Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Date
- 1903-11-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 732 Str. 48 Dr. Dlocb's Mocvenscvrttl. Petersburg. (Herr v. Plehwe als Sieger.) In dem Kampf, den der Emporkömmling v. Plehwe am Hofe des Czarcn gegen so einflußreiche und mächtige Persönlichkeiten, wie Herr v. Witte, Graf Lambsdorff, Graf Murawjew u. a. russische Grand-Seigneurs zu führen hat, scheint der geriebene Polizeimcister einstweilen Sieger bleiben zu wollen. Nach erfolgter Beseitigung seines gefährlichsten Gegners, des genialen russischen Finanzministers Herrn v. Witte, ist jetzt sein zweiter Gegner, der Justizminister Murawjew, an die Reihe gekommen. Dieser hat Herrn v. Plehwe, mit dem er wegen einer häßlichen Weibergeschichte ein Hühnchen zu rupfen hatte, schon mehrfach geärgert und auch in dem Proceß gegen die Theilnehmer am Kischenewer Krawall soll er schon Manches gethan haben, was dem allmächtigen Minister des. Innern sehr gegen den Strich ging. Nun ist cs diesem gelungen, dem verhaßten Justizminister ein Bein zu stellen. Wie aus gut unterrichteter Quelle gemeldet wird, soll der Czar in Darmstadt ein Decret unterzeichnet haben, durch welches Graf Murawjew als Justizminister durch den in der weitesten Oeffentlichkeit unbekannten Platonow ersetzt werden soll. Muratvjew ist zum Botschafter in Paris ernannt worden. Nun braucht Herr v. Plchwc nicht zu fürchten, daß sein intimer Feind ihm bei der Proceßverhandlung über den Krawall in Kischenew noch einen argen Streich spielen könnte. Petersburg. (Verstärkte Knabengeburten unterden russischen Juden.) In den drei Monaten Juli—September wurden hier 268 Knaben und 189 Mädchen geboren. Es kamen demnach auf je 100 Mädchen 149 Knaben. Bei dieser Gelegenheit sei die merkwürdige Thatsache aufgeftischt, daß laut Ergebniß der im Jahre 1897 in Rußland vorgenommenen Volkszählung dieser Ueberschuß der Knabengeburten über die der Mädchen bei den Juden des gesamniten russischen Reiches constatirt werden konnte. Während bei der nichtjüdischen Bevölkerung auf je 100 Mädchen 106 Knaben kamen, hatten die Juden auf 100 Mädchen 130 Knaben. Von den in diesem Jahre den Juden geborenen-61.496 Kindern, waren 34.754 Knaben und 28.741 Mädchen gewesen. London. (Rücktritt des O b e r st e u G o l d s m i d.) Oberst Goldsmid, der soeben das 56. L-bensjahr vollendet, hat um seine Entlastung aus dem britischen Heere gebeten, und der König hat das Gesuch bewilligt. Oberst Goldsm d ist eben drei Tage der Gast des Königs auf Schloß Balmoral gewesen, wo der König ihm zum Abschied den Victoria-Orden verliehen hat. Oberst Goldsmid ist viele Jahre lang in ersten Aemtern in den englischen Colonien Afrikas gewesen, hat^als Generaladjutant der 6. Division den südafrikanischen Feldzug mit Auszeichnung mitgemacht und hat nach seiner eigenen Angabe den Abschied nur genommen, nreil die Beschwerden des Alters ihm bald den Dienst unmöglich machen würden. Er ist Vorstandsmitglied der Anglo Jewish Association, des Vereines der Makkabäer und Commandant der jüdischen Jugendwehr. Da er im Jahre 1892/93 Generaldirector der Hirsch-Colonie in Argentinien gewesen und durch seine wiederholten Amtsstellungen in Brftish- Afrika für einen der genauesten Kenner dieses Erdtheils gilt, ist hier vielfach der Wunsch ausgesprochen worden, den Oberst Goldsmid zur Theilnahme an der von den Zionistenführern vorbereiteten Forschungsexpedition nach Ostafrika zu gewinnen, doch hat der Oberst sich noch nicht schlüssig gemacht, ob er diesem Wunsche Folge leisten wird. Lo»do». (Mr. Arnold White) ist von Seite der ruffischen Regierung große Ehre widerfahren. Der internationale Antisemit hat sich bemüssigt gesehen, einen Plan zur Lösung der Judenfrage nicht nur zu entwerfen und in der englischen antisamtischeu »National Review'* zu veröffentliche», sondern diesen Plan in einer Eingabe der russischen Regierung auch in allem Ernst zu unterbreiten. In diesen Tage» ließ der russische Staat Mr. Arnold White durch seinen Londoner Botschafter feierlich und officiell mittheileu, daß sein Vorschlag, in Petersburg eine Tonfereuz der betheiligten Mächte (Rußland, England und Amöckka) behufs Lösung der Judenfrage zu genehmigen, dem Kaiser vorgelcgtwurde, daß die Regierung jedoch nach längerer ernster Berathung zu der Ansicht gelangt ist, eine Conferenz, «Ache sich mit einer, internen russischen Angelegenheit befassen soil, m»ÄMH acceptiren zu können. Wie schade! Bukarest. (Ein Mißgriff.) Das Ministerium des Innern hat einen Fragebogen an alle Gemeinden gerichtet., der bezweckt, von jedem Dorfe eine möglichst ausführliche Monographie zu