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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-11-20 · 47 (20.11.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
47 (20.11.1903)
Date
1903-11-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 744 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Sir. 47 Wer ist es denn, der in Vereinen uub Versammlungen die „geistige Bruuneuvergiftung" zum Berufe gemacht hat — wenn nicht die Führer der Wiener Schwarzen und ihr ganzer Anhang, ihre Jünger und Genossen, die dadurch, daß sie ,.in verba magistri“ schwören, zu höheren Aemleru, zu gut dotirteu Posten gelangen, Mandate cumuliren, für Orden vorgeschlageu werden u. s. w. Wer ist es denn, der auf diese Art die verwerflichste Corruption. die der Gesinnung, züchtet, wer ist es, der das Streberthum ebenso belohnt wie das Deuuncianteuthum — wenn nicht die Antisemiten, die guten Freunde des „Vaterland"! Da „zischelt und schreit der Schimpf und Spott auf Andersdenkende" - ja wohl, man konnte es, solange der Niederösterreichische Landtag versammelt war, täglich hören oder lesen, wie diese jetzt vom „Vaterland" gekennzeichnete Methode Prakticirt wurde, und daß der Zweck des „Riugkampfes" nur der ist und war, die Gegner zu „unterdrücken". Das haben die Lueger und Cousortcn hundertemal nicht nur eingestauden, sondern als ihre Existenzberechtigung ausposauut, damit haben sie sich nach Oben und Unten zu empfehlen gesucht, damit haben sie ihrem unwürdigen Treiben ein „besseres Mäntelchen" umzuhängen versucht, und nun kommt das „Vaterland" und geißelt alle diese perversen Bestrebungen „entarteter oder böswilliger Halbnarren!" Das Wort von „entarteten oder böswilligen Halbnarreu" auf wen Anderen paßt es besser, als auf gewisse Personen, die wir nicht zu nennen brauchen, denen aber Fürst Alois Liechtenstein und Dr. Lueger die Hand zu drücken pflegen. Das Spiegelbild, das das „Vaterland" seinen eigenen Genossen vorhält, ist scheußlich, aber es ist treffend, und Niemand vermöchte es wahrheitsgetreuer zu malen, als es das „Vaterland" gethan hat. Ja, man würde in allen anderen Parteien vergebens die Individuen suchen, auf die es so genau angepaßt werden könnte, wie auf die Christlich- Socialen und Antisemiten. Wenn nun das „Vaterland" die Gesellschaft, in die seine Partei gerathen ist, so genau kennt und erkennt, müßte es auch die Cousequenz aus dieser Einsicht zu ziehen im Stande sein und auf die Selbsterkenutniß die Umkehr folgen lassen. Aber diese moralische Kraft scheint man in dem Lager noch nicht zu besitzen. Oder sollen wir den Artikel des „Vaterland" etwa als ein Symptom betrachten, daß „andere Männer andere Zeiten" bedeuten, daß sich bereits jetzt bemerkbar zu machen beginnt, daß nicht mehr Rampolla, sondern Merry del Val als Staatssecretär im Vatican fungirt und nicht Leo XIII., sondern Pius X. den Thron Petri inue hat? vom Aabrmarlrt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Die Juden in Rußland. — Ein Protector der Schule.) Man muß sich erst an den Kopf greifen, ob denn das auch möglich sei. Die „Vossische Zeitung" ist doch ein ernstes, besonnenes Blatt. Sie lebt nicht von blutrünstigen Erfindungen und cultivirt nicht das Genre der Schauergeschichten. Sie hat die Nachricht zuerst gebracht, und daß sie sie gebracht hat, spricht schon für ihre Zuverlässigkeit, und alle anderen Blätter haben sie dann auch gebracht, und von keiner Seite ist sie bezweifelt worden und von keiner Seite ist ein Dementi aufgetaucht. Die russische Regierung hat neue Maßregeln gegen die Juden ergriffen. Dieses Mal gegen die kranken Juden. Der Minister des Innern hat einen Erlaß herausgegeben, durch welchen es den Juden verboten wird, nach Moskau zu kommen, um in den dortigen Kliniken Ausnahme zu suchen. Nicht genug daran. Es wird gleich in einem Aufwaschen Mehreres, Alles besorgt. Es wird den Juden strengstens verboten, den Luftcurort Jalta in der Krimm und den ganzen Kreis von Jalta überhaupt zu besuchen. Damit sind die nächtigsten Luftcurorte der Krimm den kranken, heilsuchenden Inden versperrt. Der Besuch