Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 746 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Nr. 47 uns fordert. Es gibt also einen Gott, und es gibt einen Weg Gottes. Das ist gewiß eine alte Wahrheit, aber diese Wahrheit muß in unserer Zeit mit ganz besonderen! Nachdruck betont werden, da man immer wieder und wieder an der Zuverlässigkeit derselben zu rütteln wagt. Ist es doch erst vor Kurzem vorgekommen*), daß von einer hervorragenden, weit vernehmlichen Stelle aus gleichsam im Namen der Wissenschaft ein Kampfruf gegen die Religion ertönte, und geradezu das Dasein eines Gottes ist geleugnet worden. Allerdings wurde das moralische Gelvicht dieser Kundgebung einigermaßen schon durch die Thatsache gemindert, daß ihr Urheber, von Geburt ein Sohn unseres Stammes, einer jener beklagenswerthen Verirrten ist, die es mit ihrem modern ethischen Gewissen sür vereinbar halten, um weltlicher Vorcheile willen feierlich und öffentlich ein Bekenntniß abzulcgen, das das Gegentheil ihrer inneren Ueberzeugung ausspricht. Kann aber die Lehrmeinung dieses Forschers einer sachlichen und unbefangenen NachprüfungStandhalten? 9tun, meine Andächtigen, wir Juden, wir sind gewiß weit von der Geringschätzung der Wissenschaft entfernt, wie sie in diesen Tagen als ein trauriges Zeichen niedergehender Cultur in unserem öffentlichen Leben zum Vorschein gekommen ist. Wir verehren die Wissenschaft, das Licht des Geistes, als ein hohes, als das höchste Gut, und wir befinden uns in dieser Auffassung in Uebereinstimmung mit unserer heiligen Religion, die uns vorschreibt, beim Anblick eines bedeutenden Gelehrten eine ,-o-c zu sprechen und Gott dafür zu Preisen, daß er Sterbliche mit einem Strahle Seiner Weisheit begnadet hat. Aber alle diese Verehrung darf uns nicht blind dagegen machen, daß auch die Wissenschaft ihre Schranken hat. Abgesehen von der allgemeinen Unzulänglichkeit des menschlichen Geistes hat die Wissenschaft chre Schranken schon da, wo die Wirkungskraft ihrer Instrumente aufhört. Wenn ein Forscher auftritt und behauptet, man könne vermittelst gewiffer Strahlen in das Innere des Menschen bis auf das Herz hineinsehen, so glaube ich das und bewundernden genialen Scharfsinn, der zu dieser großartigen Entdeckung geführt hat. Warum? Weil ich mich selbst davon überzeugen kann und' weil Jedermann durch den Augenschein sich davon überzeugen kann. Wenn er aber weitergeht und sagt: Weder durch diese oder ähnliche Strahlen, noch durch das Mikroskop, durch die Retorte oder einen anderen Apparat kann ich in der Natur Gott entdecken, ergo gibt es keinen Gott, so ist das ein leichtfertiger, ein ftevelhafter Fehlschluß, denn mn nrx iMn *6, d e r Umstand, daß man etwas nicht sehen kann, ist noch lange kein Beweis dafür, daß es nicht existirt. Unser Gott ist eben unsichtbar, und nicht mit den Sinnen, sondern nur mit den Organen unserer Seele können wir ihn erfassen. Ja, meine Andächtigen, wenn diese Seele nicht verkümmert, nicht blind ist, und wenn wir die Augen unseres Geistes aufthun, so sehen wir überall Gott, dann sehen wir in der Welt und in der Menschengeschichte, in allem Werden und Geschehen, in allem Wandel und Wechsel der Dinge den n-j~n den Weg Gottes, die Spuren der Göttlichen Waltung, und nur aus dieser Ueberzeugung gewinnen wir einen festen Halt für unser Leben, gewinnen wir Sicherheit, Vertrauen, Muth und Hoffnung in allen Wandlungen des Geschicks, und wenn auch zeüweilig Frevel und Boshett zu triumphiren scheinen, so kann uns das in dem Glauben an den endlichen Sieg der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Tugend nimmermehr wankend machen. Aber noch ein Anderes bedeutet uns die Mahnung, '.n “pn i-Lvi daß wir den Weg Gottes beobachten sollen. Sie will uns sagen, daß das Leben uns selbst ein Weg sein soll, d. h. nicht eine Stätte der Ruhe, des Stillstandes, sondern eine Stätte der Bewegung, eine Stätte des Fortschrittes, des geistigen und sittlichen Fortschrittes, und dieser von uns einzuschlagende Weg