Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Nr. 46 Seite 738 Dr. Mocb's Mocbenscbritt. diese Gestalten aus halbverklungener Zeit in ergreifender Naturtreue zu neuem Leben wiedererwcckte. Was mm die Tendenz der Erzählung betrifft, so ist es nicht schwer, ihre Stellungnahme zum Zionismus aus ihr zu ersehen, Bei aller Hochachtung vor seinen idealen Erfolgen verhält sie sich ablehnend gegenüber dem politischen Zionismus. Nebst dem bezeichnenden Titel der Erzählung ist dies unter Anderem auch ans dem ergreifenden Trostschreibcn Dr. Pulsnitz an seinen, dem teuflischen Llntmarchen entronnenen Freund Dr. Steinbach zu entnehmen: „Kein Gefesselter kann sich selber aus dem Kerker befreien" . . . Unser Kerkermeister muß die Thüren unserer Zelle öffnen, unsere Fesseln lösen und uns mit demüthiger Abbitte für das uns zugefngte Unrecht entlassen... Jndeß, sei dem, wie ihm wolle. Die Frage, ob Dr Pulsnitz, rcsp. Dr. Deutsch in dieser Hinsicht Recht behält, ist angesichts des sonstigen hohen literarischen Werthes die'er Schrift eine ziemlich belanglose. Hiezu rechnen wir die schönen Definitionen über das Wesen des Judenthums und Anderes: „Warum werden wir gehaßt? Weil wir zu schwach sind, um uns zu vertheidigen und — zu stark, um bemitleidet zu werden." Das Facit der Schrift ist, wie es ja aus ihren Schlußsätzen zu ersehen: „Das Ghetto, ja, es soll wieder aufgerichtet werden." Aber nicht etwa, wie bisher, ein elendes Dorf — ein Sta^tghctto, nein, ein freies, großes Wcltenghetto, weit, weit entfernt, in Amerika, rn Australien oder in Ostafrika, wo das müve Hal.pt Ahasvers, sein gehetzter Fuß ausruhen kann. . . Man mag über religiöse und nationale Ansichten der Schrift lvie immer denken, ihr belletristischer Werth ist ein unbestrittener. Ihre Tendenz sind „unlösbare Fesseln", aber sie erzählt uns von fernen, schönen Gebieten, von lösbaren Fesseln *>• * Judcnthums. Sie brachte Blumen mit und Früchte, Gereift auf einer andern Flur, In einem andern Sonnenlichte, In einer glücklicheren Natur. N e u t i t s ch e i n. Dr. S. M a n d l. Neue Bücher. Moritz Epplcr, Secretär des Budapester Talmud-Vereines. Gedenk- und Trauerrede. Zum Gedächtnisse des verewigten Rabbiners Sigmund Soffer, gehalten ain 6. Adar 5663. Selbstverlag des Vereines, Budapest, VI., Vasvary Päl-utcza 5. Dr. Adolf Frankl - Grün. Jüdische Zeitgeschichte und Zeitgenossen. Mit einem literarhistorischen Beitrage von Dr. S. Kraus. Band!. 1903. Ladenpreis K 3.—. Verlag von M. Waizner L S o h n, Wien. IX. Dr.^<:ich Bischofs. Die Kabbala h. Einführung in die jüdisi und Geheimwissenschaft. Mit 25 Abbildungen. Th. G.ieben's Verlag (L. Fernau), Leipzig 1903. Briefkasten. K Der Großherzog von Hessen hat dem Darmstädter Rabbiner Tr. Marx versprochen, dem Czarcn Nicolaus, bekanntlich einem Schwager des Großherzogs, die von der off-.cielleii Darstellung der Kischenewer Greuelthaten durchweg abweichende Denkschrift der Kischenewer Opfer auf irgend eine Weise zugänglich zu machen. Die Denkschrift stützt sich aufein einwandfreies, documentarisch begründetes Material und läßt sie von dem durch Herrn v. Plehwe falsch unterrichteten Herrscher an den besser zu unterrichtenden appellircn. In einem vor einigen Tagen erschienenen Schristchen „Maxim Gorki, Greuelthaten in Kisckienew (Berlin-Charlottenburg, Russischer Verlags wird über diese Denkschrift folgende pikante Einzelheit