der Heilbäder des Kaukasus ist ihnen schon seit vielen Jahren verboten, desgleichen der Seebäder der Ostseeprovinzen und von Finnland. Die Nachricht taucht auf, die Zeitungen verzeichnen sie und das Rad der Zeitgeschichte rollt weiter. Eine Tagesneuigkeit, etwas absonderlich zwar, aber eigentlich doch nicht sensationell. Man hat — und das ist bezeichnend — in unseren Tagen aufgehört, sich über derlei zu verwundern oder zu entrüsten. Wie hat man sich aufgeregt und welch dröhnende oratorische Leistungen haben mit'ihrem Klang und Widerhall die Welt erfüllt, als es sich um einige Kaninchen handelte, denen Leids geschehen sollte im Interesse der Wissenschaft. Und hier ein Volk von Millionen, ein getretenes, physisch und moralisch mißhandeltes Volk — schon gut, all right, was geht das uns an? Es gibt Leute, die sich darüber freuen, bei uns die Blüthe der Nation, die Schneider, die Gregorig, Geßmann u. s. w., aber ein graues Haar läßt sich Niemand darüber wachsen. Es sind fünf bis sechs Millionen Juden, die unter russischer Botmäßigkeit stehen; man erlaubt sich eine beispiellose Unmenschlichkeit gegen sie — kein Mensch rührt sich. Wenn Aehnlichcs den Deutschen in Oesterreich widerführe oder einer Handvoll Montenegrinern, die sich irgendwo angesiedelt hätten, wenn es sich wenigstens um Kaninchen handelte, — hei, was gäbe das für ein Getöse! Auf dem ganzen Erdenrund gäbe es nur eine Losung: Das Volk steht auf, der Sturm bricht los! Es sind nur Juden, kranke Juden — das hat weiter nichts zu bedeuten. Und es sind arme Juden. Da reicht der Fond moderner Menschlichkeit nicht mehr aus. Weiß Gott, sie sind arm, entsetzlich arm! Die Statistiker mögen die ganze Welt absuchen zum Zwecke ihrer amüsanten Feststellungen, sie werden ein solches Massenelend nicht wieder ausfindig machen können, wie es unter den russischen Juden herrscht. Zu Tausenden und Abertausenden, zu Hunderttausenden bangt da das Volk von einem Tage dem andern entgegen, weil es nicht weiß, wie es am nächsten Tage für des Lebens Nothdurst aufkommen soll. Das ist buchstäblich so. Der Pauperismus hat erschreckende Formen angenommen, und kein anderes Volk hätte ein solches Maß von Leiden durch die Jahrhunderte schleppen können, ohne daß es schon längst zu Grunde gegangen, völlig vernichtet worden wäre. Die Armuth bricht auch den Körper und macht ihn siech, sie schafft die Brutstätten für die Krankheiten. Die kranken Juden sollen nicht Heilung suchen dürfen. Die verschwenderische Natur, die auch gütig sein kann, wie sie grausam ist, bietet den Menschen Heilquellen, sie segnet Gegenden mit balsamischer, heilkräftiger Luft. Ihre Heillvirkungen sind durch die Jahrhunderte erprobt, und diese sichersten und köstlichsten Mittel bietet sic der Menschheit dar, der gestimmten Menschheit, und ftagt nicht erst nach Papieren und Zeugnissen und sonstigen Documenten. Und da thut sich eine hohe Regierung auf und gebietet, Alle sollen Heilung suchen dürfen, Alle, aber die Juden nicht. Und auf dem Throne des größten Reiches der Welt sitzt ein Mächtiger, dem die Völker zugejubelt haben, weil er ihnen eine ungeheuere Last von den wundgedrückten Schultern nehmen wollte. Ein Idealist, ein Marquis Posa auf dem Throne! Die Völker brechen nieder unter der furchtbaren Last der Kriegsrüstungen. Wir wollen ihnen das Heil bringen, indem wir ihnen den Frieden bringen. Und es ging ein tiefes Aufathmen durch die Welt bei solcher Botschaft. — Man weiß, was sich begeben hat. — Ein Idealist auf dem Throne, ein Mächtiger auf dem Throne. Es gibt da ein non liq.net. Ist es ein Mächtiger, dann — die Ereignisse beweisen cs — ist er der Idealist nicht, für den er sich gegeben. Und ist er ein Idealist, dann ist er wahrhaftig kein Mächtiger. Denn der letzte seiner bezahlten Schergen hat mehr Macht als er, der vielleicht Gutes thun und Böses verhindern möchte, und dabei zusehen muß, wie gerade das Gegentheil verrichtet wird. Und der gebietige Herr, sein allmächtiger Minister des Innern! Die Juden selbst haben vor Kurzem erst ihm besondere

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