heißt ein Weg Gottes, weil er die schrittweise Annäherung an das höchste sittliche Ideal, an Gott, bedeutet, weil Gott ihm Ziel und Richtung bestimmt. *) Auf dem Naturforschercongreß in Cassel. Das eben ist das Große am Judenthum und darin besteht seine starke, versittlichende Macht, das; es von seinen Bekennern eine fortwährende Arbeit an sich selbst, an der eigenen Läuterung und Veredlung, daß es mit Einem Worte eine stete, durch das ganze Leben fortgesetzte Selbsterziehung von uns fordert. Und nur von diesem Gesichtspunkte aus vermögen wir alle die Satzungen und Vorschriften recht zu würdigen und zu bewerthen, die Uneingeweihten als ein überflüssiger Ballast, als ein rein äußerliches Beiwerk erscheinen. In Wirklichkeit bilden alle diese vielgeschmähten und verkannten Normen und Formen nur Theile eines großartigen volksthümlichen Erziehungsapparate s, dem es unser Stamm zu verdanken hat, daß er unter Verhältnissen, die alle Bedingungen der Verkümmerung in sich schlossen, dennoch seine unverwüstliche geistige Elasticität und seine sittliche Widerstandskraft sich erhalten hat. ir. Indessen ist der einzelne Mensch nicht Selbstzweck, sondern bildet nur ein Glied einer höheren Einheit, der Gesellschaft, deren Bestand, deren Heil von dem harmonischen Zusammenwirken der einzelnen Theile abhängig ist, und darum lautet das Hauptgebot in dem Vermächtniß Abrahams: npnu mw1? jssiröi „Liebe und Gerechtigkeit zu üben." Mit dieser ForderunghatdasTestament Abrahams nicht nur das innerste Wesen unserer Religion ausgesprochen, sondern, Jahrtausendenvorauseilend, denbeglückendsten und erhabensten Offenbarungen des forschenden Menschengeistes vorgegriffen. Denn noch hat kein Meister eine schönere Formel für die Grundlegung der menschlichen Gesellschaft erfunden. Es ist gewiß ein trefflicher Wahlspruch, den ein Kaiser an das Thor der hiesigen Hofburg geschrieben hat: zustitin regnorum tundamenUim, „die Gerechtigkeit ist das Fundament, die Grundlage der Reiche." Aber so nicht_ d ie Li ebe sich der GerechtiMit zügesellt, die Liebe, die das Weih des Andern mitfühlt, die die Thränen des natürlichen Menschenleids trocknet, die Wunden unabwendbaren Mißgeschicks heilt, so lange ist die Gerechtigkeit unzulänglich und muß zuletzt unter der Schwerkraft gehäuften Elends zusammenbrechen. Eine solche Rechtstheorie ohne Liebe, eine solche Scheingerechtigkeit, die, im Grunde genommen, nur ein Ausfluß der Macht, des Stärkeren ist, herrschte in Sedom. Dort galt die dho rm die sodomotische Moral: •f?» 'bv bw „Was mir gehört, sei mein, was dir gehört, sei dein." Unter Gleichgestellten mag ja dieser Grundsatz nicht übel klingen. Aber denket euch, welche Härte, welchen Hohn dieser Satz im Munde des Besitzenden gegenüber dem Enterbten bedeutet. In der That überließ man in Sedom nicht nur die Armen gänzlich chrem Schicksal, sondern behandelte die Unterstützung derselben geradezu als ein Verbrechen*) Und fehlt es etwa in unserer erleuchteten Zeit an Beispielen sodomitischer Moral? Ich will von den empörenden Verfolgungen unserer Glaubensbrüder in den barbarischen Ländern des Ostens nicht sprechen. Aber läuft das Verhalten so manches sogenannten Rechtsstaates gegenüber den Unglücklichen, die dort eine Zuflucht suchen, nicht auch auf jenen Grundsatz von ono hinaus? Und was soll man erst dazu sagen, wenn auch Nachkommen Abrahams sich auf den gleichen lieblosen Standpunkt stellen, wenn unter uns selbst Stimmen laut werden, die sich gegen jede Hilfsaction sür unsere nothleidenden Brüder im Osten aussprechen, weil durch dieselbe angeblich unsere eigenen Interessen geschädigt werden? Solche Erscheinungen sollten uns doch die Augen öffnen über die Flachheit und Dürftigkeit der modernen, sogenannten autonomen Moral, d. h. der Moral, die sich selbst ihre Gesetze gibt und nicht aus der Quelle eines lebendigen Gottesbewußtseins ihre Triebkraft erhält, durch das wir allein unsere natürliche Selbstsucht zu überwinden vermögen. Man kann, so glaubt *) Synhedrin, 109 b.