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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
46 (13.11.1903)
Date
1903-11-13
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 46 Dr. Vlocb's Mocbenscbrm. Sette 737 dankbar für den Stuhl; da ihre treulosen Kniee zum Frieden übergegangen waren, war der Würde am besten mit dem Sitzen gedient. Der steife Verschluß der Hundsleder-Handschuhe widerstand ihren zitternden Fingern, und es dauerte einige Zeit, bis diese Schwierigkeit besiegt war und sie ihr Gesicht von dem Schleier befreit hatte. Dann blickte sie zu ihn: auf, indem sie die vollkommene Förmlichkeit ihrer Haltung vergaß. „Ich glaube nicht, daß Sie auch nur einen Blick auf diese Papiere geworfen haben. Sie versuchen nicht einmal fertig zu werden." „Nein!" sagte er langsam und unerschütterlich gelassen, „ich habe Sie angesehen." Das wird sich schwer machen lassen. Wenn Sie den Schleier vornehmen, sehen Sie nicht genug, um diese amtlichen Kratzelfüße lesen zu können; wenn er emporgeschlagen ist, kann ich meinen Kops und meine Zunge nicht beim Geschäft sesthalten." „In diesem Falle — vielleicht ein anderer Advocat" — sie that, als ob sie aufftehen wollte, höflich seine Entlassung andeutend. Rasch kam er auf sie zu. „Gehen Sie nicht, versuchen Sie nicht zu gehen. Setzen Sie sich. Es wird ihnen leid sein, wenn ich Sie jetzt berühre. Gott im Himmel, Mädchen! wollen wir die kostbare Zeit verschwenden, indem wir um unsere erlauchte Würde feilschen? Legen Sie dieselbe sofort beiseite; es liegt nichts d'ran. „Herr Meldohla, Sie haben kein Recht, daraus Vortheil zu ziehen, daß Sie mich hier finden; lassen Sie mich; ich will nach Hause gehen." „Nun denn!" Sie können nicht! Sein herrischer Ton besiegte jeden Widerstand. So standen sie da zum Widerspruch bereit, zwei lebende junge Wesen, die die Augen nicht von einander losreißen konnten. „Sie könnten ebenso gut bleiben und jetzt mit mir sprechen." (Schluß folgt.) Literatur. Deutsch-hebräisches Wörterbuch. Von Dr. M. Margel. Przemysl, 1903. I. Heft. Verlag: Rabbiner Dr. M. Margel, Pozega (Slavonien). Preis eines Heftes 50 Heller. — Hebräisch-deutsche Wörterbücher gibt es in ziemlicher Anzahl, ebenso hebräische Wörterbücher überhaupt, die hier kritisch zu würdigen, ganz überflüssig ist, da wir dann von Llenaeksm den Lernk ausgehen und die Reihe der hebräischen Wörterbücher und Lexika bis auf Dalman's Aruch Hackodosch (1901) durchmustern und besprechen müßten. Eine solche Arbeit gehört aber in das Gebiet der Geschichte der hebräischen Sprache. Hier wollen wir aber nur die Vortheile, die das Margel'sche Wörterbuch dem für die hebräische, besonders für die neuhebräische Literatur sich interessirenden Lesepublicum bietet, und die Vorzüge, durch welche es sich vor andern Arbeiten dieses Genres auszeichnet, nach Gebühr würdigen. Ein vollständig deutsch-hebräisches Wörterbuch fehlt uns überhaupt. So sehr wir die Verdienste Moses Schulbaum's, die er sich durch die vollständige Umarbeitung des dritten Theiles des Lsn-s'ev'schen Ozar Haschorosehim (Deutsch-Hebräisches Wörterbuch, Lemberg, 18S1) um die Förderung der neuhebräischen Sprache erworben hat, nicht schmälern möchten, so können wir doch über die Thatsacke nicht hinaus, daß, so ausgezeichnete Dienste Schulbaum's Deutsch-Hebräisches Wörterbuch dem Lernenden leistet, es doch nur für den engen Raum der Schule angepaßt ist. Ueber