Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 47 Dr. BIOCH S Jahrgang XX Centralorgan für dir gelammten Interessen des Iudenthums. ---- - — Wen, 20. Uovemher 1903. - ■}»« -fa 4' 1— — — Erscheint jeden Freit ag. -->»» ■> «t« —- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien» »— ~ -=3t Bezugspreis für Sesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die4mal gespaltene Prtitzeile 24 Heller. * =-=- « =. K. kr. Postsparcassen-Ami Clearing-Verkehr Nr. 610 976. Lrdartion und Administration: Wien IX/1, Berggaffe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Inhalt: Lei tartikel: Schnldbekenntniß des „Vaterland"? — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen znr Tagesgeschichte. — Antrittspredigt des Herrn Rabbiner Dr. G. David. — Znr Geschichte der Juden in Italien. - Korrespondenzen: Und Hilsner? Das ist erlaubt! Wien Grober Unfug in der Wohlthätigkeitspflege. Paris. Petersburg Der Czar und der jüdische Soldat. Die neuen Maßregeln gegen die russischen Juden. Washington. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Tempelspenden. Wien, Wien-Ottakring, Olmiitz, Schlan, Budapest, Steinamanger, Mähr.-Ostrau, Innsbruck-Hohenems, Petersburg, Klasno, Suczawa. — Feuilleton: Julian Meldohla. — Briefkasten. — Inserate. Kchiilddekenniniß des „Daterland"? Ein altes Sprichwort lautet „uolmnuäaiu dormitat bonus Homerus“.— „manchmal macht der gute Homer ein Schläfchen." — Wenn wir die Nummer des „Vaterland" vom 17. d. M. zur Hand nehmen, will es uns bedünken, als ob auch der „gute Redacteur des Vaterland" einem Schläfchen verfallen ist, als er einen Artikel zum Drucke gab, oder im Bürstenabzug vor sich liegen sah und ihm das „Imprimatur" verlieh, der folgenden Satz enthielt: „Vernünftigerweise ist doch der Zweck des Staates tie Erreichung des öffentlichen Wohles; also das Ziel aller Politik die Förderung des Glückes möglichst aller Staatsangehörigen in der Gerechtigkeit. Was aber ist die Politik in unseren Tagen thatsächlich: Der Kampf zur politischen, nationalen und socialen UnterdrückungAnderer! Kaum der Eine oder Andere denkt noch ernstlich daran, auch nur seinen eigenen Gesinnungs-, Volks- oder Standesgenosstn wenigstens nebenbei zu nützen Nein! Nur das ist das Ziel der derzeit überwiegenden Tagespolitiker, andersdenkende, anderssprachige, gesellschaftlich höher oder tiefer stehende Mitbürger nicht zu Worte, nicht zu Athem, nicht zur Gleichberechtigung und Geltung kommen zu lassen. — Und mit welchen Mitteln wird dieser Zweck verfolgt? Verdächtigung, Verdrehung, Verleumdung, das Niederschreien, das Todtschweigen, die unermüdliche Aussaat von Haß und Verachtung unter Heranziehung der eben gekennzeichneten Literatur in ihrem Zweige der Tagesschriftstellerei; große und kleine Zeitungen in allen Sprachen betreiben Woche um Woche und Tag für Tag diese geistige Bruunenverg i f tun g, unterstützt von Vereins- und Versammlung s r e d n e r n; da zischelt oder schreit der S ch i m p f und Spott auf den Andersdenkenden, nicht um diesen im geistigen Ringkampf zu überzeugen oder zu überwinden, sondern nur, um ihn zu u n t e r d r ü ck e n als mitleidloser Uebermensch den schweren Fuß auf den Nacken desjenigen zu setzen, welcher es wagte, der Herr s chsucht entarteter und böswilliger Halbnarren Widerstand zu leisten." Soweit der Artikel des „Vaterland". War es Selbsterkenntniß? War es ein reumüthiges Schuldbekenntniß, dem vielleicht die Buße, Umkehr und Besserung auf dem Fuße folgen wird? Wie immer es mit dem Seelenleben des Redacteurs des „Vaterland" beschaffen sein mag — das Eine steht ganz unzweifelhaft fest, daß die Berurtheilung, welche der Verfasser des Artikels im „Vaterland" über das Treiben der politischen Parteien in der Gegenwart fällt, Niemanden schärfer treffen kann — als die Partei des „Vaterland" und der Antisemiten. Satz für Satz trifft mitten ius Schwarze. Keulenfchläge sind es, die mit schwerster Wucht auf die Parteien niedersausen, zu denen das „Vaterland" in engsten Beziehungen steht. Wenn die Politik in unseren Tagen als „Kampf zu politischer, nationaler, socialer Unterdrückung Anderer" gekennzeichnet wird — von wem wurde dieser Kampf hervorgerufen, genährt und mit den häßlichsten Mitteln gefördert, wenn nicht einerseits von den mit dem „Vaterland" früher so eng liirten Antisemiten, die dem „Vaterland" so nahe stehen? Welche sind denn die Tagespolitiker, die „andersdenkende, anderssprachige, gesellschaftlich höher oder tiefer stehende Mitbürger nicht zur Gleichberechtigung kommen lassen?" Erkennt das „Vaterland" in diesen Worten nicht das Spiegelbild der P. P. Scheicher und Schnabel, der Lueger und Pattai — von den Gregorig, Bielohlawek und Schneider gar nicht zu reden! Und wenn im Artikel als die verdammenswerthen Mittel, mit denen dieser Zweck verfolgt wird, „Verdächtigung, Verdrehung, Verleumdung, die Aussaat von Haß und Verachtung", stigmatisirt werden — von wem werden diese Mittel täglich angewendet, wenn nicht von der Sippe, die im Rathhaus und im Landhaus jetzt das große Maul hat und jeden Andersdenkenden thatsächlich niederschreit oder hinauswirft?