erzählt: ,.Tem Dircctor des PolizeidexartementsLopuchin, der bekanntlich auf die direkte AuordnungdesCzarcn nach Kischenew entsandt wurde, ist von den Vertretern der jüdischen Gemeinde ein gedrucktes Memorandum überreicht worderr. HerrLopuchin war tactvoll genug, nicht danach zu fragen, ob die Erlaubniß der Censar zum Druck des Schristchens eingeholt wurde, und versprach, seinen Einfluß einzusetzeo, damit dasselbe zur Kenntniß des. Czarcn gelange. Thatsächlich hat der Kaiser das Memorandum nie zu sehen bekommen, da Herr v. Plehwe statt dessen eine von ibm selbst verfaßte Darstellung der Vorgänge in Äischeuew unterschoben hat. Später soll der — Masseur des Ezaren, natürlich gegen entsprechende Belohnung, versprochen haben, das Schriftstück auf dem Tisch des Kaisers zu vergeffen. Ob er cs gethan hat, ist nicht zu ermitteln getvesen. Aber selbst wenn dies der Fall war, bleibt es immer noch sehr fraglich, ob das Memorandum vom Czarcn auch gelesen wurde. Nicolaus II. soll nämlich absolut außer Stande sein, größere Schriftstücke zu lesen. Man erzählt, daß versucht wurde, ihm während seines Aufenthaltes im Auslände ein Memorandum über Kifchenew zu überreichen, daß einige hochstehende Männer aus seiner Umgebung ihre Hilfe zugesichert, aber daran die Bedingung geknüpft hätten, daß das Schriftstück nicht mehr als 20 .30 Druckzeilen umfassen dürfe, da der Czar längere Abhandlungen nicht durchlese. I. K. in B. L. Es ist allerdings ebenso interessant als charakteristisch, daß die antisemitischen Deutschnationalen, „die Wolfianer" und „die Volklichen", wie die Herren Adolf Herter und Em. Jäger, wenn sie Proceffe gegen einander führen, ihre Sache vertranensvoll den Händen jüdischer Advocaten, wie Dr. P a tz o w s t v und Dr. Austerlitz, übergeben. Das ist auch ein ^Beweis für d.c Inferiorität der jüdischen Race. K. Se. Majestät der Kaiser hat die Hofopernsängerin Fräulein Selma Kurz überaus gnädig empfangen. Se. Majestät sagten der Künstlerin wörtlich: „Es war mir eine Freude, eine so vortreffliche Sängerin ausznzeichnen." M. Während der allrussische Aerztecongreß in P i a t i g o r s k bekanntlich beschlossen hat, bei der Regierung um die generelle Zulassung der Inden zu allen Curorten des Reiches vorstellig zu werden, hat unser guter Freund Herr v. Plehwe, angeblich auf Veranlassung des Generalgouverneurs von Moskau, in einem Circular an die Gouverneure, diese aufgefordert, den Juden ihres Gouvernements bekannt zu geben, daß das Gesetz, welches den Juden den Aufenthalt in Moskau verbietet, sich auch auf jüdische Kranke bezieht. Kranke Juden, welche ohne spccielle Aufenthaltserlaubnis; nach Moskau kommen, um sich von den dortigen berühmten Specialisten behandeln zu lassen müssen gewärtig sein, unbarmherzig ausgewiesen zu werden. „Rundfrage." Ist einer der geehrten Leser der „Oesterreichiichcn Wochenschrift" in der Lage, über die Abstammung des bekannten Journalisten ^v o n B l o w i tz" nähere Auskünfte zu ertheilen? G. Deutsch in Cincinnati. Kip in Porto Aleare in Brasilien. Größter Werthschätznng in Negierungskreiseu erfreut sich die Judeneinwanderung, für welche allein unter allen Einwanderern sogar die längst abgeschaffte Einrichtung der ' freien Ueberfahrt von Europa hierher, d. i. die Beförderung auf Kosten der Bundesregierung, wieder in's Leben gerufen werden soll. So will die „llorrisir Colonisation