diesen Raum reicht es nicht hinaus. Anders das vorliegende Wörterbuch von Dr. Margel. Schon das erste Heft, das uns vorliegt und das nur von A—Altersschwäche reicht, zeigt, daß ihm ein bedeutender lexikalischer- Wertb nicht abgesprochen werden kann. Es werden hier nicht nur die tölminl toebniei der talmudischen, nachtalmudischen und der ganz neuhcbräischen Literatur berücksichtigt, sondern auch ganze Redewendungen verdolmetscht und geflügelte Worte in deutscher Sprache so wiedergegeben, daß sie nichts von ihrem ursprünglichen Geiste einbüßen. Natürlich finden auch die neuen Formen, Bildungen, Redefiguren, wie sie die Meister und Bildner der neuhebräischen Sprache in Poesie und Prosa, w. z. B. Smolenski, Gordon, Löwisohn, Gottlober, Brandes. Breinin und Bardiczevski gebildet haben, die weitgehendste Berücksichtigung, so daß vorliegendes Wörterbuch für fast jeden hebräischen Schriftsteller zum unentbehrlichen Hilfsmittel wird. Hier einige Beispiele: tismoreib-erov — Abendständchen; soliekatk-psseba .= Ablaß; Joze nun hak’lol abnorm; chel dth min ho’odom Abschaum der Menschheit; uotbon aphsoral kithphö — Jemand über die Achsel sehen. Wir wollen hoffen, daß dieses Werk Dr. Margel's, das seinen Meister lobt, dem gelehrten Verfaffer wenigstens tbeilweise die Früchte tragen wird, die sein Fleiß, Können und Wissen in Wahrheit verdienten. Virovitica. Rabbiner Dr. Kaufmann. Festpredigten von Dr. I. Rosenberg, Rabbiner in Thorn Frankfurt a. M., Kauffmann, 1903. VI. 4- 140. Nur noch vier Jahre und die jüdische Kanzelberedtsamkeit in deutscher Sprache dürfte ihre Säcularfeier festlich begehen. Klein und unbedeutend im Beginnen hat sie in allmählich-'r Entwickelung einen bemerkenswerthen Aufschwung genommen. Anerkannte Meister wie Jellinek und Joel bezeichnen ihreü Höhepunkt. In den letzten Jahren jedoch hat die homiletische Production — und auch Reproduktion — erschreckende Dimensionen angenommen. Wie auf keinem anderen Gebiete geistigen Schaffens erreicht hier die Talentlofigkeit ihren Höhepunkt. Ehrgeiz mit Neid gepaart setzen häufig die homiletische Sägemühle in Bewegung, und unsäglich ist zuweilen die blutarme Predigt, die alle Elemente des Mißerfolges in sich vereinigt. Empfindet man schon Mitlnd mit den armen Hörern, welche alles dies geduldig über sich ergehen ließen, so ergreift den Leser erst recht der ganze Jammer jener „Kanzelreden", an deren Tonart man noch obendrein merkt, daß sie mit einer anspruchsvollen Ueberhebung vorgetraAen werden, als hätten wir es mit den Offenbarungen eines großen Geistes zu thun. Manches kreißende Talent hat in solchen „Kanzel - reden" eine lächerliche Maus zur Welt gebracht. Um so erfreulicher ist es. von einer Predigtsammlung, wie der vorliegenden, berichten zu können, deren Verfasser allerdings sehr bescheiden auftritt, indem er diese Reden seiner Gemeinde als Erbauungsbuch darreicht. Weil das gesprochene Wort rasch verfliegt und die Forderungen, die das Leben stellt, leicht die in heiligen Stunden und am heiligen Orte empfangenen Antriebe verwischen, soll durch das gedruckte Wort, das. was er lehrt und kündet, einen nachhaltigen Eindruck auf das Gemüth Hervorrufen und eine bleibende Wirkung auf das religiöse Leben ausüben. Diese Festpredigten werden jedoch über den engen Kreis der Gemeinde Thorn hinansdringen und allenthalben freudig begrüßt werden. Denn der Verfasser kennt die Strömungen der