erhalten. Im heutigen „Monitorul-Ostcial" wird nun der bisherige Erfolg der Enquete hervorgehoben und an jene Gemeinden, die noch nicht ihre Berichte eingesandt haben, eine Aufmunterung gerichtet. Diesen Gemeinden wird als Muster die Monographie der Gemeinde Bogdaneschti im Bezirke Tutova, welche der dortige Lehrer verfaßt hat, empfohlen. Diese Monographie schließt mit der Aufzählung der Maßregeln,, die zu ergreifen wären, um den Zustand der Gemeinde zü verbessern. Es werden aufgezählt: Bau eines Schullocales, Versorgung der Wege und Straßen, Errichtung einer Sparcaffe und schließlich Vertreibung der Juden aus der Gemeinde. Nun ist es interessant, zu erfahren, was eigentlich diese Juden verbrochen haben. Man schlägt in derselben Monographie nach und findet, daß in der erwähnten Gemeinde ein Jude wohnt, der Kurzwaarenhändler ist. — Warum ist nun dieser Punkt in die sozusagen Mustermonographie eingeschaltet worden? Doch wohl nicht um die Verfasser sämmtlicher anderen Monographien zu veranlassen, ihn auszunehmen, damit man dann ein Argument gegen die Juden habe? Jedenfalls ist es bedauerlich, daß solche antisemitischen Tendenzen von den officiösen Blättern sogar in das officielle Organ des Staates übergegangen sind. Philadelphia. Im Alter von 74 Jahren hat am 13. October Rabbiner Dr. Marcus Jastrow, der langjährige Leiter der Gemeinde Rodef Shalom, das Zeitliche gesegnet Vor etwa elf Jahren hatte Dr. Jastrow aus Gesundheitsrücksichten d-s Amt des Rabbiners der Gemeinde Rodef Shalom, einer der prominentesten und wohlhabendsten israelitischen Gemeinden im Lande, niederlegcn müssen,- worauf ihn die Gemeinde zum Rabbi Emeritus wählte, nachdem er einen Nachfolger in Dr. Henry Beskowitz erhalten hatte. Marcus Jastrow wurde am 5. Juni 18.9 in Rogasen, Posen, als Sohn des Kaufmannes Abraham Jastrow geboren. Nach Beendigung seiner Gymnasialstudien besuchte er die Universitäten in Berlin und Halle, an welch letzterer er im Jahre 1855 als Doctor der Philosophie promovirte. Nachdem Dr. Jastrow eine zeitlang als Lehrer in-einer'religiösen Schule in Be'rliji' thätig gewesen, erhielt er einen Ruf als Hilfsrabbiner an eine Gemeinde in Warschau. Seine liberalen politischen Anschauungen erregten aber den Verdacht der russischen Regierung, und die Folge war, daß er im Jahre 1861 ans Rußland ansgewiesen wurde. Obgleich der Au'wnsungsbefehl bald nachher widerrnfen wurde, kehrte Dr. Jastrow, welcher inzwischen das Amt eines Rabbiners in Mannheim, Baden, angenommen hatte, erst im Jahre 1863 nach Warschau zurück. Beim Ausbruch des polnischen Aufstandes 1863 aber verließ er Warschau wieder, diesmal für immer, und folgte einem Rufe als Rabbiner an eine große Gemeinde in Worms, Rhcinhesien, wo er bis 1866 blieb, um dann einem Rufe der Rodef Shalom Gemeinde in Philadelphia Folge zu leisten Von letzterer Gemeinde wurde er bald nach seiner Ankunft hier zum Rabbiner ouk Lebenszeit erwählt. Seitdem widmete Dr. Jastrow seine Zeit hauptsächlich literarischen Studien und Arbeiten. und im Jahre 1869 vollendete er sein Hauptwerk, ein umfangreiches Talmnd-Dictionaire, welches seinen Ruf als Talmud-Forscher über die ganze wissenschaftliche Welt verbreitete. An allen Bewegungen, zur Förderung des Judenthnms nahm Dr. Jastrow einen leitenden Antbeil, und in zahlreichen Organisationen spielte er stets eine prominente Rolle. So war er Präsident der Philadelphia Zion Society und Viceprästdent der American League of Zionists. Doctor Jastrow verheiratete sich im Jahre 1858 in Berlin mit Bertha Wolfsohn, ans welcher Ehe zwei Söhne und drei Töchter bervorgingen, die ihn überleben. Seine beiden Söhne sind Professor Morris. Jastrow an der Universität von Pennsylvanien und Professor Joseph Jastrow an der Universität von Wisconsin. Washington. Die Juden beabsichtigen ihre Bemühungen um die Verbesserung der Lage ihrer Glaubensgenossen in anderen Ländern fortzusetzen. Wie Simon Wolf von hier mittheilt, hat er Conferenzen mit dem Präsidenten und dem Secretär Hay,. sowie mit dem Board of Delegates of Civil and Religions Rights vereinbart, welcher hier Anfangs November eine Versammlung abhält, um die Erwägung einer Anzahl wichtiger internationaler Fragen, tvelche die Juden berühren, herbeizuführen. Für den Augenblick läßt sich, wie Herr Wolf sagt, in der Kischenewer Angelegenheit nichts tveiter thun. Aber es verlautet, die ganze Frage werde von dem Board of Delegates ausgenommen werden und bei dieser Gelegenheit werde man auch die Weigerung Rußlands erörtern, den jüdischen Bürgern der Vereinigten Staaten, die in Rußland weilen, dieselben. Rechte zuzucrkennen, deren sich andere Amerikaner in Rußland