen wird. Sie bedeutet ein stillschweigendes Eingeständnis;, daß man zu den Mitteln geschäftlicher Concurrenz greift, um bei dem Nebeneinanderbestehen so vieler jüdischer Vereine die Auftnerksamkeit auf sich zu lenken. Derartige Aufrufe erfordern viel Arbeit und Kosten und können niemals durch Vereine geleistet werden,, bei denen lediglich im Ehrenamt gearbeitet wird. Sie führen daher schließlich dahin, daß mehr und mehr die Thätigkeit im Ehrenamt durch die weit kostspieligere der bezahlten Secretariate ersetzt wird. — Diesen Sekretariaten, welche nicht durch anderweitige bürgerliche Beschäftigung in Anspruch genommen sind und daher genügende Muße besitzen, wird es niemals schwer fallen, von einer großen Anzahl wohlmeinender oder eitler Honoratioren die Unterschriften zu beschaffen und dadurch auf die Gedankenlosen-zu wirken.