Zeit und behält mit dem Leben Fühlung. Aus seinen Worten spricht eine tief empfundene Begeisterung für alles Große und Edle im Judenthume. Er vereint schwungvolle Beredtsamkeit mit leuchtendem Idealismus. Die vorliegenden 20 Reden sind jedenfalls den beiten homiletis.en Erzeugnissen der Gegenwart würdig an die Seite zu stellen. Gerne sehen wir den weiteren Veröffentlichungen des Verfassers entgegen, auch seine angekündigten Sabbath- und Gelegenheitsreden werden den Weg zum Herzen finden. Holleschau, den 1. November 190-. Rabbiner Dr. I. Freimann. Unlösbare Fesieln. Erzählung aus dem jüdischen Leben der Gegenwart, von Pro^ f e s s o r D r. Gotthardt Deutsch in Cincinnati. Verlag I. Kauffmann, Frankfurt am Main, 1903. Der Name Gotthardt Deutsch, auf jüdisch-wissenschaftlichem Gebiete längst schon ein klangvoller, er ist es auch seit einigen Jahren auf belletristischem. In der vortrefflichen Novelle: „Andere Zeiten", von demselben Verfasser, haben wir ihn als Meister nach dieser Richtung hin kennen gelernt. In seinen „Unlösbare Fesseln" betritt der Autor dasselbe Gebiet der Ghettoschilderung. Hierin reiht sich seine eminente Erzählungsgabe den besten Mustern dieses Genres an; sowohl hinsichtlich der Technik als auch der Tendenz. Die Situation vorliegender Erzählung beruht gleichsam in dem Kampfe zweier Welten: die alte Welt Europa, mit ihrem namenlosen Judenelend; die neue Welt: Amerika, mit ihrem Paradiese der Freiheit. Jene verkörpert Dr. Steinbach, ein konservativer Rabbiner einer mährischen Kleinstadt, der ein Opfer des ruchlosen Blutmärchens zu werden droht; diese Dr. Pulsnitz, ein moderner amerikanischer Rabbiner, der äußersten radikalen Richtung huldigend. Diese beiden Antipoden, auch in rel'giöser Hinsicht, erscheinen nun in einem Punkte vereint, in dem grausamen Schicksale, das sie beide verfolgt. Den Einen die Ausgeburt religiösen Wahnes und Aberglaubens, den Anderen der eigene Seelenzwist. Beide landen sie dann endlich in den Hafen des freien Amerika. Ten ursprünglichen Seelenconflict zwischen den Anschauungen eines mährischen Ghetto, und eines amerikanischen Reformrabbiners versöhnt schließlich Columbus' milde Sonne. Wir kennen mit Ausnahme Kompert's keine an realistischer Treue, an st rken Gemüthsaffecten so vollendete Leistung als die vorliegende. Dem einmal für uns intereffirten Helden bleiben wir unausgesetzt bis an's Ende treu. Wir sehen sie leibhaftig vor uns, die drei Schattirungen des österreichischen Jndenthums, den „alten Vetter R. Dowcd Lob" als Typus des mährischen Lamdon; R. Jisroel Hirsch, den „Uengerischen Drehkopp" und Herrn Mcuderpelz, den ewigen Krakehler, der aber selbst ein galizischer Am hoorez ist. Wir amüfiren uns über das vernichtende Nrthe'l des „Vetter R. Dowed Löb" gegen R Jisroel Hirsch, der „osser P'schatt Weiß in ein' trockene Mischne", über die unschuldige Komik der stocktauben „Meine Bele", deren ewige Gastfreundschaft unsere Lachmuskeln reizt; aber wir weinen w eder mit Feiwel Lipschütz, der „am guten Ort" sein verlorenes Lebcnsglück, sein jungverstorbenes Weib betrauert. Das sind wahre Cabinetsstücke der Erzählungskunst, jedes einzelne von wunderbarer Technik der Darstellung. Es sind Menschen, die wir oft im Leben gesehen. Sie lassen sich nicht schildern, man muß sie gesehen haben, und wir find dem Autor zu Dank verpflichtet» daß er

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