Association" ihre Leute möglichst in der viehznchttreibcnden Campanha ansiedeln und hat zu diesem Zweck bereits in Pinhal Landflächen an gekauft Alter Abonnent. Der 25. September 1861 fiel auf Mittwoch, den 21. Tischri 5622. Notiz. M. Edelhofcr's Bolks-Orpheum hat die diesjährige Saison mit neuen Kräften und mit einer neuen Richtung begonnen. Es wird nicht nur das polnisch-jüdische sondern auch das dentsch-jüvische Genre wirkungsvoll vertreten. In ersterem ist wms besonders Frau Pepi L i t t m a n, die über ein phänomenales Organ und einen besonderen Liebreiz verfügt, ausgefallen. Es ist ein Genuß, diesen weiblichen Gcsangskomiker zu hören. Ebenso bemerkbar machen sich die renommirten Komiker Herr Charles Schneider und Heinrich Burg, die wohl scbon ans dem einen Grunde airffallen, weil deren wirklich brillantes Repertoire vollkommen zotenfrei ist, und dies allein will bei den heutigen Verhältnissen schon etwas heißen. Bemcrkcnswerth sind noch Frau Elise Siegler, die über eine schöne Sopranstimme verfügt, und die drastischen Komiker Herr L i t t m a n n und S i m o v i c i. Herr Siegler ilt sowohl im Solo als auch in der Comödie eine nennenswerthe Kraft. Nicht zuletzt seien Frau Burg und Frau Schneider, erwähnt, von denen die erstere im Solo, im Duett und in der Comödie, letztere in der Comödie eine sehr schöne Leistung vollbringen und täglich wohlverdienten Applaus ernten. Ebenso lobenswerth ist auch die ans 3 Brüder», unter der Leitung des Capellmeisters Gyula Geiger stehende Hanscapelle. Wiedersehen. Vor zwanzig Jahren ungefähr verlor während eines Sturme? eine Jüdin aus Beirut ihr Söhnchen. Das Kind wurde von Beduincn aufgefunden und aufgezogen. In kurzer Zeit ideutisicirte es sich ganz mit seinen Beschützern, deren Irrfahrten es mitmachte. Als nun vor einiger Zeit der Beduinenstamm in der Nähe von Damaskus sich anfhielt, sprach bei ihm ein Jude geschäftlich vor. Am Abend erzählte ein Jeder nach orientalischer Gepflogenheit seine Erlebnisie, die ein mehr oder minder phantastisches Gepräge trugen. Als die Reihe an den in Frage stehenden Beduinen kam, sagte er, daß er sich ganz bestimmt erinnere, einst einem anderen als dem Bedninenstamm angehört zu haben. Der jüdische Kaufmann ward aufmerksam, und als er mm erfuhr, daß der junge Mensch mosaischen Glaubens sei, theilte er das Vorgefallene dem Rabbi von Beirut mit, der die glückliche Nachricht der Mutter des verloren geglaubten Sohnes zukommen ließ. Diese eilte in Begleitung mehrerer Frauen, um den Wiedcrgefundeneu zu sehen. Er musterte Alle, die vor ihn kamen, aber als er sie erblickte, eilte er mit offenen Armen auf sie zu. „Du bist es, Mutter!" sagte er freudeerfüllt, nicht weil er sie kannte, sondern weil das Herz es ihm sagte. Die glückliche Mutter aber sieht zur volleren Ueberzeugung nach einem Male, daß sie ihre Freude auch fand. Wie groß auch das Glück beider war, der Sohn mochte sich nicht entschließen, zu seiner Mutter und seinem Volke zurückzukehren. Er konnte sich weder von dem ihm theuer gewordenen Stamm, noch von der bereits gewohnten Lebensweise lossagen. Und doch mußte er es thun. Denn als die Beduinen von seiner Herkunft erfuhren, duldeten sie nicht, daß der in ihrer Mitte ausgewachsene Jude auch ferner mit ihnen ziehe. Mit zerrissenem Herzen mußte er sich sowohl von seinen ihm lieb gewordenen Genossen als auch von seinem Pferde trennen.